Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Fazit

Nach glücklicher Rückkehr von meiner Reise werde ich oft gefragt, was sie mir eigentlich gebracht habe. So etwa lautet dann meine Antwort: Die Unternehmung hatte gewiß Opfer gefordert. Abgesehen vom materiellen Aufwand bedeutete die lange Trennung von Melitta einen Verzicht; der - von drei Ruhephasen abgesehen - ununterbrochene Ortswechsel war körperlich und seelisch strapazierend, und die ständige Aufarbeitung von kontrastierenden Eindrücken strengte nervlich an. Dennoch war die Reise für mich wichtig und hat meine Erwartungen übertroffen.
Der Wechsel vom Winter (bei Abflug in Deutschland) in die Trocken- und Regenzeiten in den Tropen, zum Herbst (in Australien und Neuseeland) und wieder ins Frühjahr (Hawai) und in den Sommer (Kanada); die damit verbundenen Natur- Phänomene wie Frost, Dürre, Regenstürme, Laubverfärbung, üppige Blüte und Hitze; die ständigen Zeitverschiebungen mit Nachstellen der Uhr, bis dann in Rarotonga beim Erreichen der Datumsgrenze (180. Längengrad) das Datum vom Dienstag, 14. Mai, auf Montag, 13. Mai, zurückgestellt wurde; die Orientierungsumstellung in der südlichen Hemisphäre, wo die Sonne mittags im Norden steht und ihren Tageslauf von rechts nach links macht - wo der zunehmende Mond nach rechts und der abnehmende nach links geöffnet ist; die mehrfache Begegnung mit dem Indischen Ozean und der Aufenthalt an Küsten und auf Inseln des Pazifik, der fast ein Drittel der Erdoberfläche ausmacht und der größer ist als die gesamte Landfläche der Erde: Das alles hat mich unsere Welt als einen großartigen Planeten im Universum erleben lassen.
Staunend habe ich wahrgenommen die von Sonne und Regen so begünstigte reiche Vegetation in Kerala, Sri Lanka, Bangkog, Nepal, Südchina, Bali, Cook Islands und Hawai; die Wüsten und Halbwüsten Australiens und das unermeßlich weite Farmland Kanadas und seine dichten Urwälder; auf tagelangen Autofahrten den primären Regenwald der Westküste von Neuseelands Südinsel.
Sehr wichtig waren für mich die menschlichen Begegnungen:
Als erstes seien genannt die mit den Bewohnern der jungen Länder. In Australien traf ich auf eine selbstbewußte, ihr Land liebende Bevölkerung, die von den Einwanderern aus europäischen und asiatischen Ländern abstammt. Eine der amerikanischen ähnliche Mentalität meinte ich zu erkennen. Aussies sind freundlich, hilfsbereit und immer an offenen Gesprächen interessiert. Sie lassen keinen Zweifel daran, daß sie Freude am Leben haben, sind bei allem nüchterne Realisten und haben eine geradezu erfrischende positive Einstellung zur Zukunft.
Ihr Verhältnis zu den schwarzen Ureinwohnern des Kontinents scheint inzwischen geprägt zu sein von einer mit Mitleid gemischten, distanzierten Kameradschaft. Von den trostlosen Zukunftsaussichten der Aborigines wurde schon gesprochen; es kann da überhaupt keinen gemeinsamen Nenner geben. Welche Motivation sollte ein australischer Ureinwohner, dessen Vorfahren seit 40.000 Jahren bis ins letzte Jahrhundert unverändert Jäger und Sammler mit animistischem Glauben gewesen sind, für einen Einstieg in westliches Leben haben, das bestimmt ist vom Gelderwerb in einer künstlichen Welt außerhalb der Natur? Umgekehrt gefragt: Was könnte einen Menschen unserer westlichen Zivilisation dazu bewegen, aus seiner von Staat und sozialer Vorsorge abgesicherten Existenz auszusteigen, um auf tagelangen Märschen durch Halbwüsten sich von Baumwurzeln und Insekten zu ernähren und nach wasserspeichernden Bäumen zu suchen und Fröschen zu graben, um seinen Wasserbedarf stillen zu können? Wir Westlichen können ja nicht einmal mehr Verständnis für jene natürliche Lebensweise aufbringen; so überzeugt sind wir bis heute von der allein selig machenden modernen Zivilisation.
