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Rarotonga/Cook Islands (13.Mai - 27.Mai)
Rarotonga im Pacific Resort an der Muri Beach, am 13. Mai
Nur drei Stunden hat der Flug gedauert. Wir haben die Datumsgrenze nach Ost überflogen, und deshalb mußte ich meine Datumsanzeige auf der Uhr um einen ganzen Tag zurückstellen. Auf dem Airport hängt mir ein polynesisches Mädchen einen Kranz von weißen Frangipaniblüten um den Hals.
Die samtene Luft der Tropen umfängt mich wieder, als ich aus dem Flughafengebäude heraustrete, um ein Taxi herbei zu bitten. Eine halbe Stunde später hat mich die Fahrerin auf der Küstenstraße zur anderen Seite der Insel in mein Resort gebracht. Ein paar Schritte nur sind es von meinem Häuschen an den weißen Strand der Lagune. Von draußen her dringt das kräftige Rauschen der Brandung am ein Kilometer entfernten Außenriff an mein Ohr.
Rarotonga, am 14. Mai
Nach einem einfachen Frühstück im kleinen Restaurant am Strand nehme ich den öffentlichen Bus, mit dem ich auf der Küstenstraße um die Insel herumfahre. Eine Stunde braucht er trotz vieler Haltestellen und eines Aufenthaltes in Avarua, der Hauptstadt der Cook Islands. Ich sehe das einfache Haus, welches der Sitz der Regierung des aus 15 Inseln bestehenden Staates mit 20.000 Einwohnern ist. Die Realität ist, daß die Regierung nur innere Angelegenheiten von geringerer Bedeutung zu lösen vermag. Die Cook Islands sind wirtschaftlich voll abhängig von der einstigen Protektoratsmacht, der damaligen britischen Kolonie und dem nunmehr (einstweilen noch) zum Dominion gehörenden Neuseeland. Der neuseeländische Etat weist jedes Jahr einen hohen Subventionsbetrag für die Stützung des Inselstaates aus, und alle Cookies, die Zukunft haben wollen, gehen nach Neuseeland.
Die Inseln hatten für eine kurze Zeit eine eigene Währung, die sehr schnell abgewirtschaftet war. Heute gilt der neuseeländische Dollar, und an die Zeit der scheinbaren Autarkie erinnert noch die weiter umlaufende Cook-Dollar Münze, auf deren einer Seite Königin Elisabeth II. und auf deren anderer Seite das Bild eines polynesischen Gottes mit Riesenphallus dargestellt ist.
Vom Bus aus verschaffte ich mir einen ersten Überblick über die im Innern gebirgige und außen von einem nahen Korallenriff umschlossene Insel. Nun gehe ich am Strand entlang bis zur Riffpassage, durch die unsere im Schnitt vielleicht 3.000 mal 500 Meter große Lagune (die größte von Rarotonga) mit dem pazifischen Ozean verbunden ist. Hier war einst der alte Hafen der Polynesier. Man mutmaßt, daß vor 1.000 Jahren von hier die Seefahrer aufbrachen, die dann Neuseeland entdeckten und besiedelten.
An der Riffpassage verweile ich lange. Umtost von der Brandung des Pazifik am noch mit dem Inselsockel verbundenen Außenriff, blicke ich auf den reißenden Strom des in die Lagune hinein fließenden Wassers.
Ich gehe am Resort vorbei auf die andere Seite der Lagune, bis ich an ein einmündendes Flüßchen komme. Oberhalb des Strandes stehen vereinzelt moderne Ferienhäuser. Dort und direkt am Strand wachsen Kasuarien, hier Iron Tree genannt, die mit ihren tief versenkten Wurzeln zur Erhaltung des Ufers beitragen. Die lang herunterhängenden Zweiglein mit den zahlreichen feinen nadelförmigen Blättern erinnern mich wieder an Frauenhaar, wie auch die zur selben Familie gehörenden Desert Oaks im Outback von Australien. Außerdem stehen hier zahlreiche Kokospalmen. Plötzlich fällt eine Kokosnuß aus großer Höhe zwei Meter entfernt von mir auf den Strand. Seither meide ich sorgsam das Gehen unter Kokospalmen.
Das Klima ist bis jetzt angenehm. Rarotonga liegt etwa auf dem Wendekreis des Steinbocks; die Sonne steht also schon weit im Norden. Der jetzt normalerweise herrschende Südostpassat weht Tag und Nacht fast gleichmäßig über unsere nach OSO hin gelegene Küste.
