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Australien (31.März - 27.April 1996)
Darwin (Northern Territory) im Plaza Hotel, am 1. April
Gestern landeten wir nach einem Nachtflug mit Ansett Australia in Darwin um 6 Uhr früh. Ich war in dem Gebiet der Beuteltiere und außerasiatischen Flora angekommen, das zwischen Bali und der Nachbarinsel Lombok, an der sog. Wallace-Linie, beginnt.
Auf der Taxifahrt ins Hotel und auf dem ersten Spaziergang durch die Stadt erfreute mich die großzügige Bauweise: Breite, gepflegte Straßen, weiträumige Parks und allein stehende Häuser auf reichlichem Baugrund. Es gab wenig Autoverkehr, und nur selten einmal sah man einen Fußgänger. Nach Monaten des Reisens in Asien genoß ich die sich mir auftuenden Freiräume besonders.
Unser erster Weg führte ins privat unterhaltene Aquarium. Den tückischen Steinfisch, dessen Rückenstachel tödliches Gift enthält, sah man bewegungslos auf felsigem Untergrund sitzen, diesem in Form und Farbe voll angepaßt. Infos unterrichteten über den Jelly-Fish, eine Quallenart, die besonders die Küsten um Darwin aufsucht und deren Tentakeln ein dem Menschen gefährliches Gift enthalten. Bei ihrem Erscheinen werden sogleich an den Badestränden Warnschilder aufgestellt. Der Besitzer des Aquariums erklärte uns an einem großen, mit dem Seewasser von Darwin gefüllten Becken, in das von der Decke her natürliches Sonnenlicht eintrat, er halte hier die draußen vorkommenden Korallen, Schwämme, Seeanemonen zusammen mit den im Meer lebenden Arten von Fischen und Pflanzen. Es herrsche hier das ökologische Gleichgewicht wie auch im Grand Barriere Reef N.P. Er brauche nicht zu füttern.
Im wissenschaftlichen Museum von Darwin informierte ich mich danach über Fauna und Flora des Northern Territory, in dem wir uns die nächsten Tage aufhalten werden. Ein Film unterrichtete über den schrecklichen Taifun, der mit 200 Knoten (!) Windgeschwindigkeit in den 70-er Jahren ganz Darwin vernichtete. Ein Abendessen im Yachtclub beschloß den gestrigen Tag.
Heute wollen wir nach dem Frühstück mit einem Mietwagen in den Kakadu National Park fahren.
Cooinda/Kakad,N.T.(Northern Territory) im Gagudju Lodge, am 2. April
Bei einem tropischen, lange anhaltenden Regenguß sind wir gesternabend bei Dämmerung in diesem riesigen Feuchtgebiet im Bereich des South Alligator River angelangt. Wir bargen unsere Habseligkeiten im einfachen Häuschen, nahmen einen Abendsnack und gingen bald schlafen.
Einen schönen und interessanten Tag hatten wir hinter uns. Nach einer halben Stunde Autofahren im Magna Mitsubishi hatte ich mich auf den Linksverkehr eingestellt und konnte entspannt vom Arnhem Highway aus die weiten und völlig ebenen Wetlands studieren.
Auf dem Abstecher zum Fogg Dam fiel mir als erstes eine Herde von mächtigen wildlebenden Wasserbüffeln auf. Die Geschichte über diese Tiere erzählte ich Bernd: Fünfzig Wasserbüffel waren 1840 aus Timor von den englischen Siedlern zusammen mit Schweinen, Pferden und Hirschen nach hier eingeführt worden. Der im selben Jahr ausbrechende Goldboom im Süden und die schwer erträglichen klimatischen Bedingungen in den Feuchtgebieten führten dazu, daß die Siedler dieses Gebiet wieder verließen unter Zurücklassung der Tiere. Besonders für die Wasserbüffel war dieses Land ein ideales Biotop, und sie vermehrten sich sprunghaft und störten das ökologische Gleichgewicht. In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts begannen europäische Jäger mit der Jagd auf die kapitalen Bullen der Herden, um die Häute für gute Preise in die Türkei zu verkaufen. Allein ritt der Jäger vorsichtig die Herde an und galoppierte im selben Moment, in dem die Herde zur Flucht ansetzte, auf den stärksten Bullen zu und verletzte ihn durch einen Gewehrschuß in die Keulen. So konnte das Tier nicht entkommen, blieb aber am Leben, bis die nachfolgenden angeheuerten Eingeborenen ihm den Garaus machten und die wertvolle, noch frische Haut abzogen.
Dieses barbarische Treiben endete um 1950, als Kunststoff auf den Markt kam und die Lederpreise verfielen. Heute versucht man, die eingeschleppten Tierarten im N.T. durch systematische Bejagung zu dezimieren.
Der Fogg Dam ist eine mitten durch das Überschwemmungsgebiet gelegte Straße; an den Seiten stehen erhöhte hölzerne Beobachtungsstände, mit reichlichem Anschauungsmaterial und Erklärungen versehen. Wir sahen über das weite Grün von Binsen und Wassergräsern, mit roten Wasserlilien und blauem Lotos angereichert, bis zum Horizont. Eine artenreiche Vogelwelt ist hier zuhause. Wir sahen schwarze Ibisse, schwarzweiße Gänse, weiße Reiher, Fischadler, Kormorane und einen Schwarzstorch.
Während der Weiterfahrt auf dem Arnhem Hwy. sahen wir Termitenbauten, die drei Meter Höhe erreichen und hierzulande als Dome bezeichnet werden. Die Vegetation änderte sich allmählich. Herrschten vorher Feuchtgrasflächen vor, so wurde jetzt die Landschaft dominiert von Pandanus (Schraubenpalme) und Paperbark Tree. Eine Schauerfront kam von Osten auf, und im strömenden Monsunregen fuhren wir während der letzten Stunde bis zum Resort.
Für heute haben wir eine Bootsfahrt gebucht. Schon früh am Morgen fährt ein Kleinbus uns auf überfluteter Straße zum Anleger, und bald darauf tuckert unser Boot auf dem träge dahinfließenden Wasser des Stromsystems des South Alligator R. an Süßwassermangroven entlang, in deren Dickicht Graureiher auf Beute lauern. Modriger Geruch erfüllt die Luft: Er rührt her von einem Paperbark Tree, in dessen ausladenden Ästen ein Seeadler seinen Schrei über die weite Ebene ertönen läßt. Der Pandanus Tree wächst auch hier. Der Führer erklärt uns, daß die Aborigenes, denen das Land gehört, mit seinen Früchten die delikaten Schildkröten anlocken und aus seinen Blättern Körbe, Matten, Fischernetze und sogar Segel herstellen. Die Rinde des Paperbark Tree verwenden sie für die Außenverkleidung ihrer Hütten. Die Rinde besteht aus mehreren Schichten, in die Luftkammern eingeschlossen sind und die den Baum widerstandsfähig machen gegen die regelmäßig zur Landschaftserhaltung gelegten Buschbrände.
