Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Griechisches Tagebuch

24. April - 15. Mai 1998

 

Teil 1: Die Busreise

Athen, Royal Olympic Hotel, am 24. April
Nach vier Stunden Flug kommen Mädi und ich in Athen am späten Vormittag an. Der Bus der Reiseagentur Dr. Tigges fährt uns zu unserem Hotel, das am Rande des Olympieion, des Tempels des Olympischen Zeus liegt: Drei mächtige einzeln stehende und ein vom Architraven verbundener Eckteil des Tempels mit weiteren elf Säulen erheben sich aus dem zugewucherten Platz inmitten von Athen. Es sind mit 2 m Durchmesser und 17 m Höhe die größten griechischen Tempelsäulen, sagt man uns. Und darüber auf dem Berg lockt die Akropolis.
Wir ruhen uns nur etwas aus und verlassen am Nachmittag das Hotel in Richtung Akropolis. Das Hadrianstor steht am ehemaligen Eingang zum Olmpieion, das im Jahr 132 n.Chr. dem römischen Kaiser gewidmet wurde, der das Heiligtum nach mehr als 500 Jahren Bauzeit nun hatte vollenden lassen.
Wir überqueren todesmutig die verkehrsquirlige Straße am Olympieion, steigen in Altstadtgassen leicht bergan und geraten unversehens in ein Viertel, das von fröhlichem Leben erfüllt ist: Auf verkehrsberuhigten Straßen flanieren Alt und Jung zwischen gelb oder weiß angestrichenen kleinen Bürger häusern, deren klassizistischer Stil auf ihre Entstehung im 19. Jh. schließen läßt. Vor den zahlreichen Geschäften stehen geschickte Anwerber, die die Passanten auf deren Nationalität einzuschätzen und sie in deren Landessprache zum Betreten des Ladens zu überreden versuchen. Tabernas, aus denen griechische Volksmusik ertönt, laden zum Verweilen ein, und Mädi nimmt mit mir einen Retsina und knackig frischen griechischen Salat im Außenbereich eines gepflegten Eßrestaurants mit rot eingedeckten Tischen, das an einer Kreuzung liegt. Von unserem Platz übersehen wir die hier zusammenkommenden Fußgängerstraßen. Wir stellen fest, daß wir durch Zufall in die Plaka, den lebensvollen Teil der Athener Altstadt, geraten sind.
Wir genießen das wimmelnde Leben und stoßen glücklich an auf unsere heute beginnende Reise durch einen großen Teil von Hellas. Wir gestehen uns, daß wir in Athen so viel Lebensqualität nicht erwartet hatten. Ein Mann kommt die Straße herauf und entlockt seiner mit bunten Blumenmotiven bemalten Drehorgel uralte Weisen, die wegen Verstimmung des Instruments nur schwer erkennbar sind. Uns gegenüber fegt die Besitzerin eines Miniladens den Gehsteig davor so gründlich, daß selbst in die Pflasterritzen gefallene Zigarettenkippen, die vom Besen unberührt blieben, von ihr mit den Fingern einzeln auf die Kehrpappe gelesen werden. Mädi war schon bei Beginn unseres Ausflugs die Blitzsauberkeit der Straßen aufgefallen; kein Papierfitzelchen war irgendwo zu erblicken.
Das in der Plaka herrschende Ambiente erinnert mich etwas an Grinzing in Wien. Und der neoklassizistische Baustil erinnert uns, daß Athen ja in einem tausendjährigen Dornröschenschlaf zu einem unbedeutenden Dorf heruntergekommen war, aus dem es Otto I (Enkel Ludwigs I von Bayern) erst wieder erweckte, als er 1833 - von den Großmächten als König von Griechenland ausgeguckt - sich Athen zum Königssitz des nach Vertreibung der Türken wiedererstandenen Griechenland von StädtebauArchitekten herrichten ließ.
Als wir den Weg zur Akropolis fortsetzen, erfahren wir, daß heute alle Sehenswürdigkeiten geschlossen sind. Es findet die Trauerfeier für den gestern mit 91 Jahren verstorbenen Politiker Karamanlis statt, der als Abgeordneter, Ministerpräsident und Staatspräsident seinem Land 50 Jahre lang gedient hat. Also gehen wir nur bis zum Areopag, dem Fels des Ares, auf dem in der Antike das Blutgericht über Kapitalverbrechen urteilte. Schöner Ausblick über das bis zum Horizont sich erstreckende Athen. Auf dem Weg in Richtung Odeon (Römische Theater und Konzertstätte) sehen wir auf dem gegenüberliegenden Philopápposhügel das dem gleichnamigen Sponsor in der Antike gewidmete Grabmal.

