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Nepal (14. - 24. Februar 1996)
Kathmandu im Hotel Yak und Yeti, am 15. Februar
Pünktlich um 7 Uhr in der Frühe des gestrigen Tages legte das Airport-Boot am Hotel an, und flußaufwärts ging die Fahrt. Die Sonne stand noch tief und ließ die glasierten Fayencen der Außenelemente an den zahlreichen Tempeln am Ufer erglänzen. Noch einmal sah ich vom Boot aus Wat Po und Wat Phra Keo mit Großem Palast, und mir ging durch den Kopf, daß ich gern noch einmal mit Melitta diese schöne Stadt besuchen möchte: Eine 8 Millionen-Metropole zwar mit westlichem Lebensstil, aber dennoch in ungebrochener Bindung an 700-jährige Tradition.
Auch Teile des Landes möchte ich gern einmal mit Mädi bereisen. In Thailand herrscht eine Ordnung, deren Grundlagen demokratisch gewählte Regierungen, ein geliebter König aus der allgemein geachteten Dynastie als Staatsoberhaupt und ein kontinuierlich prosperierendes Volk von 6o Millionen überwiegend zufriedener Thais sind, die starken Halt in der gelebten Lehre von Lord Buddha finden.
Gänzlich unterschiedliche Eindrücke erwarteten mich nun in Nepal.
Auf dem Flug nach Kathmandu hatte ich gute Sicht. Über eine halbe Stunde flogen wir über das schier endlose Labyrinth des Deltagebietes von Brahmaputra und Ganges. Es gelangen mir gute Fotos durch das Fenster. Bald danach lag das gebirgige Land Nepals unter uns, und vor dem Anflug auf Kathmandu tauchte die weiße Kette des Himalaya mit dem schwarz erscheinenden Mt. Everest auf.
Mein dänischer Nachbar, der für ein Hilfswerk der Protestantischen Kirche in Nepal tätig ist, erzählte mir, daß vor genau 4 Jahren das Flugzeug unseres Fluges TG 311 der Thai Air beim Anflug auf Kathmandu wegen Nebels in den Bergen zerschellte. Der Flughafen hat bis heute kein Radar. Wir waren beide erleichtert, daß diesmal gute Sicht war. Wir fühlten uns noch wohler nach der Landung.
Nepal hatte sich bis vor vierzig Jahren von der Welt ganz isoliert. Nur vereinzelt ließ man Bergsteiger und Touristen einreisen. Das Land ist immer noch eines der rückständigsten der Welt. Darauf mag es wohl zurückzuführen sein, daß man als Reisender einen Betreuer zur Seite gestellt bekommt. Der meine gehörte zur Reiseagentur Yeti Travel und empfing mich im Hotel, da wir uns im Airport verfehlt hatten. Ein Himalayaflug für einen der nächsten Tage wurde verabredet.
Bei meinem ersten Gang aus dem eleganten Viertel meines im Park gelegenen Hotels in die Stadt war ich erschrocken über die vielen Hindus, die sich auf den staubigen Fußsteigen drängten. Und in dem chaotischen Straßenverkehr tauchten immer mehr Autobusse auf, die weitere Menschenmassen aus Indien nach Kathmandu brachten. Das jährliche Tempelfest sollte in einigen Tagen gefeiert werden, und zu Tausenden strömten jetzt schon die Pilger aus ganz Nepal und dem Norden Indiens in die überfüllte Stadt. Von dem Gewimmel ungestört schienen Kühe zu sein, die vereinzelt auf den Straßen nach Nahrung suchten und Müll und Papier nicht verschmähten.