Zwei träge dahin schwimmende Salzwasserkrokodile sehen wir ganz nahe. Sie nehmen vom Boot überhaupt keine Notiz. Schwarzweiße Magpie-Gänse sehen wir im und am Wasser; 2 Millionen Stück soll der Bestand in diesem Gebiet zählen.
Nach der Rückkehr gehen wir ins Culture Center und studieren, begleitet von den Raum ausfüllender monotoner Musik der Aborigenes, die Traumwelt und Lebensweise der seit etwa 40.000 Jahren auf diesem Kontinent lebenden Ureinwohner. Vom Wege aus sehen wir ein Wallaby im Busch davonhüpfen.
Wir sind gerade wieder in unserem winzigen, aber klimatisierten Haus angekommen, da setzt erneut prasselnder Monsunregen ein, begleitet von heftigen Windstößen,- dennoch bleibt die Temperatur konstant bei 30 Grad.
Cooinda, am 3. April
Heute müssen wir zurückfahren nach Darwin, da morgen unsere Flüge nach Cairns und anschließend nach Lizard Island gehen. Der Straßenzustandsübersicht entnehmen wir: Vier Straßen unserer Umgebung sind überflutet. Eine weitere Straße hat 50 cm Wasser, was nach weiterem Regenfall steigen kann. Und schließlich liegt eine auch infrage kommende Straße im Gezeitenbereich und ist bei Flut unbefahrbar. Also bleibt uns nur die auch für die Hinfahrt genutzte Strecke: Zum Arnhem Hwy., auf diesem zum Stuart Hwy. und damit nach Darwin.
Das Wetter ist uns heute hold. Auf der gesamten Fahrt gibt es keinen Regen, und bei bedecktem Himmel ist auch die Lufttemperatur mit 28 Grad gut zu ertragen. In Darwin kaufe ich mir einen dünnen Overall und eine Bedeckung für Kopf und Nacken als Schutz gegen die Sonne beim Schnorcheln.
Darwin im Plaza Hotel, am 4. April
Um 2 Uhr 30 in der Frühe stehen wir auf. In der Dunkelheit fahren wir zum Airport, stellen den Mietwagen ab und checken ein. Zum erstenmal darf ich meinen Rucksack nicht als Handgepäck mit mir führen. Bei mittlerer Sicht fliegen wir an der Nordküste von Arnhem Land entlang nach Gove, wo bei einer Zwischenlandung Manager des hier betriebenen Bauxitabbaus aus- und zusteigen. Der Flug geht dann über den Golf von Carpentaria und die York Peninsula mit ihren zahlreichen Flüssen und Billabongs (Wasserlöcher) über die Great Dividing Range nach Cairns. Von hier geht es nach längerem Aufenthalt bei zeitweise aufhellender Sicht im Propellerflugzeug nach Lizard Island. Aus meinem ausgestellten Fenster kann ich manchmal durch ein Wolkenloch kleine, grün bewachsene Inseln unter mir erkennen, die von einem braunen Korallenkranz umgeben sind, der dann unvermittelt in das Blau des Meeres übergeht. Ist einer Insel eine Lagune vorgelagert, so wird das Farbenspiel noch angereichert durch den weißen Strand und das smaragdene Grün des flachen Lagunengrundes.
Nach einer Stunde landet unser Pilot die Maschine elegant auf der Piste unserer kleinen, in der 2.000 km langen Lagune des Great Barriere Reef gelegenen Insel.
Lizard Island (Queensland) im Resort, am 5. April
Mit der „Volare“ geht es heute hinaus zum 16 km entfernten Außenriff nach Osten, hinter dem die Abbruchkante steil in die Tiefen des Pazifik führt. Zwanzig Schnorchler und Taucher sind mit mir, außerdem fünf Mann Crew. Auf der Anfahrt lerne ich Karl und seine Familie aus Nebraska und außerdem Rudi und seine 11-jährige Tochter Christine aus Canberra kennen.
Wir ankern im Innenbereich des Riffes, weit genug entfernt von einer der gefährlichen Riffpassagen, in denen starker Strom setzt. Ich lege Overall, Mütze und Schnorchelbrille an und gehe mit den anderen von der Heckplattform auf Erkundungstour. Nie hätte ich mir träumen lassen, selbst einmal eine solche Vielfalt von Lebewesen in einem in sich geschlossenen ökologischen Kreis zu erleben. Grüne, rote, rosa, gelbe, blaue, hell- und dunkelbraune Korallen in den unterschiedlichen Formen der Hirn-, Teller-, Horn-,Murmel-, Stab- und Salat-Korallen bilden den etwa 6 m tiefen Meeresgrund unter mir. Riesenvenusmuscheln (Giant Clams) mit ihren gewellten offenen Rändern leben wie die Korallentierchen in Symbiose mit Photosynthese-Pflanzen. Und dazwischen schwimmen grünblaue Papageienfische. Sie stoßen wie Rammen die Korallen an und zerkauen die abgebrochenen Teile zu feinem Sand, um die darin lebenden Tierchen zu verdauen. Bunte Butterflyfische wimmeln umher. Clownfische, die hinter dem Kopf grün, blau oder gelb quergestreift sind, halten sich zwischen Gruppen von Seeanemonen auf, weil deren giftige Tentakeln sie gegen Raubfische schützen.
Nach einer Stunde Schnorcheln ruft der Captain uns an Bord, um das Schiff in der Nähe einer Riffpassage erneut zu ankern. Hier stehen Großfische, über einen Meter lang, um den mit der Strömung hereingespülten kleineren Fischen aufzulauern; ich erkenne einen Codfisch, einen Breitlippenfisch, einen Rochen und eine große Muräne. Nachdem wir hier eine weitere Stunde mit Schnorcheln, andere mit Tauchen verbringen, fahren wir zurück. Vom Captain erfahre ich, daß auch in den braunen Korallenstöcken Leben sei; ein Korallenstock, in dem keine Korallentierchen mehr leben und ihn weiter aufbauen, werde weiß.