Athen, am 25. April
Heute wird Betty, eine 30jährige Griechin mit abgeschlossenem Kunststudium und unserer Gruppe von 21 deutschen Teilnehmern für die vor uns liegenden 2 Wochen zugeteilt als Führerin, den ersten Ausflug mit uns machen. Bei strömendem Regen geht´s zunächst zum Nationalmuseum für Archäologie. Wieder bin ich begeistert - wie bei meinem erstmaligen Besuch vor 20 Jahren während der Segelreise „Auf den Spuren des Odysseus“ mit meiner Atropos-Crew - von den Abteilungen für antike Skulpturen, Keramik und Wandbilder von Akrotiri, die inzwischen um einige bereichert sind.
Weiter zur Akropolis und anschließend zur Agorá. Das Parthenon ist jetzt auf der nach Süd liegenden Längsseite eingerüstet. Betty meint, es werde wohl ständig an dem Werk gearbeitet werden müssen.
Beim Abendessen setzt sich ein sympathisches Pärchen aus Kassel zu uns an den Tisch.

Nauplia, im Hotel Amalia außerhalb der Stadt, am 26. April
Bei der Abfahrt um 8 Uhr scheint die Sonne; ein Kontrast, der nach dem gestrigen Regentag von uns allen sehr begrüßt wird. Wir fahren nach Piräus, dann an der Küste des Saronischen Golfes entlang und im Anblick der gegenüber liegenden Insel Salamis nach Eleusis. Hier besuchen wir für fast 2 Stunden das von den Athenern der Göttin Demeter errichtete Heiligtum: Die Grundmauern des mächtigen Tempels, zu dem nur die Eingeweihten Zugang hatten, um den viermal im Jahr stattfindenen Kult der Eleusinischen Mysterien zu begehen. Auch in das Museum gehen wir.
Weiter am Saronischen Golf entlang auf der Küstenstraße bis zur Brücke über den im letzten Jh. durch den Isthmus - einst verband dieser Zentralgriechenland mit dem Peleponnes - gestochenen Kanal. Während der kurzen Rast gehen Mädi und ich auf der Brücke spazieren. Am westl. Ende des Kanals, im Golf von Korinth, sehen wir in etwa 5 km Entfernung Schiffe, die auf die Freigabe der Einfahrt in den Kanal warten, und ich werde erinnert an 20 Jahre zuvor, als ich mit meinen Freunden auf der Atropos, der herrlichen Segelyacht von 13 m Länge, ebendort kreuzte auf dem Weg nach Palea Epidauros.
Wir fahren nach Altkorinth, sehen uns Museum - berühmte Vasenmalerei des antiken Korinth: Rot und Schwarz auf gelbem Grund - Apollontempel und römische Agorá an und fahren weiter nach Epidauros. Hier begeben wir uns wegen eines Regenschauers zunächst ins Museum und erst darauf ins Theater, das seinen 17.000 Zuschauern eine einzigartige Akustik bietet. Jede Woche wird eine antike Tragödie in Altgriechisch gespielt. Anschließend durchstreifen wir das Asklepion, von dem nur die Grundmauern erhalten sind.
In unserem sehr anheimelnden, ländlichen und doch großzügigen Hotel, außerhalb von Nauplia gelegen, fühlen wir uns gut untergebracht.
Nauplia, am Morgen des 27. April: Blauer Himmel über der Argolis! Jetzt beginnt die trockene Jahreszeit. Ein ganz kurzer Spaziergang führt mich durch die Artischockenfelder vor dem Hotel. Eine wundervolle Nacht, von ruhigem und langem Schlaf gesegnet, haben wir in diesem französisch gestylten Landschloß verbracht.

