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Surya Samudra Beach Garden/Kerala/Südindien, 8. Januar
Abflug mit Melitta von Hannover bei Eisregen. In Frankfurt Airport Treffen unserer restlichen Reisegruppe: Vetter Kay mit Frau Nicole und deren beiden Freundinnen Charlotte und Norgard. Bei der Weiterreise nach Colombo/Sri Lanka überfliegen wir Griechenland, Türkei und Zypern. Eine mondhelle Nacht bricht an, als wir über die Wüsten der Arabischen Halbinsel fliegen. Dann und wann unterbrechen in grünem und hellrotem Neonlicht erstrahlende Straßen und Ölproduktionsstätten die eintönige Wüstenlandschaft, denn wir nähern uns den Arabischen Emiraten. Danach folgt die Endlosigkeit des Arabischen Meeres, bis wir am nächsten Tag die Hauptstadt von Sri Lanka, Colombo, erreichen. Umsteigen in die Maschine (wieder Air Lanka) nach Trivandrum, Hauptstadt des südwestlichen indischen Bundesstaates Kerala.
Eine unglaublich umständliche Zollund Paßkontrolle bei stickiger Hitze im trostlosen Terminal stimmt nicht gerade positiv auf das Land ein. Wir werden im Baujahr-1950-Auto in unser Resort gefahren.Der erste nachhaltige Eindruck dieser zweistündigen Fahrt: Die schmalen, von Rikschas, Dreiradautos, LKWs, Bussen, Radfahrern und Fußgängern wimmelnden Straßen, an deren Rand Männer, Frauen und Kinder, in saubere und farbenprächtige Saris und Dhotis gekleidet, sitzen und mit einem Hammer Felsbrocken zu Straßenschotter zerkleinern. Die Menschen sind fast ausnahmslos von schönem, sehr zartem Wuchs und gutem Gesichtsschnitt, dabei fröhlich und unkompliziert wirkend. Sie begegnen uns offen mit natürlichem Stolz und sind weit entfernt von jeglicher Unterwürfigkeit.
Unser Beach-Resort liegt in einem tropischen Park an der Malabar-Küste am Arabischen Meer. Die im gleichmäßigen Rhythmus aus West anbrandenden Seen haben sich auf ihrem langen Weg von Ostafrika stattlich aufbauen können. Da wir hier nur 8 Breitengrade nördlich vom Äquator sind, ist die Luft milde, und es geht eine gleichmäßige Brise aus West. Unsere Unterkünfte sind aus Holz erstellte Bungalows, mit Schnitzwerk im Landesstil versehen und harmonisch in den Park eingeordnet. Die Fenster lassen sich schließen mit Fensterläden. Fensterglas wird in diesem tropischen Land kaum verwendet. Dafür ist ein Moskitonetz angeraten, was Mädi und ich für die Nacht über dem Bett anbringen. Was bei uns Naßzelle heißt, ist hier ein Gartenhof mit Papayabaum, Dusche und Open Air Klo.
Wälder von Kokospalmen bestimmen das Landschaftsbild. Das Land ist dicht besiedelt von dem vorherrschenden tamilischen dunkelhäutigen Menschentyp. Die Bewohner leben von der Landwirtschaft oder vom Fischfang. An diesem ersten Abend sehen wir eine Flotte von schmalen, aus vier Baumstämmen bestehenden einfachen Booten an der Küste entlangsegeln.
Der deutsche Manager ist zugleich auch Hauptanteilseigner der Anlage. Aus Liebe zu dieser Landschaft hat er einstmals die Idee zu verwirklichen begonnen, hier ein Ferienparadies zu erstellen, und nun baut er von Jahr zu Jahr das Resort weiter aus. Der Erfolg gibt ihm recht: An Gästen fehlt es nicht, und europäische Ratio des Managements ist eine wundersame Harmonie eingegangen mit tamilischem Charme der Resort-Angestellten.
Nach zwei Übernachtungen in diesem Resort brechen wir sechs auf zur ersten Tour: Mit dem Kleinbus nach Norden zur Bootsablegestelle an den Backwaters in der Nähe von Quilon. Ein Hausboot, von einem braven Dieselmotor getrieben, nimmt uns auf und bringt uns in sieben Stunden durch Kanäle und Seen, die zum System der parallel zur Malabar-Küste von Süd nach Nord verlaufenden Backwaters verbunden sind, nach
Coconut Lagoon am 10. Januar,
einem auf einer Insel gelegenen Resort. Am späten Abend erleben wir hier zum erstenmal indischen Tanz, vorgeführt von einem rot gekleideten Mädchen, dessen grazile Armund Fingerbewegungen und sinnliche Augensprache uns die dargestellten Geschichten erahnen lassen.
Am folgenden Tag setzt ein Boot uns über aufs Festland, und wir steigen ein in den Bus von gesternmorgen, dessen bewährter Driver uns nunmehr Richtung Ost ins Landesinnere fährt. Auch hier wie in den letzten Tagen an der Küste sind die Straßen eng, holprig, verkehrsdicht und außerdem an den Rändern dicht besiedelt und von endlosen Fußgängerreihen in beiden Richtungen emsig begangen. Nach zwei Stunden verlassen wir die Küstenebene, das Land wird hügelig, und sehr bald kämpft sich unser Driver auf Serpentinen an den überladenen Lastwagen vorbei, indem er mit Vorliebe die Kurven nutzt und seine gewagten Überholmanöver mit anhaltendem Hupen begleitet. Wir sind an den Westghats angekommen. Die Vegetation ändert sich rasch. An die Stelle der endlosen Kokosnußwälder treten zunächst Reisfelder, die sehr bald Gummiplantagen weichen. Da die Trockenzeit begonnen hat, haben sich die Blätter der Gummibäume schon gräulich verfärbt. Dennoch wird noch Latex in die Kokosschälchen gezapft, und man sieht überall an den Häusern die zum Trocknen aufgehängten stinkenden weißen Rohgummiplatten.