Lizard Island, am 6. April
Heute nehme ich an einem weiteren Ausflug mit der Volare teil; diesesmal geht es zur 5 sm entfernten Northern Island, in deren Nähe wir ankern. Der Insel vorgelagert ist ein sehr hoch gewachsener Korallengarten. Beim Schnorcheln habe ich in nur einem Meter Tiefe unter mir die bunte Farben- und Formenwelt von (harten) Korallen, Seeanemonen und kleinen und größeren Fischen. Dazu kommen hier noch Seesterne in einem wunderschönen Blau.
Einen eigenen Bungalow kann ich heute beziehen (ohne Mehrkosten).
Lizard Island, am 7. April
Um 6 Uhr in der Frühe brechen wir heute mit unserem Führer auf zum 35o m hohen Inselberg, dem Cooks Look. Von seinem Gipfel aus hatte Cook auf seiner ersten von drei Entdekkungsreisen 1770 eine Passage gesucht und auch gefunden, die seine Endeavour aus dem Labyrinth des Great Barriere Reef freigab. Starker Regen, der den Stein schlüpfrig macht, veranlaßt uns kurz unter der Bergspitze zum Abbruch der Tour. Auf dem vorsichtigen Rückmarsch lerne ich Mathew, einen Schriftsteller für Kultur und Reisen, und seine Frau Suzanne aus New York City kennen.
Am Nachmittag nehme ich mir ein Dinghi, um zur Mer Maid Beach im Norden der Insel zu motoren. Beim Schnorcheln sehe ich auf dem nahen Grund auffallend viele Hornkorallen und Seesterne in leuchtendem Himmelblau. Auch absterbende weiß werdende Korallen sehe ich, und auch die Ursache: Einen besonders mächtigen Seestern in rötlichvioletter Farbe und mit mehr als fünf Armen, den Crown of Thorns Starfish (die Dornenkrone), eine der großen Gefahren im Great Barriere Reef NP. Dieser Seestern stülpt sich über den von den Korallen geschaffenen Kalkstock und saugt die Korallentierchen aus ihren schützenden feinen Löchern als Beute heraus.
Nach der Rückkehr zum Hafen unseres Resorts gehe ich zum Schnorcheln an unsere und die benachbarte Watson Beach. Das Wasser ist hier etwas trübe. Nur wenige Meter vor der felsigen Küste habe ich plötzlich einen schlanken, armlangen Barracuda dicht vor mir. Er steht unbeweglich in einer leichten Strömung und scheint auf Beute zu lauern. Wir blicken uns an, dann drehe ich ab und schwimme weiter.
Lizard Island, am 9. April
Gestern fühlte ich mich nicht gut und blieb im Resort um zu schlafen.
Heutemorgen nehme ich mir einen der drei den Gästen zur Verfügung stehenden Katamarane, eine Calypso 13, fabriziert in Sandgate(Queensland), um an der Küste entlang zu segeln. Es ist ein ganz einfaches und leichtes Boot mit guten Segeleigenschaften, und das Wetter begünstigte die Unternehmung. Von April bis Juni kommt der Wind Tag und Nacht mit Stärke 4 bis 5 aus Ost bis Südost, ein reiner Passat. Im Juli und August brist er auf und bläst mit bis zu 7 Windstärken - unterbrochen von Zyklonen. Im Sommer, vor allem von Dezember bis Februar, ist hier Monsunzeit, in der Nordwind und heftige Regenschauer Zerstörungen verursachen können.
Am Nachmittag erzählt mir Rudi, inzwischen Australier und 66 Jahre alt, in einwandfreiem Deutsch sein Auswandererschicksal. Er kam 1952 aus seiner Heimatstadt München nach Australien. Er war damals gelernter Tischler. Nach harter Zeit zu Anfang gelang ihm der Aufstieg. Jetzt stellt er in seiner Fabrik in Canberra Fertigdächer her. Er hat zwei Töchter aus seiner geschiedenen Ehe und von ihnen fünf Enkel, die so alt sind wie seine weiteren beiden Kinder mit seiner verflossenen Freundin (eines ist die Christine, mit der er hier ist). Rudi bekennt einen seiner Grundsätze: Mehrere Freundinnen zugleich sind besser als gar keine.
Am Abend schicke ich noch ein Sammelfax an Melitta, Tini, Kay, Klaus-Walter, Hubi und Elke. Von Elke erhalte ich schon eine Stunde später ein herzliches Antwortfax. Mit Mathew, dem Schriftsteller, habe ich noch eine lange Unterhaltung über seinen Beruf. Das Thema „prima la musica, dopo le parole“ beschäftigt uns lange.
Morgennachmittag werden wir nach Cairns fliegen und dort einmal übernachten, weil der Weiterflug nach Ayers Rock erst am folgenden Tag möglich ist. Ich freue mich, auf diese Weise wenigstens einen Eindruck von dieser Stadt mit ihren 100.000 Einwohnern zu bekommen.
Cairns (Queensland) im Tuna Towers, am 11. April
Nach der Ankunft gestern ging ich am Ufer der etwa 3 km tief eingeschnitten und schmalen, flachen Hafenbucht entlang. Das jenseitige Ufer ist mit Mangroven dicht bewachsen. Im Hafen nehmen die an Murings liegenden Segelyachten den meisten Platz ein. Außerdem herrschte an der Hauptpier ein emsiges Treiben. Riesige Katamarane mit jeweils Hunderten von Passagieren kamen zurück von Fitzroy Isl. mit Moore Reef und von Green Isl. mit Norman Reef. Die zumeist jungen Fahrgäste, Australier und Japaner überwiegend, hatten den Tag dort mit Schnorcheln verbracht und quollen nun aus den Schiffsrümpfen heraus, um ihre Quartiere aufzusuchen. Auf einer Mole neben dem Fährhafen sah ich Aborigenes beim Angeln - sehr dunkelhäutige und korpulente Menschen mit kantigen Kopfformen. Im Gegensatz zum eher groben Körperbau verrichteten sie mit feingliedrigen Händen geschickt und umsichtig die Arbeit mit Haken, Ködern und der zappelnden Beute. Mir fiel auf, daß sie etwas in sich gekehrt zu sein schienen. Meine verschüchterte Frage, ob die Fische heute gut beißen, wurde knapp und aus großer innerer Ferne beantwortet.- Ein Australier erklärte mir den Grund dafür, daß in der Stadt die Wohnhäuser häufig aufgeständert sind: Bei Kings High Tide dringe das Meerwasser in die Wohnbezirke.
