Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Ein Jahr zuvor

Der Gedanke kam mir an einem naßkalten norddeutschen Januarsonntag, und ich versuchte sogleich, Melitta dafür zu gewinnen: Wir beide hatten in der Zeit unserer Ehe westeuropäische Länder, Nord- und Südamerika bereist, kannten aber Asien und den Pazifik überhaupt nicht. Es würde sich unserem gemeinsamen Lebensverlauf gut einfügen, jetzt im Rahmen einer Weltreise das Versäumte nachzuholen.
Wie immer, war Neugier der Auslöser für meine Planung: Wie mögen Klima, Landschaft, Flora und Fauna in jenem Teil unserer Welt beschaffen sein, in dem immerhin mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt? Und vor allem: Wie leben die Menschen, die in das Erbe einer Jahrtausende alten Kultur (Religion, Philosophie, Sprache und Kunst) eingebunden sind, heute in Indien, Sri Lanka, Thailand, Nepal, China und Bali?
Wie mag das Zusammenleben von Eingeborenen und den Nachfahren der Kolonisatoren funktionieren in Australien, Neuseeland, in der Südsee und auf Hawai, wo alte Kulturen von den europäischen Usurpatoren verdrängt wurden?
Ein weiterer hoffnungsvoller Gedanke kam auf: Bestand nicht die Chance, auf einer Reise in den fernöstlichen Kulturländern durch den Kontakt mit ihren Bewohnern etwas über die sprichwörtliche asiatische Gelassenheit zu erlernen, vielleicht sogar etwas von ewiger Weisheit mit nach Deutschland zurückzubringen?
Eine halbjährige Weltreise, die uns von Ost nach West durch zehn oder mehr Länder führen würde, könnte uns diesen Zielen näherbringen. Am besten wäre es, solch eine Reise spontan und ohne großen Aufwand durchzuführen: Normale Verkehrsbusse, Eisenbahn und Fähren zu benutzen, in einfachen Herbergen oder Privatquartieren zu übernachten und am Ort zu bleiben, solange es gefällt und von dort jeweils das nächste Ziel auszuwählen. Diese ehrlichste Art zu reisen ist aber nach meiner Meinung den jungen Leuten vorbehalten. Uns Älteren würde schon ein verstauchter Fuß oder eine Grippe die Fortsetzung der Reise erschweren.
Aber ein anderes stand auch fest: Paketreisen wollte ich vermeiden, bei denen die menschlichen Kontakte beschränkt bleiben auf die Mitglieder der Gruppe, denen Informationen über Land und Leute vermittelt werden vom begleitenden Reiseführer und man im übrigen einem auf Stunden kalkulierten erbarmungslosen Zeitplan ausgesetzt ist. Vielmehr müßte es eine individuelle Reise werden mit der Möglichkeit des direkten Kontakts zur Bevölkerung und ohne Zeitstreß. Also wären Reiseroute, anzusteuernde Punkte und Aufenthaltsdauer von vornherein festzulegen und über ein Reisebüro entsprechende Flüge und Hotels vorzubuchen.
Diese Gedanken trug ich Melitta beredt vor und setzte hinzu: Eine solche Reise müsse in einem Stück gemacht werden, weil nur so die vielfältigen Strukturen der unterschiedlichen Rassen, Religionen, Kulturen und Landschaften in den bereisten Ländern erkennbar würden. Melitta stimmte mir in vielem zu, war aber grundsätzlich nur zu Einzelreisen bereit.
Bald darauf und ohne Wissen von meinen Wünschen fragte Cousin Kay bei uns an, ob wir Interesse an einer gemeinsamen Reise mit ihm und Nicole nach Kerala (Südwestindien) hätten, die er für Anfang 1996 gebucht hatte. Melitta und ich stimmten spontan zu, und außerdem waren wir uns einig, daß ich danach allein meine Wunschreise fortsetzte. So war jetzt die Entscheidung gefallen: Beginn der Reise Januar 1996 und Reiserichtung von West nach Ost.
Ende Juni wollte ich wieder zuhause sein. Meine zwölf Wunschländer und ihre Regionen und Städte waren zeitlich und in der Reihenfolge so einzuordnen, daß genügend Muße für intensives Studium blieb und die kürzesten Reisewege sich ergaben. Die grobe Vorplanung - rein zufällig stimmte sie fast immer überein mit optimalen klimatischen Verhältnissen im Land - wurde zur minutiösen Planung im Reisebüro, wo ich 40 Flüge auf 18 verschiedenen Luftverkehrslinien, 155 Übernachtungen in 54 verschiedenen Hotels, sowie Boots- und Zugfahrten buchen ließ.
Diese Detailplanung konnte ich nun heraussenden an Freunde. So erreichte ich, daß ich mehr als die Hälfte der gesamten Reisedauer in Begleitung sein würde: In Südindien von Melitta und dem Kreis um Cousin Kay, in Sri Lanka von Melitta, in Kathmandu war ein Treffen mit Freunden aus Wien geplant, in China würde Hubi (Sinologe und Betriebswirt mit 3 Jahren Chinaerfahrung, Sohn eines verstorbenen Freundes) dazukommen, auf Bali und in Australien würde ich mit einem Wanderfreund aus Hannover reisen, in Neuseeland wäre ein Wanderfreund aus Bayern an meiner Seite, und auf der Bahnfahrt quer durch Kanada würde ich in Begleitung eines befreundeten Ehepaars aus unserer Nachbarschaft reisen.
Glückauf!

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