Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Neuseeland (27. April - 14. Mai 1996)

Queenstown (Südinsel) im Quality Hotel, am 28. April
Auf dem Flug von Sydney nach Christchurch mit einer Boing 747 wies man mir einen Platz in der ersten Klasse (unter dem Cockpit der Piloten) zu, weil Business Class überbelegt war. Ein unglaublicher Raumluxus: Rückenlehne und Fußstütze können so verstellt werden, daß aus dem Sitz ein Bett wird. Neben mir saß ein Ehepaar, etwas jünger als ich. Beide tranken unentwegt Champagner. Er lallte, wie der Butler im Sylvesterfilm „Ihr 90. Geburtstag“: Germany beautiful. Wegen weiterer Sprechschwierigkeiten übergab er mir einfach seine Visitenkarte. Ich las: Ross Fast, Managing Director of Southern Shipping Co. Seine Frau entschuldigte ihn charmant,“he got a big stroke“.
Die Küste der Südinsel tauchte auf, und man sah die von Schnee und Eis bedeckten Gipfel der an 4.000 m hohen Gletscher der Südalpen. Nach Überfliegen des Gebirges sah ich die weiten Ebenen um Christchurch unter mir. Die zahlreichen Wasser führenden Flußläufe fielen mir auf.
Auf dem Airport von Christchurch passierte ich ohne Verzögerung Paß- und Zollkontrolle und konnte mir auch noch Landeswährung eintauschen. Dann wurde auch schon mein Weiterflug aufgerufen, und eine knappe Stunde später landete meine Maschine in Queenstown bei angenehmer spätsommerlicher Witterung. Werner empfing mich schon auf dem Rollfeld. Nach herzlicher Begrüßung wurde sogleich der Tagesplan für heute geschmiedet: Das für sechs Tage gemietete Auto bei Hertz abholen, den Südarm des Lake Wakatipu unterhalb der Gebirgskette Remarkabels entlang bis Kingston und wieder zurück ins Hotel fahren. Ich bekam auf der Fahrt den ersten Eindruck von der Dominanz der Natur in einem dünn besiedelten Land. Neuseeland hat nur 3,6 Mio. Einwohner, und das normalerweise überfüllte Queenstown steht erst vor Beginn der Wintersaison.
Heute haben wir nun das typische Wetter für diesen Teil der Südinsel. Es weht ein frischer West, und es regnet von morgens bis abends. Trotzdem halten wir an der Planung fest, in den nächsten fünf Tagen mit dem Wagen an der Westküste der Südinsel nach NO zu fahren. Wir kaufen Proviant ein, Wurst, Käse, Brot, Obst und Mineralwasser. Danach fahren wir nach Arrowtown, der Goldwäscherstadt während des Booms 1861. Dort besuchen wir die katholische Kirche und das Museum. Nachmittags gehen wir in den Zoo, in dem zwei fast unbewegliche Kiwis herumdösen, die einzigen, die ich auf meiner Reise überhaupt zu sehen kriege. Den frechen Kea (Papagei) lerne ich kennen. Die drei hier vorkommenden Arten von Südbuchen versuche ich mir einzuprägen, da sie uns in den nächsten Tagen in den Küstenwäldern oft begleiten werden: Red Beech, Silver Beech, Mountain Beech.
Danach fahre ich mit der Gondola (von der österr. Firma Doppelmayer) auf den 790 m hohen Peak, von dem aus ich einmal für eine Minute einen (auch auf dem Foto festgehaltenen) Blick auf die 340 m hoch gelegene Stadt und den Lake Wakatipu habe. In dem hier oben gezeigten Film „Kiwi Magic“ erlebe ich die Aktivitäten dieser vitalen Stadt in der Saison: Flüge mit Hubschrauber und Doppeldecker durch die Canyons, Paragliding, Deltaflug, Rafting, Jet Boating, Bungee Jumping in die Schlucht.
Haast an der Tasmanischen See (Südinsel), am 29. April
Heutemorgen regnet es nicht in Queenstown. So entscheiden wir uns für den etwas abenteuerlichen Hwy. 89, der in Serpentinen über die Crown Range und durch eine schottisch anmutende Landschaft mit grasbewachsenen Bergkuppen führt. Kühe und Schafe weiden noch draußen. Auf der Paßhöhe beginnt es leicht zu schneien. Wir fahren an den beiden Seen Wanaka und Hawea entlang, danach über Macarora weiter zum Haastpass.
