Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

China (29.Februar - 15. März 1996)

Peking im Palace Hotel, am 1. März
Als ich nach unkomplizierter Abfertigung in der Halle des Airport erschien, erwartetete mich Hubi schon. Er war einige Stunden zuvor aus Jinan, wo er in mittleren Industriebetrieben Material für seine Doktorarbeit zusammenstellt, nach hier geflogen. Wir fuhren sogleich mit dem Taxi in unser sehr gutes Hotel, wo gleich darauf unsere Betreuerin eintraf, um zwei Touren mit uns zu timen.
Abendessen im italienischen Restaurant des Hotels.
Heutemorgen machen wir einen Fußmarsch vom Palace vorbei am Hotel Peking zur Verbotenen Stadt, wo wir lange kreuz und quer über die Plätze und Straßen laufen, um einen ersten Eindruck von diesem einstigen Machtzentrum des Riesenreiches zu gewinnen.
Nach einem Dim Sum Imbiß im kantonesischen Restaurant des Palace gehen wir über einen Markt mit Gemüse, Fleisch und Fisch zum Kohlenhügel am Ende des Kaiserpalastes, danach zum Beihai Park mit der weissen Dagoba, über den Tiananmen Platz, vorbei an dem Mao Mausoleum in eine lange Basarstraße. Mit dem Taxi fahren wir zurück ins Hotel, wo ich mir nach Monaten der Abstinenz den Luxus leiste, im Bayrischen Restaurant mit Hubi Nürnberger Bratwürstchen mit Sauerkraut zu essen, dazu reichlich Tsingtauer Bier.
Peking gefällt mir bis jetzt gut und entspricht so garnicht dem Bild, das mir Reisende aus weit zurückliegenden Jahren geschildert hatten. Zwar riecht es überall nach Desinfektionsmitteln, wie man es in der DDR vor der Wende gewohnt war. Aber die Stadt wirkt nicht übervölkert, die Menschen sind (westlich) gut gekleidet, es gibt kein Elend, keinen Bettel und kaum Müßiggang. Und: Straßen und Plätze sind sehr sauber. Hubi führt das darauf zurück, daß die Stadtverwaltung durch Verordnungen die Hundehaltung untersagt und das Spucken und Wegwerfen von Papier, Zigarettenkippen u.s.w. verboten und unter Strafe gestellt hat. Das Kontinentalklima schließlich wirkt sich sehr angenehm aus. Nach leichtem Nachtfrost erwärmt sich die sehr trockene Luft tagsüber unter einem wolkenlosen Himmel, und wir fühlen uns zu immer neuen Unternehmungen herausgefordert.
Peking, am 3.März
Nach einem Tag mit Massage, viel Ruhe und Spaziergängen steht heute der erste Ausflug an, zu dem uns die charmante dreiundzwanzigjährige Katarina und ein Chauffeur mit weißen Handschuhen im Mercedes 250 abholen. Der Sommerpalast liegt 12 km nordwestlich der Stadt an einem natürlichen See und mit der anderen Seite an einem Berghang. Der See ist noch zugefroren, und bis Ende Januar laufen die Pekinger hier Schlittschuh. Wir gehen mit Katarina auf einer gepflegten Allee bis zu einem in den See hineinragenden marmornen Gebäude, das die Form eines Schiffes hat.
Die Palastanlage ist vom Qianlong-Kaiser aus der Qingdynastie um 1750 errichtet worden. Wie in der Verbotenen Stadt erleben wir auch hier wieder als wohltuend die niedrige, meist einstöckige Bauweise der meisten Gebäude; dazu das Holzschnitzwerk an Säulen, Fassaden und Dachbalken, die geschwungenen Linien der Dachfirste und die zarten Farben des Holzes und der kunstvollen Ziegel. Während der am Rande des alten Peking liegende Kaiserpalast ernste Würde und Strenge vermittelt, geht von diesem in die Natur eingebetteten Sommerpalast eine heitere Stimmung aus.
Auf dem berühmten Vogelmarkt werden zahlreiche Arten von Singvögeln, außerdem Mäuse, Kaninchen und Küken zum Kauf angeboten. An einem der handwerklichen Stände erstehen wir Kleinigkeiten aus Jade und Walnußschale.
Weiter geht die Fahrt zum Yong He Gong Tempel, bekannter als Lamatempel. 1694 wurde er während der Herrchaft der Qingdynastie als Wohnsitz des Thronfolgers gebaut und schon 1732 in ein lamaistisches Kloster umgewandelt. Die Gebäude sind quergestellt wie in der Verbotenen Stadt und stehen, nach Norden zu jeweils erhöht, auf einer Zentralachse, sodaß man vom südlichen Eingang alle Tempelgebäude sehen kann. In einer Tempelhalle stehen Stelen mit der Geschichte des lamaistischen Gelbmützenordens auf chinesisch, mandschurisch, mongolisch und tibetanisch. In der Halle Yong He Gong stehen die Buddhas der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft (dieser letztere heißt Maitreya und wird meist lachend und dickbäuchig dargestellt), flankiert von achtzehn Lohan, das sind mit Buddhas Hilfe Erleuchtete. Die Halle Tsongkhapa ist dem gleichnamigen Begründer des Gelbmützenordens gewidmet. In der letzten Halle steht ein aus einem einzigen Sandelholzstamm geschnitzter achtzehn Meter hoher Buddha.