Nach einem zweistündigen Gang kreuz und quer durchs Zentrum stellte ich fest, daß ich die Orientierung verloren hatte. Ich fand nicht mehr zum Hotel! Also fragte ich. Aber keiner der angesprochenen Straßenpassanten verstand englisch. Auch Polizisten, die den Verkehr zu regeln versuchten, konnten meine Frage nach dem Weg ins Yak und Yeti nicht beantworten. Schließlich fand ich einen Mann, der mir Auskunft geben konnte, und ich fand in mein Asyl zurück. Im nahegelegenen Hotel Annapurna nahm ich einen Snack mit in Lizenz hier hergestelltem spanischen San Miguel Bier ein und sah mir danach eine Tanzvorführung an, die mich an indische Tänze erinnerte.
Für heute habe ich mir ein großes Programm vorgenommen. Den heiligsten Hindutempel Nepals und zwei bedeutende buddhistische Tempel will ich aufsuchen. Mein Betreuer vermittelt mir einen Newar, Einwohner des Kathmandu-Tales also, der mich in seinem Taxi chauffieren wird.
Wir fahren in das Tempelviertel Deopatan zur Tempelanlage Pashupatinath, die an den ansteigenden Ufern des heiligen Flusses Bagmati gelegen ist. Gaths führen an beiden Seiten zum Fluß und zu den Verbrennungsplätzen. Oberhalb der Treppen stehen die Häuser, in denen die für die Kremierung vorgesehenen Toten liegen. Ein Scheiterhaufen von mannshoch geschichtetem Stammholz steht in hellen Flammen, und seine Rauchfahne steigt senkrecht zum Himmel. Einige Treppen weiter liegt ein Leichnam, nur notdürftig verhüllt unter einem gelben Tuch, für den der Scheiterhaufen vorbereitet wird. Angehörige sitzen um ihn.
Der heilige Fluß Bagmati, der wegen der Trockenzeit (Nordostwind trägt um diese Jahreszeit Kontinentalluft heran) nur ein Rinnsal ist, wird die Asche der Toten aufnehmen. Trotz des verschmutzten Wassers waschen sich Jung und Alt im Fluß. Ähnlich soll es zugehen im viel größeren Varanasi am Ganges in Indien. Der scharfe Brandgeruch treibt mich weiter, und ich sehe auf dem gegenüber liegenden Ufer zahlreiche steinernde Altäre und Shiva-Lingams, die teilweise noch aus dem ersten nachchristlichen Jahrtausend stammen. Überall stehen Männer herum, darunter Schlangenbeschwörer und „Heilige“, die gegen eine Geldgabe ihr oben zusammengedrehtes Haupthaar bis auf die Füße herunterlassen.
Mir fällt auf, was ich gestern beim Stadtgang schon bemerkte, daß die Menschen hier sehr ärmlich gekleidet sind. Häufig tragen sie nur Lumpen aus Wolle. Die Farben sind gedeckt- nichts von der Farbenpracht der südindischen Saris.
Auf dem anderen Ufer kann ich den strahlend goldenen Shivatempel sehen sowie den Dreizack und den vergoldeten Nandi, das Reittier Shivas. Dorthin haben nur Hindus Zutritt. Ein aufdringlicher Tempelführer hat sich inzwischen meiner bemächtigt und geht mit mir durch einen riesigen Schlafsaal, in dem kranke und sterbende alte Frauen und Männer auf Pritschen liegen. Mein selbsternannter Führer gibt vor, diese Einrichtung sei eine Stiftung der Mutter Teresa, und ich möge ihm eine Spende anvertrauen, die aber nicht unter 100.- DM (umgerechnet) liegen solle.