Der uns begleitende Führer heißt Ibrahim, ein Moslem und Pathane, dessen Familie aus Kaschmir stammt. Er hat Germanistik studiert und promoviert mit Hilfe eines Stipendiums an der Leopoldina in Innsbruck über Elias Canetti! Er erklärt uns, daß die hohen Weltmarktpreise für Kautschuk Ursache für die Verdrängung der unrentableren Reisfelder durch Gummiplantagen sind. In der Kautschukfabrik sehen wir, wie aus Klumpen der eingedickten Gummimilch die weißen Fladen gepreßt werden, die nach nochmaliger Trocknung exportiert werden. Um die Fabrik herum ein Lehrpfad mit Bananenstauden, Kaffeesträuchern, Kakaobäumen, Betelnußpalmen, Papayaund Yakbäumen und Pfeffer, der als Epiphyt an den Bäumen hochrankt.
Bei der Weiterfahrt zur Paßhöhe passieren wir Herden von Rindern und Wasserbüffeln, die vom benachbarten Tamil Nadu nach Kerala getrieben werden. Schwarz gekleidete Hindupilger sind zu Fuß auf der Straße unterwegs zu einem Tempelfest, das zu Ehren des von Shiva mit (dem als Frau verkleideten) Vishnu gezeugten Sohnes auf dem Berg gefeiert werden soll.
Auf der Höhe um 1.000 m treffen wir auf Teeplantagen. In einer Teefabrik sehen wir, wie die frisch gepflückten Teeblätter angewelkt und dann zur Fermentation in Haufen auf den Boden geschüttet werden. Schon eineinhalb Stunden später werden sie in einem Gebläse getrocknet, maschinell sortiert und zum Versand in Kisten gepackt. Am späten Nachmittag kommen wir an in der
Spice Village in Kumali (Westghat), am 11.Januar.
Wir sind untergebracht in Doppelbungalows inmitten eines großzügig angelegten Gewürzparkes. In der Abenddämmerung beobachte ich eine halbe Stunde lang Schwärme von Flying Foxes, große schwarze Fledermäuse mit einer Flügelspannweite von 50 cm, die über unser Village hinweg in die nahen Wälder ziehen zur nächtlichen Insektenjagd, dabei schrille Pfiffe ausstoßend.
Am Freitag, 12. Januar,
schließe ich mich einer Expedition durch den beim Village gelegenen Periyar National Park (N.P.) an. Vom Visitor Center aus wandern wir am fast ausgetrockneten Arm des Periyar-See entlang in den Urwald. Auf dem schmalen Fußpfad werden wir geleitet von dem Ranger des Parkes, der leider nur Malayalam spricht, und einem englisch sprechenden Hindu, der von Natur nichts versteht. Das alles ist jedoch unschädlich, denn außer einem Nilgiri-Affen, einem Kingfisher, einem Hornbird (Riesenhornvogel mit 1.50 m Spannweite) und einem im Baum hängenden Bienenbau erleben wir keine Tierwelt.
Das wird nachmittags anders, als Mädi und ich die Familie und Freunde treffen zur Bootsfahrt auf den zu Rinnsalen gewordenen Armen des Sees. Die Tiere müssen zum Trinken weit aus dem Urwald heraustreten und sind deshalb vom Wasser aus gut zu beobachten. Wir sehen zwei Elefantenherden von sechs und fünf Tieren, einige Hirsche (samba deers), zwei große Rotten von Wildschweinen und Wildbüffel (gaurs), außerdem auf den toten Bäumen im (gestauten) Periyar-See nistende Kormorane.
Das Klima ist hier in den Cardamom-Bergen durch seine trockene Wärme sehr angenehm. Am nächsten Tag brechen wir auf zur Fahrt
nach Madurai im Bundesstaat Tamil Nadu, am 13. Januar.
Die Fahrt führt am Osthang des Westghat vorbei an Teakbaumplantagen in die weite Hochebene zwischen Westund Ostghat. Hier weichen die Teeund Reisfelder bald ausgedehnten Trockengebieten mit stachligem Dornengebüsch. Wo Flüsse Wasser führen, nutzt man sie zum Waschen von Körper und Saris, von Rindern und Schafen. Man erkennt, daß die hohen Westghats den Regen des Südwestmonsuns im fruchtbaren Kerala zurückhalten. Entsprechend unterschiedlich sind Wohlstand und Bildung verteilt: Der Bevölkerung von Kerala(50% Hindus, je 25 % Christen und Moslem) geht es gut (sie steht an zweiter Stelle unter den 25 indischen Staaten), und unter der Jugend gibt es wegen der Schulpflicht keine Analphabeten mehr. Ganz anders sind die Verhältnisse in Tamil Nadu (80 % Hindus).
Schon mittags kommen wir hier an und werden untergebracht im Tjai Garden Retreat, einem üppigen Hotel auf einer Anhöhe und außerhalb des stickigen Madurai. Unser bravouröser Fahrer hat mit seinem Mercedesbus 100 (hergestellt in Indien in Lizenz) die 132 km lange Strecke in viereinhalb Stunden geschafft!