Inzwischen ist dichte Bewölkung aufgekommen. Der ausfallende Niederschlag geht mit zunehmender Höhe in Schnee über, und der nunmehr unsere Straße säumende Regenwald bekommt ein weißes Kleid. Werner und ich sind uns einig, daß wir notfalls umzukehren versuchen werden, bevor wir auf dieser kaum befahrenen Straße hängen bleiben. Inzwischen liegt tatsächlich auf der Fahrbahndecke eine gute Handbreit Schnee, aber als wir die Paßhöhe (570 m) erreichen, haben wir das Spiel gewonnen. Auf der anderen Seite des Haastpasses fällt nur Regen, der allerdings bei gleichzeitig einsetzendem Starkwind so dicht wird, daß wir anhalten und ein Picknick im Wagen einnehmen.
Es hört auf zu regnen. Wir fahren weiter und machen nach einer weiteren Stunde erneut eine Pause, um einen Erkundungsgang durch den dichten Regenwald am breiten Haast R. zu machen. Die Vegetation wird hier bestimmt von Südbuchen, Farnbäumen und Epiphyten, die sich bis in die Baumkronen hoch ranken.
Da es beim Erreichen von Haast wieder stark regnet, gehen wir nur ins Visitor Center und verzichten auf den Gang an die Tasman Sea.
Franz Joseph Glacier an der Tasman Sea (Südinsel), am 30. April
Die letzte Nacht war sternenklar, und das Kreuz des Süden stand hoch über uns. Die Morgensonne verlockte zur Fahrt ans Meer und zum Spaziergang am Strand.
Danach setzen wir unsere Autoreise fort: Über den Haast River und dann auf der erhöht über der sumpfigen Umgebung angelegten Küstenstraße durch dichte Regenwälder. Immer wieder überqueren wir Flüsse und Bäche auf meist einspurigen Brücken. An einem Parkplatz halten wir.
Wir gehen auf hochgeständerten Holzbohlen in den Sumpfwald. Ein Creek rauscht in der Nähe, und ab und zu ertönen die Rufe des kleinen Bellbird und des Tui, eines Honigessers (etwas größer als unsere Amsel) mit gekrümmtem langen Schnabel. Farnbäume und Büsche sind von Moosen und Flechten überzogen, aus deren dichtem Gewebe ständig Wasser wie aus einem Schwamm tropft. Kahikatea Bäume, die in Neuseeland endemisch sind und die bis 60 Meter hoch und 600 Jahre alt werden, stehen im Sumpf mit anderen Baumarten und schirmen uns gegen das Sonnenlicht so ab, daß hier unten geheimnisvolles Dämmerlicht herrscht. Und das, was wir hier erleben, ist primärer Wald, seit unvordenklicher Zeit unverändert in seinem Charakter. Wie segensreich sich doch die bis heute geringe Bevölkerungsdichte der Südinsel auf die Pflanzenwelt auswirkt!
Auf einem anderen Blatt steht die Bedrohung der Flora durch Opossums. Diese sich vom Blattwerk der Bäume ernährenden Tiere wurden einst von den Siedlern eingeführt wegen ihrer damals wertvollen Pelze. Inzwischen lohnt die Jagd auf Opossums nicht mehr. Man schätzt den Bestand auf 70 Mio. Exemplare, die die Vegetation gefährden.
Auf der anderen Straßenseite, zum Meer hin, gehen wir einen perfekt geführten Weg durch Dünen zu einer Lagune und an den Meeresstrand.
In Fox Glacier erfahren wir, daß hier für heute alle Gletscherflüge abgesagt sind wegen labiler Wetterlage. Also fahren wir weiter nach Franz Joseph Glacier, wo wir uns in der Präsidentensuite des Terrace Motels einlogieren.
Hokitika an der Tasman Sea (Südinsel), am 1. Mai
Auf eine sternenklare Nacht in Franz Joseph Glacier folgt ein sonniger Morgen. Ideal für Gletscherflug! Wir starten mit dem ersten Helikopter und sind sehr bald schon über den Schneefeldern, Gletscherbrüchen und Gletscherströmen von Fox-, Franz Joseph-, Cook- und Tasman-Glacier. Nach dem Überqueren von dunklen Gletscherspalten landen wir auf einem Schneefeld vor dem weißen Massiv der Spitze des Mt. Cook, mit 3.764 m der höchste Berg Neuseelands. Wir steigen aus und vertreten uns im grell vom Gletscher reflektierten Sonnenlicht die Beine.