Am Eingang treffe ich meinen Fahrer, der mich durch ein abgelegenes Viertel fährt, in dem Sherpas und Angehörige anderer tibetischer Stämme wohnen. Die verschlossen wirkenden Gesichtszüge der mongolischen Rasse sind ganz unverkennbar, und auch die hier getragenen dicken, bunt gemusterten Wollwesten und tibetanische Kopfbedeckung unterscheiden die Menschen von der übrigen Bevölkerung. Am Rand dieses Stadtteils gelangen wir zum Bodnath, dem ältesten Buddhatempel Nepals. Ein mächtiger, weiß getünchter Stupa in Form einer Halbkugel und darüber ein viereckiger, nach oben hin sich verjüngender Turm mit den in die vier Himmelsrichtungen blickenden Augenpaaren Buddhas an der Basis, beherrscht den runden, von zweistöckigen Wohn- und Ladengebäuden begrenzten Platz. Der Stupa steht auf drei sich nach unten erweiternden Ebenen, in deren unterste kleine Gebetsmühlen eingelassen sind. Tibetanische Mönche in violetten Gewändern und mit kahlgeschorenem Kopf schreiten in gemessenem Schritt über den Platz. Der Ort strahlt Ernst und Würde aus.
Unser letztes Ziel heute ist der sich auf einer steilen Bergkuppe am Rand von Kathmandu erhebende alte buddhistische Tempelbezirk des Swayambhunath. Wieder die alles überragende und hier vergoldete Stupa mit den auf die Basis aufgemalten wachenden Augenpaaren Buddhas. Aus dem Tempel ertönt dumpfer Trommelrhythmus, in den sich wiederholt der dunkle Klang von Tibethörnern mischt. Ich gehe hinein und gelange in einen Vorraum, aus dem ich durch einen Spalt in den Exerzitienraum blicken kann. Ich erkenne etwa dreißig in violette Gewänder gekleidete Mönche beim Beten ständig sich wiederholender Mantras. Mit diesem tibetanischen Buddhismus, der dem von Tantras und Mantras bestimmten Zeremoniell des „Diamantenen Fahrzeugs“ nahe zu sein scheint, kann ich nichts anfangen. Wie viel einfacher ist es doch, für die unverfälschte ursprüngliche Lehre Buddhas Verständnis aufzubringen, wie sie in Sri Lanka und Thailand herrscht.
Nach der Rückkehr beendet ein Käse-Snack mit reichlich Bier der Marke San Miguel früh diesen Tag.
Kathmandu, am 16. Februar
Für heute hat mein Betreuer den frühesten Himalayaflug gebucht. Auf der Fahrt zum Airport sieht man an den Straßenrändern lange Reihen von Polizisten und Gurkhas, letztere von besonders martialischem Gesichtsausdruck unter den breitkrämpigen Hüten. Sie marschieren aus den umliegenden Kasernen in die Stadt, weil heutenachmittag mit einer Parade und einer Ansprache von König Birendra das Tempelfest im Pashupatinath eröffnet werden soll.
Der Flug verzögert sich wegen Nebels, aber als die Propellermaschine schließlich startet, herrscht gute Sicht auf der ganzen Strecke, die nach Osten am Himalaya entlang bis zum Mt. Everest und nach einer Schleife wieder zurück führt. Schneefahnen stehen über den Gipfeln der Achttausender, und Einblicke in die hier erst ab 7.000 m Höhe beginnende Welt der Gletscher tun sich auf. Das Hochland vor der jäh aufsteigenden Himalayakette ist zerklüftet und unwegsam. Dennoch ist es besiedelt und teilweise bewaldet oder von Reisterrassen durchzogen. Wegen seiner Lage so nahe am Wendekreis gibt es in diesem Vorgebirge auch im Winter keinen Schnee.
Am Nachmittag gehe ich in der Altstadt von Kathmandu durch die enge Basarstraße mit den herrlichen Holzschnitzereien an den alten zweistöckigen Häusern. Danach sehe ich mir den alten Königspalast (heute z.T. Museum) mit viel Holzarbeiten an Erkern, Fensterleibungen, Dachbalken und Säulen und die im Stil des 19. Jh. errichtete neue Krönungshalle an. Das Museum ist vollgestopft mit Fotos der letzten drei Könige aus der Sha-Dynastie: Tribhuvan, Mahendra und Birendra, deren Vorväter vor 500 Jahren aus dem nordindischen Rajasthan nach Gurkha im heutigen Westnepal flohen. Seit 1768 stellt dieses Geschlecht die Könige Nepals, abgesehen von einer hundertjährigen Zwischenherrschaft der usurpierenden Dynastie der Ranas, die mit einer Revolte 1951 beendet wurde.
