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Bali (16.März - 31.März 1996)
Legian Beach auf Bali im Oberoi, am 18. März
Das Hotel verdient seinen guten Ruf auch heute noch zu Recht. Seine Lage am schönsten Sandstrand der Insel, zugleich dem einzigen am offenen Indischen Ozean, sein unauffälliger Komfort und der weitläufige tropische Park, in den die Doppelhäuschen (Lanais) und die im balinesischen Stil errichteten großen Villen mit Mauerumfassung eingestreut sind, lösen beim Gast vom ersten Augenblick an ein Gefühl des Wohlbehagens aus.
Gesternmorgen sah ich zweihundert Meter entfernt eine Gruppe von etwa dreißig Balinesen, Männer und Frauen, jung und alt, die längere Zeit bewegungslos um zwei Sonnenschirmchen hockte. Es waren offensichtlich Hindus beim Gebet. Nach einer Weile erhoben sie sich und schritten einige Male im Kreis hintereinander her. Dann begab sich ein Teil der Gruppe ans Meer. Ein Mann warf einen weißen Hahn ins Wasser, um ihn danach wieder herauszufischen, ein anderer streute den Inhalt eines Gefäßes ins Meer. Darauf zog sich die Gruppe zurück.
Mein protestantischer Ober erklärte mir: Ich sei soeben Zeuge des letzten Aktes einer hinduistischen Totenfeier gewesen. In der Reinigungszeremonie werde die Asche des Toten in Gegenwart seiner Familie ins Meer gestreut. Der Hinduismus hat mich wieder - in dem einzigen Teil des im übrigen von Moslems beherrschten indonesischen Inselstaates. Aber ich setze darauf, daß auf dieser schon seit dreißig Jahren vom Tourismus aufgeschlossenen Insel ein aufgeklärter Hinduismus herrschen und die Möglichkeit gegenseitigen Verstehens hier größer als in Südindien oder gar in Nepal sein wird.
Am selben Vormittag badete ich im Meer. Ich wollte nichts riskieren und blieb in der von zwei Fähnchen abgesteckten Zone. Der Bademeister hatte mir zudem gesagt, daß es gefährliche Strömungen hier nicht gebe. Die badenden Hotelgäste blieben diesseits der Brandungszone der manchmal in beachtlicher Höhe heranrollenden Seen. Nachdem ich es einige Zeit ihnen gleich getan hatte, wartete ich auf eine günstige Gelegenheit und durchschwamm die Brandung.
Nun konnte ich richtig schwimmen. Doch ich blieb hier draußen allein. Ich bekam Angst und schwamm zurück in Richtung Strand, ohne zuvor einen sichernden Blick aufs Meer zu werfen. So erwischte mich eine Riesenwelle genau im Moment des Überschlagens. Sie drehte mich einfach um und stauchte mich kopfüber auf den Grund. Zerschunden taumelte ich an den Strand. Stechender Schmerz im Lendenwirbelbereich, geschürfter Ellenbogen und anschwellende Unterlippe waren die Folge. Gegen letztere halfen sofort und ständig neu aufgelegte Eisbeutel in der Bar. Penicillinpuder tat ich mir auf den Arm. Und schon nach eineinhalb Stunden ließ ich mir eine Massage geben. Was hatte ich daraus gelernt? Auf solch einer Reise unterläßt man besser Grenzgänge.
Der heutige Tag wird ganz der Erholung gewidmet, wozu das samtene Klima, die märchenhafte Parkanlage und der stille, fröhliche Charme aller Angestellten des Hotels beiträgt. Sammelfax an Melitta, Tini, Bernd, Klaus-Walter, Kay und Hubi.
Bali Oberoi, am 19. März
Ein weiterer Faulenzertag mit Baden in Swimmingpool und Meer, Massage und stundenlangem Liegen am Pool bei Papayasaft lassen das Wohlbehagen wieder zurückkehren. Die Oberoiwelle hat keine bleibenden Schäden hinterlassen.
Eine weitere Freude ist der Erhalt von vier Antwortfaxen: Von Melitta, von Klaus-Walter aus Eimsheim, von Kay aus Mannheim und von Hubi aus Hongkong. Sie nehmen alle lebhaft Anteil an meiner Reise.
Heutemorgen hatte ich mit dem Leiter der Massage-Abteilung des Hotels, einem Hindu, ein Gespräch über Religionen. Insbesondere kamen wir zu sprechen auf Christus und Buddha. Als ich meine Überzeugung darlegte, jedem Menschen sei normalerweise von Geburt an der Glaube an ein göttliches Prinzip eingegeben, pflichtete er mir voll bei.