Nach dem Rückflug machen Werner und ich noch einen kleinen Marsch in den in der Nähe des Hotels liegenden Wald. Danach setzen wir unsere Fahrt auf dem Hwy. 6 an der Westküste entlang fort. 150 km haben wir heute vor uns. Anfangs fahren wir weiter durch Regenwald, ständig Flußläufe überquerend. Dann kommen wir in die Rodungsgebiete, wo auf Weiden Rinder, Schafe und Rotwild gehalten werden. Ich habe ein Gespräch mit einem Farmer, der seinen Beruf gern ausübt und das Glück hat, daß einer seiner vier Söhne die Farm einst übernehmen möchte.
Auf der Fahrt haben wir mindestens dreißig auf der Straße liegende überfahrene Opossums gesehen. Nach der Ankunft in Hokitika nehmen wir ein Quartier am Meer und machen noch einen ausgedehnten Gang am Strand, wo ich den Sonnenuntergang abwarte. Ich freue mich, daß Werner und ich soviel Spaß an der gemeinsamen Fahrt haben; wir verstehen uns sehr gut, und immer geht es fröhlich und kurzweilig zu.
Punakaiki bei den Pancakes an der Tasman Sea (Südinsel), am 3. Mai
Gesternmorgen hatten wir uns viel Zeit gelassen. Nach dem Frühstück wanderten wir am tobenden Meer entlang, bummelten durch das auf Fremdenverkehr eingestellte Hokitika und verweilten im Aquarium, bis Ranger Bob die Aale fütterte, wobei er sich in Taucherausrüstung zu den Fischen ins gläserne Becken begab. Vorher hatte er uns informiert über die Lebensweise von Crayfish (Languste), Lobster (Hummer), von Haien und Aalen, die 100 Jahre alt werden können. Die Aale Neuseelands ziehen zum Laichen nach den Tonga Inseln in der Nähe des südlichen Wendekreises. Danach sterben sie dort, und die Jungen kommen zurück in die Flüsse und Seen Neuseelands, wo die Eltern lebten. Hier spielt sich also dasselbe Phänomen ab, was wir aus Europa kennen: Die Aale ziehen zum Laichen ins Sargossa-Meer im Atlantik, in der Nähe des nördlichen Wendekreises gelegen. Die geschlupften Jungaale schwimmen mit dem Golfstrom nach Osten, um die europäischen Gewässer der Alten aufzusuchen.
Lange Zeit stand ich vor dem kleinen Becken, in dem Seepferdchen mit Hilfe ihrer hauchdünnen Rückenflosse, der winzigen Kiemenflosse und Nasenflosse grazil und zugleich possierlich in aufrechter Lage sich langsam durchs Wasser bewegen.
Anschließend verbrachten wir geraume Zeit in einem Geschäft, in dem Jadeschmuck und Holzschnitzarbeiten aus Kahikatea (von der Südinsel) und Kauri (aus stark dezimierten Wäldern der Nordinsel) angeboten wurden.
Während der Weiterfahrt über Greymouth und den nachgebauten Goldgräberort Shantytown nach Punakaiki änderten wir unsere Reiseplanung. Nicht mit dem Auto, sondern mit dem Zug, dem Transalpin, wollten wir übers Gebirge nach Christchurch auf die östliche Seite der Südinsel fahren.
Hier im direkt an der Tasmanischen See gelegenen Bungalow bereitete Werner eine Bohnensuppe mit Würstchen zum Abendessen, wozu ich einen Neuseeländischen Cabernet Sauvignon aus Hawkes Bay (Nordinsel) kredenzte.
Heutemorgen nutzen wir das für die Jahreszeit wieder einmal ungewöhnlich gute Wetter für einem Spaziergang am Strand entlang, bis ein breiter, ins Meer mündender Fluß uns den Weg versperrt. Danach gehen wir zu den Blowing Holes der Pancakes: In dem pfannkuchenartig geschichteten Gestein haben sich unter der Meeresoberfläche Gänge gebildet, in die die anbrandende See Wasser mit solchem Druck hineinpreßt, daß es wie die Fontänen der Geysire aus den oben mündenden Löchern 10 Meter hoch herausfaucht.