Das Volk ist dabei, sich in die nunmehr bestehende demokratische Verfassung einzuleben. Das ist nicht einfach in einem überwiegend hinduistisch geprägten Land, in dem der König verehrt wird als Reinkarnation von Vishnu.
Im Innenhof des Kumari-Hauses habe ich die Gelegenheit, die Inkarnation der Parvati, der Gemahlin Shivas, zu sehen. Sie erscheint am Fenster des ersten Stockwerkes, ein Kind von 7 Jahren, das vor kurzem von einem Gremium von Brahmanen ausgewählt worden war und das diese Rolle bis zum Einsetzen seiner Pubertät spielen wird.
Am späten Nachmittag suchen mich überraschend Ewald und Irene im Hotel auf, die Kinder von meinen im November 1994 in Argentinien gewonnenen Wiener Freunden Evelin und Helmut. Morgen soll Treffen sein.
Kathmandu, am 17. Februar
Am Morgen fahre ich mit dem Taxi nach Nagarkot, auf 2.300 m Höhe am Paß gelegen mit Blick auf die Kette des Himalaya. Am Wege abgeerntete Maisfelder und Terrassen mit Weizen und blühendem Raps. Grüner Bambus ist häufig.
Danach fährt mich der Fahrer nach Bhaktapur zum Durbar Square, wo ich mir sehr interessiert die erotischen Holzschnitzereien an den Dachstützen der Pashupatinath-Pagode ansehe. Frauen und Männer in Zweier-, Dreier- und Vierergruppen treiben es recht phantasievoll mit fröhlicher Unbefangenheit. Für den in Nepal dominierenden tantrischen Hinduismus ist die körperliche Vereinigung von Mann und Frau das Sinnbild der Befreiung und kosmischen Einheit der Menschen mit dem Göttlichen. Diese Auffassung ist allerdings bisher meine einzige Brücke zum Hinduismus geblieben.
Schön ist auch das Schnitzwerk an der Fassade des alten Königstempels und an der fünfstöckigen Pagode Nyatapola.
Den Nachmittag verbringe ich im fröhlichen Kreis mit der Familie unserer Wiener Freunde in meinem Hotel. Helmut unterschreibt mein Fax an Melitta: “Die Welt wird klein, man trifft sich nicht mehr in Wien, sondern in Kathmandu. Wann macht Ihr wieder einen Seitensprung nach Wien?“
Als ich die Freunde am Abend im Taxi zu ihrem Hotel Dwarika`s begleiten will, ist kein Durchkommen: Die Straßen quellen über von zum Tempelfest des Pashupatinath strömenden Hindus, und alle Zufahrten zum in der Nähe des Tempels liegenden Hotel sind von der Polizei abgesperrt. Der Fahrer dreht durch und fährt die entgegengesetzte Richtung. Wir lassen ihn augenblicklich halten und steigen aus, und auf dem Weg zu Fuß ins Hotel der Wiener geraten wir immer mehr in das Geschiebe der unaufhörlich zum Tempel drängenden Massen der Hindus. Ewald hakt mich fest ein, Evelin tritt und schlägt um sich, um eine Schneise zu schaffen, und nach großer Mühe gelangen wir unbeschadet, wenn auch versprengt, aus dieser fanatisierten Pilgermenge heraus ins Hotel. Spät fährt mich ein anderes Taxi zurück ins Yak und Yeti.