Beim Dinner habe ich ein gutes Gespräch mit Arno, einem gebürtigen Wiener, dem Food- and Beveragemanager des Hotels. Danach begebe ich mich in das kleine Amphitheater der Anlage, wo eine Aufführung des Ramayana Balletts stattfinden wird. Ich komme, als die 22 Mitglieder des Gamelanorchesters, alles Männer, sich in zwei Gruppen gegenüber hocken, sodaß dazwischen Platz für die Bühne freibleibt. Sie richten ihre Instrumente, und schon beginnt die Darstellung der uralten Geschichte von der Entführung der schönen Sita durch den bösen Ravana, der sie in der Gestalt eines Hirsches weglockt; von ihrer Befreiung durch ihren über alles geliebten Mann Rama und seinen Bruder Lakshmana (diese beiden Rollen werden von Mädchen getanzt) mit Hilfe des Affengenerals und seinem Affenheer. Das Orchester: Eine Trommel, die manchmal ekstatisch das Geschehen auf der Bühne vorwärtstreibt, weitere Trommeln, Cymbeln und Metallophone mit 7 oder 9 Anschlagtasten, die von Hämmern geschlagen werden. Die Musik wechselt immer wieder von getragenem, durch wenige Instrumente interpretiertem Spiel in ein rhythmisch sich fast überschlagendes beschwörendes Tutti. Dazu der von wechselndem Gesichtsausdruck, Fußstellung und den Bewegungen der wie Porzellan wirkenden Finger getragene Ausdruckstanz, wie ich ihn ähnlich in Kerala und Kathmandu erlebt habe.
Bali Oberoi, am 20. März
Heute ist der Tag vor Nyepi, dem balinesischen Neujahrsfest. Deshalb werden heute überall die auf der Insel lebenden Dämonen verscheucht. Die hinduistischen Angestellten des Hotels gehen schon seit zwei Stunden in einer Gruppe durch die Parkanlage und produzieren mit Bambusklappern, Trommeln und Bodenklatschen einen schrecklichen Lärm; kein Strauch, kein Stück Rasen und keine verschwiegenen Winkel, in denen das erbarmungslose Getöse einen der bösen Dämonen verschonen würde. Da in jeder menschlichen Ansiedlung auf Bali heute so vorgegangen wird, ist die Insel am Abend mit Sicherheit frei von Dämonen. Damit sie morgen an Nyepi keine Gelüste bekommen zur Rückkehr, muß man sie glauben machen, daß auch die Menschen geflüchtet sind. Deshalb sind morgen seitens der Obrigkeit jegliche Aktivitäten außerhalb der Wohnräume verboten. Städte und Dörfer, Straßen, Wege und Strände werden frei sein von Menschen oder Fahrzeugen.
Gestern habe ich Teri aus Brasilien und Maru aus Mexico, beide seit Collegezeiten befreundet und seit Jahren als Lehrerinnen in einer Schule in Mexico City tätig, kennengelernt. Beide sind in Mexico verheiratet, haben erwachsene Kinder und machen hier zwei Tage Urlaub nach ihrer Teilnahme an einem internationalen Lehrerkongress in Jakarta. Nachdem meine eigene Sprachkultur im monatelangen Anhören des asiatischen Pidgin-Englisch auf einen erbärmlichen Stand abgesackt ist, bin ich überglücklich, nun ein sauberes Castellano, zudem charmant vorgetragen, zu hören. Wir haben heute ein gemeinsames Dinner, und Teri äußert „die Meinung - nicht den Ratschlag“, ich solle möglichst viele Enkelkinder mit dem Herzen adoptieren, wie sie es auch mit ihren Schulkindern tun. Und: So wie ich, denke auch sie mitsamt ihrer ganzen Familie:“Trabajar bien y al mismo tiempo gozar la vida,- esto es el destino humano“. Als die beiden schließlich übereinstimmend erklären, mein Castellano sei einwandfrei und sie hörten mich gern sprechen, ahnen sie nicht, wieviel Zucker für den Affen das bedeutet!
Nach dem Essen sitze ich allein noch eine Stunde bis Mitternacht auf einer Hotelliege, den Blick auf die von Flutlicht angestrahlten schrecklichen Brecher des Ozeans gerichtet.