Heutemorgen mache ich in der Frühe noch rasch einen flotten Spaziergang durch den Wohnbezirk beim Hotel. Dann nehmen wir das Taxi zum Flughafen, um mit einer Maschine der Quantas um 10 Uhr 30 nach Ayers Rock im Outback Australiens zu fliegen.
Ayers Rock (NorthernTerritory) im Outback Pioneer Hotel des Resorts, 13.April
Der Flug vorgestern: Von Cairns über die Great Dividing Range, eine kurze Strecke noch über großzügig zugeschnittene Farmflächen, und dann kamen sehr bald schon die Halbwüsten von Queensland in riesigen Ausdehnungen. An der Grenze zum Northern Territory erschienen unter mir rote Wüsten, in die weiße Salzseen eingebettet waren. Dann folgte Alice Springs, die etwa im geographischen Mittelpunkt Australiens liegende Wüstenstadt. Nach einer weiteren halben Stunde landeten wir auf dem Flughafen des Ayers Rock Resorts.
Nach der Ankunft im Hotel machte ich mich zum Erkundungsgang in Resort und Umgebung auf. Das Klima war angenehm, 28 Grad warme und staubtrockene Luft. Auch die Buschfliegen fühlten sich wohl und fielen gleich im Schwarm über mich her. Sie landeten auf Augen, in Nasenlöchern und Ohren, bedeckten Gesicht und Nacken. Jetzt verstand ich den Witz: Wie grüßen sich Aussies im Outback? Durch ständiges Winken vor dem Gesicht. Ich kaufte ein Fliegennetz, das ich mir fortan beim Wandern im Outback über den Kopf stülpte.
Das Resort liegt in dem leicht gewellten Gebiet einer der großen Halbwüsten (1.000 km im Durchmesser). Die Vegetation besteht aus dem büschelförmig wachsenden Spinifexgras, vereinzelten Sträuchern und Bäumen. Von kleinen Anhöhen, den Lookouts des Resorts, erblickt man im Osten den roten Uluru (Ayers Rock) und im Westen die ebenfalls roten Berge der Olgas. Das Resort ist ein von asphaltierten Straßen erschlossenes modernes Touristendorf, deren Lodges und einfache und gehobenere Unterkünfte für die kurzzeitige Aufnahme von Gästen, oft nur für eine Nacht, bestimmt sind. Das Resort erhält sein Wasser aus einer 800 Meter tiefen Bohrung. Da das Wasser salzig ist, muß es aufbereitet werden.
Gesternmorgen berührte der im Nordwesten des Kontinents wütende Zyklon Olivia auch unser Gebiet: Starkwind kam auf, und schwarze Wolken zogen schnell am weiten Himmel dahin. Und dann regnete es eine Weile - hier im Wüstengebiet! Danach verzauberten kristallklare Luft und der Duft von frisch keimendem Grün die Landschaft.
Am Nachmittag fuhr ich mit dem Shuttle zum Culture Center, in dem Geschichten aus der Traumzeit der Aborigenes dargestellt sind, wie z.B. der Kampf der Python gegen die Giftschlange am Uluru. Danach wanderte ich die 3 km zum Uluru und lernte von einem befragten Ranger etwas über die Vegetation. Der Bloodwood Tree mit seiner borkigen Rinde wächst zahlreich hier am Berg. Er ist eine der 500 Eukalyptusarten Australiens. Der typische Baum dieser Halbwüste ist die Desert Oak, eine Kasuarie, die in der Jugend eine ganz schlanke Form hat und die später im Laufe von Jahrhunderten zum starken und ausladenden Baum mit seinen charakteristischen lang herunter hängenden Nadelstielen heranwächst. Seine tief ins Erdreich gehenden Wurzeln machen ihn zum Überlebenskünstler in Halbwüste und am Meer. Ich sah außerdem die Mulgasträucher mit den nach oben stehenden nadelförmigen Blättern, die das seltene Regenwasser an Zweigen und Stamm bis direkt zum Wurzelbereich leiten. Ich lernte über das Spear Gras, mit dessen Halmen die Kinder der Aborigenes sich im Speerwerfen übten - und ich hörte schließlich über die Wattles (Akazien), von deren 600 Spezies Australiens eine auch hier vorkommt.
Ein Shuttle holte mich gegen Abend an der vereinbarten Stelle im Outback wieder ab, und nach dem Erleben des Sonnenuntergangs am Uluru ging es ins Resort zurück. Auf der Fahrt lernte ich Ruth kennen, Engländerin aus der Nähe von London, die als Verwaltungsangestellte in einem Krankenhaus eines arabischen Emirats tätig ist.
Abends studierte ich auf der kleinen Sternwarte den südlichen Sternenhimmel, vor allem die Bestimmung der Südrichtung mit Hilfe des Kreuzes des Südens. Das schönste am Südhimmel ist die Galaxis, die von hier in ihrem größeren Teil zu sehen ist. Verwirrend ist die aufgrund der trockenen Luft so große Anzahl von sichtbaren Sternen.
Heute brach ich in aller Frühe auf, um eine geführte Tour um den Uluru herum mitzumachen. Bei Sonnenaufgang ist unsere Zwölfergruppe am Berg, und bei noch niedriger Temperatur beginnen wir die 10 km-Wanderung an der Stelle, wo die Unentwegten den roten und völlig kahlen, 348 m sich über die Ebene erhebenen Uluru hinauf- und auch wieder herabzusteigen für nötig halten. Das tun sie trotz des Wissens, daß der heilige Uluru und seine Umgebung den Aborigenes gehören und daß deren Gefühle tief verletzt werden durch seine Besteigung.