Kalamáta im Hotel Sunrise Village, am 27. April
Heutemorgen fuhren wir nach Nauplia hinein und mit dem Fahrstuhl durch den Gebirgsstock an den Rand der Festung und schlenderten wieder nach unten und durch den Ort. Einen ganz besonderen Charme hat das Hafenstädtchen, das fast am Ende des großen Argolikos Kolpos liegt.
Weiterfahrt an den Ruinen von Tiryns vorbei nach Mykene. Ein Wiedersehen nach 20 Jahren. Lange verweilt die Gruppe vor dem Löwentor, um den Ausführungen von Betty zu lauschen. Dann weiter bis zur Spitze des kleinen Berges in den Bereich des ehemaligen Palastes bis zum Brunnenschacht, der heute noch von einer Quelle gespeist wird. Der Blick auf den Argolischen Golf und die von ihm abzweigende Ebene direkt unter dem Palast macht mir zum erstenmal klar, daß Mykene einstens ja eine Seemacht gewesen ist mit einem eigenen Hafen. Das habe ich bei meinem ersten Besuch hier mit meiner AtroposCrew nicht mitgekriegt. Auf dem Rückweg sorgt eine starrköpfige Alte aus der Gruppe, von der sich das schon leicht fußlädierte Mädilein als Stütze hat krallen lassen, für Streit.
Wir verlassen die Argolis, durchfahren Arkadien und seine beiden Städte Tripoli und Megalópoli und landen am frühen Abend in unserem traumhaft über dem Meer gelegenen Hotel außerhalb von Kalamáta.

Kalamáta, am 28. April 1998
Nicht nur die Lage, auch die Küche unseres Hotels ist traumhaft; Frühstücks und Dinnerbuffet haben Gourmetniveau.
Die Tagesfahrt in unserem Bus brachte uns heraus aus Messinien nach Lakonien im Osten. Durch schluchtiges Gebirge, dessen Gipfel manchmal noch Schneefelder trugen, ging es zunächst nach Mistrás, der von den Franken im Zusammenhang mit dem vierten Kreuzzug - Einnahme und Plünderung von Konstantinopel (1204 n.Chr.) - gegründeten Festungsstadt auf dem Berg und nur 4 km entfernt von Sparta. Anschließend Besuch von Sparta, einer modernen Stadt auf den Trümmern des antiken Sparta, das mit keinem Bauwerk mehr an die Antike erinnert.
Githio, eine schön gelegene Badestadt mit antiker Vergangenheit, wurde sodann aufgesucht. Gang auf die Halbinsel Kranae in Githio, wo Paris seine Hochzeitsnacht mit Helena verbracht haben soll. Sodann quer durch die Halbinsel Mani, den mittleren der drei Finger des südlichen Peleponnes. Eine karge und unzugängliche Felslandschaft, in die sich von Alters her Menschen verstecken, die aus politischen oder anderen Gründen gesucht wurden. Die Blutrache soll heute dort noch die bevorzugte Form der Bestrafungen sein. An der Westküste von Mani entlang fuhren wir nach Kalamáta zurück, wo wir erst nach 20 Uhr ankamen.