Ein Besuch im Konfuzius Tempel, wo in einem Nebenraum die Lehre des Meisters in Stelen eingraviert ist, beendet die heutige Tour. Während ich die chinesischen Schriftzeichen betrachte, denke ich über die seltsame Fügung nach, die in einem einzigen Jahrhundert, nämlich dem 6. vorchristlichen, so viele heute noch bedeutsame Weltlehren begründen ließ: Den Buddhismus durch Siddharta Gautama Buddha, den Daoismus durch Lao Zi, den Konfuzianismus durch Konfuzius, den Jainismus durch Mahavira und den Mazdaismus durch Zarathustra.
Am Abend sehen wir uns eine Peking Oper an, in der ein ländlicher Schwank durch Sprechtheater übermittelt und dann in der zweiten Hälfte mit Akrobatik und Jonglieren angereichert wird.
Peking, am 4. März
Katarina und der Fahrer holen uns mit der Limousine ab für die heutige Tour zur Mauer und zu den Minggräbern. Ein Heer von Radfahrern umgibt uns beim Verlassen der Stadt. In der Straßenmitte steht uns und dem Autogegenverkehr nur je eine Fahrspur zur Verfügung. Die Fahrräder beherrschen die Seiten, wo sie in jeder Fahrtrichtung in Sechserreihen nebeneinander fahren.
Die große Ebene, in der Peking liegt, reicht im Norden bis an das Gebirge. Ackerbau wird hier betrieben, und wir fahren auch lange durch Plantagen, deren Spalierobst die Hauptstadt versorgt.
Ganz unvermittelt geht die Ebene über in das Gebirge, dessen hintereinander liegende Ketten wir an diesem trockenen, sonnigen Tag gut wahrnehmen können. Schon bald sehen wir eine südliche und danach die nördliche Mauer. Hubi und ich steigen auf ihrem mit mannshohen Zinnen bewehrten oberen Abschluß, der vier Meter breit ist, bis zu ihrem hier höchsten Punkt. Die Mauer folgt dem Verlauf des Bergkammes; mit ihm schlängelt sie sich nach rechts und links, steigt steil bergan, um danach wieder sich abzusenken. Die Fernsicht ist gut. Der Blick geht über die im Nordwesten liegende Ebene mit Stausee, die nach Südost verlaufende Bahnlinie, und reicht bis zu den weiteren Gebirgszügen ringsum, die bis zu 1.500 m hoch sind. Mit einer von Franzosen erstellten Berggondel fahren wir wieder zum Parkplatz zurück.
Wir unterbrechen unsere Weiterfahrt für einen chinesischen Gemüselunch und kommen am frühen Nachmittag an in dem weiten, hufeisenförmig von Bergen umgebenen Tal, in dem dreizehn Gräber von Kaisern aus der vorletzten Dynastie der Ming liegen. Das Grab des Wanli Kaisers (1573 - 1620) ist offengelegt worden, und staunend nimmt man wahr, welcher Aufwand für einen toten Kaiser getrieben wurde. Über Treppen und Gänge kommt man tief unter der Erde durch große Vorhallen in die eigentliche Grabeshalle, wo der steinernde Sarkophag steht. Weitere Sarkophage für die Kaiserin und die Prinzen sind hier aufgestellt. Zum Abschluß gehen Katarina, Hubi und ich auf der von steinernen Elefanten, Löwen und anderen Tieren flankierten heiligen Allee, an deren Ende uns der Wagen wieder aufnimmt.
Auf der Rückfahrt nach Peking wird eine unübersehbar ausgedehnte Baustelle passiert. Breite Umgehungs- und Zubringerstraßen werden hier unter Verwendung moderner Tiefbaumaschinen angelegt, und überall im Umkreis entstehen Hochbauten für einen neuen Stadtteil: Ausdruck einer zum Aufbruch in die Moderne entschlossenen Nation. Bei der Einfahrt in die Hauptstadt am Nachmittag erwartet uns wieder der Anblick von Tausenden von Radfahrern, die nun aus den Betrieben nach Hause radeln.
Peking, am 5. März
Nach dem Frühstück gehen Hubi und ich noch einmal in die Verbotene Stadt und anschließend über den angrenzenden Tiananmen Platz. Eine Countdown-Uhr zeigt die Sekunden, Minuten, Stunden und Tage an, die noch bis zur Übernahme Hongkongs durch China vergehen müssen. Auf der gegenüber liegenden Seite des Platzes steht das riesige Parteigebäude. Gegen Ende der Längsachse das Mausoleum für den Chairman Mao.
Mit dem Taxi fahren wir zum Himmelstempel. Auf der von Nord nach Süd verlaufenden Achse der Ruhe und Harmonie vermittelnden Anlage gehen wir zur Halle der Erntegebete: Eine dreistöckige runde Pagode, errichtet auf drei weißmarmornen Kreisebenen, die sich nach oben verjüngen und zu denen jeweils vier Treppen (entsprechend den vier Himmelsrichtungen) mit je neun Stufen führen. Die drei Dächer sind mit blauen Ziegeln gedeckt. Die Nord Süd Achse führt weiter zu einer kleinen runden Halle, dem Erhabenen Gewölbe, und gleich danach zum Himmelsaltar, der aus drei sich nach oben verjüngenden Kreisterrassen aus weißem Marmor besteht. Die höchste Kreisebene durfte nur der Kaiser betreten. Hier betete er, ausnahmsweise das Gesicht nach Norden gewendet.
Heute ist unser letzter Abend in Peking, zu dem Hubi seine Studienkollegin Friederika hinzubittet. Wir gehen zu Fuß in das Restaurant Peking-Duck, welches in der Nähe vom Hotel Palace liegt. Weil ein Hospital in der Nachbarschaft liegt, nennt der Volksmund das Restaurant auch Kranke Ente. Hubi bestellt für uns drei zu meiner Verwunderung nur eine Ente, aber es ist tatsächlich völlig ausreichend. Gegen Ende des köstlichen Schmauses fragt Hubi bei uns höflich an, ob einer den Schnabel wünsche; als wir abwehrend den Kopf schütteln, ißt er ihn genüßlich.