Nach kurzer Pause geht es in das Zentrum von Madurai zum Meenakshi-Tempel. Er ist gewidmet der dreibrüstigen Königstochter aus dem Pandyageschlecht, die erst wieder normale Gestalt annahm, als Shiva sie in anderer Inkarnation ehelichte. Neun Gopurams (Tortürme), alle reich verziert mit den bunt bemalten Gestalten der Hindugötter, stehen zwischen den Mauern, die das Innere des Tempels umschließen. Meine einzigen Wanderschuhe muß ich abgeben in einer obskuren Bude, um auf Socken in den Tempelbezirk eingelassen zu werden. Durch die erste Mauer über einen Vorhof und durch eine zweite Mauer geht es in eine offene Halle mit Teich, dann in weit verzweigte, mit reich untergliederten Säulen ausgestattete gedeckte Hallen. Die Malereien im Inneren, die Skulpturen an den Säulen und Gopuren und die aufgestellten Statuen erzählen die Geschichten von Shiva, Vishnu und Brahma, wie sie niedergeschrieben sind in den alten Versen der Mahabharata und Ramayana. Ein alter Brahmane mit nacktem Oberkörper nimmt Opfergaben entgegen. Wir sehen den Planetenschrein mit neun Planeten und die Tausend-Säulen-Halle, in der uns allen der tanzende Shiva auffällt. Nach einer Unterbrechung bei Händler Sofi aus Kashmir, in dessen Basar wir einen tanzenden Shiva erstehen, erleben wir im Meenakshi um 9 Uhr abends die Prozession hautnah mit, in der Shiva, unsichtbar in seiner Sänfte, für die Dauer der Nacht zu seiner Gemahlin in den heiligen Meenakshischrein getragen wird. Bevor diese Prozession beginnt, eilen die gläubigen Hindus in Scharen herbei, um ihre Hände in die zu Füßen des unsichtbaren Shiva stehende Blumenschale zu tauchen und sich mit dem Wasser Stirn und Brust zu benetzen das alles unter Trommel- und Flötenklängen, die bei Beginn des Umzuges schlagartig verstummen.
Danach lassen sich unsere Damen im Tempelbasar Kleider zumessen, die später nach dem Abholen anhaltendes Gelächter auslösen werden, weil sie fast ausnahmslos viel zu groß geraten sind. Durch das Menschengewimmel und dreckige Straßen gehen wir auf Socken unsere Schuhe holen und fahren ins Hotel. Im Zimmer ist kein Licht, und Dinnerzeit ist vorbei. Also nur besonders gründliches Baden und Schlafen!
Madurai, am 14. Januar
Nach ausgedehntem Frühstück fahren wir in die Stadt zum Tirumala-Nayak-Palast aus dem 17. Jh.. Vor dem Palast liegt ein großer rechteckiger Platz mit an beiden Seiten umlaufenden überdachten Galerien, an denen die Rundspitzbögen im arabischen Stil auffallen und die Symboltiere der Hindugottheiten an den Simsen angebracht sind; geometrische und Pflanzenmotive, ebenfalls der islamischen Kunst entlehnt, sind in den Feldern über den Säulen. Hinter dem Platz schließt der Palast an mit dem Thronsitz, einem von einer Kuppel überwölbten Raum, der mit mehreren von dorischen Säulen gebildeten Gängen in Verbindung steht. Danach folgt ein Theatersaal.
Die Informationen, die wir von Ibrahim erhalten können, sind spärlich. So können wir uns nur denken, daß hier ein mit den europäischen Kolonialmächten einvernehmlich herrschender indischer König einstmals seinen Palast in den damals bekannten westlichen Stilelementen errichten ließ.
Danach fahren wir zum Mariammam Teppakulam Tempel, der inmitten eines kleinen Sees errichtet ist. Nach einem zweiten größeren Einkauf im Basar von Sofi und seinem Cousin werden wir von ihnen zum Abendessen eingeladen. Auf einen großen Teppich im Hauptraum des Hauses setzen wir uns mit den Gastgebern, die zugleich die Köche sind, und speisen alle möglichen Arten von Currys mit den uns gewohnten Gabeln. Ein miteingeladenes Paar aus Ottawa erzählt interessant von seiner dreimonatigen Indienreise, die es spontan kreuz und quer durch den Subkontinent macht.
Am folgenden Tag fahren wir zunächst auf demselben Weg, auf dem wir gekommen waren, wieder zurück nach Westen und biegen dann ab auf eine steile, aber gut asphaltierte Straße, die in Serpentinen über den Gebirgskamm und zugleich an die Grenze zwischen Tamil Nadu und Kerala führt. Oben geraten wir in Wolken. Die Berge sind mit Regenwald bestanden. Im Unterholz wächst Kardamom. Der Wald lichtet sich, und bald sind die Hänge ringsum von riesigen Teeplantagen bewachsen, die dem indischen Großindustriellen Tata gehören. Gegen Abend langen wir an in
Munnar / Kerala, Residencehotel, am 15. Januar.
Ein Spaziergang am Abend führt mich zur Thomaskirche, wo ich mit dem indischen Leiter des College ein Schwätzchen über die ihm bekannten Werke von Goethe, Hesse und Thomas Mann halte. Bei strömendem Regen komme ich zurück.
Nach guter Nacht und einfachem Frühstück fahren wir in den 2.200 m hoch gelegenen Nationalpark, in dem eine bestimmte gefährdete Wildziegenart lebt. Ibrahim und ich sehen auf unserer einstündigen Wanderung bis zur Wolkengrenze kein Tier. Auf dem Rückweg stoßen wir auf unsere übrige Gruppe, die seit zwanzig Minuten einen Sprung Wildziegen in nächster Nähe vor sich hat.