Olympia im Hotel Amalia, am 29. April
Nach Pilos, dem zum Reich des Königs Nestor gehörenden antiken Hafen, brechen wir auf. Ein vollkommen durch eine etwa 8 km lange vorgelagerte Insel geschützter Naturhafen überrascht mich. Die Vorstellung, daß hier im letzten Jahrhundert die entscheidende Seeschlacht im griechischen Freiheitskampf stattfand zwischen den Flotten der Engländer und Franzosen einerseits und der Türken andererseits, bereichert das Erlebnis. Pilos ist ein kleiner ansprechender Ort mit baumbestandenem Hauptplatz, hübschen Häusern und einer großen Hafenmole.
Unser Busfahrer Jannis fährt uns anschließend nach Süden zur venezianischen Festung Methóni, die in wahrhaft riesigen Ausmaßen in das heute aufgewühlte Meer hineingebaut ist.
Danach geht die Fahrt denselben Weg nach Pilos zurück und weiter nach Chora, wo wir zunächst das Museum mit den Funden aus dem Palast des Nestor aufsuchen. Der Palast selbst ist in prähistorischer Zeit erbaut vor dem 11. Jh.v.Chr. Die bescheidene Größe der Räume, die nur in Grundmauern erhalten sind, überrascht. Die Badewanne aus Stein ist das einzig erhaltene Stück im Palastbezirk. Aber die Phantasie wird angeregt durch die Geschichten von Orest und Telemachos, die nach der Rückkehr der Helden aus Troja hier den Nestor, der mit 80 Schiffen am Kampf teilgenommen hatte, nach dem Schicksal ihrer Väter Agamemnon und Odysseus befragten.
Die Landschaften, die wir heute durchfahren, weisen schon wieder eine normale Vegetation auf; die Kargheit des felsigen Mani erleben wir vorerst nicht mehr. Pinienwälder wechseln mit Wiesen, die von roten, gelben, weißen und blauen Farbtupfern von üppig blühenden Frühjahrsblumen aufgefrischt sind. In günstigen Lagen sehen wir schmale Treibhäuser aus Folie, in denen Melonen reifen. Betty verkündet übers Mikrofon, daß dieser Landstrich ganz Athen, wo mehr als ein Drittel der im Lande lebenden Griechen zuhause sind, mit Melonen versorge. Das Mikrofon! Kluge Gedanken Betty`s werden darüber verkündet während der Fahrt. Viel könnte man von unserer Fremdenführerin lernen - würde sie ein verständliches Deutsch sprechen. Doch werden Worte mißverständlich ausgesprochen und die Grammatik so auf den Kopf gestellt (Hölle statt Höhle, und „werden sein“ statt waren), daß man ihre Aussagen für sich erst einmal übersetzen muß. Das strengt an und wiegt viele aus unserer Gruppe in Schlaf.
Messinia haben wir inzwischen verlassen und sind nun in Ilía auf dem Weg nach Olympia. Hier begnügen wir uns für heute mit dem Besuch des herrlichen Museums mit den Friesen „Wagenrennen mit Pelops und Nemos“, „Kampf gegen die Kentauren“, „Nike“ und „Hermes mit dem jungen Dionysos“.
In der Frühe des nächsten Morgens erleben wir die Ausgrabungen von Olympia: Zunächst noch allein, wandele ich träumend durch den heiligen Bezirk, über Zeus- und Heratempel und an den höhergelegenen Schatzhäusern entlang. In diesem zwischen zwei Flüssen und flachen Hügeln eingebetteten Tal spendet üppiger Baumbestand reichlich Schatten. Im sich anschließenden Stadion schreite ich die Ausmaße ab.

Préveza im Hotel Margarona, am 30. April 1998
Nach dem Aufbruch, wie meist um 8 Uhr 30, kommen wir bald in die fruchtbaren Ebenen von Ilía. Auf der Autobahn fahren wir vorbei an Pirgos und Andravida; westlich von uns sehen wir die Insel Zákinthos aus dem blauen Meer aufragen. Nachdem unsere Küstenstraße nach Nordost in Richtung Patrás abgebogen ist, sehen wir im Nordwesten das hohe Gebirge der Insel Kefaloniá, der Homers Insel Ithaka vorgelagert ist. Hinter dem quirligen Patrás fahren wir mit der Fähre über die hier nur etwa 3 sm breite Enge, an der der Golf von Korinth beginnt, von Rio nach Andírio auf das Festland. Die Region Ípiros, der wasserreichste und doch zugleich ärmste Teil Griechenlands - so sagt Betty -, hat uns für die nächsten Tage aufgenommen.
Die Fahrt geht jetzt zunächst eine gebirgige Straße hoch und dann fast ständig durch fruchtbare Ebenen, an Seen vorbei und durch Agrinío, Amphilochía an die Bucht von Amvrakikós nach Aktium. Hier fand die Seeschlacht der Flotten von Antonius und Octavian um die Herrschaft über das römische Reich statt, die zugunsten von Octavian, dem späteren Kaiser Augustus, ausging.
Übersetzen über die 2 sm breite Einfahrt, die das Jonische Meer mit der Bucht von Amvrakikós verbindet.
Bei der Fahrt an den Seen entlang fiel uns auf, daß die Äcker bepflanzt und bewässert wurden; zur Bewässerung werden Sattelschlepper am Ufer des Sees ins Wasser gestellt und mittels der an den Motor angeschlossenen Pumpen und langen zum Feld des Bauern führenden Schläuchen das Wasser über die Äcker versprengt. Die Landwirte scheinen Hoffnung auf den Beginn frühsommerlicher Witterung zu hegen.