Shanghai im Portman Shangri-La Hotel, am 7. März
Nach pünktlicher Ankunft gestern im Airport von Shanghai erwartete uns schon die Angestellte des hiesigen Reisebüros am Transportband. Sie geleitete uns im von einem Fahrer gesteuerten Wagen ihres Unternehmens durch die Vorstadt zum 20 km entfernten Portman Shangri La, das modernste Hotel der Stadt mit 45 Stockwerken und gelegen an der Nanjing Xi Lu (übersetzt: Südhauptstadt West Straße). Wir stürzten uns sogleich ins Gewimmel dieser Straße und folgten ihr Richtung Ost bis zum New World Kaufhaus. Mit einer von einer jungen Frau gesteuerten motorisierten Rikscha hatten wir eine abenteuerliche Fahrt zurück, unter ständigem Hupen quer durch Kolonnen von Radfahrern und ohne Rücksicht auf rot geschaltete Ampeln. Im Shanghai Jax des Hotels bestellten wir uns Filetsteak.
Heutemorgen fahren wir nach einem guten Frühstück im Tea Garden unseres Hotels im Taxi zum Bund, der Uferpromenade am Huangpu. Geschäftiges Leben herrscht auf dem Fluß. Schleppzüge, Fähren, kleine und große Passagierschiffe und Küstenfrachter beleben den Fluß, an dessen Ufern sich einer der größten Welthäfen erstreckt. Und an der am Bund entlang führenden breiten Straße imponieren die repräsentativen Prachtbauten der Geschäftshäuser und Banken aus der Jahrhundertwende. Wir sind in der britischen Konzession, dem im letzten Jahrhundert vom Kaiser den Engländern eingeräumten Handelsplatz von Shanghai. Das Gouverneurshaus fügt sich würdig in die Reihe der historischen Bauten ein.
Ein sonniger und milder Frühlingstag ist heute. Auf der eleganten, überhöht angelegten Promenade am Fluß genießen Alt und Jung den Morgen. Es sind fast ausschließlich Chinesen, die entweder eine Arbeitspause eingelegt haben oder als Touristen im eigenen Land unterwegs sind. Ihre Gesten und Gesichtszüge drücken Lebensfreude aus, und mir fällt der Chic ihrer Kleidung auf. Man spürt, daß hier das Leben mehr ausgekostet wird als im sehr ernsten Peking des herben Nordens.
Wir bummeln auf dem Bund zur Fährstation und wieder zurück bis zu der Stelle, wo der Suzhou Creek in den Huangpu mündet. Ein monumentales Denkmal soll hier erinnern an revolutionäre Kämpfe im modernen China. Ein scheußliches Bauwerk, wie fast alle an Heroismus gemahnenden Werke unseres Jahrhunderts. Uns fallen die alten Frauen auf, die, von der Verwaltung dazu angestellt, aufmerksam darüber wachen, daß niemand Papier oder Kippen fortwirft. Hubi sagt mir, daß schon geringste Verschmutzungen in den chinesischen Großstädten mit hohen Geldstrafen geahndet werden. Auch in Shanghai fällt uns die Sauberkeit der Straßen auf.
Wie einfach ist es doch in nicht demokratisch regierten Staaten, dem Volkswohl dienende Dinge durchzusetzen. Hundehaltung, Spucken und sonstiges Verunreinigen werden durch Erlaß unter Strafe gestellt, und sogleich herrschen hygienische Zustände, von denen man in vielen deutschen Städten nur träumen kann. Es droht Überpopulation in diesem Land, das auf 7 % landwirtschaftlich nutzbarer Fläche der Erde ein Viertel der Weltbevölkerung ernähren muß, und durch Gesetz wird kurz und bündig den chinesischen Familien verboten, mehr als ein Kind zu haben. Und in Deutschland streiten sich die Parteien seit 6 Jahren über so etwas Absurdes wie das Ladenschlußgesetz, zum Gespött des gesamten Auslandes!
In der großen und hohen Halle des 1. Stockes im Tungfeng nehmen Hubi und ich am offenen Fenster ein Bier zu uns. Wir sind zu dieser Morgenstunde die einzigen Gäste. Hubi erzählt über seine Ausbildungs- und Berufspläne. Es gefällt mir, wie er sein nicht einfaches Leben meistert und dennoch die Lebensfreuden dabei nicht aus den Augen verliert.
Wir bummeln weiter durch die chinesische Altstadt. Der Yu-Garten nimmt uns auf. Labyrinthartig sind hier die schmalen steinernen Wege geführt zwischen künstlichen Felsen und Wasserläufen, über im Winkel angelegte Brücken hinweg und vorbei an Pavillons mit den stark geschwungenen chinesischen Dächern. Pflanzen sind das, was das suchende Auge nur selten entdeckt. Vom Neujahrs- und Laternenfest des Vormonats sind noch zahllose Lampions und für unseren Geschmack maßlos verkitschte Papierfiguren stehen geblieben. Und das alles ist auf kleinstem Raum inmitten des dicht bebauten Viertels untergebracht. Im berühmten Feinschmecker-Restaurant Lubolang gleich nebenan nehmen wir ein aus sechs verschiedenen Speisen zusammengestelltes Gericht zu uns; Kenner Hubi lobt die Küche.