Anschließend begehen wir den Truman Walk auf wohlbereitetem Weg durch dichten Regenwald bis ans Meer, wo wir lange das Schauspiel der an die Felsen heranbrandenden Wellen genießen. Wir wollen jetzt nach Greymouth zurück fahren.
Greymouth an der Tasman Sea (Südinsel) im Holiday Park, am 4. Mai
In diesem Motel am Rande des Städtchens mit 10.000 Einwohnern sind wir gesternnachmittag angekommen. Einen langen Marsch machten wir in den Ortskern, um in einem Cafe einen späten Lunch zu nehmen. Am Meer entlang wanderten wir zurück ins Motel, wo wir nach Sonnenuntergang ankamen. Die kleinen Sandfliegen, mit denen wir schon in den letzten Tagen Bekanntschaft gemacht hatten, waren hier besonders ekelhaft. Sie fielen über Gesicht, Nacken und Arme her und hinterließen dauerhaft juckende Stiche.
Heutemorgen genießen wir ein selbstbereitetes Frühstück, begleitet von witzigen Bemerkungen von beiden Seiten. Man merkt es, wir sind gut ausgeschlafen, was nach zehn Stunden Nachtruhe auch kein Wunder ist. Die fünfte Nacht haben wir nun schon an der Küste der Tasmanischen See verbracht, und niemals haben die starken Brandungsgeräusche unseren Schlaf stören können. Gleich nach dem Frühstück brechen wir in das Zentrum von Greymouth auf, um den Mietwagen bei der Filiale von Hertz zurückzugeben und den Zug nach Christchurch zu besteigen.
Christchurch (Südinsel) im Quality Central Hotel, am 5. Mai
Die Zugfahrt gesternnachmittag ging in viereinhalb Stunden quer über die Southern Alps an Flüssen entlang, über Schluchten hinweg und über den 730 m hohen Arthur´s Pass in das flache Agrarland der Landschaft Canterbury. Unser Gegenüber im Abteil war ein aus Wien gebürtiger Arzt, der seit 12 Jahren Neuseeländer ist und auf der Südinsel seinen Beruf ausübt. Er berichtete aus der jüngsten Sozialgeschichte des Landes: In Neuseeland sind einst in Boomzeiten die Sozialleistungen erheblich ausgeweitet worden. Als die Rezession begann, waren diese Leistungen nicht mehr finanzierbar und mußten stark zurückgefahren werden. Das bedeutete für das Volk einen bis heute spürbaren schmerzhaften Eingriff. Ich mußte an die BRD denken, der das alles noch bevorsteht. Früh sind wir schlafen gegangen.
Heute gehen wir durch die sehr englisch wirkende City mit Natursteinbauten im neogotischen Stil, an der Canterbury Universität vorbei und in den schon herbstlich verfärbten Park. Hier stehen mächtige Sequoias, Zedern, Zypressen und viele europäische Bäume wie Eichen, Birken, Linden und Ulmen; selbst einen Erdbeerbaum entdecke ich, wie er auch auf Mallorca heimisch ist. Im Museum ist der schon von den vor tausend Jahren eingewanderten Maoris ausgerottete Moa nachgebildet, ein Vogel von 3 m Höhe.
Mittags geht`s mit dem Bus zur Gondola, mit der wir auf die Kraterwand eines ehemaligen Vulkans auffahren. Von dem obenstehenden Restaurant aus haben wir einen weiten Blick über die große Ebene von Christchurch, auf die Berge im Inselinnern, deren Gipfel von Wolken verhüllt sind, und auf das unter uns liegende Lyttleton, den ganz abseits liegenden Hafen von Christchurch. Nach Osten erstreckt sich der weite, bis zur etwa 10.000 km entfernten chilenischen Küste reichende Pazifik.
Unser Mittagessen auf der Bergstation wird musikalisch aufgewertet von einer im Schnuckenack-Stil spielenden Violinistin und einem Gitarrespieler. Am Nachmittag bummeln wir noch etwas durch die Stadt.