Kathmandu, am 18. Februar
Heute habe ich nur ein kleines Programm geplant. Mit dem Taxi geht es nach Patan, der dritten Königsstadt Nepals. Einstmals war Nepal in drei Reiche geteilt, und es entstanden drei Hauptstädte ganz nahe beieinander: Kathmandu, Bhaktapur und Patan. Jeder Herrscher wollte in seiner Hauptstadt nichts missen, was die andere hatte. So ähneln sich bis heute die alten Zentren dieser drei Städte.
Ich bummele auf dem Durbar Square mit Königspalast und Pagodentempeln und verlasse dann den Stadtkern. Angenehm fällt mir auf, daß in dieser Stadt keine Hektik herrscht. Nur wenige Menschen sind auf den Straßen, und selten sieht man ein Auto. Als ich vor der Stadt auf die blühenden Rapsfelder komme, habe ich Mühe, mein Ziel zu finden. Kaiser Ashoka von Indien hatte im dritten vorchristlichen Jahrhundert eine Pilgerreise zur Geburtsstätte von Gautama Siddharta (Buddha) in Lumbini, ein Dorf im heutigen südwestlichen Nepal, gemacht und auf der Rückreise hier in Patan vier Stupen zu Ehren Buddhas errichten lassen, die die Eckpunkte eines den Ort umschließenden Quadrates markierten. Es war der Kaiser, der damals den Buddhismus in Indien als Staatsreligion einführte, was aber nicht von Dauer war, da der tief eingewurzelte Hinduglaube diese Lehre wieder verdrängte.
Schließlich finde ich den gesuchten Stupa im Feld - ohne jeden Hinweis oder Gedenktafel: Eine von Gras überwachsene Halbkugel von etwa 10 m Durchmesser mit oben abschließendem viereckigen Aufsatz.
Nach der Rückkehr ins Hotel nehme ich einen Snack und gehe früh zu Bett.
Pokhara in der Fishtail Lodge, am 20. Februar
Der Abflug gesternmorgen verzögerte sich um zwei Stunden, weil der übliche Nebel über dem Rollfeld lag. Der Flug mit der Propellermaschine war ruhig, und nach einer halben Stunde schon landeten wir auf der neuen, gerade vor zwei Monaten fertiggestellten Betonpiste von Pokhara.
Das Resort ist gelegen am Phewa See, dessen Ufer bewachsen sind mit rot blühendem Weihnachtsstern, Bananenstauden und vielen subtropischen Pflanzen. Der ganz nahe Himalaya liegt im Dunst.
Die Gäste der Lodge sind Inder, Japaner, Amerikaner, Franzosen und einzelne Nepalesen.
Einen kurzen Taxiausflug machte ich in die unter Trockenheit leidende Umgebung und legte mich früh am Nachmittag mit einer beginnenden Erkältung zu Bett.
Heute habe ich mir ein zum Resort gehörendes Ruderboot genommen und mich bei leichtem ablandigen Wind auf den See hinaus treiben lassen. Danach folgt ein leichter Spaziergang am Seeufer an den zahlreichen Boutiquen entlang bis zum Sommersitz des Königs. Anders als Kathmandu ist diese kleine Stadt schon sehr touristisch ausgerichtet. Das beweisen die angebotenen Freizeitartikel, besonders die für Bergwanderer. Vom festen Bergschuh, praktischen Rucksack und Bergseil bis zum Eispickel ist hier alles zu haben. Außerdem gibt es Läden mit Thangkas, Holzschnitzarbeiten und Teppichen.
Pokhara, am 21. Februar
Heutemorgen ist die Luft klar, und ich kann die in Luftlinie nur knapp 40 km entfernten Bergriesen des Himalaya erkennen: Dhaulagiri I (8.167 m), Annapurna South (7.219 m), Annapurna I (8.091 m) und den nächstgelegenen Machhapuchhara mit 6997 m, der seiner einem Fischschwanz ähnlichen Form wegen Anlaß für die Benennung dieses Resorts gewesen ist.