Über Munnar zurück geht die Fahrt dann bergab. Wir hatten hier im Gebirge etwas sehr Wohltuendes erlebt: Das kühle Klima und vor allem die Menschenleere. Nun verlassen wir die Berge und nähern uns der Ebene, wo wir zunächst in primären Urwald eintauchen. Dann säumen kleine Reis-, Ananasund Tapiokafelder den Weg, Kokospalmen treten auf, und auch Gummiplantagen sind wieder zu sehen. Die Besiedelung nimmt schlagartig zu, und an den üppigen Herrenhäusern mit stattlichen Gärten der Gummibarone erkennt man, welch ein partieller Reichtum mit der weltweiten Angst vor Aids entstanden ist. Gegen Abend langen wir an in
Cochin im Isle of Willingdon Casino Hotel, am 16. Januar.
Der schöne Reisetag wird glücklich beschlossen mit einem gepflegten Dinner (Prawns, große Krabben).
Am nächsten Tag fährt uns unser bewährter Fahrer, Kumar, zum Stadion von Trichur, 70 km nördlich von Cochin, wo wir von einer Tribüne aus die touristische Show des „Ersten Tages des Elefantenmarsches“ erleben. 96 Elefanten stehen, festlich geschmückt und mit farbigen Schirmchen auf dem Widerrist, in einer Reihe. Auf ihren Rücken schwenken junge Burschen Federbüsche im Takt der Musik der vor ihnen stehenden Kapelle, zusammengestellt aus Trommeln, Flöten und dünnen gebogenen Hörnern. Eine Vorführung keralischer Tänze durch mehrere Gruppen beschließt das Schauspiel. Am Abend führt Kay Regie: Er hat uns alle eingeladen zu Languste Thermidor im Fishfood Restaurant des Hotels.
Der ganze folgende Tag ist der Entdeckung von Cochin gewidmet, dem alten südindischen Königssitz und wichtigen Hafen am Arabischen Meer und an den Backwaters. Mit dem Bus geht es in das Judenviertel der Altstadt mit Synagoge und in die Einkaufsstraße mit alten Häusern und einem Schlangenbeschwörer mit zwei Kobras in Körben und einem Mungo. Besichtigung des Mattanchery Palastes, den noch die Portugiesen dem Raja Veera Kerala Varma geschenkt hatten. Die Wandgemälde im Palast stellen Szenen aus der Ramayana dar: Brahma auf der Lotosblüte; Vishnu liegend; Shiva mit Parvati; Krishna, eine der zehn Inkarnationen von Vishnu, mit vielen Geliebten; Shiva mit Vishnu in dessen Inkarnation als Frau beim Liebeskuß, wobei alle möglichen Tiere dem Treiben der beiden genüßlich zuschauen; Ramas Hochzeit mit Sita; der General der Affen Hanuman; Sitas Feuerprobe.
Am Nachmittag fahren wir mit dem Boot von der Nordspitze von Mattanchery an den Cochin in der Lagune vorgelagerten Inseln Vypin und Vollaparradam (mit portugiesischer Kirche, außerdem hunderten von hochseetüchtigen blauen Fischerbooten) vorbei nach Bolgatty Island, vor der zwölf Yachten von Weltenbummlern, darunter ein Däne und ein Neuseeländer, auf Reede liegen. Am Abend sind wir zurück an der Spitze von Mattanchery, wo mit sinkender Sonne die chinesischen Fischernetze in Dienst gestellt werden: An langen Stangen befestigte große Netze hängen horizontal über dem Meer und werden mittels eines damit verbundenen Balkens vom Land langsam ins Meer eingetaucht und innerhalb einer Minute wieder hochgezogen; die Beute schüttet man aus dem Netz in einen Kescher, und der Vorgang wiederholt sich bis tief in die Nacht. Wir kaufen uns hier Fische und lassen sie uns grillen in der nahebei gelegenen einfachen Kneipe. Ungebetene Gäste am Tisch sind Kälbchen, Zicklein, Katze und Krähen.
Kumar erzählt mir auf der Heimfahrt, daß er eine Frau und zwei Töchter von 9 und 11 Jahren hat. Er verdient in seinem Job 1.500.Rupien pro Monat, das entspricht DM 75.-. Er wird aber nur in der Trockenzeit, also in der Tourismussaison, angestellt. Die übrige Zeit ist er arbeitslos. Und es kommt die schwere Zeit, in der er seine beiden Töchter aussteuern muß, damit sie geheiratet werden!
Am 19. Januar wird von Cochin
erst um 12.00 gestartet, um im Bereich der Backwaters und parallel zur Malabar-Küste Richtung Süd nach Alleppey zu fahren. Brücken werden überquert, wo die Backwaters mit dem Meer verbunden sind, und in einem Gartenlokal wird unterwegs ein kleiner Lunch eingenommen. In Alleppey werden wir auf ein Inselchen im See übergesetzt, von wo aus wir das Schlangenbootrennen miterleben: Mit je hundert Burschen bemannte schmale und vierzig Meter lange Boote werden mit Stechpaddeln um die Wette gerudert. Es folgt eine Tanzshow auf flachen Booten.
Weiterfahrt in fröhlicher Whiskystimmung. Spät kommen wir im Surya Beach Resort an und verabschieden uns von Ibrahim und Kumar mit vom Wein angereicherter Rede und Gegenrede. Am nächsten Tag, dem
20. Januar in Surya Beach Resort
ist für Mädi, Nicole, Kay und mich Reisepause angesagt. Ein behagliches Dinner in der Sippe (zwei kleine Langusten pro Person, Kokosreis, Lady Fingers und Muskatspinat) beschließt diesen Ruhetag.