Ioánnina im Hotel Xenia, am 1. Mai
Aufbruch um 8 Uhr 30 zum nahe gelegenen Nikópoli, eine von Octavian gegründete große Stadt. Das Odion ist gut erhalten und gefällt besonders. Zur Ruine des Denkmals „Seeschlacht von Aktium“ aus dem 1. Jh. n.Chr. geht es anschließend. Ebenfalls in der Nähe liegt Kassope, die Reste der herrlich auf einer hoch gelegenen Bergebene erbauten griechischen Polis. Der Blick über den Kolpos erschließt uns auch unser gerade verlassenes Préveza mit der Einfahrt vom Jonischen Meer noch einmal. Es geht mir immer so: In den aus Ziegeln errichteten üppigen Bauten der Römer beeindruckt mich die zum Ausdruck kommende Macht dieses Weltreiches ; in einer Polis oder in Tempeln der Griechen kommt etwas von der Heiterkeit des griechischen Geistes über trotz der Bauweise mit gewaltigen Quadern aus Naturstein.
Viele Griechen suchen heute, am Feiertag des 1. Mai, diesen Ort auf fürs große FamilienPicknick. Viele Frauen flechten Kränze aus Gräsern und aus den in allen Farben blühenden Frühlingsblumen.
Wir setzen die Fahrt nach Norden entlang dem Jonischen Meer fort und gelangen nach Achérontas, einem der Eingänge zum Hades. Drei Flüsse, u.a. der Acheron, kommen in der Nähe zusammen, und da Flüsse in der Antike schon immer mit dem Totenreich in Verbindung gebracht wurden, war hier ein guter Ort für die Errichtung eines Palastes für Hades und Perséphone und eines Zuganges zum Jenseits.
In der Antike wurden die Besucher von einem Priester einen Monat lang geleitet. Strenge Diät mit berauschenden Feldfrüchten wurde eingehalten. Danach durften die Gäste die Begegnungshalle betreten und trafen dort auf die Seelen von ihnen nahe stehenden Toten. Odysseus ist hier gewesen auf seiner Irrfahrt und hat zu seiner Überraschung seine Mutter angetroffen, die während seiner langjährigen Abwesenheit gestorben war.
Anschließend fahren wir nach Párga, einem fröhlichen Hafenort gegenüber den Inselchen Paxi und Antipaxi. Im Ort herrscht überschäumende Lustigkeit: Fast ausschließlich Griechen feiern den 1. Mai mit Schmaus, Trank und Gesang. Mit dem Ehepaar Arnold kehren wir in einem Restaurant ein, um einen Imbiß auf der Terrasse einzunehmen. Eine große Gruppe von älteren griechischen Frauen singt lauthals „Eviva Espana“.
Anschließend fahren wir auf der gleichen Straße wie am Morgen in entgegengesetzter Richtung zurück Richtung Préveza, um kurz vor dem Städtchen nördlich abzubiegen auf die Straße, die durchs Land nach Ioánnina führt. Kleine Kaffeepause an einem üppigen Flußtal. Am Nachmittag langen wir in Ioánnina an und beziehen unser Zimmer mit zauberhaftem Blick vom Balkon auf die schneebedeckten Gebirgsketten des Pindos.

Ioánnina, am 2. Mai, morgens
Ein fröhlicher Abend mit Ehepaar Arnold beschloß den 1. Mai in einem Wiener Cafe des lebhaften Städtchens. Er ist der sympathisch-dynamische Inhaber eines Planungsbüros für Infrastuktur und zudem CDURatsherr in einer Verbandsgemeinde; sie ist eine sehr sympathische Frau mit ehelichdiplomatischem Geschick. Es folgte eine von den 1001 Nächten: Ab halb fünf wachte ich, um den schönsten Stimmen der Welt zu lauschen: Im Hotelgarten sangen mehrere Nachtigallen um die Wette. Die unserem Zimmer nächste brachte anfangs in jede Strophe nur ein jeweils anderes Motiv ein; dann, als die zahlreichen Motive genügend erprobt waren, steigerte sich diese Meisterin zu immer kunstvolleren Variationen, sodaß schließlich vor Sonnenaufgang die wundervollsten und abwechslungsreichsten Melodien erklangen. Eine erquickende Nacht trotz des wenigen Schlafes.