Bali Oberoi, am 23. März
Am balinesischen Neujahrstag vorgestern herrschte tatsäch- lich auf den Straßen und am Strand Totenstille. Ich hörte, daß ein dennoch fahrendes Taxi mit Steinwürfen zum Halten gezwungen wurde. Auch ich verbrachte den Tag geruhsam mit 500-m-Schwimmen im Pool, Lesen und gemeinsamem Essen mit einem Kölner Ehepaar.
Gestern ließ ich mich von einem deutschsprachigen Führer, der auch von der Flora etwas verstand, nach Singaraja an der Nordküste fahren. Die Hauptstadt Denpasar wurde umfahren, und wir gelangten so bald an den Bratan See, wo wir Rast machten, um den kleinen Tempelpark zu durchwandern und uns die beiden im Wasser stehenden Schreine anzusehen. Auf einem Fruchtmarkt kaufte ich Mangosteens. In Singaraja kehrten wir ein zum kleinen Lunch. Einen ganz schmalen und grauen Lavastrand hat der Ort. Der Führer sagte mir, so seien alle Strände auf Bali mit Ausnahme des breiten, weißen Strandes von Legian Beach. Außerdem ist das Meer hier, die Java See, fast ohne Bewegung. In naher Distanz erkannte ich die bergige Ostküste von Java. Auch in dieser Beziehung ist Legian Beach bevorzugt, da aus Südwest kommende Wellen von der Antarktis her einen freien Seeweg von etwa 7.000 km haben und sich so zu den Tag und Nacht anbrandenden großen Seen aufbauen können.
Weiter fuhren wir an der Lovina Beach entlang. Bei Bubuna bogen wir südwärts ins Land ab. Dann machten wir einen Abstecher zu den heißen Quellen von Air Panas. Im Gebirge, wo es immer angenehm kühl ist, erlebten wir einen einstündigen tropischen Regenguß, der die Sicht beeinträchtigte. Über Pupuan und Tabanan fuhren wir am Nachmittag zurück ins Hotel. Ich hatte auf der Fahrt viel von der balinesischen Flora kennenlernen können: Die Reisterrassen im Gebirge, die dunklen Trauben am gestützten Rebstock an der Nordküste, Kokospalmen, Nelkenbäume, Mango, Teak, Tamarinda (ein schattenspendender Alleebaum mit feingefächerten Blättern), Betelnußpalme, Ingwer, Schlangenhautfruchtpalme, Papayabaum, Rambutan (ein sehr hoch wachsener Baum mit den Leechyfrüchten, die in einer roten Schale mit weichen Stacheln wachsen - es ist gerade Erntezeit), Vanille, Pfeffer, Bananen, Kaffee, Kakao, schnabelförmiger Heliotrop (eine spitze Blüte hat die Pflanze, die zur Familie der Bananenstauden gehört).
Heuteabend erwarte ich Bernd, einen Wanderfreund aus Hannover. Deshalb soll dieser Tag wieder der Muße geweiht sein. Am Morgen schicke ich ein weiteres Sammmelfax als Dank für Antworten an Melitta, Klaus-Walter, Kay und Hubi. Hier ein Ausschnitt aus dem Titel: Der „Zauber“ auf Bali:
Du liegst unter blühenden Frangipanibäumen, lauschst dem immer gleichförmigen Rhythmus der Brandung der von weither aus Südwest heranrollenden Wellen des Indischen Ozeans. Ringsum aus schattigem Gezweig erfreut ein Konzert zahlloser Singvögel Dein Ohr. Und die Haut genießt die tags und nachts gleichmäßig milde Temperatur der samtenen Luft. Und aus Deiner Hingabe an die beseligende Allnatur wirst Du immer wieder herausgerissen: Berührte jemand Deinen Kopf? Ach nein, eine der schweren weißen Frangipani-Blüten fiel Dir aufs Haar!- Ein welkes Blatt vom Baum gegenüber trudelt gerade langsam herunter und steigt sogleich wieder auf: Ein Vöglein nahm es zum Nestbau!- Ist gerade ein kleiner Dämon unter Deine Liege gehuscht? Es war doch nur eine lange, bunt schillernde Eidechse, die züngelnd nach Beute suchte!- Und wenn Du Dich eine Weile nicht bewegst - wird da nicht der Rasen lebendig, wie zuvor der Strand? Ach!, es sind Hunderte von winzigen Krebsen, die aus ihren Löchern heraus- und wieder hineinsausen! Und wenn Du abends bei Mondschein über den Rasen in Deinen Lanai zurückgehst, siehst Du überall faustgroße Gestalten herumhüpfen, die sich bei genauem Hinsehen als Kröten herausstellen. Welch einen Nährboden gibt diese vitale Insel ab für Animismus und Dämonenglaube!