Surya Beach Resort, am 21. Januar
Am Vormittag werden wir mit Gepäck zu den Wohnbooten gebracht, mit denen wir sechs Tage lang durch die Backwaters bis Cochin fahren wollen. Die Boote sind ehemals für den Reistransport gebaut und vor einigen Jahren umgerüstet worden für touristische Reisen auf den Backwaters. Der Schiffsrumpf aus Hartholz (die Planken mit Kokosfäden verbunden, dazu gebohrte Löcher mit Kokosfaser verstopft und dann die Schiffswand innen und außen mit Teer kalfatert) wurde deshalb ganz überdacht; darunter richtete man achtern eine Kombüse, davor den Schlafund einen großen Tagesraum ein, alles offen nach den Seiten hin. Das Baumaterial für diese Aufbauten: Bambus, Kokosfaser und Bambusspaltholz für die Eindeckung. Nach vorn ein offenes Deck, vor dem der Steuermann hockt. Der Dieselmotor befindet sich hinter der Kombüse.
Mädi und ich haben ein Boot für uns. Unsere Mannschaft: Rajesh, Schiffsführer und Steward; Sunil, Ingenieur für Maschine; Balakrishnan, Steuermann; und Manoharan, der Koch. Unser Boot hat den Namen Sumangali (Verheiratete Frau). Nach sechs Tagen und Nächten an Bord werde ich finden, daß der Name „Schlampe“ mehr zutreffen würde. Die Bordroutine läuft regelmäßig etwa so ab: Nachdem das Boot für die Nacht geankert ist, werden die stets gleichen Currys auf Bananenblättern serviert. Nach mäßiger Hygiene in unserem Loch (Bad wäre eine geschmeichelte Bezeichnung) folgt eine meist qualvolle Nacht im viel zu schmalen Bett der schmuddeligen Schlafzelle; die Mücken schwärmen gegen unser Moskitonetz an und stechen dort zu, wo wegen Enge das Netz auf der Haut aufliegt; eine Ratte über uns im Doppeldach verrichtet nagend gewissenhaft ihr Zerstörungswerk; und zu unterschiedlichen Zeiten in der Nacht müssen wir den von Kassetten abgespielten Jammergesang und die Böllerschüsse der Pujas anhören, die von den Hindutempeln des nahen Ufers herübertönen. Um 5 Uhr morgens kommen manchmal die schrillen Rufe des Muezzin aus einer Moschee dazu, und am Ende der sechsten Nacht in Cochin mischt sich in beides noch Glockenläuten und Gesang aus einer christlichen Kirche. Nach dieser Nachtruhe folgt Minihygiene im Badeloch. Zum Frühstück wird in aller Regelmäßigkeit europäisches Omelett mit Tee und Reiscurry, also Reiskloß mit Mischgemüse, serviert, obwohl ich es genau so regelmäßig zurückgehen lasse.
Tagsüber wird gefahren, wenn keine Exkursionen angesagt sind. Mädi und ich nehmen erstaunt die uns gänzlich ungewohnten Bilder wahr. Unser Boot tuckert in den Kanälen, und wir haben beide Ufer so nahe, daß wir den auf dem Pfad mitlaufenden Kindern unsere leeren Plastikflaschen zuwerfen können, die sie begeistert aus dem Wasser herausfischen. Meist durchfahren wir Wälder von Kokospalmen, in denen viele Menschen in einfachen Hütten wohnen. Wenn wir eine Schleuse passiert haben und uns in dem gegen das Brackwasser abgeschotteten Teil der Backwaters befinden, säumen weite Reisfelder das Ufer. Hier herrscht dann Monokultur, und die Besiedelung ist spärlicher.
Einmal bleiben wir mitsamt dem Schwesterboot, auf dem die anderen vier unserer Gruppe wohnen, vor einer Schleuse stecken im dichten Bewuchs von Wasserhyazinthen, nachdem wir, von einer riesigen Schar fröhlicher Kinder neugierig beobachtet, Eis und Wasser gebunkert haben. Die Maschinen versagen, und nur mühsames Staken bringt uns heraus aus dieser üppigen Vegetation.
Melitta trägt leichte europäische Kleidung auf dem Schiff; ich ziehe indische Kuta (Hemd) und Dhoti (Rock-Hose) vor.
Ausflüge lockern unseren Bootsalltag auf. Einmal fahren wir alle sechs auf einem angeheuerten offenen Fischerboot auf Kanälen zu einem Dorf. Wir lernen den Lotus in weißer und rosa Farbe kennen mit seinen kräftigen Blättern, oben grün und darunter braunrot und mit Luftkammern ausgestattet. Wir erleben Kuhreiher, Silberreiher, den großen grauen Fischreiher, den in den Oberseiten der Schwingen braunroten Fischadler, Entenfamilien, Seeschwalben in geselligen Gruppen und Kingfisher (Eisvögel). Im Dorf treffen wir auf eine liebe Moslemfamilie, die uns Kokosmilch in der Nuß anbietet und mit der Melitta sich angeregt unterhält.
Ein andermal besuchen wir zum Dinner unser Schwesterschiff. Ein Höhepunkt auf unserer Bootsreise! Das elegante großräumige Schiff, die unglaublich gepflegte Küche, und natürlich das fröhliche Beieinandersein. Da wir an diesem Abend auf einem See weitab von den Ufern ankern, folgt auch eine gute erholsame Nacht, in der zudem unsere Ratte in die von Rajesh aufgestellte Falle geht. Am Morgen stehe ich ganz früh auf, um den Sonnenaufgang über dem See zu erleben. Eine kräftige Brise weht aus Nordost, und rings auf dem See ziehen etwa vierzig Fischerboote unter zum Teil durchlöcherten Segeln dahin, jedes mit zwei bis drei Männern besetzt. Welch ein Fischreichtum muß in diesem Wasser sein! Mir wird klar, weshalb es soviele Adler, Reiher und Seeschwalben hier gibt.
