Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Bangkog (11. - 14. Februar 1996)

Bangkog im The Oriental, am 12. Februar
Mit der Cathay Pacific bin ich gestern in der Frühe nach drei Stunden Flug über den Golf von Bengalen hier angekommen. Das Hotel liegt direkt am Fluß, dem Menem Chao Phraya. Vom achten Stock meines Zimmers sehe ich Lastenschiffe, Fähren, Expreßboote und Bootstaxis, deren Motor an einer Stange weit nach hinten ausgestellt ist, geschäftig auf dem Wasser dahinfahren. Frühstück, Früchtelunch und Abendsnack nehme ich ein auf der Terrasse des Hotels, gleich neben der Anlegestelle der Expreßboote gelegen. Dieses angeblich beste Hotel der Welt vermittelt vom ersten Augenblick an ein Gefühl der Geborgenheit. Kein protziger Aufwand macht den Gast kleinlaut. Gestaltung von Eingangshalle, Restaurants und Zimmern sind auf Behaglichkeit ausgerichtet. Der Service ist ganz persönlich. Name dropping (Du wirst an der Reception mit Deinem Namen angeprochen) gehört genau so dazu wie das Putzen Deiner stark verstaubten Reisestiefel. In der großen Eingangshalle spielt täglich am frühen Abend ein Thaiquartett Kammermusik von Mozart.
So fiel die Erholung von der reisend verbrachten Nacht nicht schwer, und am gestrigen Mittag bestieg ich das Expreßboot für die Fahrt zum Großen Palast, die schon für sich ein Abenteuer war. Sieben Stationen waren es bis zum Ziel, und jedesmal verlief das Anlegemanöver dramatisch. Der Bootsführer gab dem Maschinisten mit einer Trillerpfeife in ununterbrochener Folge Signale für Vorwärts- und Rückwärtsschaltung der Maschine, worauf in gleich kurzen Abständen bei aufheulendem Motor auf volle Kraft solange entsprechend geschaltet wurde, bis das Boot breitseits an den Ponton donnerte. Einmal verfehlte das Boot das Ziel, und die Prozedur wiederholte sich.
Als ich schließlich in dem Palast- und Tempelbezirk ankam, war ich überwältigt von der Fülle der schönen, feingliedrigen und so kostbaren Architektur. Da schon in einer Stunde der Bezirk geschlossen werden würde, nahm ich mir einen gründlichen nochmaligen Besuch vor.
Heutemorgen mache ich eine geführte Tempeltour. Mich teilt man der asiatischen Gruppe zu. Dazu gehört eine sympathische japanische Familie. Er ist Buddhist, sie Shintoistin; Tochter und Sohn sind aus eigener Entscheidung katholischen Bekenntnisses.
Wir fahren durch die vielen Straßen des Blumen- und Viktualienmarktes, danach durch das chinesische Viertel Bangkogs. In der endlos langen Antiquitätenstraße sind die Läden zugestopft mit vergoldeten Buddhas in allen Größen und Haltungen. Wer soll das alles kaufen?
Das sprachengewandte Thaimädchen führt uns in den Wat Treimit, wo der mannsgroße sitzende Buddha, hergestellt aus 80-prozentigem Gold und 5 to schwer, untergebracht ist. Es hat damit folgende Bewandtnis: Bevor die Birmesen im 18. Jh. über das Land herfielen und die damalige Hauptstadt Ayutthaya zerstörten, hatte man diese Statue zur Tarnung mit Gips zugeschmiert und versteckt. In den Fünfzigern unseres Jahrhunderts entdeckte man sie durch Zufall. Beim Transport fiel sie vom Kran, der Gips riß, und man sah das schimmernde Gold darunter. Weiter fahren wir zum Wat Po, dem Tempel des 45m langen liegenden und vergoldeten Buddha.