Neuseeland (NZ) ist ein noch jüngeres Einwanderungsland als Australien. Seine weiße Bewohner stammen überwiegend aus England, Wales, Schottland und Irland ab. Entsprechend sind dort typische Charaktereigenschaften auch hier verbreitet: Humor, Understatement, Fairneß und Freude am sportlichen Wettkampf. Viele Kiwis fühlen noch heute eine starke innere Bindung zum ehemaligen Mutterland, und an eine Loslösung aus dem Commonwealth ist einstweilen nicht gedacht (anders als in Australien, wo ein Staatsoberhaupt in Form eines Präsidenten in baldiger Zukunft die englische Queen ersetzen wird).
Als friedlich und kooperativ habe ich das Zusammenleben von weißen und Maori-Neuseeländern empfunden - jedenfalls in Rotorua, wo viele der etwa ein Zehntel der Gesamtbevölkerung von NZ stellenden Maoris ihre eigene Existenz aufgebaut haben.
Auf Rarotonga und Aitutaki leben überwiegend reinblütige oder aus Mischehen mit Europäern stammende Maoris. Ihre kriegerische Art aus der Zeit, in der sie sich mit ihrem Stamm gegen andere Stämme behaupten mußten, ist hier einer sanftmütigen Mentalität gewichen. Menschliche Spannungen zwischen ihnen und den Angehörigen NZ scheint es nicht zu geben.
Auf den drei von mir besuchten Hawai-Inseln erlebte ich einen menschlichen Schmelztiegel von europäischem, asiatischem und polynesischem Blut, der es mir schwer machte, reinrassige Urbewohner oder gar deren Brauchtum zu entdecken. Hawai ist eben der 50. Staat der USA - mit seinem Traumklima, der üppigen Vegetation und hundertprozentig amerikanischem Standard das ideale Ferienparadies für Leute, die unbeschwerten Urlaub erleben wollen.
In Kanada waren meine Gesprächspartner fast ausschließlich Anglokanadier - freundliche, offene und bescheiden auftretende Menschen, deren innere Bindung an das Vereinigte Königreich schon aus den täglichen Meldungen der Presse über Geschehnisse im UK ersichtlich war. Indianer bekam ich nur einmal gelegentlich einer Show in Kamloops zu Gesicht.
Zu meiner großen Verwunderung fiel mir der Kontakt zu Chinesen nicht schwer. Eine gute Vorbereitung war der einwöchige Aufenthalt in Hongkong. In dieser von westlicher Geschäftigkeit erfüllten, aber fast ausschließlich von Chinesen bewohnten Metropole erlebte ich den sprichwörtlichen chinesischen Erwerbssinn, verbunden mit weltmännischer Sicherheit und gutem Geschmack; dieser äußerte sich in überaus gepflegter Erscheinung und geschmackvoller eleganter Kleidung. Der westliche Lebensstil der Hongkongchinesen erleichterte mir sehr das Verständnis für Festlandchinesen, die ich als sympathische und lebensfrohe Menschen kennengelernt habe. Auf der mentalen Wellenlänge sind manche Übereinstimmungen, und ich habe hohe Achtung vor dem kraftvollen Aufbruch dieser großen Nation in ihr industrielles Zeitalter. Dazu bedarf es der Vorsorge, daß chaotische Zustände wie die Endphase der Mao-Revolution nicht wiederkehren. Uns Westlichen stünde es gut an zu begreifen, daß von heute auf morgen sich demokratische Regierungsformen in einem Volk von weit über einer Milliarde Einwohner nicht einführen lassen.
Menschliche Vertrautheit vermochte ich auch zu verspüren im vom Buddhismus geprägten Sri Lanka und Bangkog. Diese Lehre erzieht eben zu Selbstdisziplin, und eine gewisse auf das ersehnte Erlösungsziel ausgerichtete Pragmatik im Alltagsleben tritt hinzu. Diese Eigenschaften erleichtern gewiß das zwischenmenschliche Verständnis. Vor allem aber: Sowohl Thailand als auch Sri Lanka sind Länder, die seit oder nach dem letzten Weltkrieg durch Truppenstationierung bzw. Tourismus in enge Berührung mit westlicher Zivilisation kamen und diese seither teilweise übernehmen. Es mag sein, daß das Wohlbehagen, das wir in diesen Ländern spüren, wesentlich auch daher rührt.