Ganz in der Nähe beobachte ich drei Männer beim Fang: Einer ist aus dem Boot ausgestiegen und hält das Ende eines Stellnetzes, während die beiden anderen auf dem nur einen Meter tiefen Grund das Boot langsam im Kreis von ihm weg und wieder in seine Richtung schieben und dabei das Netz allmählich ins Wasser gleiten lassen. Als sie bei dem stehenden Mann ankommen, besteigen sie das Boot und ziehen das Netz ein. Prawns (große Krabben) gibt es hier im Überfluß.
In dieser frühen Morgenstunde ist der Vogelzug sehr stark. Silberreiher, die Beine weit hinter sich ausgestellt, Schwalben und Seeschwalben fliegen über den See, und Seeadler kreisen suchend über der Wasseroberfläche. Eine vitale Geschäftigkeit herrscht bei Mensch und Tier!
Eine andere Exkursion führen Rajesh und Sunil mit Mädi und mir durch im gemieteten Fischerboot. Wir fahren auf eine Sandbank, die zwischen den Backwaters und dem offenen Meer liegt. Ich wandere auf der Sandbank bis zu ihrem Ende, wo beide Wasser miteinander verbunden sind und starker Strom steht. Auf der Seite zum See liegt ein kleines Lastenschiff, das von zwei Männern mit dem Schlamm vom Seegrund beladen wird. Auf der anderen Seite sehe ich lange den Fischern zu, die zum Wurf vorbereitete Ringnetze in der Hand halten und in gespannter Erwartung ins Meer schauen. Sowie ein Mann einen Fischschwarm in der Nähe des Strandes entdeckt, rennt er darauf zu und schleudert nach einer Drehung um sich selbst das Netz aus, das sich, von seinen Bleigewichten am Rande nach unten gezogen, über die Fische stülpt. Dann geht der Fischer wieder zurück, das Netz dabei zuziehend. Einmal waren nach einem Wurf acht oberarmlange Fische im Netz.
Einmal besuchen wir eine Kokosfaser(Coir-) Spinnerei im Palmenwald. Mutter und Tochter bedienen die einfache Spindel und stellen erst einen einfachen, danach einen zweifachen Faden aus dem äußeren Schalenmaterial der Kokosnuß her, das vor der Verwendbarkeit drei bis sechs Monate im Wasser gelegen haben muß. Mit Rajesh gehe ich weiter durch das Dorf bis ans Meer, wo zehn große offene Fischerboote hinter der Brandung auf Reede liegen, bereit zum Auslaufen. Die Fischer warten aber noch beim Kartenspiel am Ufer auf die rechte Stunde.
An einem Morgen machen Rajesh und ich schon um 7 Uhr vor dem Auslaufen einen Marsch um ein Reisfeld, das einem in der Stadt lebenden Großgrundbesitzer gehört. Die Aufseher wohnen mit ihren Familien an den Rändern des Feldes, wo die Kanäle die natürliche Grenze bilden. Einige Kokospalmen und Gemüsegärtchen umgeben die Hütten, an denen schon die mit Stroh umwickelten Reisgarben für die Verschiffung vorbereitet sind. Als wir nach einer Stunde auf einem Bahndamm zurück zum Boot gehen, begegnen uns zahlreiche Frauen, die als Tagelöhner für die Reisernte eingestellt sind.
Später als ausgemacht kommt unser Boot am Lunchplatz an, und wir treffen auf das Schwesterschiff erst einige Kilometer vor Alleppey, wo wir gemeinsam in einer von Portugiesen erbauten Kirche die Taufe eines Babys erleben. In Alleppey besichtigen wir alle zunächst einen Hindutempel. Da der zentral gelegene heilige Schrein von Nichthindus nicht betreten werden darf, widmen wir uns dem überdachten Umlauf, in dem die hinduistischen Gottheiten plastisch und bunt bemalt dargestellt sind. Rajesh erklärt mir die zehn Reinkarnationen Vishnus und die Lebensgeschichte Krishnas, dessen Farbe das Götterblau ist.
Während nun die Gruppe Möglichkeiten zum Shopping auskundschaftet, begebe ich mich mit Rajesh in das Menschengewimmel in den Straßen von Alleppey. Wir erkennen den Weg wieder, auf dem wir vor Tagen zum Schlangenbootrennen gefahren wurden.
Die Weiterfahrt unserer kleinen Flotte zum Ziel Cochin wird noch einmal unterbrochen. Die beiden Schiffe machen an einer behelfsmäßigen Anlegestelle eines Dorfes fest, und wir besuchen seinen bunten Markt. Alles, was es hier an Obst und Gemüse gibt, wird angeboten. Es ist ein stiller Markt, niemand preist seine Waren an. Eine Frau bietet Betelnüsse an, dazu auch gestapelte grüne Blätter und Kalk. Alles zusammen kaut man in Asien als Belebungsmittel und nimmt in Kauf, daß der Speichel sich rot verfärbt. In einer winzigen Bude werden mit der Hand Papparam geformt, dünne Teigfladen, die später in den Küchen im siedenden Kokosöl gebacken werden und zum Einwickeln der mit der Hand zum Mund geführten, auf Bananenblättern servierten Currys dienen.