Nach meinem Spaziergang nehme ich mir eines der leichten aus Plastik gegossenen Paddelkanus, um eines der drei in der Lagune liegenden Motus zu erkunden. Diese aus weißem Korallensand (von Fischen und Brandung zerkleinerter Korallenkalk) bestehende flache Insel in der Lagune und nahe am Außenriff trägt ein dichtes grünes Kleid aus Mangroven. Das elende Wrack eines japanischen Trawlers liegt zwischen Motu und Außenriff auf den Korallenstöcken. Ich lasse mich auf dem Rückweg vom Passat treiben. Mit dem jungen Mann an der Bootsstation schwätze ich etwas. Er betreibt Wind- und Wellensurfen und letzteres am liebsten, wenn weit draußen ein Hurrikan tobt, weil dann die hohen Seen über das Riff in die Lagune schwappen.
Für den Abend habe ich polynesisches Dinner und Tanzvorführung im Edge Water Resort auf der westlichen Inselseite gebucht. Bei der Busfahrt komme ich mit einem Düsseldorfer Ehepaar ins Gespräch, und wir verbringen Dinner und Show am gemeinsamen Tisch. Das vielseitige warme Buffet ist Spitze, und die Show wird von fünf Frauen und Männern der Maori durchgeführt: Etwas noch von dem Kriegsgeschrei des Haka, wie in Neuseeland gesehen; aber es überwiegen sanfte und anmutige Tänze bei entsprechender musikalischer Begleitung. Auf der Rückfahrt platzt unserem Bus ein Reifen. Eine Stunde warten wir. Dann kommt ein Ersatzbus, und ich kann mich um Mitternacht erschöpft ins Bett fallen lassen.
Rarotonga, am 17. Mai
Vorgestern war ein Regentag, den ich mit viel Ruhe und Lesen verbrachte.
Da es gesternmittag aufklarte, paddelte ich in die Nähe des Außenriffs und dann nochmals zum Motu Koromiri. Dann wollte ich einmal segeln. Den kleinen klapprigen Katamaran des Resorts hatte ich gestern schon mißtrauisch in Augenschein genommen. Als ein junges Paar mit ihm auf der Lagune seine eleganten Kreuzschläge machte, erwachte mein Ehrgeiz. Der Junge brachte das Mädchen an den Strand zurück und war gleich bereit, zusammen mit mir weiterzusegeln. Wir drehten einige Runden in dem uns empfohlenen Bereich, in dem die Berührung von Korallen nicht zu befürchten war. Alle Manöver klappten - bis es plötzlich klapperte: Der Mast kam von oben und richtete mit durcheinander liegenden Wanten, Stag und Schoten ein schreckliches Chaos an. Wir waren in der Nähe des vom Resort weiter entfernten Motus. Ein Wiederaufrichten des Mastes wäre hier draußen unmöglich gewesen. So machten wir etwas Ordnung und warteten. Die Hilfe kam bald - der Düsseldorfer hatte mit dem Fernglas alles beobachtet und den Mann der Bootsstation alarmiert. Der kam sogleich mit einem Motorboot, um uns abzuschleppen.
Eine sternenklare Nacht mit dem Kreuz des Südens über dem Motu Taakoka ließ mich länger als sonst draußen verweilen. Ich ging dann an die Bar, wo ich ein langes Gespräch mit dem 18-jährigen Bryan aus Vancouver hatte. Er wächst mit drei Geschwistern in einem sehr reichen Elternhaus auf. Die herrschaftliche Villa steht in einem eineinhalb Hektar großen Park in einem Nobelvorort der Stadt. Trotzdem müssen alle Kinder für ihren Lebensunterhalt und ihre College- und Universitätsausbildung selbst sorgen. Bryan arbeitet sechs Monate im Jahr als Kellner (auch hier hilft er aus) in Australien und Neuseeland. Jede freie Minute muß er zum Studium nutzen. Also jahrelang keine Erholungszeit! Ganz schön stressig, sagte er. Sein Vater steht auf dem Standpunkt, ihm selbst sei in seiner Jugend auch nichts geschenkt worden, und wie man sehe, habe er etwas aus sich machen können. Alternative oder nur extremes Gegenbeispiel zur Versorgung deutscher Studenten?
Heute bezieht sich der Himmel mit einer hohen Stratusschicht. Bei entsprechend schlechter Sicht schnorchele ich um das Motu Taakoka herum und mache am Nachmittag nochmals meine lange Strandwanderung, von der ich mit sieben der sich hier herumtreibenden herrenlosen und lästigen Hunde zurückkehre.
