Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Hongkong (24. - 29. Februar 1996)

Hongkong im The Regent, am 26. Februar
Vorgestern auf dem Airport in Kathmandu traf ich zwei amerikanische Paare wieder, mit denen ich am letzten Abend in Pokhara gegessen hatte. Sie sind resident in Hongkong. Bevor wir ins Gespräch kamen, wurde trotz schlechter Sicht unser Flug pünktlich aufgerufen. Royal Nepal Airline startet auch bei Nebel vom ungesicherten Flughafen.
Die Sicht bleibt schlecht während des ganzen Fluges. So widme ich meine Aufmerksamkeit ganz meiner Nachbarin Penny Faria, die ihre Lebenssituation in verblüffender Gesprächigkeit schildert: Sie macht gerade eine Weltreise. Ihr Mann ist Kanadier und Eigner einer Computerfirma in Toronto. Aus geschäftlichen Gründen kann er seine Frau auf der Reise nicht begleiten. Sie haben 2 Töchter von 12 und 16 Jahren. Die Verwandten und Vorfahren von Penny sind Schotten, Portugiesen und Franzosen. Ihre Familie besitzt Ländereien in Brasilien und eines der größten Weingüter bei Porto. Sie selbst ist aufgewachsen in Britisch Guayana. Sie bewohnt mit Mann und Kindern ein schloßartiges Anwesen bei Toronto mit Park und in einem großen Forst gelegen, geschützt von Alarmsystem mit Fernsehkameras. Sie fahren nur deutsche Autos: Die ältere Tochter Porsche, die Eheleute Mercedes und BMW. Sie ist verärgert über die Nachbarn, ein Ärztepaar mit zwölf antiautoritär erzogenen Adoptivkindern, die ständig in ihren Park eindringen. Trotz dieser Redeweise ist meine Nachbarin ein aparter südländischer Typ, zartgliedrig, mit feinen Händen und einem ausgezeichneten, ästhetisch dargereichten Englisch und Französisch.
Beim Anflug kann ich Macau erkennen. Dann folgt die elegante Landung auf dem Flughafen in Kowloon. Wie immer komme ich als erster zu Immigration und Zoll, da mein einziges Gepäckstück ein 10 kg schwerer Rucksack ist, den ich mit in den Flieger nehme.
Ein Taxi bringt mich nach dem nahe gelegenen Tsim Sha Tsui ins Hotel, das sich wieder einmal als eine Oase der Ruhe erweist. Das breite Fenster meines Zimmers im 12. Stock liegt gegenüber dem 1 km entfernten Victoria Harbour auf der Isle of Hongkong. Rechts und links davon liegen die Stadtteile Central und Wan Chai. Beide sind zu erreichen mit der Fähre, deren Station nur ein paar Minuten vom Hotel entfernt liegt.
Eine Stunde genieße ich erst einmal den Anblick: Auf dem unter mir liegenden Sund fahren geschäftig Schlepper mit Lastkähnen, Fähren, zahlreiche Boote, Segelyachten und eine Touristen-Dschunke. Ein großes Fahrgastschiff nähert sich der einige hundert Meter entfernten Pier und gibt Richtungsänderungssignale. Auf dem gegenüberliegenden Ufer der Insel Hongkong sehe ich die nur aus Wolkenkratzern bestehende Skyline: Ganz links die Masse von Wohnanlagen, dann die Bauten von Wan Chai, die Hochhäuser des Bankenzentrums Central mit der in Fassade und Baukörper vom Dreieck bestimmten Bank of China und vor allem das erst 1992 fertiggestellte Central Plaza, ein Bürohaus mit 78 Stockwerken. Hier wird gesagt, das Central Plaza sei das viertgrößte Gebäude der Welt nach Sears Tower in Chicago und World Trade Center und Empire State Building in New York. Hinter den ans Wasser gebauten Hochhäusern steigen die Berge von Hongkong steil an; ganz rechts liegt der 500 m hohe Victoria Peak.
An diesem ersten Nachmittag bleibe ich in Tsim Sha Tsui. Kreuz und quer durch seine Straßen gehe ich bis ans Ende der Halbinsel Kowloon und komme auf der Uferstraße zurück. Auf einem Platz am Wasser führt eine chinesische Jugendgruppe heimischen Volkstanz auf. Ein Bier in der unglaublich großzügig angelegten Halle des berühmten Peninsula (gegenüber dem Regent gelegen), auf deren Empore ein Orchester europäische Musik spielt, beendet diesen Tag.