Spät abends kommt Bernd bei einem tropischen Regenguß im Oberoi an, das wir morgen mit dem Taxi in Richtung Ubud im Innern der Insel verlassen werden.
Nagi/Ubud/Bali im Banyan Tree Kamandalu Resort, 26. März
Mit dem Taxi sind Bernd und ich vorgestern hier angekommen. Die nur eine Stunde dauernde Fahrt ging überwiegend durch bewohntes Gebiet. Die balinesischen Anwesen sind für europäische Verhältnisse sehr großzügig zugeschnitten und von einer Mauer umgeben. Im hinteren Teil des Grundstücks stehen die einstöckigen Wohnhäuser , in denen die Familien der Sippe untergebracht sind. Davor, zur Straße hin, sieht man eine Vielzahl von Tempelchen, die den schon verstorbenen Altvorderen zum Gedenken errichtet sind und denen man dort Opfer darbringt. Elendsviertel gibt es auf Bali nicht.
Auch unser Haus hier ist im balinesischen Stil gebaut. Eine Mauer umgibt unser Einzelhaus und einen an den Seiten offenen Pavillon. Das Walmdach des Wohnhauses und der Pavillon sind mit Stroh gedeckt. Sehr viel Platz ist im Wohnbereich des Hauses; das Bad ist komfortabel. Die Gebäude sind an den Seiten von Sträuchern und Bäumen umgeben. Die gesamte Anlage mag etwa 60 Gästehäuser umfassen, die an terrassenförmig nach unten zu einem Flußtal hin angelegten Wegen stehen. Tief unten fließt einer der fünf heiligen Flüsse Balis, der Petanu, dessen Wasser die Dämonen einst vergeblich zu vergiften suchten, um im Kampf gegen die Götter zu bestehen. Nachts hört man die Stimmen von Affen und Nachtvögeln.
Noch am ersten Abend fuhren wir mit dem Hotelshuttle nach Ubud hinein, um dort ein leider nur mittelmäßiges Kecak-Ballett (Tanz der Affen des Hanuman, eine von Europäern 1936 erstellte Choreographie) zu erleben. Gestern machten wir einen Gang durch die Reisfelder vorm Resort, badeten im Swimmingpool des Hotels und fuhren mit dem Shuttle nochmals nach Ubud zu einer sehr guten Legong-Aufführung. Ausdrucksformen und Kostüme der Tänzerinnen ähnelten entfernt denen des Ramayana-Balletts.
Heutemorgen brechen wir schon früh auf zu einer Wanderung nach Petulu, dem Dorf der Holzschnitzer und der in Bäumen nistenden Kuhreiher. Ringsum sieht man Reisfelder und Kokospalmen. Wasserläufe und kleine Kanäle durchziehen die Felder. Der unerschöpfliche Wasserreichtum dieser von Wohlstand gesegneten Insel fällt mir hier auf. Später kommen wir durch Nutzwald mit Bananenstauden, Papaya, Teakholz, Banyan Trees, Ficus Benjamin und Kokospalmen. Dann führt der Weg wieder durch Reisfelder. Waren sie um Petulu erst vor drei bis vier Wochen gepflanzt, was am hellen Grün erkennbar war, so stehen diese gelben Felder kurz vor der Ernte. Man erkennt, daß hier ein anderer Subak (Reisbau-Genossenschaft) die Pflanzzeit bestimmt. Der Duft der reifenden Reisrispen erinnert mich an niedersächsische Weizenfelder im Juli, August. Links und rechts vom Pfad plätschern die Bewässerungsgräben. Frauen und Männer des Subak waschen sich in natürlicher Anmut nach getaner Morgenarbeit. In dem Gemeinschafts-Unterstand machen wir eine Trinkpause und kommen um Mittag völlig durchgeschwitzt wieder zuhause an.
Nachmittags Ruhe, Schwimmen im Pool, balinesischer Festschmaus im Resort.