Auf Bali hat mich die Einheitlichkeit nachhaltig beeindruckt, in der die hinduistische Diaspora im sonst moslemischen Indonesien ihre Religion ausübt, ihre Häuser baut, die Äcker bestellt und die uralte Familien- und Sozialordnung aufrecht erhält. Die Balinesen habe ich erlebt als fröhliche, zuvorkommende, bescheidene und jedem Fanatismus abgeneigte Menschen. Wenn englisch gesprochen wird, ist es gut verständlich. Der seit etwa 35 Jahren in das Land flutende Tourismus hat das Seine zum beidseitigen Grundverständnis beigetragen, wenn-gleich schon befürchtet wird, das er viel balinesische Eigenart allmählich verdrängen wird.
Mein Besuch in Südindien (auch in Nepal) ist bis zum letzten Tag exotisch geblieben. Die dunklen Tamilen von Kerala sind zierliche und wohlgestaltete Menschen; sie sind auch bei größter Armut immer farbenprächtig, geschmackvoll und reinlich gekleidet. Sie freuen sich, wenn man sie anspricht, und sind hilfsbereit bis zur Selbstaufgabe. Unvergeßlich ihr aus der Tiefe der Seele kommendes strahlendes Lächeln, wobei ihre schneeweißen Zähne zu dem Hintergrund der dunklen Haut einen unglaublich fotogenen Kontrast bilden. Ich mochte sie - und doch blieben sie mir immer fremd. Schon an der Art ihrer alltäglichen Lebensweise und beim Erleben ihrer Tempelfeste ahnt man: In der indischen Bevölkerung herrschen noch total andere Wertsysteme als bei uns Nachfahren von Aufklärung und industrieller Revolution. Welches Wertsystem mag das „richtige“ sein?
Aus der Nachschau gesehen meine ich: Diese zweitgrößte Bevölkerung der Erde, aus vielen Rassen, Völkern und Stämmen mit zahlreichen Sprachen bestehend, hat bis heute eine über drei Jahrtausende zurückzuverfolgende Kultur (Religion, Literatur, Baukunst). Auch die einfachen Menschen in Indien sind tief geprägt vom Hinduismus, der seine Wurzeln in unvordenklicher Zeit aus animistischen Vorstellungen entwikkelt hat. Eine so uralte Überlieferung (die Störungen wie buddhistische und regional moslemische Zwischenphase, ständige Kriege unter den Königreichen und 400-jährige Besetzung durch Kolonialmächte zählen da nicht) schafft einen unerschütterlichen Fundus, auf den die so oft zitierte Weisheit der Inder zurückzuführen sein mag. Bei mir kam unbewußt über, daß Inder in ihrer unverbildeten, natürlicheren Einstellung zu Umwelt und Mitmenschen insgesamt zufriedener (im Frieden mit sich) sind als wir rastlos nach materiellem Gewinn und gesellschaftlichem Aufstieg strebenden Angehörigen der westlichen Industrienationen.
Es blieb bei derAhnung. In meinen Gesprächen mit den Indern selbst bekam ich keinerlei Einblick in ihre Wertvorstellungen. Auch mit Hilfe von Indienpilgern aus Deutschland konnte ich den breiten Graben zwischen indischer und unserer Welt nicht überbrücken. Und immer bleibt der Gedanke, daß auf dem indischen Subkontinent ungeahnte menschliche Schätze für uns Anhänger westlicher Zivilisation verborgen liegen.
Vielleicht ist es das, was seit Beginn der Tourismuswelle immer wieder eine übersichtliche Gruppe von Europäern veranlaßt, ihre jährlichen Reisziele unter den 25 Bundesstaaten Indiens auszusuchen. Für mich heißt das Fazit zu diesem Punkt: Die asiatische Seele ist mir weiter verschlossen, die in Indien verborgene Weisheit ist mir ein Buch mit sieben Siegeln geblieben, und meine Neugier konnte hier nicht gestillt werden.
Eines nicht weniger wichtigen menschlichen Erlebnisses sei abschließend Erwähnung getan: Bei den insgesamt sieben Begleitungen von Familie und Freunden als kurz- oder länger-fristige Reisegefährten gelang es uns fast immer, mit doppelter Freude gemeinsam unsere Erlebnisse zu bestehen und aufzuarbeiten. Ihnen allen bin ich dankbar dafür. Dankbar bin ich der höheren Instanz gegenüber für die geistige und körperliche Kondition und meiner Frau und Familie für die menschliche Nähe. Dies alles hat es mir ermöglicht, die Reise vom ersten bis zum letzten Tag körperlich frisch, geistig wach und seelisch aufgeschlossen zu erleben.
Cala Blava, am 26. September 1996

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