Wellington (Nordinsel) im James Cook Centra Hotel, am 7. Mai
Mit dem Costal Pazific fuhren wir gesternmorgen um 7 Uhr vom Bahnhof in Christchurch ab, um durch flaches Weideland mit Rindern und Schafen und über zahlreiche breite Flüsse bis Kaikoura zu gelangen, wo eine Fahrpause eingelegt wurde. Dieser Ort liegt auf einem weit vorspringenden Kap der Ostküste und ist Ausgangspunkt für Flüge und Bootsfahrten zur Beobachtung der hier vorbeiziehenden Wale. Auf der Weiterfahrt kamen wir immer öfter an Weinfeldern vorbei, auf denen der Chardonnay wächst.
In Picton stiegen wir auf die große Fähre um, die durch den Marlborough Sound fährt und dann die in nordsüdlicher Richtung verlaufende Cook Strait quert, um in die geschützte Bucht von Wellingon auf der Nordinsel einzulaufen. Auch diese Überfahrt war von gutem Wetter mit Sonnenschein und Windstille begünstigt. Ein Gang durchs Hotel auf den drei Stockwerke tiefer liegenden rückwärtigen Lambton Quai, bis an den Lambton Harbour und danach ein lukullisches Buffet Dinner beschlossen den Tag.
Heute erschließen wir uns das auf steilen Hügeln errichtete Wellington, Hauptstadt von Neuseeland, in dem ehrwürdige victorianische Gebäude bunt gemischt zwischen den modernen Hochhäusern stehen. Zum Beehive (Bienenkorb), dem modernen runden Parlamentsgebäude und den beiden Regierungsgebäuden daneben spazieren wir; mit der Cable Car fahren wir auf zum Botanischen Garten mit Blick auf die weite Hafenbucht; mit dem Bus geht es auf den Mt. Victoria, von wo aus der Blick über die Bucht, die meisten der an Gebirgsrippen gebauten Stadtteile Wellingtons, zum am Buchteingang liegenden Airport und weit über die Cook Strait schweift. Regenfahnen erscheinen an den Rändern der Bucht, und wir fahren mit dem Bus durch die Vorstadt mit den weiß oder blau gestrichenen Holzhäusern zurück in die City. Am Segelhafen steigen wir aus und gehen auf der den Hafen säumenden Straße über das Civic Center zurück ins Hotel. Im Bistro The Opera haben wir unseren Lunch bei Opernmusik eingenommen, und heuteabend tafeln wir im nur einen Sprung vom Hotel entfernten Plimmer House, einem winzigen alten Spitzgiebelhaus zwischen modernen Gebäuden.
Rotorua (Nordinsel) im Novotel, am 9. Mai
Gesternmittag kamen wir in diesem im Landesinnern liegenden Städtchen an. Es ist bekannt durch seine Lage in der Nähe z.Zt. ruhender Vulkane, seine Geysire und das hier gepflegte Brauchtum der Maoris. Unser erster Gang führte uns an den Lake Rotorua vorm Hotel und zum Bath House, ein um die Jahrhundertwende inmitten stinkender Fumarolen im Tudorstil errichtetes Badehaus. Es ist heute Museum, in dem ich mir die gesammelten alten Holzschnitzereien der Maori an Hausgiebeln und Booten ansah. Eine Dokumentation über den Ausbruch des nahe gelegenen Tarawera im Jahr 1886 interessierte mich ebenso.
Heutemorgen gehen wir als erstes in das nahe liegende alte Maoridorf Ohinemutu, dessen Hütten und Häuschen noch bewohnt werden. Die kleinen Geysire hier werden als Kochstellen und Waschanlagen genutzt. Das Versammlungshaus der Maori ist auf dem ehrwürdigen Grund des alten Marae wiedererrichtet. Das Kirchlein ist umgeben von auf die Erdoberfläche aufgemauerten Grabnischen. Die Gräber können nicht in das Erdreich eingelassen werden wegen der den Untergrund durchziehenden heißen Wasseradern.
Weiter gehen wir zum Whakarewarewa, einem großen Feld am Rande des Städtchens mit zahlreichen Geysiren, Fumarolen, blubbernden grauen und braunen Schlammlöchern, brodelnden Pools und mehrfarbig gesinterten Überlaufbecken. Im Zentrum des Feldes liegen die in bestimmten Rhythmen bis zu zwanzig Meter hoch spritzenden Geysire. Im nachgebauten Versammlungshaus erleben wir den Haka, den Kriegstanz der Maori, der zur Abschreckung der Feinde gedacht ist. Die nur mit einem Lendenschurz bekleideten Männer springen mit ihren Speeren unter Ausstoßung tierischer Schreie herum, stampfen mit den Füßen und nehmen fürchterliche Drohhaltungen ein; dabei verziehen sie die Gesichter zu teuflischen Grimassen und lassen die weit herausgestreckten Zungen aufund nieder tanzen.