Ioánnina, am 2. Mai abends
Aufbruch ins Gebirge nach Norden. Wir besichtigen die Dörfer von Zagorochória, die aus Naturstein errichtet und mit dem gleichfarbigen Schiefer der Gegend gedeckt sind. Vom Dorf Monodéndri aus gehen wir auf einem mit Naturstein gepflasterten Weg aufwärts und schauen in die VikosSchlucht hinunter. Danach kehren wir zunächst auf der gleichen Straße, die wir gekommen sind, wieder zurück nach Süd und fahren nach Dodóna, eine Orakelstätte, in der Homer nach dem Weg nach Ithaka gefragt hat. Diese Stätte soll schon seit dem 2. Jahrtausend bestanden haben; sie ist seit vorgeschichtlicher Zeit der Gattin von Zeus gewidmet, die damals Dióni hieß.
Das Heiligtum befindet sich auf einem über 1.000 m hohen Plateau in der Nähe eines Gebirgszuges. Es ist von Gras, Buschwerk und vereinzelten Bäumen bestanden. Man sieht die Grundrisse von Tempeln für Didóni und Aphrodite, von den Versammlungshallen des Rates und dem Orakelkomplex. Hier, wo man eine junge Eiche gepflanzt hat, soll in prähistorischer und antiker Zeit immer eine heilige Eiche als Wohnsitz der einstigen Erdgöttin, später der Göttin Dióni, gestanden haben. Aus dem Rauschen der Blätter, dem Gesang der Vögel und dem Klingen von aneinander stoßenden Kesseln haben die Priester die Worte Zeus´ vernommen und daraus das Orakel erstellt. Ein antikes Theater hat Pyrrhus, König der Molosser, der zweimal gegen die Römer einen „PyrrhusSieg“ davongetragen hat, im heiligen Bezirk im 3. Jh. errichten lassen.
Anschließend fahren wir zurück nach Ioánnina und setzen mit einem Bötchen über auf die im See am Rande der Stadt liegende Insel. Schlechte Fischmahlzeit dort eingenommen.
Zwei von den im 13. Jh. errichteten Klöstern besichtigen wir, die 300 Jahre später vollständig mit byzantinischen Fresken ausgemalt worden sind. Besonders beindruckend ist die Darstellung der sieben Weisen des Altertums, u.a. von Solon und Aristoteles. Die Martyrien der Heiligen nimmt einen großen Platz ein. Fast alle Fresken sind gut erhalten.
Ziemlich müde kehren wir ins Hotel zurück. Wir haben gestern wohl etwas zu sehr dem Alkohol zugesprochen.
Meine 26SeitenBroschüre „Deutsche Wähler auf der Suche nach einer neuen Republik?“ ist im Bus von fast allen Männern gelesen worden, worüber ich mich freue. Es soll ja mit diesen „Gedanken eines politisch Unabhängigen“ ein Beitrag dazu geleistet werden, das in Deutschland allgemein üblich gewordene Lamentieren über die schlecht geführte Politik durch kühle Aufbereitung von Gedanken zu ersetzen.