Das Wetter gefällt mir nicht. Der Passatwind scheint gestört; es weht entgegengesetzt aus NNW, und es setzt auch Regen ein. Mit Leonore und Helmut, dem kinderlosen Ehepaar aus Düsseldorf, nehme ich abends teil an Dinner und Maori Tanzshow im Restaurant des Hotels. Da sie morgennacht nach Bora Bora weiterfliegen wollen, haben sie mich für morgenabend zum Abschiedsessen eingeladen in das in der Nähe liegende einzige Feinschmeckerrestaurant der Insel, ins Flame Tree.
Rarotonga, am 22. Mai
Vier Tage Schlechtwetter und Sturm auf Rarotonga! Es begann mit nördlichen Winden und Regenschauern. Die Schauer gingen in Dauerregen über, der an Intensität immer mehr zunahm. Der Wind schwoll an zum Starkwind. Als ich vorgestern mit dem Bus in Avarua ankam, um meine geschriebenen 23 Karten noch rechtzeitig für das zweimal wöchentlich verkehrende Postflugzeug einzustecken, mußte ich für die 200 m von Bushalte bis zur Post ein Taxi rufen. Der Regen stürzte wie aus Kübeln, und mein Schirm hätte dem Wind nicht standgehalten. Nach der Rückkehr ins Hotel schaute ich von der Bar aus gebannt mit dem Fernglas auf die über das Außenriff hinweg rollenden Brecher. Die neben mir durch die Decke gewachsene Kokospalme knarrte bei jeder Böe beängstigend in der Dacheinfassung.
Gestern ließ der Regen nach, aber der Starkwind steigerte sich zum auf Süd umspringenden Sturm. Die Kokospalmen hatten nicht mehr die gewohnten Pilzköpfe, sondern erschienen streng nach Norden frisiert. Abgerissene Palmwedel flogen horizontal durch die Luft. Man sah trotz der Entfernung das smaragdene Grün in den gewaltigen auf das Riff zurollenden Wellen. In das Brüllen der Brandung mischte sich plötzlich ein schreckliches Knattern: Das Segel des Katamaran mußte sich aus seiner Verzurrung am Mast gelöst haben. Das Wasser in der Lagune stieg langsam an. Der Strand war an vielen Stellen schon überflutet, und die Männer des Resorts errichteten Barrieren aus Sandsäcken vor dem Restaurant. Ich ging in mein nahe und niedrig gelegenes Häuschen, um meine Habseligkeiten im Rucksack zu verstauen.
In der letzten Nacht erreichte der Sturm seinen Höhepunkt. Das Wasser stieg bis an die Sandsackbarriere. Eine Boing 747 war in dieser Nacht schon im Landeanflug auf die Piste von Rarotonga und mußte im letzten Moment durchstarten. Sie ging dann zunächst nach Tahiti. Ein großer Katamaran, der in derselben Nacht in den Hafen von Avarua segeln wollte, lief an Rarotonga vorbei nach Aitutaki. Wie ich später dort von der Crew hörte, hatten sie in jener Nacht bei 50 Knoten Wind ihr Beiboot verloren, und der Autopilot war ausgefallen.
Heute endlich tritt Wetterbesserung ein. Wir liegen am Rand eines Antizyklon mit Kern über Brisbane. Ich miete mir einen japanischen Motorroller und fahre auf der 200 Jahre alten, noch von den Maoris aus Korallenkalk gebauten Straße einmal halb um die Insel. Dicht am 800 m hohen Gebirge und etwa fünfhundert Meter vom Ozean führt diese Straße durch fruchtbarste Plantagen. Papaya, Taro, Tapioka und Kokospalmen wachsen hier üppig. Auch Pandanus, Mango- und Flammenbäume sieht man häufig. Die meisten Frangipanibäume haben schon Blätter und Blüten abgeworfen.
Unterwegs treffe ich einen 45-jährigen Mann aus Osterode. Er ist vor achtzehn Jahren geschieden und hat sich seitdem sein Junggesellenleben gerichtet: Er ist Ingenieur, der sich als Baustellenleiter für Pipelineprojekte verpflichten läßt. Ist das Projekt abgeschlossen, reist er in die Südsee, um bei bescheidener Lebensführung auf vielen ihrer Inseln zu leben, solange sein Geld reicht oder bis der nächste Kontrakt in Aussicht steht. Rarotonga gehört zu seinen Lieblingsinseln, zumal er hier mit der Eignerin und Kapitänin eines Küstenfrachters befreundet ist, für die er die Schiffsmaschine instand hält und die ihn mitnimmt auf den Cargofahrten zu den benachbarten Inseln. Er erlebt auf diese Weise auch von der Welt fast abgeschnittene Atolle.