An die Altstadt schließt sich an die französische Konzession, das Viertel, das nach dem Opiumkrieg mit den imperialistischen Mächten Mitte des 19. Jh. von China den Franzosen überlassen werden mußte. Auffällig wirken die Häuser im französischen Stil an den schachbrettartig angelegten Alleen. In der Auslage eines winzigen Feinschmeckerrestaurants entdecken wir lebende Kröten und Schlangen. Darauf fasse ich den Entschluß, von meinem Vorhaben Abstand zu nehmen, einmal Schwalbennester zu essen. Durch den ehemaligen Hardoon Park, der heute Ausstellungsgelände ist, gelangen wir wieder in unser gegenüber gelegenes Hotel.
Shanghai, am 8. März
Als erstes schicke ich drei Faxe hinaus, eines an Melitta. Dann steht die Flußfahrt auf dem Huangpu an: Mit dem Taxi zum Bund, kurze Einkehr im Peace-Hotel für einen Tee und weiter zur Pier, wo unser Schiff schon fürs Ablegen vorbereitet wird. Im Gegensatz zu den beiden frühlingshaften Vortagen ist es heute feuchtkalt. Also bin ich in meinen in Hongkong erstandenen Parka geschlüpft, der mit hochgestelltem Kragen und Kapuze guten Schutz bietet. Hubi und ich gehen aufs Oberdeck hinauf, und sehr bald verschwindet die ehrwürdige Skyline des Bundes im Dunst. Fast ausschließlich chinesische Touristen umgeben uns, die sich sehr bald ins Schiffsinnere an vorbestellte Tische zurückziehen, um dort ausgiebig zu tafeln und zu zechen. Schnell kommt gesprächige Fröhlichkeit auf.
Stundenlang geht die Fahrt auf dem Huangpu nordwärts durch den schier endlosen Flußhafen. Container-, Binnenschiffahrts- und Kriegshafen wechseln mit Umschlagplätzen für Massen- und Stückgüter, ohne daß ein übergeordneter Lageplan zu erkennen ist. Hinter den Hafenanlagen erheben sich im grauen Dunst im Bau befindliche und fertiggestellte Hochhäuser von Stadtvierteln der Megapolis. Auf dem Fluß herrscht reger Schiffsverkehr. Man spürt, daß auch in Shanghai die Regierung die Weichen auf Boom gestellt hat.
Hinter Wusong erreicht unser Schiff den Jiangzi. Diese Lebensader Chinas wirkt von der Einmündung des Huangpu aus bei den heutigen Sichtverhältnissen uferlos. Das Gelbe Meer ist nicht weit. Meine Gedanken schweifen weit zurück in die chinesische Geschichte: Die großen Ströme des Landes mit ihren Überschwemmungsgebieten bildeten immer eine wesentliche Grundlage für den bäuerlichen Wohlstand, der es China erlaubte, seit vorgeschichtlicher Zeit und bis hinein ins 19. Jh. in Autarkie zu leben und aus eigener Kraft die bis heute wirkenden Lehren des Lao Zi (Daoismus) und des Konfuzius im 6. Jh. v. Chr. zu schöpfen, außerdem unter den chinesischen, mongolischen und mandschurischen Kaiserdynastien der Chin, Han, Tang, Sung, Yuan, Ming und Ching eine der längstlebigen und höchstentwickelten Kulturen der Menschheit hervorzubringen.
Nach dem Anlegen unseres Schiffes am Bund beenden wir mit einem gemeinsamen Abendessen im Hotelrestaurant Shanghai Jax unseren letzten Tag in dieser lebensvollen Stadt, der ein ähnlicher Charme zu eigen ist, wie wir Europäer ihn in den Anrainerstaaten des Mittelmeeres wahrnehmen.
Hangzhou im Hotel Shangri La, am 10. März
Gestern kamen Hubi und ich aus dem 200 km entfernten Shanghai hier nach drei Stunden Zugreise an. Die Fahrt ging wieder einmal durch eine Ebene, ähnlich wie die Landschaft um Peking; der Unterschied ist hier im Süden der Wasserreichtum. Zahlreiche Kanäle und Flüßchen, die von kleinen Booten befahren werden, durchziehen diese Kultursteppe, in der Sträucher und Bäume den schmalen Feldern weichen mußten, auf denen intensivste Landwirtschaft betrieben wird. Alle Arten von Gemüse werden hier, vereinzelt auch in Gewächshäusern, angebaut; man sieht dann und wann kleine Kulturen von Maulbeerbäumen, die jetzt, wie bei uns die Rebstöcke in dieser Jahreszeit, stark zurückgeschnitten werden. Und zwischen diesen Feldern sind - ohne jegliches städtebauliches Konzept - mächtige Wohnanlagen, Einzelhäuser und Hütten unorganisch eingestreut. Auch kleine und große Fabriken stehen vereinzelt zwischen den handtuchartig zugeschnittenen Anbauflächen. Man sagte uns, daß hier im Süden Chinas nur in der Winterzeit Gemüse angebaut werde. Dann folge eine Ruhezeit von einem Monat, um danach ab Mai Reis anbauen zu können, der zwei Ernten einbringe.
Am Bahnhof von Hangzhou wurden wir schon von der örtlichen Betreuerin erwartet, die uns zu unserer Überraschung eröffnete, daß wir hier vier Tage zu bleiben hätten und für den anschließenden Aufenthalt in Guilin nur zwei Tage vorgesehen seien (gebucht waren drei und drei Tage). Der Protest von Hubi wurde damit beantwortet, daß das Zentralbüro der staatlichen Reiseagentur CITS in Peking das so verfügt habe und dort jetzt am Wochenende ohnehin niemand zu erreichen sei. Wir fügten uns.