Am Nachmittag miete ich mir ein großes, schweres und gemütliches Segelboot, mit dem ich die Länge des Phewa Tal (See) aussegele. Steile, bewaldete Ufer sind auf der einen und die Straße im hügeligen Land auf der anderen Seite. Und so nahe die von ewigem Eis bedeckten Spitzen und Grate der Achttausender! Vom Boot aus erlebe ich eine Hindu-Hochzeit: Auf der Straße bewegt sich der bunte Zug der Hochzeitsgäste, angeführt von Hinduweisen spielenden Trommlern und Flötern und dahinter zwei Personenautos, in Richtung zur Stadt. Am späten Nachmittag zieht ein Gewitter auf, und ich gebe das Boot rechtzeitig zurück, bevor die Böen mit Windstärke 6 über den See pfeifen.
Menschenschicksale: Bei meinem Segelausflug kam ich an einem am Steilufer aufgeständerten Haus vorbei, das nur vom Wasser her zu erreichen ist. Es ist von einem Deutschen gemietet, der mit einer hinduistischen Nepalesin verheiratet ist. Gestern traf ich auf eine Deutsche mit rotem Hindu-Mal auf der Stirn, die mit einem hinduistischen Nepalesen in Frankfurt verheiratet ist.
Der heutige Abend wird mein letzter in Pokhara sein. Morgenfrüh werde ich mit einem Jeep nach Kathmandu zurückgefahren werden. Der Aufenthalt am See im Anblick der Berge und die reiche Pflanzenwelt um mich haben mir gut getan. Beim Abendessen im Restaurant der Fishtail Lodge werde ich an einen Tisch gebeten, an dem junge amerikanische Paare zusammen mit einem deutschen Ehepaar sitzen, Christine und Bernd. Er ist aus Hamburg, sie ist Fränkin, und sie wohnen beide seit zwei Jahren in Singapur, wo er Repräsentant eines deutschen Maschinenbauunternehmens ist. Sie schwärmen von Singapur.
Am nächsten Morgen erwartet mich nach dem Frühstück schon mein Fahrer, ein etwa dreißigjähriger Mann mit unübersehbar mongolischen Gesichtszügen. Er stammt aus dem Berggebiet um den Mt. Everest, wo seine Eltern heute noch wohnen. Wenn er sie von Kathmandu aus besucht, hat er nach der letzten vom Verkehr noch erschlossenen Station drei Tagesmärsche vor sich. Dabei ist der östliche Landesteil Nepals noch besser erschlossen als der westliche, wo es überhaupt keine Straßen mehr gibt.
Der Fahrer ist heute in der Nacht um 1 Uhr von Kathmandu aufgebrochen. Er meint, wir könnten die 204 vor uns liegenden Kilometer in sechs(!) Stunden schaffen. Weshalb er einen unbequemen Jeep auf der Strecke fährt, wird mir später klar.
Einen klaren Tag haben wir, und ich sehe im Lauf der Reise die weißen Gipfel von Annapurna III(7.555 m), Annapurna IV(7.525 m),Annapurna II(7.937m), den Manaslu(8.163m) mit Massiv, rechts davon den Peak 29 (7.871m) und Himal Chuli(7.893m). Wenn man die Berge kennen und lieben gelernt hat in unseren europäischen Maßstäben, versenkt man sich besonders andächtig in den Anblick dieser majestätischen Berge.
Wir durchfahren zunächst eine Ebene, meist einem der im Himalaya entspringenden Flüsse folgend. Viele kleine Dörfer und Äcker mit Feldfrüchten geben Hinweis, daß das Land fruchtbar und verhältnismäßig eng besiedelt ist. In dem nicht großen Nepal leben immerhin 20 Millionen Einwohner. Nepal ist ein rückständiges Land auch in der Hygiene. Oft sehe ich Mutter und Tochter am Straßenrand sitzen und sich gegenseitig Kopfläuse absuchen.