Rarotonga, am 23. Mai
Da ich morgen zu meinem zweitägigen Ausflug nach Aitutaki starten will, nutze ich den heutigen Tag noch für Spaziergang und Gespräche. Stephan und Kathren aus London gehörten zu den Passagieren der Boing, die in der Sturmnacht zunächst nach Tahiti umgeleitet werden mußten. Außerdem hatte das Flugzeug einen Maschinenschaden, der dort vor dem Weiterflug behoben werden mußte. George, Ozeanograph aus Oregon, führt mit mir seit seiner Ankunft vor einer Woche witzige Kurzgespräche; seine Frau Jane hält gut mit.
Am Nachmittag mache ich einen Spaziergang am Strand entlang. Wüst ist er zugerichtet in der Sturmesnacht. Alles mögliche Strandgut und vor allem von weither angetriebene Kokosnüsse sind über das Riff auf den Strand gespült worden.
Der Sturm ist vorüber, aber das Meer hat sich noch nicht beruhigt. Mächtige schwarzblaue Seen türmen sich draußen vor dem Riff auf, immer steiler werdend. Unmittelbar vor dem Überschlagen wird die vordem bedrohliche Welle plötzlich zu einer smaragdgrünen, gläsern wirkenden Schönheit, über der sich im gleichen Moment in ihrer gesamten Breite ein Band von weißem Wasserdampf löst, das wegen der Windstille nicht abgerissen wird sondern über der See verharrt. Dieser großartige Anblick währt nur den Bruchteil einer Sekunde,- dann nimmt die See eine hohle Form an und bricht fast im selben Augenblick mit einem Donnergetöse in sich zusammen. Statt der Welle erscheint nun ein weißer Gischtstreifen, der beim Vorwärtsrasen und Aufprall an den Korallenblöcken zu wilden Fontänen wird, die, ähnlich den vulkanischen Lavaausstößen, nach allen Seiten hin hochschießen.
Aitutaki (Cook Islands), am 25. Mai
Gesternmorgen bin ich auf diese zu den Cook Islands gehörende Insel, 250 km nördlich von Rarotonga, geflogen. Beim Anflug war gute Sicht, und da wir die etwa 50 Quadratkilometer große Lagune ganz überflogen, bekam ich einen ersten Eindruck von dem bevorstehenden großen Erlebnis. Ein Außenriff von solch einem Umfang und eine derartige Farbenpracht waren mir im Grand Barriere Reef nicht annähernd begegnet. Nach der Landung und dem Einchecken im Hotel wurde ich bald vom Bus zur Anlegestelle gebracht, von der aus das Boot für meinen gebuchten Schnorchelausflug starten sollte.
Als ich am von Kokospalmen gesäumten Ufer der Lagune mit der Gruppe und dem Schiffsführer ankam, war ich überwältigt von dem Anblick, der sich mir auftat, und mir entfuhr der Ausruf: My goodness, I got a lot of pictures of lagunes before,- but I could never imagine how beautiful it is in reality! Du stehst am weißen Strand und hast, so weit Du blicken kannst, die unbewegte, türkisfarbene Wasseroberfläche der Lagune vor Dir. Braune Felder darin rühren her von Korallenbänken, die sich innerhalb der Lagune ausbreiten. Die Brandung am auf Meershöhe gewachsenen Außenriff kannst Du wegen der großen Entfernung nicht erkennen. Dagegen erscheinen im gleißenden Sonnenlicht des fernen Horizontes, Fatamorganen gleich, hier und da Gruppen von bizarr aussehenden Kokospalmen, die sich auf flachen Motus der Lagune angesiedelt haben.
Das Boot ankerte an einem Korallengarten der Lagune, und beim Schnorcheln genoß ich den Anblick von bunten kleinen und größeren Tropenfischen. Die in den fernen Riffpassagen setzende Gezeitenströmung war bis hier deutlich fühlbar, und ich mußte acht geben, nicht an den dicht unter der Wasseroberfläche stehenden Geweih-, Gehirn- und Tellerkorallen entlang zu schrappen. Das Boot landete uns dann auf der One-Foot-Island an, wo ich nach dem Imbiß einen Marsch um das von Mangroven und Kokospalmen dicht bewachsene und unbewohnte Motu machte.