Man schätzt, daß auf dem ganzen Kontinent noch etwa 260.000 Aborigenes existieren, von denen aber nur ein verschwindend geringer Teil die uralten Lebensformen beibehalten hat. Einst ernährten sich die Ureinwohner Australiens aus dem kargen und so wasserarmen Land, indem sie Pflanzen und Früchte sammelten und ihr bis heute unerreichtes Wissen um die sie umgebende Natur, die Lebensgewohnheiten von auf dem Land lebenden Tieren und Vögeln nutzten für die Jagd. Sie wußten, wenn sie mit dem Clan in dem von ihnen beanspruchten Gebiet den so knapp bemessenen Nahrungsquellen nachspürten, wo die Billabongs in der Trockenzeit waren, die den Tieren als Tränke dienten. Sie kannten die wasserspeichernden Bäume, die sie anzapfen konnten. Und sie kannten z.B. das kleine Gebiet am Uluru, in dem Frösche sich in ein Meter Tiefe vergraben hatten, um bei einem der ganz seltenen starken Regenfälle das vom Berg herangeführte und hier einen See bildende Wasser zu nutzen zur Revitalisierung, Zeugung und Aufzucht von Nachkommenschaft, die dann gerade bis zur erneuten Austrocknung des Geländes ausgewachsen und imstande war, sich ihrerseits nunmehr einzugraben.
Das tief religiöse Weltbild der Aborigenes wird von uns heute als Traumzeit bezeichnet. Danach sind die Gottheiten als erste in dieses große Land gekommen. Sie haben Felsen, Flüsse, Tiere und Pflanzen geschaffen. Viele Stätten sind den Aborigines heilig. Es ist gefährlich, wenn man diesen Orten den nötigen Respekt nicht bewahrt. Die Gottheiten erlagen oft auch selbst Verhängnissen und entschwanden in die Traumzeit. Zu diesen religiösen Vorstellungen kam eine stets gleich gebliebene Sozialordnung innerhalb der Familie, des Clans und des Stammes.
Diese etwa 40.000 Jahre alten Traditionen konnten unbeschadet gelebt werden bis zur Entdeckung und bald danach folgenden Besiedlung des Kontinents durch Engländer und sonstige Europäer. Die Nachkommen aus Mischbeziehungen mit Aborigenes gaben sofort herkömmliche Lebensweise und alte Denkungsart auf. Auch die meisten der wenigen übriggebliebenen Reinblütigen haben inzwischen westliche Verbraucherangewohnheiten übernommen. Schmerzlich ist bei allem die Wahrnehmung, daß die Eingeborenen ihrer eigenen uralten Kultur entwurzelt wurden und in der westlichen Zivilisation keinerlei Ersatz für den Verlust haben finden können. Sie können unsere Mentalität nicht verstehen, begegnen uns mit Mißtrauen, grenzen sich aus und können in dieser ihnen fremd gebliebenen europäischen Welt keine Aktivitäten entwickeln. Ungerecht ist es, wenn man Aborigenes als nutzlose Sozialempfänger abstempelt.
Unser Führer gibt uns die wenigen Geschichten vom Uluru wieder, die die verschlossenen Aborigenes den Weißen verraten haben. Auf zwei hoch ansteigenden und einander gegenüber liegenden Hängen des roten Gesteins sieht man jeweils eine schräg verlaufende kurze und lange Scharte. Wir sind an der Kampfstätte, an der einst am Ende einer alten Fehde die heilige Schlange die gegnerische Giftschlange tötete. Der erste Angriff führte zur Verletzung und erst der zweite führte zu der großen und tödlichen Wunde.
In einer Felshöhle sind Malereien zu sehen, die offensichtlich die jungen Menschen einweisen sollten in die Jagderfahrungen der Alten.
Gegen Ende unserer Umwanderung des Uluru kommen wir an ein auch heute noch als heilig abgezäuntes Gebiet. Der Ranger sagt uns, in diesen Bezirk hätten sich noch in unserem Jahrhundert die schwangeren Frauen der Aborigenes begeben, um im Schutz des überhängenden Felsens zu gebären. Ältere, noch heute lebende Eingeborene dieses Gebietes seien hier geboren worden. Und, so sagt er weiter, heute unterwirft sich kaum noch ein Jugendlicher dem uralten Ritual der Initiation, der von kultischen Bräuchen begleiteten Aufnahme als vollwertiger Mann in die Gemeinschaft.
Nach der Rückkehr ins Resort verfasse und sende ich zwei Faxe an Melitta. Eines ist der Glückwunsch zu ihrem Geburtstag. Das andere ist zum Verlesen für die Geburtstagsgäste bestimmt.
Ayers Rock, am 14. April
Frühes Aufstehen. Gang zum Lookout, um den Sonnenaufgang zu erleben. Gutes Frühstück. Gang zum Visitors Center des Resort. Am Nachmittag fahre ich mit einer Gruppe zu den Olgas. Zum drittenmal treffe ich ein feines junges Paar: Chris aus Brisbane und Anuschka aus der Schweiz.
Die Rangerin erklärt uns, daß Mulga eine Akazienart (Wattle) ist, das hartes Holz hat, aus dem die Aborigenes Werkzeug schnitzen. Das harte Spinifexgras habe Stacheln als Schutz gegen hungrige Känguruhs; es werde, wie es die Eingeborenen seit jeher tun, auch heute alle 20 bis 25 Jahre abgebrannt zur Verjüngung des Bestandes, weil nur bei Hitze sich die Samenkapseln öffnen. Das ist genau so bei den Sequoia Trees in Kalifornien, wie ich mich erinnere. Wir kommen an mehreren Bloodwood Trees vorbei. Die Rangerin: Bis zu 40 Meter tief versenken diese Bäume ihre Wurzeln. Ein ausgewachsener Baum ist 200 Jahre alt, aber erst 2o cm dick im Stamm; so schwer hat er es wegen des Wassermangels. Ich erinnere mich an den ähnlich langsamen Wuchs der Südbuchen in Feuerland; dort allerdings ist Ursache der Mangel an Sonne.
Nach einem Marsch in die Schlucht der Olgas erleben wir, wie sich nach dem Untergang der Sonne die feinen Silhouetten der Bloodwood Trees gestochen scharf in der weiten Ebene gegen den glasklaren, zart rot gefärbten Himmel abheben.
Ayers Rock, am 15. April
Vor dem heutigen Abflug nach Adelaide sehen Bernd und ich uns noch den Garten des Desert Hotel an. Der Gärtner erkärt uns den hochwachsenden Ghost Gum, ein borkenloser Eukalyptus mit weißem Stamm; den Lemon Gum, ein Eukalyptus, der nach Zitrone riecht; den Red Gum Tree, der aus Astlöchern rot blutet.