Unterwegs überholen wir einen Hindu-Hochzeitszug, und ich mache ein Foto.
Die Straße wird schlechter, und wir rumpeln oft nur mit 15 km/h dahin. Die Schlaglöcher sind manchmal so groß, daß der Fahrer im Slalom den Jeep drum herum steuern muß, um nicht aufzusetzen. Straßenbauarbeiten werden nur zum Verfüllen und Teeren der schlimmsten Aufbrüche durchgeführt. Dabei handelt es sich um einen der wichtigsten Verkehrswege Nepals. Auf halber Strecke verläßt die Straße die Ebene und schlängelt sich als Highway, der vor 10 Jahren von den Chinesen gebaut wurde, durch das steile Mittelgebirge des Pohar. In der Regenzeit müssen gewaltige Wassermengen die Berghänge herunterstürzen, denn Teile der Straße sind schon wieder zerstört. Auch einige der von Japanern errichteten Brücken wurden weggespült und sind dann im Zuge deutscher Entwicklungshilfe durch funktionelle Behelfsbrücken ersetzt worden.
Die Flüsse, deren eingeschnittenen Tälern die Straße nun folgt, sind beachtlich breit und führen trotz Trockenzeit noch so viel Wasser, daß wir oft in rote Overalls gekleidete Menschen mit Schlauchbooten beim Rafting sehen. Dieser Sport hat sich nach dem Trecking zu einem der Hauptanziehungspunkte für den sportlichen Tourismus entwickelt.
Da gerade auch das dem Himalaya vorgelagerte Mittelgebirge stark besiedelt ist, sind die Berghänge terrassiert, auf denen reich tragende Bananenstauden, Papaya- und sonstige Obstbäume wachsen; auch Weizen und Raps wird angebaut.
Nach siebeneinhalb Stunden Fahrt - für 204 km! - kommen wir am Nachmittag in Kathmandu an. Der Fahrer hat wahrlich sein gutes Bakschisch verdient!
Kathmandu im Hotel Yak und Yeti, am 23. Februar
Die Fahrt gestern und dieses Land überhaupt waren für mich anstrengend. Heute soll Ruhetag sein. Meine Sachen werden zum Waschen gegeben, und ich lasse mir die Haare beim Friseur im Hotel Annapurna schneiden.
Morgenfrüh werde ich nach Hongkong fliegen. Das gibt Anlaß zur Bilanz: Sehr genossen habe ich die Natur um den Bergsee von Pokhara. Sehr interessant war das Erleben der so unterschiedlichen Volksstämme in einem so kleinen Land, das als einzige Nachbarn China und Indien hat, die bevölkerungsreichsten Nationen der Welt. Man sieht im Land keine Chinesen, aber viele Inder. Die Nepalesen indischer Abstammung sitzen ohnehin in den führenden Stellen und bestimmen die Geschicke der Nation. Das herrschende Königshaus ist ein Beispiel.
Der hohe Stand der Steinmetz- und Holzschnitzkunst war beeindruckend. Ähnliches erinnere ich aus Kerala.
Aber unbefriedigend blieb, daß kaum eine Unterhaltung mit den Bewohnern des Landes möglich war, weil es keine gemeinsame Sprache gab. Der Rückstand in der Entwicklung schaffte Probleme. Nachdem ich Kühe Papier habe fressen und Schweine im Straßendreck nach Abfällen habe suchen sehen, war meine Ernährungsbasis geschrumpft, und Käse z.B. aß ich nur in diesem Hotel, weil er importiert war. Es gibt allein in Kathmandu weit mehr bettelnde Kinder und Krüppel, deren Gebrechen nicht zu beschreiben sind, als wir sie in ganz Kerala gesehen haben.
Der mir unzugänglich gebliebene hier praktizierte Hinduismus ist jedoch der Hauptgrund dafür, daß mir der Abschied von diesem Land nicht schwerfällt.
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