Nagi bei Ubud, am 28. März
Gestern haben wir einen Tagesausflug unternommen. Ein junger, fröhlicher und von jeglicher Sachkenntnis ungetrübter Fahrer fuhr uns zuerst in das im Norden liegende Penulisan, auf dessen Tempelberg wir stiegen. Er ist etwas höher als der nahe gelegene Mt. Batur. Merus (Götterschreine in Pagodenform) sind nicht vorhanden; aber mehrere offene Pavillons beherbergen 1.000 Jahre alte Steinskulpturen, unter anderem einen schönen Ganesh. Sie mögen von dem Herrschergeschlecht der Majapahit mitgebracht worden sein, das als Hindu-Familie im 15. Jh. vor dem Islam aus Java nach Bali flüchtete.
Anschließend besuchen wir den Tempel von Batur, wo gerade Tempelfest ist. Man hat von hier einen schönen Blick auf den 1.717 m hohen Batur und seine schwarzen Schlackenfelder, die vom letzten Ausbruch in den 80-er Jahren herrühren. Etwas weiter und unter blauem Himmel liegt der 2.152 m hohe Abang; zwischen Batur und Abang sieht man den Batur-See liegen. Interessant sind die geologischen Zusammenhänge: Wir stehen auf dem ringförmigen Grat eines 12 km breiten eingestürzten Vulkankegels (Caldera). In der Caldera liegen der See und der Batur, der Zeuge für die noch immer nicht beendete Aktivität des einst mächtigeren Vulkans ist. Tempelberg von Penulisan und der Abang liegen auf dem Randgrat der riesigen Caldera.
Wir fahren noch hinunter an den See zu einer heißen Quelle. Am gegenüber liegenden Ufer sieht man das Dorf Trunyan, an dessen steilen Hängen auf Terrassen Naßreis angebaut wird. Man kann nur mit dem Boot nach Trunyan gelangen. Die Bauern dort verbrennen ihre Toten nicht, obgleich sie Hindus sind.
Wir fahren weiter auf dem Kraterrand. Die Luft ist kühl und trocken. Einmal sehen wir den gleichmäßigen, spitzen Vulkankegel des Gunung Agung, welcher der heiligste Berg Balis ist. Sein 3.142 m hoher Gipfel tritt nur kurz heraus aus dem dichten Kragen von Kumuluswolken, der sich in Lee des aus unserer Richtung heranbrisenden Windes bildet und meist eine Kappe über die Spitze ausstülpt. Auf die andere Seite jenes Berges wollen wir gelangen, wo am Fuße der heilige Pura Besakih (auch: Pura Pantaran Agung) liegt. Wir verlassen jetzt den Rand der Caldera und fahren auf asphaltierten Nebenstraßen durch bergiges und dicht bewaldetes Gebiet, in dem Bäche und Flüßchen reichlich Wasser führen. Die Vegetation ist hier so dicht, daß selbst auf der Straße Dämmerlicht herrscht.
Im Besakih findet gerade mal wieder eines der nur alle hundert Jahre gefeierten Tempelfeste statt, die sich über 6 Wochen Tag und Nacht hinziehen. In dem an einen Hang gebauten, sehr ausgedehnten Tempelbezirk stehen die Merus von Shiva in der Mitte (seine Farben sind weiß und gelb), von Vishnu links (seine Farbe ist schwarz) und von Brahma rechts (seine Farbe ist rot). Von oberhalb dieser Pagoden - die höchste liegt im Shivabezirk und weist elf Tumpangs (Dächer) auf - haben wir einen Ausblick über die ganz sanft zum Indischen Ozean geneigte Ebene Balis.
Geschäftiges Leben herrscht im gesamten Tempelbezirk: In gelbe Sarongs gekleidete Frauen schleppen Opfergaben in auf dem Kopf getragenen Körben die Treppen hinauf. Männer, die ihren Turnus beendet haben, tragen ihre Gamelaninstrumente fort; dafür kommen andere Gruppen mit Instrumenten, um sie neu aufzubauen. In einigen Innenhöfen sitzen Gruppen von weiß gewandeten Männern im Gebet, und Hilfspriester besprengen sie mit geheiligtem Wasser. In einem anderen Innenhof können wir Tempeltanz sehen: Der bunt kostümierte und üppig maskierte Tänzer spielt einen tapernden alten Mann, der immer mal wieder wild hüpfend zu seiner einstigen Kondition zurückfindet, um dann erneut in sich zusammenzufallen. Dazu der meist gemessene, in der Themenfolge sich wiederholende Klang des Gamelanorchesters, dessen Monotonie belebt wird durch An- und Abschwellen der Lautstärke und unvermittelt ins Ekstatische gesteigertes Forte. Trommeln, Cymbeln und Metallophone werden hier noch ergänzt durch Bambusrohr-Xylaphone, Flöten mit breitem Mundstück und einen Gong. In all diesem Treiben begegnet uns kaum ein Tourist.