Mittags fliegen wir zunächst nach Alice Springs, dann weiter mit einer Boing der Ansett über die Simpson Desert, das Lake Eyre Basin, am Lake Eyre North und South entlang, über die Kohleabbaugebiete nordöstlich vom Lake Torrens und dann nach einem Schwenk nach Süden direkt in Richtung Adelaide. Man sieht manchmal zwei bis drei lang sich hinziehende Gebirgszüge, die zur Sonne hin rot, braun oder gelb abgestuft erscheinen und zur anderen Seite hin Schatten in die Wüste werfen. Die Wüste geht allmählich in die hellrote Ebene einer Semi Desert über, in denen als Flußsysteme erscheint, was in Wirklichkeit nur ganz selten Wasser führende Überschwemmungsbetten darstellt. Mein Nachbar erklärt mir, daß es dort plötzlich von Tausenden von Fischen wimmelt, wenn alle zwei oder drei Jahre einmal Regen falle.
Nachdem wir eine Zeit über die Halbwüste geflogen sind, erscheint unten das erste Farmland: Große, zunächst noch verstreut liegende Äcker mit Farmgebäuden in der Mitte. Dann sind wir sehr bald über dem fruchtbaren Farmland, das von oben wie ein aus grünen und braunen Flicken zusammengesetzter Teppich aussieht. In geringer Höhe überfliegen wir das 1 Million Einwohner beherbergende Adelaide, das sich weit erstreckt und mit seinen zahlreichen Bungalow-Vororten viel Ähnlichkeit mit den Städten des Westens der USA hat.
Hier bin ich nach dreieinhalb Monaten Reisen in überwiegend tropischen Gebieten zum erstenmal wieder in gemäßigten Breiten, in denen zudem Herbst ist. Dieser Gegensatz tut gut.
Adelaide (SouthAustralia) im Hotel Stamford Plaza, am 16. April
Das Hotel liegt zentral, dem Bahnhof und dem Culture Center mit Opernhaus, das z.Zt. nicht bespielt wird, gegenüber. Heutemorgen gehe ich zu Fuß zur Rundle Mall, nach North Adelaide, zum Surloin Steak an den Torrens R., zur Uni und in den Botanischen Garten mit Regenwald im Tropenhaus. Mit der O-Bahn fahre ich zur Endstation und zurück, mit dem Bus bis Grand Junction und zurück, mit der Tram nach Westen bis zur Fährstation für Kangaroo Island und zurück zum Victoria Square.
Adelaide, am 17. April
Heute fahre ich mit Zügen nach Belair im Süden(Spaziergang im Eukalyptuswald), zum Outer Harbour im Nordnordwesten (einstündiger Gang am Strand) und nach Brighton an die südwestlich gelegene Küste. Beim Wandern durch die Wochenendsiedlungen dieser Küste werde ich erinnert an Mallorca. Am Abend nehme ich in der Pizzeria neben dem Hotel einen Snack zu mir. Der Bellman des Hotels, Stavros, ein gebürtiger Grieche, gesellt sich zu mir.
Tanunda im Barossa Valley (South Australia) im Barossa House, am 18. April
Um 8 Uhr sind wir aufgebrochen im gemieteten 1,8 l Wagen. Bei Murray Bridge geht es über den Murray R., den längsten Strom Australiens; weiter nach Mannum. Mit der Fähre überqueren wir nochmals den Murray R. und fahren weiter über Palmer, Tungkilla, Mount Pleasant, Springton, Eden Valley, Nuriootpa bis ins Quartier bei Tanunda. Wir lunchen im Wild Olive, einem BYO-Restaurant. Zu Lammkoteletts mit Gemüse trinke ich die mitgebrachte Flasche Cabernet Shiraz allein, da Bernd grundsätzlich keinen Alkohol trinkt. So gestärkt fahre ich gut wieder ins Barossa House. Wir machen noch einen Ausflug zu Fuß in die das Haus umgebenden Weinfelder, wo wir einen prachtvollen Sonnenuntergang erleben.
Tanunda, am 19. April
Unser kleines Farmhaus hat etwas vom Stil Villa Kunterbunt und erinnert an Ferien auf dem Bauernhof. Hahnenschrei in der Frühe weckt uns. Das Zimmer ist sehr ländlich und ähnlich dem, das ich einst mit Melitta in Napa Valley bewohnte. Die Umgebung könnte in Rheinhessen liegen: Weinfelder rings umher, akkurat gepflegt und zum Teil noch mit heranreifenden Spätlesen am Rebstock. Es sind überwiegend rote Weine. Die Namen der Weingüter sind häufig deutsch: „Peter Lehmann“, „Krondorf“, „Kaesler“, „Wolf Blass“, „Gnadenfrei“, „Henschke“, „Schmidt“, „Seppelt“.
Wir erfahren: Australien produziert jährlich 500 Mio. Liter Wein. Eines von 10 Weinbaugebieten ist Barossa Valley, wo allein 125 Mio. Liter erzeugt werden. Die Rotweine werden verschnitten und können dadurch auf gleich hohem Qualitätsstandard gehalten werden. Häufig vorkommende Rebsorten sind Shiraz, Cabernet, und Merlot. Beim Winemaker Stanley Brother decke ich mich ein mit drei Flaschen Cabernet Sauvignon, die den Grundstock für mein Treffen mit Werner in Neuseeland darstellen sollen. Vor dem Gutshaus arbeitet ein junger deutscher Steinmetz an dem Emblem des Hauses; er möchte für immer in Australien bleiben.
Eine schöne und harmonisch verlaufende dreistündige Wanderung machen Bernd und ich noch zum Lookout auf den Hügeln, von wo aus sich uns die Weite der Reblandschaft erschließt. Auf dem Rückweg hält ein Auto neben mir. Es ist das Ehepaar, mit dem ich gestern auf der Fähre geplaudert hatte. Sie ist eine geborene Lehmann und verwandt mit dem Weingutsbesitzer gleichen Namens. „So small is our world“.
Bei Sonnenschein fahren wir am Nachmittag durch die frühherbstliche Landschaft zurück nach Adelaide, diesmal ins Barron Tower House. Trotz des herrschenden Freitag-Ausflugs-Verkehrs gibt es keine Probleme in der Stadt, und pünktlich können wir den Wagen im Verleih zurückgeben. Morgenmittag geht unser Flugzeug nach Melbourne.