Auch Liebestänze werden vorgeführt, von Gesang und Gitarrenmusik begleitet. Die dabei wellenförmig bewegten und in sich vibrierenden Hände scheinen die Unendlichkeit des Ozeans auszudrücken, der immer das Schicksal der vielen Maoristämme nachhaltig bestimmt hat. Wir erfahren später, daß Rotorua der einzige Ort Neuseelands ist, wo sich Maoris und die später eingewanderten Europäer gut verstehen und einig sind in dem Bemühen um die Erhaltung der Maorikultur.
Auch auf mich machen die in Rotorua lebenden Maoris einen selbstbewußten und glücklichen Eindruck, und sie sind freundlich in ihrem natürlichen Umgang mit den Pakeha (Weißen). Schön wäre es, wenn sich dieses selbstverständliche Miteinander von Maori und Pakeha eines Tages auf ganz Neuseeland erstrecken würde. Dann könnten die beiden Kulturkreise vielleicht nebeneinander vital existieren. Eine sachliche Grundlage für eine solche Chance ist der 1848 zwischen dem UK und den Stammeshäuptlingen der Maori geschlossene Vertrag von Waitangi. In den fünf Sätzen des Vertrages ist bestimmt, daß sich die Maori dem Schutz der englischen Königin unterstellen, das Land aber ihnen gehört.
Wenn ein Interessenausgleich nachhaltig möglich sein sollte, käme es nicht zu der verkrampften Aufrechterhaltung von altem Kulturgut der Eingeborenen, wie sie mich peinlich berührt hat in Australien. Denn schon in der nächsten Generation wird der Zeitpunkt absehbar sein, zu dem es keinen Aborigene mehr gibt, der mit den Bräuchen seiner Vorfahren und den Traumzeitgeschichten vertraut ist.
Am Abend nehmen wir an einem Hangi teil, einem Festessen im Stil der Maori, dessen Speisen im herkömmlichen Erdofen gegart sind. In ein Erdloch werden aufgeheizte große Steine gefüllt und mit einer dicken Schicht von großen Blättern bedeckt. Darauf werden Fleisch und Gemüse nach einem bestimmten System geschichtet und das Ganze wird nochmals mit Blättern abgedeckt. Dann wird ein etwa einen halben Meter dicker Sandhaufen darüber geschaufelt. Nach etwa zehn Stunden sind die Speisen im eigenen Saft gegart und werden ausgegraben.
Am großen runden Tisch mit uns sitzt eine Thaifamilie. Nach dem Essen werden Maori-Tänze vorgeführt, die wir nun gründlich studiert haben.
Morgen haben Melitta und ich unseren 36.(!) Hochzeitstag. Ein Fax werde ich deshalb morgen noch hier abfassen, damit ich es gleich nach der Ankunft in Auckland absenden kann.
Auckland (Nordinsel) im Carlton Hotel, am 12. Mai
Vorgestern hatten wir auf dem kurzen Flug nach hier gute Sicht. Rechts sah man Pazifikküste, und unter uns wechselten Mittelgebirge und Ebenen mit Kiwi-Plantagen einander ab. Als wir uns Auckland (1 Mio.E.) näherten, hatten wir einen guten Überblick über die Lage dieser ausgedehnten Stadt zwischen dem am Pazifik gelegenen Hauraki Golf mit dem Waitemata Harbour und dem an der Tasman Sea liegenden Golf. Nur eine schmale Landbrücke verbindet zwischen beiden den nördlichen mit dem südlichen Teil der Nordinsel.
Gesternmorgen bin ich mit Werner vom Hotel zum nahen Fährhafen gegangen, und wir haben uns von dem Fährschiff auf die kleine Vulkaninsel Rangitoto im Hauraki Golf übersetzen lassen. Auf dem durch noch ganz junges Lavageröll führenden Weg sind wir auf den 230 m hohen Gipfel gestiegen, der einen guten Ausblick auf Downtown von Auckland und über den Hauraki Golf mit einem auseinandergezogenen Regattafeld von Segelschiffen bot. Eine Mangrove, der Pohutakawa-Baum, siedelt als erste Pflanze in der Lava.