Unser Hotel liegt am Westsee, der von mittleren Gebirgszügen umschlossen ist und der den Hauptanziehungspunkt für Hangzhou darstellt. So machten wir uns gesternnachmittag zu einem Marsch um den See auf, der uns zum auf dem gegenüber liegenden Ufer befindlichen Jingci Tempel führte. Auch hier wird restauriert - fast drei Jahrzehnte nach der barbarischen Kulturrevolution. Wir sahen einige alte Mönche in grauen Kutten und Männer und Frauen aus der Landbevölkerung, die auf Kissen vor Buddhastatuen niederknieten, andere, die gebündelte Räucherstäbchen entzündeten und in einfachen Opferöfen niederlegten.
Auf dem Weg hatten wir den Eindruck, in der von Menschen gestalteten Natur eines großzügigen Staatsbades zu sein. Kein geschäftiges Treiben herrschte; wir begegneten überwiegend chinesischen Touristen und Tempelpilgern. Magnolien und Rhododendren trugen zum Aufspringen vorbereitete Knospen. In den Weiden und Ahornbäumen zwitscherten Drosseln und starenähnliche Vögel. Im See sah man die künstlich geschaffenen Inseln, zu denen Besucher sich in kleinen Booten fahren ließen. Und in der Ferne zogen sich dunkelblau erscheinende Gebirgszüge in mehreren Stufen dahin. Nach Peking und Shanghai bekam uns beiden das hier herrschende ländliche Flair recht gut. Im Übermut leerten wir darauf im Hotelzimmer einige der mitgebrachten Flaschen des roten und rosé Dragon Weines.
Heute war zunächst Ruhe angesagt. Verhangener Himmel und Dauerregen stützten diese Nichtaktion. Da es nun am Nachmittag aufhellt, verlassen wir das Hotel zu einem Bildungsgang. Im Yuewang Miao, einer dem General Yue Fei gewidmeten heiligen Stätte, haben wir einen konfuzianischen Tempel vor uns, in dem der General selbst mit vier Wächtern an den Seiten dargestellt ist. Vor dem Tempel sind in Bronze dargestellt die knieenden Mörder des Generals, der im 13. Jh. am Hofe der damals in Hangzhou herrschenden südlichen Song-Dynastie einer Intrige zum Opfer gefallen war.
Eine Stunde Wegs weiter gelangen wir zum Lingyin Si (Si=Buddhatempel; Miao=Konfuziustempel). Diese großräumige Tempelanlage wurde schon 326 n. Chr. von dem buddhistischen Mönch Hui Li an dieser Stelle gegründet, weil er in dem angrenzenden Berg eine den Buddhisten heilige Stätte in Indien wiederzuerkennen meinte. Er nannte diese Stätte deshalb „Berg, der geflogen kam“(Feilaifeng). In den Stein dieses Berges sind etwa dreihundert Statuen und Flachreliefs von Buddha in der Zeit von etwa 1000 bis 1400 n.Chr. eingemeißelt. Diesem Berg gegenüber sind drei große Tempelhallen quer zum Hang errichtet. In einer dieser Hallen steht die vor etwa 200 Jahren gefertigte große vergoldete Statue des Maitreya, des dickbäuchigen Buddhas der Zukunft. Dahinter und mit entgegengesetzter Blickrichtung steht ein im 13. Jh. zur Zeit der südlichen Song-Kaiser aus einem Kampferholz-Stamm hergestellter Weituo, Beschützer der buddhistischen Lehre. Maitreya und Weituo werden flankiert von ihren Schülern.
Und auch hier wieder zahlreiche junge und alte Pilger aus augenscheinlich ländlichen Bevölkerungsschichten, die auf Betschemeln vor den Statuen niederknieen, ihre aneinander gelegten Hände vom Kopf bis zu den Knien auf- und niederbewegen und dabei den Körper jedesmal nach vorn neigen. Dann lehnen sie die Stirn tief hinunter auf ein Kissen und verharren Sekunden lang in dieser Stellung. Die jahrelangen Spruchberieselungen Maos während der immerwährenden Revolution haben es offenbar nicht vermocht, den Glauben zumindest bei der Landbevölkerung auszulöschen. Katarina, unsere Betreuerin in Peking, hatte uns allerdings gesagt, sie und auch ihre Eltern seien ohne Glauben an eine höhere Macht.
Am frühen Abend bei untergehender Sonne suchen Hubi und ich das berühmte Restaurant Louwai Lou auf der in Hotelnähe liegenden Insel Gu Shan auf. Eine große Hochzeitsgesellschaft - die Braut im weißen Brautkleid läßt gerade auf dem roten Teppich vor dem Eingang ein Foto von sich und ihrem Bräutigam machen - ist gleichzeitig angekommen, um hier zu tafeln. Man geleitet uns in den Speiseraum, der nur durch eine spanische Wand abgeteilt ist von den Hochzeitern im Saal. Auf Hubis Rat bestellen wir Fisch und Beggars Chicken, Hühnchen mit Blättern umwickelt und im eigenen Saft gedämpft, dazu unzählige Arten herrlichsten Gemüses und Bier aus Qingdao (Tsingtau). Mit nicht gespieltem Wohlbehagen verzehrt Hubi die Fischaugen und einen Hühnerfuß.