Am nächsten Tag ist es kalt und neblig. Als die Sicht besser wird, fahre ich mit der pausenlos pendelnden Fähre auf die andere Seite nach Wan Chai. Dort tauche ich ein in das quirlende Leben eines der Einkaufs- und Restaurantzentren dieser Stadt. Überall fast ausschließlich Hongkongchinesen. Auf der Lockhart Rd. entdecke ich mehrere Hallen, in denen Brettspiele mit großen rechteckigen Steinen gespielt werden. Am Abend mache ich noch einen kurzen Bummel durch Tsim Sha Tsui. In einer Teestube der Grenville bestelle ich mir eine Kleinigkeit und gucke mir die Fähigkeit, mit Stäbchen zu essen, von den Gästen am Nachbartisch ab. Ein Fax von Melitta ist gekommen.
Heute ist wieder ein kalter Tag. Ich fahre nochmals mit der Fähre nach Wan Chai, wo ich in einem chinesischen Geschäft einen Trenchcoat mit Kapuze und eingeknüpftem Teddyfutter und ein Paar gefütterte Lederhandschuhe für 50 am. Dollar insgesamt erstehe. Zwei häßliche dicke Einwegwollhemden für 10 Dollar kommen dazu. So bin ich gerüstet für kalten Nordwind in Peking.
Zu Abend esse ich im Lai Ching Heen, dem kantonesischen Restaurant des Regent - ein guter Ausgleich zum Buffetfrühstück mit viel tropischen Früchten, welches ich regelmäßig im Hotel einnehme.
Hongkong, am 27. Februar
Da heute gleich am frühen Morgen gute Sicht ist, beschließe ich, mit dem Jetfoil nach Macao zu fahren. Also Übersetzen mit Ferry nach Central und zu Fuß auf hochgeständertem Weg an der Nordküste von Hongkong Island entlang nach Westen. An der riesigen Baustelle komme ich vorbei, wo auf aufgeschüttetem Gelände hunderte von Baggern, Kränen und Baufahrzeugen eingesetzt sind, Hongkong zu erweitern. Nach zwanzig Minuten kommen ich auf der Station an, von der mich die nächste Tragflügelfähre zum 70 km entfernten Macao übersetzt. Dort steige ich in den erstbesten Bus ein und verlasse ihn an der Endstation Portas do Cerco, dem nördlichen Punkt der noch bis 1999 zu Portugal gehörenden Halbinsel. Hier ist der Grenzübergang zu China, und von hier mache ich einen improvisierten Fußmarsch über die Mitte der Stadt hinaus nach Süden. Ich besuche den chinesischen Garten Lou Lim Lok und fahre, als nach zwei Stunden Nieselregen einsetzt, mit dem Taxi zum Guia Garden und Guia Fort mit Leuchtturm und nehme wegen des sich weiter verschlechternden Wetters am frühen Nachmittag den Jetfoil zurück nach Hongkong.
Hongkong, am 28. Februar
Heute fahre ich mit der Fähre auf die andere Seite nach Central, um dort zwischen Traditions- und modernen Bauten den geschäftigen Trubel eines der bedeutendsten Bankenzentren Asiens zu erleben. Hier am Exchange Square gibt es keinen Müßiggang. Hongkongchinesen, auch einige Europäer, in dunkle Maßanzüge, Hemd und Krawatte gekleidet, eilen auf den hochgeständerten Fußgängerwegen ihren Zielen zu. Viele führen schwarze viereckige Aktenköfferchen mit sich. Nach ihrem angespannten Gesichtsausdruck zu urteilen, bewegen sie alle Dollarbeträge in Millionenhöhe im Kopf. Ich wage es nicht, einen dieser Geschäftsleute nach dem Weg zu fragen, als ich bemerke, daß die Straße in Richtung Peak Tram Station wegen Bauarbeiten gesperrt ist.
Ich finde den Weg schließlich selbst: Über den 3. Stock eines Parkhauses auf die steile Straße, die an der City Bank vorbei zur Station führt. Die Wagen der Zahnradbahn haben wellenförmigen Boden, damit die stehenden Fahrgäste ihren Stand nicht verlieren, wenn der Steigungswinkel mehr als 30 Grad beträgt. Die Tramstrecke führt zwischen den Wolkenkratzern hindurch und läßt diese in ganz ungewöhnlichen und ständig sich ändernden Perspektiven erscheinen. Beim Anblick der Bank of China fällt mir die Story über ihre Architektur ein: Man wollte etwas besonderes schaffen durch die Dominanz dreieckiger Formen und stellte nach Fertigstellung des Baus fest, daß diese Formgebung dem Feng Shui total widerspricht; das heißt, daß die geomantischen Prinzipien, die für die glückliche Zukunft eines Gebäudes entscheidend sind und die deshalb in China bis heute eingehalten werden, grob verletzt wurden. Schmunzelnd gibt die Konkurrenz diese Story weiter.