Nach der Ankunft in Cochin werden wir zum Bolgattypalast übergesetzt, wo wir eine Einführung in den Kathakali-Tanz erleben. Ein etwa 18 Jahre alter Junge, kunstvoll als bezauberndes Mädchen geschminkt, wird umworben von einem Mann. Hautnah sehen wir das Mienenspiel um Stirn, Wangen, Nase und Lippen, den sich ständig verändernden Ausdruck der Augen, die mannigfaltigen Möglichkeiten, den Kopf zu neigen und heftig zu schütteln, dazu die sensiblen Bewegungen von Fingern und Händen, Zehen und Füßen. Jede einzelne dieser Gesten dient der Darstellung einer ganz bestimmten Gefühlsäußerung.
Auf der Rückfahrt zu den Booten kommen wir an einem Hindutempel vorbei, in dem eine Puja im alten Ritus stattfindet. Tempelelefanten, die auf dem Rücken brennende Fakkeln tragen, stehen mit dem Rücken quer zur Straße, umgeben von einer dicht gedrängten Menge Hindugläubiger. Die Polizei leitet den Verkehr um die Gruppe herum.
Surya Beach Resort, am 28. Januar
Abschied von Cochin hatten wir gesternmorgen in der ausgeschmückten St. Franziskuskirche genommen. Wir sind am Abend hier angelangt und dem schön gelegenen Haus Ibis zugewiesen. Wir freuen uns auf die folgenden Tage der Erholung, die etwa so ablaufen:
Nach einem genüßlichen Frühstück begeben Mädi und ich uns in die Ayurveda-Massage-Hütte. Der Masseur stellt die Innenflächen seiner Hände über meinem Kopf aneinander, schließt meditierend seine Augen, benetzt seine Hände sodann mit gewürzangereichertem Kokosöl und massiert und akupressiert Stirn, Ohren, Wangen, Nase, Beine, Füsse, Zehen, Arme, Hände, Finger, Rücken und Bauch. Zum Schluß werden Beine und Arme gestaucht und gestreckt; der Kopf wird gedreht und gezogen. Danach fallen Mädi und ich in unserem Häuschen in Tiefschlaf.
Dreimal täglich schwimme ich im unter uns liegenden Arabischen Meer. Manchmal ist die Brandung so stark, daß ich beim Hineinund Herauskommen acht geben muß; hat doch einmal eine See die Charlotte so niedergeschmettert, daß sie tagelang Schmerzen im Bein hatte.
Die zahlreichen Tuchhändler am Strand haben es sich schon abgewöhnt, mich mit ihren Angeboten zu behelligen. Sie stürzen sich lieber mit Eifer auf unsere Damen, die tatsächlich jeden Tag aufs Neue sich eindecken mit Schals aller Größen, Farben und Stoffarten. Tagsüber öfter ein Schwätzchen mit den Österreicherinnen, die neben uns im Doppelhaus wohnen. Squirrels und diebisch ins Häuschen einfliegende Rabenkrähen sind tags ständig um uns.
Gegen Abend kommt dann der Kellner, wie alle im Restaurant Beschäftigten in karmesinrote Livree mit goldenen Litzen gekleidet, um die Bestellung fürs Dinner entgegenzunehmen. Diese Kleidung wirkt gut auf der dunklen Haut und verleiht diesen schönen, feingliedrig gebauten und immer freundlichen Menschen einen seltenen Ausdruck von Eleganz und natürlicher Anmut.
Das Abendessen nehmen wir sechs zusammen auf der offenen Terrasse bei Kerzenschein ein. Muntere Sprüche und lustige Geschichten würzen die Unterhaltung, und es hat sich schnell ergeben, daß die Hälfte unserer Gruppe den Wein vorzieht, während Norgard, Charlotte und ich tüchtig dem Bier aus Kerala zusprechen.
Einen kleinen Erkundungsgang mache ich in südlicher Richtung durch den Kokospalmwald, vorbei an den Hütten der Kleinbauern, einem Bananenhain, einem Tapiokafeld und einer Süßwasserstelle vor dem Meer, wo Männlein und Weiblein, alt und jung die Frauen zu meinem Erstaunen ganz bekleidet sich waschen. Ich gelange zu einem Hindutempel auf einer Anhöhe am Kap. Nach Süden schwingt sich ein viele Kilometer langer Sandstrand vor dichtem Wald von Kokospalmen. Auch dort liegt ein bescheidenes Resort. Draußen am Horizont fahren zwei Frachtschiffe langsam nach Norden, und in Küstennähe bewegt sich wieder die uns schon bekannte Flotte von Fischerbooten mit Hilfe von Lateinersegeln und Rudern in Richtung zum Kap.
An einem anderen Tag erkunde ich die Küste nördlich vom Resort. Teils durch Kokospalmwald, teils an der Küste entlang gelange ich in ein eng besiedeltes Hüttendorf mit unübersichtlichen und winkligen Straßen. Die Bewohner schauen mich neugierig, aber doch freundlich an, geben mir auch bereitwillig die erwünschten Auskünfte, soweit ein Verständnis überhaupt möglich ist; aber ich beschleunige dennoch meine Schritte, um schnell aus dieser Siedlung herauszukommen, in der ich mich wie ein indiskreter Eindringling fühle.
Als ich aus Wald und Dorf heraus an den Strand gelange, bietet sich mir ein unerwartetes Bild. Die Flotte von Fischerbooten, die wir vom Surya Resort auf dem Meer sahen, ist hier gelandet mit einem großen Fang: Tonnenweise werden von den Booten Makrelen ausgeladen in Körbe, die von Frauen vom Wasser weg aufs Land geschleppt und dort in Wannen mit Eisstücken geschüttet werden. Die Aufkäufer nahen auch schon mit ihren kleinen Transportwagen.