Auf der Bootsfahrt lernte ich ein junges Paar aus Vorarlberg und eine junge Stuttgarterin kennen, die schon in ihrem Alter eine ähnliche Weltreise wie ich machen, Europa aber noch nicht kennen. Das könne man im Alter immer noch bereisen und studieren, ist ihre mich nicht ganz überzeugende Meinung.
Am Nachmittag ging ich von meinem Hotel am Strand entlang nach Arutanga, dem Hafen von Aitutaki. Die Lagune ist hier schmal, flach und ihr Wasser trüb. Draußen vor dem nahen Außenriff und nicht weit von der Passage lag ein großes deutsches Passagierschiff, das nach festgelegtem Fahrplan Tahiti, Aitutaki, die Tonga- und Fidschiinseln anläuft. Im Hafen sprach ich mit dem japanischen Eigner und seiner englischen Mitseglerin von dem Katamaran, den es im Sturm vor wenigen Tagen nach hier verschlagen hatte.
Abends sah ich nach dem Dinner noch eine Tanzshow im Hotel. Das Aneinanderschlagen der Knie bei den Männern fiel mir bei den Kriegs- und auch bei den erzählenden Tänzen auf.
Heute miete ich mir einen Motorroller für eine Rundfahrt um die Insel. Hinter Arutanga endet die asphaltierte Straße. Ein teils schlüpfriger, teils mit Gras bewachsener Weg führt nun durch dichten Sekundärwald, in den oft kleine bebaute Flächen eingestreut sind. Mein Roller trägt mich zuverlässig durch die Halbwildnis; er bricht auf dem rutschigen Gelände zwar immer wieder aus, läßt sich aber dennoch aufrecht halten. Bitte in dieser Einsamkeit und dazu am Tag des Rückfluges nach Rarotonga keine Panne!
Ich komme nach einer Stunde an in New Jerusalem, einem Dorf von 35 Einwohnern, und folge einer Einladung in die Gemeinschaftsküche. Einen Mann und einige ältere Frauen treffe ich dort an. Eine bereitet das Abendessen vor, indem sie über im metallenen Behälter liegende heiße Steine in Blätter gewickelte Speisen schichtet. Es handelt sich um eine modernere Version des Umu (Erdofen). Eine andere Frau preßt mit Hilfe eines Tuches aus in Wasser eingeweichten Kokosraspeln eine sämige Flüssigkeit, die Kokossahne. Die im Tuch verbliebene Kokosmasse wird nochmals eingeweicht und ausgepreßt. Das Produkt ist eine Art Kokosmilch, und der Rest findet als Schweinefutter Verwendung. Man bietet mir Papaya mit Kokosschnitzeln an, und die Gemeindeälteste erzählt mir: Dieser Ort ist erst vor sieben Jahren von ihrer jungen christlichen Sekte gegründet worden. Sie haben ihre Häuser, Wirtschaftshütten und Kirche selbst gebaut und dazu die auf ihrem Grund wachsenden Kokospalmen verwendet. Deren Stämme dienen als Stützpfeiler und daraus geschnittene Teile als Dachsparren und Wandpfosten, die Palmblätter als Wandbehang und zur Dacheindeckung. Sie ernähren sich überwiegend vegetarisch aus dem, was ihr Land hervorbringt und zusätzlich von Hühnerfleisch, Eiern und den Fischen, die ihre Männer (sie sind gerade zum Fischfang draußen) aus der Lagune heimbringen. Den Verzehr von Schweinefleisch lehnen sie ab, ebenso Tabak, Alkohol, Kaffee und jegliche Produkte der Pharmaindustrie. Sie gehen weder zum Arzt noch ins Hospital. Geld brauchen sie nicht. Sie wirken gesund und zufrieden.
Ich verlasse diesen Ort, in dem ich Anklänge an die christliche Urgemeinde zu sehen meine.