Von der Bergstation aus umwandere ich einmal den Peak. Ich komme durch das Viertel der Millionäre von Hongkong, die hier am steilen Berg ihre aufwendigen Villen bewohnen. Die Grundstücke sind großzügig zugeschnitten, und oft sind die Häuser von subtropischen Parks (Palmen, Bananenstauden, Weihnachtssterne, weiße Engelstrompeten), Schwimmbecken und Tennisplatz umgeben. Schöne Blicke auf Central, Wan Chai und über das Wasser nach Kowloon, dann auf den im Süden von Hongkong liegenden Bootshafen und auf die im Westen liegenden Inseln Lamma und Lantau.
Nach Rückkehr ins Hotel esse ich im kantonesischen Restaurant zum erstenmal die so berühmten Dim Sums, frittierte Happen aus Teig mit Gemüse, Fisch oder Fleisch. Anschließend nehme ich einen der sechs Fahrstühle, um mein schönes Zimmer aufzusuchen. Ich schalte im TV die CNN-Informationen ein: Kurz vor den Wahlen in Taiwan führt die chinesische Kriegsflotte vor der Insel Raketenmanöver durch, und die Amerikaner haben zwei Flugzeugträger ihrer Pazifikflotte in Marsch nach dort gesetzt; Bob Dole liegt Kopf an Kopf mit Buchanan im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner; auch Helmut Kohl wird auf dem Wirtschaftsgipfel in Bangkog erwartet; Gewalttaten in London, Colombo, Bangladesh, Sarajewo; Wetter: Peking, mein nächstes Reiseziel, meldet 7 Grad Kälte!
Vor dem Schlafengehen sind meine Eintragungen ins Tagebuch zu machen. So setze ich mich ans Fenster meines schönen Zimmers, um abschließend über die in Hongkong verbrachten fünf Tage nachzudenken. Für einen überzeugten Westeuropäer ist es nach dem Aufenthalt in Indien und in Kathmandu gewiß ein Seelenbad, die Sechsmillionenstadt zu erleben. Der Lebensstil der Bevölkerung (fast ausschließlich Hongkongchinesen) entspricht dem der westlichen Zivilisation. Verkehr und Versorgung sind zuverlässig, die Hygiene ist einwandfrei. Man spürt die Power, mit der hier effektiv Großprojekte bis hin zur Landgewinnung durch Anschüttung und Bau des riesigen neuen Airport geschaffen werden. Der Lebensstandard ist hoch; die Menschen sind zufrieden. Fast ein jeder ist elegant gekleidet, und vor allem die jungen Menschen strahlen einen hohen Grad von Selbstbewußtsein aus. (Randnotiz: Viele Japaner wohnen im Regent; aber es gelang mir nicht, meine albernen Vorurteile abzubauen. Zumindest die Hongkongchinesen empfinde ich als liebenswürdige, feine und bescheiden auftretende Menschen. Japanische Touristen empfinde ich als laut, grob und tollpatschig.)
Im Juni nächsten Jahres geht die Epoche Hongkongs als britische Kronkolonie zu Ende, denn ab 1. Juli 1997 wird China hier der Stadtherr sein. Niemand weiß heute, wie China seine Versprechungen halten wird, an den bestehenden marktwirtschaftlichen Verhältnissen nichts ändern zu wollen. Die Bevölkerung Hongkongs scheint dem Übergang gelassen entgegenzusehen. Viele haben sich allerdings eine zweite Staatsbürgerschaft in den USA, im UK oder in Australien verschafft.
Morgenmittag geht meine Maschine nach Peking. Eine zweiwöchige Chinareise mit Hubi liegt vor mir. Hubi, Sohn eines verstorbenen Freundes und dreißig Jahre alt, ist studierter Betriebswirt und Sinologe. Er lebt schon über drei Jahre in Taiwan und der Volksrepublik China. Ich bin also in guten Händen. Dennoch: Beschaffung der Flugtickets, Transit zum und vom Hotel und Durchführung von Ausflügen mußte ich dem staatlichen Reisebüro in China überlassen. Wird alles funktionieren? Auf winterliche Temperaturen bin ich eingerichtet - nicht aber auf Improvisation in einem Land, in dem kaum jemand europäische Sprachen verstehen kann.

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