Während wir lange und genüßlich speisen, steigt nebenan die Stimmung. Beim ausgiebigen Schmaus und Zechgelage werden lebhafte Gespräche von lautem Lachen begleitet. Als die Nachspeisen gereicht werden, steigert sich die Fröhlichkeit zum Karaoke: Per Video wird eine Show auf einen großen Bildschirm übertragen, begleitet von Instrumentalmusik. Dazu singt mal dieser, mal jener aus der Festgesellschaft bekannte Lieder ins Mikrofon mit mehr oder weniger gelungenem Wohlklang. Die Chinesen singen gern, lieben Geselligkeit und können überhaupt sehr fröhlich sein. Diese Eigenschaften habe ich erst im Lande kennengelernt, und meine Vorurteile einem Volk gegenüber, dessen Angehörige im Ausland sich pragmatisch und auf Gelderwerb ausgerichtet geben, konnten abgebaut werden.
Hangzhou, am 11. März
Heute ist wieder ein richtiger Frühlingstag. Die warmen Sonnenstrahlen haben schnell den Nebelschleier über dem Westsee aufgelöst. Windstille läßt die Oberfläche des Wasser wie einen Spiegel erscheinen. So lassen wir uns von einem Ehepaar über den See zu den drei Inseln rudern. Die verschlungenen Wege dort, die kleinen künstlichen Wasserflächen und Brückchen, die Pavillons und Anlegestellen - alles ist ganz auf den Erholungsuchenden ausgerichtet: Diese ehemalige Kaiserresidenz ist heute ein von der Natur begünstigter Kurort mit zudem mehreren Tempelanlagen und historischen Stätten.
Am Nachmittag improvisieren wir im Hotelzimmer einen Imbiß mit Käsebrezeln. Dann steigen wir den Berg hinter dem Hotel auf zur Baochu Pagode. Der Weg führt zunächst durch ein chinesisches Wohnviertel, in dem die Menschen uns freundlich erstaunt grüßen. Nach Passieren der Pagode (aus dem 10. Jh.) treffen wir beim Weiterwandern auf dem Bergkamm in westlicher Richtung mehrfach auf Männer, die ihren Hausvogel im Käfig in einen Baum gehängt haben und es sichtlich genießen, wie er im Licht der untergehenden Sonne seine fröhlichen Arien in den Spätnachmittag hinausschmettert. Einen anderen Chinesen beobachten wir, der gleich drei besetzte Käfige aufgehängt hat. Er steht gedeckt etwas abseits und mischt eine selbst produzierte Lockweise in den Gesang. Ein der Goldammer ähnliches Vögelchen nähert sich, und wir vermuten, daß wir einen Vogelfänger vor uns haben.
Am Abend kehren wir wieder im bewährten Louwai Lou ein. Diesmal speisen wir Fisch in einer Sauce von Ingwer und Frühlingszwiebeln, dazu junge Erbsenschoten. Feinschmekkerfreund Hubi bestellt sich gedünstete Muscheln und frittierte Heuschrecken zum Abschluß des köstlichen Essens.
Hangzhou, am 12. März
Heute ist es wieder dicht bewölkt und naßkalt. So erledigen wir Telekommunikation: Hubi telefoniert mit Christine; ich sende Faxe an Melitta und Tini. Als es nachmittags gar zu regnen anfängt, fahren wir mit einem Taxi zu einem Art Shop, wo ich einen winzigen Bi erwerbe: Eine weiße polierte Scheibe aus feiner Jade mit einem Loch in der Mitte: Sie ist Symbol der Verehrung des Himmels. Das Gegenstück als Symbol der Verehrung der Erde ist ein der Länge nach durchbohrter Jadequader. Anschließend lassen wir uns bei weiterhin strömendem Regen ins Museum fahren. Die Exponate veranlassen mich zur gedanklichen Wiederholung der Entwicklungsgeschichte Chinas seit 221 v. Chr., verbunden mit den Kaiserdynastien der Qin, Han, der drei Reiche, der nördlichen und südlichen Dynastien, der Tang-Kaiser, der fünf Dynastien, der Song-, Yuan-, Ming- und schließlich im Jahre 1911 abschließenden Quing - Dynastie.
Den letzten Abend in Hangzhou verbringen wir wieder im Louwai Lou - diesmal mit Fisch, Tofu (Sojakäse) und Bier aus Qingdao. Da wir morgen schon um 7 Uhr 30 von Frau Ma, unserer Betreuerin, im Wagen für den Flug nach Guilin abgeholt werden sollen, gehen wir früh schlafen. Allerdings sehen wir uns noch, wie fast täglich, die CNN World News an. Sowohl die globale Wetterkarte als auch die Aufregungen um die Raketenmanöver der Chinesen vor Taiwan und den im Gegenzug durchgeführten Aufmarsch der Flugzeugträger „Independance“ und „Nimitz“ der 7. amerikanischen Flotte verfolgen wir aufmerksam.
Guilin im Hotel Sheraton, am 13. März
Zunächst ging alles nach Plan: Die Fahrt zum Airport und pünktlicher Abflug unseres Fliegers. Auf dem Flug kamen wir in zunehmend schlechteres Wetter. Die Maschine drehte plötzlich in einer scharfen Rechtskurve nach Nord ab. Es kam die Durchsage, wir müßten wegen Nebels in Guilin eine Zwischenlandung in Changsha machen. Nach zwei Stunden Sitzens im überfüllten Transitraum starteten wir erneut und sind nun seit dem frühen Nachmittag hier. Unser Hotel liegt am Li-Fluß. Nach dem pragmatischen Genuß eines Hamburgers mit Bier spaziere ich am Fluß entlang, auf dem wir morgen flußaufwärts fahren werden. Am Li steht viel Bambus, und ich versuche, mir das Aussehen der an der Uferallee stehenden Kampfer- und Osmanthusbäume einzuprägen.