Auf der Rückfahrt kommen wir durch Klungkung. Wir sehen uns die Kerta Gosa (Gerichtshalle) an, in deren Deckengemälden die himmlischen Freuden der Guten und die grausamen Bestrafungen der Bösen dargestellt sind. Ganz besonders berührt mich das Denkmal, das an die erste Selbstvernichtungsschlacht (Puputan) gegen die Holländer im Jahr 1906 erinnert. Die Kolonialmacht hatte den Palast des Königs von Klungkung umstellen lassen. Um der schmählichen Gefangennahme zu entgehen, kamen der König und seine Familie, seine Getreuen, Wachen und Soldaten waffenlos vor die Tore des Palastes und gingen aufrechten Schrittes auf die Gewehrmündungen der Holländer zu. Alle wurden niedergemacht. Der letzte aus einer Reihe von weiteren Puputans fand noch nach dem Zweiten Weltkrieg statt.
Nagi bei Ubud, am 30. März
Ein ruhiger Tag war gestern für mich. Während Bernd eine Fahrt zum Bratan-See machte, genoß ich die Ruhe am Swimmingpool, las und schwamm. Ich lernte Christine aus New Mexico kennen. Sie lebt mit einem Zweijahresvertrag z. Zt. in Singapore als Lehrerin und wird danach in Johannesburg tätig sein. Ich tauschte mich außerdem mit dem amerikanischen Generalmanager des Hotels aus, der mir sagte, daß seine Gesellschaft diese Anlage erst vor kurzem erworben habe und daß man immer noch in beträchtlichen Anfangsschwierigkeiten mit dem balinesischen Personal stekke. Sie seien zu langsam und nicht zuverlässig genug.
Heutenacht werden wir aufbrechen zu dem australischen Abenteuer. Ich freue mich unsäglich darauf, nach drei Monaten Aufenthalt in asiatischen Ländern jetzt die zweite Hälfte meiner Gesamtreise vor mir zu haben, die ganz anders geprägt sein wird. Ich werde von nun an nur noch mit Bevölkerungen zu tun haben, die gutes Englisch sprechen und mit denen ich mich wieder wirklich unterhalten kann. Die hygienische Übervorsicht kann ich zurücknehmen, besonders was das Essen angeht. Vor allem aber: Ich freue mich auf Länder, die nicht so dicht besiedelt sind wie die asiatischen.
Den mir unverständlich gebliebenen Hinduismus werde ich auch hinter mir haben: Den Dunst der Beziehungen der zahlreichen Götter untereinander, ihre Bedeutung für Werden und Vergehen in der Welt, in Bali die Vermischung von Ahnenkult mit Hindu-Dharma und animistischer Anbetung von heilig erklärten Flüssen, Bergen und Meer, schließlich das komplizierte Prinzip der Trimurti, der Dreieinigkeit von Brahma, Vishnu und Shiva und der schier unfaßbare Grundsatz des Sang Hyang Widi Wasa, nach dem alle Gottheiten einschließlich der noch angebeteten vorhinduistischen wie Sonnengott Surya, Berge und Flüsse Manifestationen ein und desselben Gottes sind. (Dieser letztere Grundsatz wird besonders herausgestellt, damit Hinduismus im Einklang mit der indonesischen Verfassung steht, die nur Religionsgemeinschaften mit monotheistischem Prinzip zuläßt.)
Dennoch scheinen die Balinesen einen unbekümmerten Umgang mit ihrer Religion zu haben. Fröhliche und unkomplizierte Menschen sind es, die das Leben zufrieden so annehmen, wie es sich ihnen darbietet. Stolz und selbstbewußt sind sie, zugleich offen und liebenswürdig im Umgang mit westlichen Ausländern trotz deren total anderer Mentalität. Sie sind ja aber auch auf einer paradiesischen Insel zuhause, die klimatisch und vegetativ Sri Lanka sehr ähnelt. In Bali kommen die fruchtbaren vulkanischen Böden noch hinzu zum gleichbleibend milden Klima mit reichlichem Regen - auch außerhalb der Regenzeit - und Sonnenschein, niemals Starkwind oder gar Stürme.
Bali war ein guter Abschluß meiner asiatischen Reise, und auch hier würde ich gern einmal mit Melitta sein.
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