Dann folgt der marmorne Tempel, Wat Benchamabopit, den Rama V. mit dem weisen Beschluß errichteten ließ, dieses solle der letzte Tempelbau sein, nachdem es schon mehr als tausend Tempel in Bangkog gab. Das Geld solle man in Zukunft für Schulen und Krankenhäuser verwenden. In einem Vihar (Halle) des Tempels verzehren Mönche das ihnen von Gläubigen gestiftete Mahl. Ich lerne, daß in Thailand jeder junge Mann für mindestens drei Monate als Mönch in ein Kloster geht, um dort Buddhas Regeln für die Erlangung der Erkenntnis zu leben. In einem anderen Vihar stehen Statuen in unterschiedlichsten Haltungen Buddhas, und wir erfahren auch die Bedeutungen: Ein stehender Buddha, die rechte Hand erhoben, Handfläche außen und Finger gerade, drückt Wachsamkeit aus; dasselbe mit der linken Hand ist ein segnender Buddha; dasselbe mit beiden Händen bedeutet Abwehr; wenn ein oder mehrere Finger der erhobenen Hand gebogen sind, ist es ein lehrender Buddha; beim sitzenden Buddha, die Hände mit den Handflächen nach oben ineinander gelegt, handelt es sich um einen meditierenden; und wenn die rechte Hand über den Beinen nach unten hängt mit dem Handrücken außen, ist das die Mara-Haltung, Widerstehen der Versuchung.
Die Königsfamilie ist beim thailändischen Volk sehr beliebt, zumal 1932 nach einem Staatsstreich das absolute Königtum beendet und die konstitutionelle Monarchie eingeführt wurde. So verspricht das in diesem Juni zu feiernde fünfzigjährige Regierungsjubiläum von Rama IX. Bhumipol, einem Enkel von Rama V., ein Freudenfest des Volkes zu werden.
Bangkog, am Dienstag, 13. Februar
Heute, am letzten Tag in Bangkog, fahre ich mit dem Expreßboot noch einmal zum Großen Palast, zu dem der Tempelbezirk Wat Phrat Keo gehört. Die Königsfamilie bewohnt inzwischen einen neu errichteten Palast auf einem großen Areal am Rande des moderneren Bangkog, wo breite Straßen und Plätze mit zahlreichen Denkmälern an die neuzeitliche Landesgeschichte von Thailand erinnern. Hier, im Großen Palast mit Wat Phra Keo, finden aber immer noch religiöse Zeremonien statt, wie z.B. die regelmäßig begangenen Zeremonien zu Ehren der im letzten Jahr verstorbenen Mutter des Königs.
Als erstes suche ich den Tempelbezirk auf mit seinen schlanken Dagobas und Wächter-Skulpturen um die zahlreichen zierlich wirkenden Tempelgebäude herum. Im Haupttempel mit dem smaragdenen Buddha, der hoch oben auf dem goldenen Altar unter einer goldenen Glocke thront, setze ich mich zu den Gläubigen auf den Boden und schaue lange zum Lord auf.
Dann wandere ich Stunden zwischen den Tempeln, deren heruntergezogene Dächer zweifarbig in Rot, Grün oder Gelb mit Ziegeln gedeckt sind und deren First an seinen Enden stets mit einer kurzen Wölbung nach oben versehen ist; diese Wölbungen setzen sich fort in holzgeschnitzten, sich aufbäumenden Nagas, Stilisierungen der heiligen Schlange im Buddhismus. Dieses Stilelement trägt dazu bei, die Tempel von Bangkog so elegant und jeder irdischen Schwere enthoben erscheinen zu lassen. Wie am vergangenen Sonntag sind heute wieder viele Besucher im Tempelbezirk, auch Touristen, aber überwiegend Thais, die an den Opferstätten Kerzen entzünden und beten, dabei die Hände mit den Handflächen aneinanderlegen, sie beim Aufblicken flehend erheben und dann wieder in die Höhe des Gesichts zurücknehmen.
Mönche mit kurz geschorenem Haar und in orangene Gewänder gekleidet gehören ebenfalls zu den Besuchern. Es herrscht Harmonie zwischen den heiligen Stätten und den sie aufsuchenden Menschen. Das Bild, das Melitta und ich uns in Sri Lanka von der so positiv die Menschen beeinflussenden Heilslehre Buddhas gemacht haben: Hier fühle ich es nochmals bestätigt.
Morgen ist leider wieder einmal Reisetag. Mein Boot ist für 7 Uhr früh an die Pier des Hotels bestellt. Es wird mich eine gute halbe Wegstrecke in Richtung Airport zum Anleger bringen, von dort geht es dann mit dem Taxi zum Terminal.

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