Wir haben auf dem Airport von Changsha beiläufig erfahren, daß um diese Jahreszeit Nebel in Guilin alltäglich sei und der Flughafen dort noch eine vorsintflutartige Militärbasis ganz am Rand der steilen Bergkuppen und ohne alle modernen Flugsicherungen sei und deshalb ständig Flüge gestrichen würden. Deshalb beauftragen wir Huang, unseren Betreuer, uns unbedingt für den einzigen Flug des morgigen Tages, am Spätnachmittag, umbuchen zu lassen.
Guilin, am 14. März
Ein nebliger Tag, trotzdem die einzige Chance für die Flußfahrt auf dem Li. Huang holt uns schon früh vom Hotel ab, und mit dem Taxi geht es zur Ablegestelle. Unser Boot mit zwei Decks hat so wenig Tiefgang, daß es trotz niedrigen Wasserstandes niemals aufsetzt. In dem fünfzig bis hundert Meter breiten Flußbett überwiegen die trocken gefallenen Kiesflächen. Am flachen Ufer stehen große Gruppen von Bambus. Fischer arbeiten von kleinen Booten aus mit abgerichteten Kormoranen, die die von ihnen unter Wasser erbeuteten Fische zunächst in ihren Kropf aufnehmen und sie nach der Rückkehr zum Fischer wieder herauswürgen. Kleine dörfliche Siedlungen mit Häuschen von ehrwürdigem Alter tauchen ab und zu aus dem Nebeldunst auf. In ihrer Umgebung sieht man im ansteigenden Gelände Terrassen, auf deren Feldern sich weiße Teppiche einer zur Düngung ausgesäten Pflanze mit gelb blühendem Raps und dem zarten Rosa der Knospen von Pfirsichbäumen abwechseln. Mit runden, breitkrempigen Hüten aus Reisstroh gekleidete Bauern arbeiten vereinzelt auf den Feldern. Hinter dieser Kulisse erscheinen schon sehr bald die steilen, oben abgerundeten Kegel der Kalkfelsen, deren Umrisse manchmal im Nebel verschwimmen.
Erinnerungen an chinesische Tuschezeichnungen aus längst vergangenen Jahrhunderten kommen auf, in denen diese für Guilin so typischen Bergkegel, Bambus an Ufern und mit dem flachen Chinesenhut gekleidete Bauern dargestellt sind. Und man hat das Gefühl, daß sich hier das alte bäuerliche China in einer von der Moderne noch nicht umgestalteten Landschaft hat erhalten können.
Als unser Boot einmal ganz nah am Ufer entlang fahren muß, ruft uns eine Schar von Kindern etwas zu, und ich begreife ihren Wunsch. Heimlich falte ich alle meine 10-Yuan-Scheine einzeln zu Wurfgeschossen und werfe sie in Richtung Ufer. Die Scheine landen im Wasser, und die Kinder stürzen sich hinein, um die Beute herauszufischen. Ein Junge ist gar mit einem Kescher ausgerüstet und erlangt den Löwenanteil. Ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem die Kinder, ich und die Passagiere Freude haben! Doch Huang sieht es als Betteln an und bittet mich, das Spiel zu beenden.
Nach der Rückkehr erfährt Huang, daß unsere für den heutigen Spätnachmittag vorgebuchte Maschine nach Hongkong wegen Nebels erst am morgigen Vormittag fliegen wird. Ich werde nervös. Übermorgen geht mein Flugzeug von Hongkong nach Bali. Ich will raus aus dem Nebelloch! Frage an Huang: Falls auch morgen nicht geflogen werden kann (eine Stunde bis Hongkong): Wie sieht es mit den anderen Transportmöglichkeiten aus? Antwort: Mit dem Zug würde man in 27 Stunden bis Kanton kommen. Dieselbe Strecke mit dem Taxi würde 37 Stunden dauern!
Guilin, am 15. März
Gut läßt sich dieser Tag an. Zwar hängen schwere Regenwolken über der Stadt, aber die Nebelbänke scheinen aufgelöst. Am späten Vormittag soll unser für gestern vorgesehener Flug abgehen. So machen Hubi und ich fröhlich gestimmt noch einen Spaziergang am Li-Fluß. Um diese frühe Tagesstunde treffen wir auf der Uferallee viele junge und ältere Menschen beim Schattenboxen an: Im langsamen Wechsel werden die unterschiedlichsten Körperhaltungen eingenommen, und man verharrt so lange Zeit, begleitet von der vorgeschriebenen Atmung. Auf einem Platz wird nach westlicher Discomusik getanzt. Ich löse ein Ticket und tanze mit. Schon bald gesellt sich ein (leider) männlicher Tanzpartner zu mir, um von mir zu lernen. Hubi und ich kehren zurück zum Hotel, von wo uns Huang zum Airport abholen will. Hoffentlich kommen wir hier heraus!
Hongkong im The Regent, am 16. März
Wir hatten Glück. Die Maschine ging wie vorgesehen um 11 Uhr 20. Mit Hubi aß ich nach der Ankunft hier noch zu Mittag im Hotel, bevor er sein Zimmer auf Isle of Hongkong aufsuchte und ich mich im Regent erholte.
Heutemorgen kommt Hubi zum gemeinsamen Frühstück ins Hotel. Danach fahren wir mit der Fähre nach Central. Wir nehmen ein Taxi für eine Umrundung der Insel. Wir fahren in einem Außenfahrstuhl in den höchsten Stock des Time Square in Wanchai, besteigen anschließend das Oberdeck der Straßenbahn nach Central, um von dort mit der Fähre zurück nach Tsim Sha Tsui überzusetzen. Im Regent kehren wir noch einmal im Heen ein, um dort zum letztenmal Dim Sums zu essen. Danach verabschieden wir uns herzlich.