Melbourne (Victoria) im Welcome Hotel, am 21. April
Nach der Ankunft gestern in diesem bescheidenen, aber zentral gelegenen Hotel erwanderte ich mir die nähere Umgebung. Nach dem etwas provinziell wirkenden Adelaide machte die 3,3 Mio. Einwohner zählende Hauptstadt von Victoria auf mich einen unglaublich belebenden Eindruck: Weltoffen, modern, jung, voller Vitalität und von dichtem geistigen Leben. In der Fußgängerzone der Bourke St. gleich hinter dem Hotel pulsiert das Leben: Ein Schwarzer bringt Stepptanz zur Kassettenmusik, zwei Youngsters spielen auf der Gitarre Popmusik, um die Ecke auf dem Swanston Walk steht ein Akrobat mit einem Bein auf einem Seil und spielt Violinmusik, und zwischen dem Menschengewusel bahnt sich eine monoton singende Gruppe von Hare Krishna Twens hopsend den Weg. Unter den Passanten viele Chinesen, Inder, Afrikaner, Indonesier und Europäer aller Nationen. Man sagte mir, daß eine große Anzahl von Griechen in Melbourne wohnen.
Das Stadtbild von Downtown wird bestimmt von ehrwürdigen Gebäuden aus der Kolonialzeit, keines älter als 100 Jahre, außerdem von schlichten Fabrikgebäuden und Wolkenkratzern. Chinatown liegt gleich nebenan, mit einem Bogendach als Eingang und zwei steinernden Löwen unter den tragenden Säulen. Im Süden wird der Swanston Walk auf einer schönen, von alten Kandelabern beleuchteten Brücke über den Yarra River geführt. Gleich hinter dem Yarra R. liegen Victorian Arts Central National Gallery, Opera Playhouse und Concert Hall.
Gesternabend entschied ich mich sogleich für die Oper. Es gab Lucia di Lammermoor von Donizetti. Im Inneren des vertieft angelegten Zuschauerraumes (ca. 3.000 Plätze) dominieren drei Farben. Die Polsterbestuhlung ist in ansprechendem Rot gehalten, und palisanderfarbene gestaffelte Holzwände korrespondieren mit dem zarten Braun der Decke, deren Abstufungen in ihrem geschwungenen Verlauf dem der Bestuhlung entsprechen.
Die Ausstattung der Oper war wohltuend nostalgisch. Die Inszenierung war packend und gegen Ende der Oper konzentriert auf die musikalisch fazinierend gestaltete Wahnsinnsszene. Es war meine erste Lucia, und ich merke jetzt, wie ausgehungert ich nach europäischer Kultur bin.
So besuche ich heute am frühen Mittag die Nationalgalerie. Von weitem schon sehe ich die Skulpturen von Henry Moore und Auguste Rodin (Honoré de Balzac und Le Penseur). In der Gemäldesammlung werden vor allem Werke von englischen und französischen Malern, aber auch von Italienern, Niederländern und Spaniern gezeigt. Die temporäre Ausstellung ist den Fauves gewidmet, wie z.B. Matisse, Vlaminck, Braque, Dufy. Der Spuk hatte nur 3 Jahre gewährt, bis 1907 mit dem Kubismus der Form wieder der Vorrang vor der Farbe eingeräumt wurde.
Anschließend nehme ich im 35. Stock des Regent einen Lunch. Der Blick geht zu den Ranges im Osten und der St. Philipps Bay im Westen. Um 15 Uhr beginnt die Liederrezitation in der Concert Hall. Yvonne Kenny (Sopran), begleitet von Leslie Howard am Klavier, singt Lieder von Schubert, Richard Strauss und Maurice Ravel, Folklore aus dem UK und den USA, und Zugaben aus Frankreich, England und Deutschland.
Da ich weder in Asien noch in Australien deutsche Zeitungen bekommen konnte, hatte ich bis heute keine Ahnung, wie die drei Landtagswahlen im März in Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg ausgegangen sind. Heute höre ich von einem deutschen Touristen voller Freude, daß die Parteien der Bonner Regierungskoalition in alle drei Parlamente gewählt wurden.
Morgenmittag wollen wir nach Sydney weiterfliegen.
Sydney (New South Wales) im Menzies Hotel, am 24. April
In diesem schönen Hotel sind wir wieder ganz zentral untergebracht. Nur zehn Minuten zu Fuß haben wir bis zur Fährstation im Port Jackson zu gehen. Nachdem wir vorgestern über das Hinterland und die Great Dividing Range hinweg geflogen waren, machte die Maschine eine große Landeschleife, und ich konnte die 3,7 Mio. Stadt in ihrer mächtigen Ausdehnung unter mir liegen sehen. Auch der riesige Naturhafen, der von der weit verzweigten Bucht gebildet wird, und der in ihn mündende Parramatta R. waren deutlich erkennbar. Überall lagen Segelyachten auf Reede. Ich entschied mich sofort: Sydney wollte ich mir vom Wasser her erschließen.
Mein erster Gang nach der Ankunft im Hotel führte mich an dem Fährhafen vorbei zum am Wasser gelegenen modernen wunderschönen Opera House mit Concert Hall, wo ich mir gleich für drei Abende Karten kaufte. Noch am selben Abend erlebte ich in der Concert Hall das Sydney Symphony Orchestra mit einem Klavierkonzert von Liszt (Nelson Freire am Klavier) und mit Teilen aus Daphnis und Chloe von Maurice Ravel.
Gesternmorgen bin ich mit der Fähre unter der Sydney Bridge hindurch in den Westen Sydneys auf dem Parramatta R. und Lane Cove R. gefahren. Werften, Lagerschuppen und Villen mit 100-jähriger Bausubstanz waren zu sehen. Besonders schön gelegen ist der Villenort Balmain.
Am Mittag nahm ich die nach Osten bis an die am Ausgang zur Tasman Sea gelegenen beiden Kaps North und South Head fahrende Fähre. An zahlreichen Buchten mit Badestränden und geankerten Segelyachten ging die Fahrt entlang. Am Ausgang ins Meer drehte die Fähre nach Westen ab und fuhr am North Harbour vorbei in den Middle Harbour, ein sich verengender Fjord, dessen steile Ufer noch den alten Baumbestand aufweisen, der einstmals die gesamte Küste bedeckte. Schöne Villenorte sind auch hier, wie z.B. Balmoral. Bei der Rückfahrt erstrahlte die schon von der frühen Nachmittagssonne beschienene Opera vor Downtown. Wir passierten zwei Maxiyachten, auf denen gerade Spinnacker gesetzt wurden.