Im nachmittags besuchten Aquarium, das außerhalb Downtown am Golf liegt, ist der 300 Meter lange Unterwassertunnel die Hauptattraktion: Mantarochen und große Haie zogen neben und über uns ihre Bahn, Langusten kletterten langsam in Felsklüften, Muränen lauerten in kleinen Höhlen, und ein gründlicher Beobachter konnte auch hier und da einmal einen bewegungslosen Steinfisch auf einem Fels sitzen sehen. Als wir das Aquarium verließen, war es schon dunkel geworden. Ein freundlicher Fahrer, der auf eine japanische Gruppe wartete, hieß uns in seinen Bus einsteigen und unauffällig im hinteren Teil Platz nehmen.
Den Abend beschlossen Werner und ich mit dem üblichen Umtrunk, diesesmal in der Hotelbar im 12. Stock mit Blick über die nächtliche Downtown. Werner, der jetzt als freiberuflicher Krisenmanager die Unternehmer von wirtschaftlich bedrohten Betrieben berät, erzählte Stories aus seinem Beruf, die er mit fränkischem Humor würzte. Einmal hatte er es mit einem absolut unfähigen Firmeninhaber zu tun. Werner empfahl ihm kurzerhand, er solle doch einen Monat in Urlaub gehen und ihn allein schalten lassen; sonst werde aus einer Sanierung nichts.
Heute gehen wir zum in einem Park auf einer Anhöhe gelegenen Museum, wo mich am meisten die hervorragende Ausstellung von alten Häusern, Booten und Schnitzereien der Maori interessieren. Nach einem Abstecher auf den Mt. Eden gehen wir zum Hafen, wo Werner die Fähre zur im Golf liegenden Insel Waiheke nimmt.
Ich mache mit Skipper Barry, seiner Crew von jungen Hiwis und drei weiteren zahlenden Gästen eine dreistündige Segelfahrt durch Waitemata Harbour auf einer Gaffelketsch. Im Gespräch mit der Mannschaft über die Bezeichnung der einzelnen Segel in unseren Sprachen erkläre ich, die Gib heiße auf deutsch Fock. Man nimmt das höchst erstaunt zur Kenntnis und bedeutet mir, dieses Wort bitte in keinerlei Zusammenhang zu benutzen.
Bob informiert mich, daß die Polynesier auf großen Katamaranen gesegelt sind, wenn sie im Pazifik eine als neue Heimat geeignete Insel suchten. Sie führten Haustiere und Pflanzen, Pflanzensamen und Kokosnüsse auf der Reise mit sich. Nur bei Kriegszügen verwendeten sie ihre schnellen Ruderkanus, die mit bis zu hundert Männern besetzt waren. Die nördlich vom Äquator lebenden Mikronesier hätten dagegen Outrigger benutzt, Boote mit nach Luv ausgestelltem zusätzlichen Schwimmkörper. Der Segelmast war versetzbar, und das Boot konnte dadurch in der Art umfunktioniert werden, daß das Heck nunmehr zum Bug wurde.
Auckland (Nordinsel), am 13. Mai
Heute, an unserem letzten vollen Tag in Neuseeland, scheint die Sonne; es ist spätsommerlich warm, keine Spur von herbstlicher Witterung. Werner und ich gehen vorbei am Museumspark in den Stadtteil Parnell, der auf einem Hügel am Hauraki Golf liegt. Es ist ein anheimelnder, charmanter Nobelort. Hübsche und zugleich etwas skurrile, weiß gestrichene Holzhäuser stehen an der Hauptstraße. Den Ortskern beherrscht die St. Stephen`s Chapel, das 1864 errichtete Holzkirchlein. Schicke Cafes locken einladend, und in den Auslagen der zahlreichen Boutiquen sieht man Kleidung, Schmuck und alle möglichen Accessoires im europäischen Geschmack. Elegant gekleidete schöne Damen und hübsche Mädchen flanieren auf den Gehsteigen, und Männer in hellem, sportlichem Dreß fahren in englischen Kabriolets auf den Straßen. Wir fühlen uns wohl in diesem Wohnbezirk Aucklands, der von verfeinerter europäischer Lebensart geprägt ist.