Dem Zimmerboy schenke ich meine vor der Chinareise in Hongkong erworbene gefütterte Jacke. Ich werde sie nicht mehr nötig haben, denn die Weiterreise wird mich in fünf Länder bringen, die innerhalb der Wendekreise oder am Pazifik liegen.
Um 16 Uhr geht meine Maschine der Cathey Pacific vom nahegelegenen Airport nach Denpasar auf Bali. So bleibt mir noch etwas Zeit, über die vergangenen 15 Tage nachzudenken.
Über das moderne China habe ich vieles gelernt. Sowohl in zwei Metropolen als auch in ländlichen Teilen des Landes habe ich eine ganz neue Vorstellung von der Mentalität der Chinesen gewinnen können. Ich empfinde sie als Menschen, die wir Westeuropäer auf Anhieb viel besser verstehen können, als z.B. Inder oder die Völker Nepals. Pragmatische Lebenseinstellung und gesunder Erwerbssinn verbinden uns. Überdies habe ich gefunden, daß Chinesen trotz der Jahrtausende langen Isoliertheit freundlich und hilfsbereit dem Fremden begegnen.
Diese Nation mit einem Viertel der Weltbevölkerung ist kraftvoll aufgebrochen in eine für sie bessere Zukunft. Das spürt man in Peking und Shanghai, wenn man die im rasanten Tempo geschaffenen und neu entstehenden Verkehrswege, Tranportmittel und Hochbauten sieht. Die barbarische Kulturrevolution ist ganz überwunden, zerstörte Klöster werden mit staatlicher Unterstützung wieder hergerichtet, und die heutige, allenfalls von der kommunistischen Partei kontrollierte Diktatur läßt dem Volk genügend Freiräume für eine zufriedene Lebensführung. China wird in Zukunft ein immer wichtiger werdendes Mitglied der Völkergemeinschaft sein.
Die Reise in China war darüber hinaus sehr erquicklich in menschlicher Hinsicht. Meine Gespräche mit dem um 36 Jahre jüngeren Hubi waren immer ganz offen und herzlich. Oft hat es Hubi in seiner gelassenen Art verstanden, den Älteren durch witzige Bemerkungen und lieb gemeinte ironische Anspielungen zu beschwichtigen, wenn jener in unvorhergesehenen Situationen auszurasten drohte. Wir haben einander auf dieser Reise gut kennen- und als Freunde schätzen gelernt.
Es ist Zeit jetzt zum Aufbruch. So schultere ich meinen Rucksack und winke mir vorm Hotel ein Taxi heran. Schön ist´s, unabhängig zu sein vom Bellman im Hotel und von dem Gepäcktransportband der Airports.
Die Maschine startet pünktlich, und schon bald sind wir 10.300 m hoch über dem Südchinesischen Meer. Tief unten stehen kleine Kumuluswolken über der Wasseroberfläche - dasselbe Bild, wie ich es aus einer Überquerung des Mittleren Atlantik vom Segelschiff aus erinnere. Zwischen diesen Wattebällchen entdecke ich Frachtschiffe mit Kurs von oder nach Hongkong. Die Tischchen für das Dinner werden schon eingedeckt. Nach der Speisekarte zu urteilen, werden drei köstliche Gänge gereicht werden. Doch verzichte ich für diesesmal aufs Essen, weil ich mich ganz dem Ausblick widmen will. Um 18 Uhr 30 nämlich werde ich den Sonnenuntergang von meinem rechten Fensterplatz erleben. Um diese Zeit würden wir etwa über der Nordküste von Borneo, und zwar östlich von Brunei, stehen; so hatte ich es anhand meiner Weltkarte über den Daumen errechnet.
Freude kommt auf, als wir tatsächlich 10 Minuten nach geschätzter Zeit und bei den letzten Sonnenstrahlen die grüne Küste Nordborneos erreichen. In der nun sehr schnell fortschreitenden Dämmerung erkenne ich unter mir den dichten und anscheinend unbesiedelten Urwald. Dieser üppige Vegetationsgürtel wird nur selten unterbrochen von einem breiten Flußlauf. Sehr bald schon herrscht unter mir Dunkelheit, und auch das Abendrot im Westen erlischt. Die Nacht bricht endgültig herein, und mit ihr ziehen schwere Wolken auf. Ein faszinierendes Naturschauspiel beginnt: In der entstandenen Gewitterfront steigert sich ein gelegentliches Wetterleuchten zu einem Furioso von in immer kürzeren Abständen aufzukkenden Blitzen tief unten, die hoch oben die gewaltige schwarze Wolkenwand in rotgelbem Licht aufflackern lassen.
Zur vorgesehenen Zeit landet die Maschine in Denpasar. Ich werde als erster beim Zollschalter und von der Immigration abgefertigt. Ein Taxi fährt mich auf dunkler und stark frequentierter Straße die 10 km nach Legian Beach ins Oberoi, in dessen großem Park mir mein Haus, am Lotosteich und nur ein paar Schritt entfernt vom Sandstrand des Indischen Ozeans gelegen, zugewiesen wird. Der Klimaunterschied ist evident. Herrschte in Hongkong trotz seiner Lage am nördlichen Wendekreis das feuchtkühle Wetter des Kontinents, so ist es hier tropisch warm. Auf 9 Grad südlicher Breite liegt Bali. Also stelle ich mich ein auf tags und nachts etwa gleiche Temperaturen wie in Kerala, welches auf 8 Grad nördlicher Breite gelegen ist.

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