Nach Verlassen des Schiffes sah ich drei Aborigenes zu, die auf der Pier des Fährhafens Tänze aufführten, Geschichten aus der Traumzeit darstellend. Nur mit Lendenschurz bekeidet, die dunklen Oberkörper, Gesicht und Arme weiß bemalt, tanzten zwei junge Männer nach den rhythmischen Klängen, die ein dritter mit Holzrohr und Holzschlegel produzierte. Dämonische Kräfte waren am Werk. Die Ancestors in den Gestalten von Emu und Schlange trugen ihre Kämpfe aus, und immer wieder stießen die Tänzer bei ihrem ausdrucksstarken Hüpfen, Schlängeln, Schleichen und Fliehen beschwörende Rufe aus. Die umstehenden Aussies zollten dem Schauspiel Aufmerksamkeit und warfen großzügig bemessene Spenden in die Holzschale.
Danach nahm ich eine Fähre, die mich unter der Sydney Bridge hindurch und nach sieben Zwischenstationen bis Darling Harbour brachte. Dort suchte ich das Aquarium auf und widmete mein besonderes Interesse den drei Unterwassertunneln „Ozeanwelt“ (mit Haien und Mantarochen), „Seelöwen“ und „Hafen von Sydney“. Mit der aufgeständerten Monorail fuhr ich anschließend zweimal die Runde und stieg an der Station City Center aus, um im auf gleicher Ebene liegenden Saloon zwei VB Biere zu trinken. Der 325 m hohe Sydney Tower war mein nächstes Ziel. Bei der inzwischen herrschenden Dunkelkeit hatte ich einen phantastischen Blick über die ausgedehnte Stadt, über die Flußläufe und den östlich liegenden Hafen bis zur Tasmanischen See.
Zu Fuß ging ich in das nahe gelegene Hotel zurück, um bald erneut aufzubrechen zur Concert Hall, wo ein barockes Konzert mit Musik von Bach und Händel gegeben wurde. Gespielt wurde auf barocken Oboen, Bass und Cembalo, zusammen mit Violinen und Fagott; es sang Emma Kirkby.
Heute soll es ein ganz ruhiger Tag werden. So fahre ich am Morgen mit der Fähre zum gegenüber liegenden Ufer, um den Zoo zu besuchen. Ich sehe dort Schnabeltier, Schnabeligel, einige Koalabären und große Känguruhs, die einzigen auf meiner Reiseman sieht sie eben nicht vom Flugzeug aus!
Sydney, am 26. April
Gestern war ich wieder sehr unternehmungslustig. Als erstes verfaßte ich ein Sammelfax „Australia and Aussies-power-full country and nation“ - und sandte es an acht Adressen. Dann ging ich an die George St., wo eine dreistündige Parade von Kriegsveteranen stattfand. Es war ANZAC-Tag (Australian New Zealand Armee Corps), der ursprünglich zum Gedenken an die Waffenbrüderschaft zwischen den beiden Ländern 1917 im vereinten Kampf gegen die Türkei begangen wurde. Den Armeecorps vorweg fuhr das Headquarter im Jeep. Danach folgten jeweils die Fahne der Untereinheit und eine Aufzählung der Kriegsschauplätze aus den beiden Weltkriegen in Asien, Afrika und Europa, an denen diese Einheit gekämpft hatte. Es folgten Märsche spielende Militärkapellen der Einheiten - auffallend viele schottische Kapellen mit Dudelsäcken darunter, und dann kamen jeweils die überlebenden Veteranen, umjubelt von der Spalier stehenden und Fähnchen schwenkenden jungen und alten Bevölkerung der Stadt.
Nach der jüngsten Geschichte haben Australier ein natürlicheres Verhältnis zu Nationalbewußtsein und Vaterlandsliebe als wir Deutsche.
Mit der Fähre ging es nach Manly, einem Badeort Sydneys am North Head an der Tasmanischen See. Auf meinem 8 km Marsch am Strand entlang lernte ich Jorge kennen, einen 30-jährigen Basken, mit dem ich lange schwätzte. Auf der Rückfahrt mit der Fähre hatte ich ein interessantes Gespräch mit drei befreundeten jungen Paaren aus der Stadt.
Am Abend ging ich ins Opera Theatre. Es wurde das Onegin Ballett nach der Choreographie von John Cranko getanzt. Eines der vielen bezaubernden Details: In einer Szene werfen die Tänzer ihre Partnerinnen aufrecht in die Höhe, und diese scheinen wegen der weit ausgestellten Kleider viel langsamer wieder herunterzuschweben.
Nach der Aufführung versackte ich im Jacksons on George, einer zünftigen großen Bierkneipe mit Discomusik. Youngsters und dekorierte Veteranen stellten die größte Gruppe von Gästen. Sehr bald gesellte sich Bruce zu mir, ein leutseliger Gesprächspartner. Eine Bierrunde folgte der anderen, bis ich einmal mit zwei Bieren zurückkehrte und Bruce am Platz nicht mehr vorfand. Er hatte sich verdrückt. Es fand sich ein neuer Gesprächspartner, und es gab auch Partnerinnen für fröhlichen Discotanz zum Abbau der Biermengen. Gegen 2 Uhr in der Frühe kam ich im Hotelzimmer an.
Heute ist Erholungstag für mich, Reisetag für Bernd, der nach Hannover zurückfliegt. Im Laufe des Tages erhalte ich zwei Antwortfaxe von Melitta und von Elke. Nach dem Abschied von Bernd gehe ich ein Steak essen in einem der alten kleinen Häuser am Darling Harbour, dazu trinke ich Cabernet Sauvignon.
Nach dem Essen bummele ich am Fährhafen vorbei und setze mich auf eine Bank, vor mir rechts die Oper und links die Sydney Harbour Bridge. Der zunehmende Mond (vom Süden seiner Bahn gesehen mit der geöffneten Seite nach rechts) und das Kreuz des Südens stehen am klaren Himmel. In der milden und ganz windstillen Herbstnacht nehme ich für mich Abschied von diesem schönen, ursprünglichen Kontinent, seiner vitalen, positiv eingestellten Bevölkerung und von Sydney, die ich als gedachte Asylstadt jetzt noch vor San Diego an die erste Stelle setze.
Als ich auf der Bank einzuschlafen drohe, gehe ich rasch ins Hotel zurück, denn morgenfrüh um 8 Uhr geht mein Flugzeug nach Christchurch und Queenstown, wo ich Werner, meinen Wanderfreund aus Süddeutschland, zu treffen hoffe.
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