Über den Rosengarten und die Uferpromenade kommen wir zurück an die Quais von Downtown. Zeit ist´s inzwischen für unseren letzten gemeinsamen Lunch. In dem im ersten Stock gelegenen Kerdamec gegenüber vom am Wasser liegenden Maritim Museum suchen wir uns einen Tisch in der Sonne. Ausschließlich sportlich wirkende und schick gekleidete Kiwis (die Neuseeländer nennen sich selbst auch so) sitzen um uns herum, überwiegend Segler anscheinend, denn in den Gesprächen geht es um Material für Masten, um ein neues Winschensystem und Segelerlebnisse.
Dieses Ambiente von Eleganz und lockerer Weltoffenheit scheint uns die passende Umgebung zu sein für unser Abschiedsessen: Frische Langusten in Knoblauchbutter und dazu einen edlen Chardonnay.
Nach dem köstlichen Mahl gehe ich ins Maritim Museum, wo das naturgetreue Modell der „Steinlager“ steht, die 1988/89 das Whitbread Race Round the World (u.a. auch gegen unsere deutsche „Schlüssel von Bremen“, die ich vor dem Rennen aus Mallorca nach Bremen mit überführt hatte) gewonnen hat,- in jeder der sechs Etappen! Vor dem Museum steht die größte Maxi der Welt, die aufgrund eines Schiedsspruches in zweiter Instanz ungerechterweise gegen die amerikanische Yacht im Americas Cup 1992 unterlegen war. Mit der Black Magic unter dem Skipper Peter Blake konnte dann 1995 in San Diego der Herausforderer Neuseeland den Americas Cup gewinnen- mit mehreren Minuten Vorsprung auf allen fünf Kursen! In dem im Museum gezeigten Film erlebe ich die spannendsten Minuten des Rennens und den Siegesrausch, in den die gesamte Bevölkerung von Auckland nach Rückkehr der neuseeländischen Crew verfiel. Die Magic ist leider nicht im Museum zu sehen; sie befindet sich an einem unbekannten Ort in Neuseeland. Wenn im Jahr 2.000 der nächste Americas Cup hier im Hauraki Golf ausgetragen wird, außerdem im selben Jahr in Sydney die Olympiade und in Hannover die Expo stattfindet - wohin soll man dann reisen?
Anschließend sehe ich mir noch den Film über das Aussegeln des Jules Verne Preises 1994 an, den der neuseeländische Kat Enza gewann: In 74 Tagen um die Welt, vom 16. Januar bis 1. April, 56.000 km. Maximalgeschwindigkeit war 27 Knoten.
Den Abend verbringe ich mit Werner in der Hotelbar im 12. Stock bei Rotwein und einer Partie Schach. Morgen wird Werner nach Deutschland zurück- und ich nach Rarotonga auf den Cook Islands weiterfliegen.
Auckland, am 14. Mai
Vor dem Aufstehen lasse ich die Highlights des gemeinsamen Reiseerlebnisses mit Werner noch einmal vor meinem geistigen Auge vorüberziehen: Die ungestörte Natur mit ursprünglichem Regenwald auf der Südinsel (die zwei Drittel der Oberfläche von ganz NZ darstellt aber nur ein Viertel der Bevölkerung hat); die ihre Heimat über alles liebenden fröhlichen und tatkräftigen Neuseeländer (denen man meist ihre englische, schottische oder irische Herkunft so rührend deutlich ansieht) und die noch lebendige Kultur der Maoris (die zehn Prozent der Geamtbevölkerung von stellen). Dazu kam die Gesellschaft eines Reisefreundes mit nahezu identischer Wellenlänge.
Abschied von Werner auf dem Airport. Ich suche mein Gate auf und sitze bald darauf in der Maschine der Air New Zealand, die mit Kurs Nordost nach Rarotonga fliegt. Einen der schönen Sonnenuntergänge vom Flugzeug aus erlebe ich auch heute. Im Dunkelblau des Himmels leuchtet schon die Venus auf; nach unten hin geht diese Farbe über in immer helleres Blau, Hellorange, Mittelorange und Tieforange, um zu enden in einem kräftigen Rot, das vom Horizont scharf abgegrenzt über der Schwärze des Pazifik steht.

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