Im dichten Wald treffe ich einen groß gewachsenen, bärtigen Mann von heller Hautfarbe. Ich stelle meinen Motorroller ab und komme in ein längeres Gespräch mit ihm. Er kam einst aus Europa, hat inzwischen aber ganz die Lebensformen der Hiesigen angenommen. Er züchtet Schweine, die er im Wald aufwachsen läßt. Er kennt sich aus in der Heilwirkung der Pflanzen. „Sieh Dir meinen Oberschenkel an! Ein Eber hat mir hier eine tiefe Wunde geschlagen, die stark blutete. Ich wäre nicht mehr ins Dorf zurückgekommen. Deshalb band ich das Bein ab und preßte den Saft von Blättern eines Baumes auf die Wunde, dessen blutstillende und heilende Wirkung ich kannte. Die Wunde heilte rasch, und nicht einmal eine Narbe blieb zurück.“
Der Mann macht im Augenblick gewaltigen Umsatz: In seinem Dorf ist ein geachteter Alter gestorben und vorgestern beerdigt worden. Zu den auch die nächsten Tage noch andauernden Trauerfeierlichkeiten wird ein großer Teil seines Schweinebestandes verzehrt werden.
Ich erfahre, daß Arrowroot (Pfeilwurz), Taro, Tapioka (dasselbe wie Maniok und Cassava) und die Brotfrucht zu den Grundnahrungsmitteln dieser Insel gehören. Tapioka ist eine mehrjährige, bis zu 5 m hohe Staude, deren der Rübe ähnliche Knolle 50 cm lang und mehrere Kilo schwer werden kann. Taro ist ein Aronstabgewächs und ebenfalls eine Stärkeknolle mit ringförmigen Blattnarben und bis zu 4 kg schwer. Seine großen herzförmigen Blätter geben im gekochten Zustand einen köstlichen dunkelgrünen Spinat ab solange sie jung sind. Die kaugummiartige Masse der Brotfrucht muß zunächst breitgeklopft und dann, in Scheiben geschnitten, gekocht werden. Nutztiere sind Schweine, Hühner, Ziegen und (seltener werdend) Pferde.
Mir fiel ein, wie schnell eingeführte Tiere (ähnlich den eingeführten Pflanzen) zur Gefahr für den endemischen Bestand werden können: Schweine und Ziegen, Hunde und Katzen auf den Galapagos Inseln; der etwas über amselgroße Mynah Bird, der zur Bekämpfung eines Schädlings der Kokospalmen aus Indien in ganz Ozeanien eingeführt wurde und danach sogleich seine Ernährung umstellte: Heute verdrängt der dreiste und streitbare Vogel die einheimische Vogelwelt vieler pazifischer Inseln vom südlichen bis zum nördlichen Wendekreis; Kaninchen, nach Australien als jagdbare Tiere eingeführt und dann als Schädlinge der Weidegründe mit Seuchen bekämpft; eine Kröte, zur Bekämpfung eines Zuckerrohrschädlings nach Australien eingeführt, änderte ihre Lebensgewohnheit und richtet heute nur noch Schaden an; und nach den Fidschis eingeschleppte Mungos und nach Neuseeland als Pelztiere verbrachte Opossums vermehren sich unkontrollierbar.
Rarotonga, am 27. Mai
Nach dem Rückflug von Aitutaki bei guter Sicht kam ich vogesternabend hier wieder an. Den gestrigen Tag machte ich meinen üblichen Strandgang. Gedanklich arbeitete ich auf, was ich über tropische Vegetation mir einprägen wollte. Der Banyan Tree (Ficus Bengalensis) war seit Indien immer gegenwärtig. Er ist ein Baumwürger, der sich ins Geäst seines Wirtsbaumes aussamen läßt und diesen dann allmählich durch herunter gelassene Luftwurzeln erdrosselt. Einige der 600 Arten von Pandanus habe ich auch auf den Cook Islands gesehen. Papaya, Mango, Ananas, Ingwer sind ebenfalls weit verbreitet. Heliconien und Strelitzien kommen auf den Hawaiinseln häufiger vor. Außerdem die auch im übrigen asiatischen Raum vorkommenden Frangipani, Hibiskus, Bougainville, Flame Tree (Flamboyan), Afrikanischer Tulpenbaum.
Heute lege ich einen Ruhetag ein, denn ich habe einen sechsstündigen Nachtflug nach Honolulu vor mir, an den sich noch anschließt der vier Stunden nach Ankunft erst abgehende Weiterflug nach Big Island (Hawai).
Ich habe mich wohl gefühlt auf den Cook Islands. Hier dominieren, im Unterschied zu Neuseeland, die Polynesier, die zudem ein recht gutes Englisch sprechen. Sehr positiv habe ich hier überall- nicht nur in New Jerusalem- erfahren, wie sich die einheimische Bevölkerung geborgen fühlt im christlichen Glauben. Hier wird Christentum noch gelebt, und Kirche und Glaube sind noch eine Einheit.
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