Mein Weg führt mich an der großen Moschee vorbei, die wir von unserem Strand aus sehen können, bis ans Kap zum Leuchtturm. Von dort gelange ich in die anschließende Bucht nach Kovalam, auch ins berühmte Ashoka Resort mit Florida-Rasen, gelegen an der langen Kovalam Beach. Ich treffe schließlich in einem edlen Kashmir Shopping Center auf Mädi, Kay und Nicole, mit denen ich im Taxi zurück nach Surya Beach Resort fahre.
Surya Samudra Beach Resort, am 1. Februar
Ein großer Ausflug im Kleinbus zum Kap Komorin, dem Südkap von Indien an drei Meeren, ist für heute geplant. Begleiten wird uns noch einmal Ibrahim. Erste Station ist Trivandrum: Hindutempel Padmanabhaswami mit von Goldzinnen bewehrtem Gopuram und Tempelteich. Links davor der ehemalige große Palast der Könige von Travancore, den wir aufsuchen. Die Familie ist heute noch im Besitz dieses Palastes, hat jedoch einen neuen Palast in Trivandrum bezogen.
Bevor die Königsfamilie nach Trivandrum zog, wohnte sie in Padmanabhapuram, der einstigen Hauptstadt von Travancore. Dahin fahren wir nun, um auch den dort gelegenen Palast aufzusuchen. Beiden Palästen ist gleich die edle Schnitzarbeit der aus Rosenund Teakholz bestehenden Decken und Wände, der für Kerala typische Dachfirst, der zum Ende etwas ansteigt, und der darunter sich befindende dreieckig ausgebaute zierliche Erker.
Nach zweieinhalb Fahrstunden für die 80 km lange Strecke langen wir in Kanyakumani am Kap Komorin an. Wir suchen die Gandhi Gedenkstätte auf, einen modernen Rundbau mit Aussichtsplattform. Von oben schauen wir auf die aus Südost wild bewegte See des Arabischen Meeres, des Indischen Ozean und des Bengalischen Golfes, und auf die im Osten liegende Küste von Sri Lanka.
Am Südkap liegt der der Gemahlin von Shiva, Parashakti, geweihte Tempel, in den Hindupilger ständig hineinströmen. Dahinter liegt der Tempelbasar. Auf Klippen, dem Südkap vorgelagert, steht die Gedenkstätte für den Religionsphilosophen Swami Vivekananda.
Der starke Südost treibt uns Sand in die Augen; so fahren wir weiter. Bei Dunkelheit kommen wir in Nagercoil an. Vier riesige Tempelwagen, die bei Festen durch den Ort gezogen werden, stehen vor dem Tempel. Der größte ist Shiva gewidmet, ein anderer seiner Gemahlin; die kleineren sind seinen beiden Söhnen zugeordnet. Während Kay und ich auf die vier Damen warten, die im Tempel verschwunden sind, tobt ein aufdringlicher Kerl laut schreiend und gestikulierend um uns herum. Er spielt den Taubstummen. Als Kay ihm schließlich einen Rupienschein um unserer Ruhe wegen gibt, wird der Mann noch lauter. So weichen auch wir aus in den Tempel.
In diesem Tempel muß man nicht nur Schuhe, sondern als Mann auch die Oberbekleidung ablegen. Also tue ich es. Ibrahim geleitet mich im Inneren des fast dunklen Tempels an den heiligen Schrein von Shiva (in diesem Tempel dürfen auch Nichthindus so nahe ans Heiligtum), an den Schrein der Planetengottheiten und zum gewaltigen Affengeneral Hanuman. Eine kleine Prozession mit dreistrahliger Fackel zieht durch den Tempel, begleitet von unglaublich lärmenden Trommlern und Trompetern. Überhaupt herrscht hier eine unvorstellbare Betriebsamkeit von ständigem Kommen und Gehen und gleichzeitig gläubiger Hingabe der niederknieenden und betenden Hindus. Glücklich bin ich in dem Gedanken, daß dieser Tempel in Nagercoil der letzte Hindutempel Indiens bleiben wird, den ich betreten habe. So gering ist mein Zugang in die Glaubenswelt des Hinduismus.
Ibrahim sagt mir, daß dieser Tempel noch heute im Privateigentum der Familie der ehemaligen Könige von Travancore steht, obwohl der Ort Nagercoil bei Neuordnung des indischen Staatsgebietes nach Sprachgebieten dem Bundesstaat Tamil Nadu zugeschlagen wurde.
Bei anderer Gelegenheit hat uns Ibrahim einmal von seinen familiären Verhältnissen gesprochen. Sein Vater ist tot. Es leben aber noch seine Mutter und seine zwei Schwestern, für die alle er aufzukommen hat. Die drückendste Last ist jedoch für ihn die Beschaffung des Geldes und des Goldes, welches als Mitgift aufgebracht werden muß für die Heirat der Schwestern. Er sucht schon lange nach Ehemännern für sie. Mit den Eltern der jungen Männer muß er dann die Höhe der Mitgift aushandeln. Stimmen auch die jungen Leute der Hochzeit zu, kann geheiratet werden. Stimmen sie nicht zu, weil sie sich nicht mögen, muß weiter nach Heiratsfähigen gesucht werden. Diese vor allem auf dem Lande noch geltenden Heiratsgesetze hatte mir Bootsführer Rajesh bestätigt.
Surya Samudra Beach Resort, am 2. Februar
Heute wird`s ein gemütlicher Tag. Baden im Meer, Spaziergang mit Kay und Nicole zum nahe gelegenen Kap, allgemeines Abschiedsessen auf unserer Terrasse. Morgen werden Norgard und Charlotte nach Österreich zurück-, Mädi und ich nach Sri Lanka weiterfliegen. Kay und Nicole wollen noch eine Woche im Resort bleiben. Die Sippe wird sich in Colombo dann wieder treffen.
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