Kastoriá im Hotel Tsamis (am See), am 3. Mai
Die heutige 290 kmFahrt führt auf der Nationalstraße 20 direkt ins Gebirge. An mehreren wasserführenden Flüssen entlang folgt die Route zunächst fruchtbaren Tälern und Hochebenen, auf denen intensive Ackerwirtschaft betrieben wird. Getreidesilos am Wege zeugen von dem hohen Ertrag; viel Roggen scheint ganz jung aufzukommen. Jannis, unser Fahrer, erklärt mir, daß die jungen Leute aus den Dörfern wegziehen, weil sie zur Landwirtschaft keine Lust haben und in den Großstädten (Athen und Thessaloniki) mehr Geld verdienen können.
Bei Kónitsa sind wir der albanischen Grenze auf 10 km nahe. Unter dem Ort überquert eine im Steilbogen ausgeführte Steinbrücke aus der Türkenzeit den Ados, und auf lautstark vorgetragenen Wunsch von Walter Arnold hält Jannis an. Photopause! Danach überqueren wir einen Paß von 1.300 m. Landwirtschaft ist längst mit Wald bestandenen Gebirgshängen gewichen; Wölfe und Braunbären gebe es hier, die allerdings unter Naturschutz stünden, sagt Jannis. Inzwischen haben wir Ípiros verlassen und sind nach Makedonien gelangt, eine Region, die erst nach den Balkankriegen 1912/1913 von den Türken aufgegeben und an Griechenland angeschlossen wurde.
In Neápoli verlassen wir die N 20 und fahren auf einer Landstraße, die zahlreiche in Reparatur befindliche Trassen aufweist, nach Kastoriá. Das Städtchen liegt auf einer bergan steigenden Halbinsel in einem See. Betty führt uns in mehrere winzige Byzantinische Kirchlein, u.a. die Panagía Koumbelidiki aus dem 11. Jh., die im 2. Weltkrieg durch eine Bombe arg beschädigt wurde und jetzt wieder restauriet wird. Zwei weitere Führungen führen in Wohnhäuser von mehr oder weniger hoch gestellten Bürgern. In einem der beiden ist das Prunkstück der erklärende Pope, ein gut aussehender Makedonier, der ständig versucht, mit Augen und Händen in Tuchfühlung zu den Damen unserer Gruppe zu gelangen.
Unser Hotelzimmer liegt 10 m vom Seeufer entfernt und hat Blick zum See.

Agia Triada bei Thessaloniki im Hotel Sun Beach, am 4. Mai
Die heutige Fahrt führte durch die fruchtbaren Ebenen von Makedonien mit viel Obstbau: Kirschen- und Pfirsichplantagen wechselten einander ab. Erstes Ziel seit Kastoriá war Édessa, wo der kleine aber sehr gut angelegte Wasserfall in der Nähe vom Ortszentrum in die drunten liegende Ebene herunterstürzt. In Pella, der Metropole der makedonischen Herrscher nach Verlassen der vorherigen Hauptstadt Vergina, sahen wir uns die begonnenen Ausgrabungen an mit einigen schönen Fußbodenmosaiken, z.B. der Raub der Helena durch Zeus, und wurden im benachbart liegenden Museum durch weitere Mosaiken überrascht: Die Jagd Alexanders und eines Gefährten auf den Löwen und der einen Hirschen reißende Panther. Außerdem sind Gold, Waffen, Tongefäße und andere Grabbeigaben ausgestellt.
Hier in Pella wurde Alexander der Große von Makedonien als Sohn von Philipp II und dessen Frau Olympia im Jahr 356 v. Chr. geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters, an dem er oder seine Mutter mitgewirkt haben sollen, wurde Alexander als Achtzehnjähriger König von Makedonien.
Auf der Weiterfahrt sah man sieben weitere Rundhügelgräber, die ihrer Ausgrabung noch harren.
In Thessaloniki, am gleichnamigen Golf gelegen, gingen wir ins Museum, um weitere Funde aus den jetzt erst richtig anlaufenden Ausgrabungen in Makedonien zu betrachten. Die Goldschätze aus dem erst vor einigen Jahren entdeckten Grab Philipps II bei Vergina waren leider nicht zu sehen. Anschließend Fahrt auf die Akropolis, Fußmarsch durch die Stadt, auf dem die in diesem Jahrhundert nach einem Brand wiederhergestellte Agio Dimitrius und die alte Agia Sofía - eine große byzantinische Kuppelkirche - besichtigt wurden. Dann zur Rotunde, einer Art Pantheon, und in das Viertel des Galerius mit Ruinen des Palastes und mit dem gut erhaltenen Triumphbogen. Mit dem weißen Turm, der an der Uferpromenade liegt und den wir besteigen, endet der heutige Tag, und die ganze Reisegesellschaft - wir beide eingeschlossen - lassen uns erschöpft ins Hotel fahren, das am östlichen Ausgang des inneren Golfes von Thessaloniki in der Nähe der Landspitze liegt.

Kalambáka im Hotel Divani, am 5. Mai
Betty hat uns gestern in Thessaloniki strapaziert, damit wir heute schon früh nach Süd aufbrechen können. Doch die Gruppe bestand auf Einhaltung des Programmes. Also nochmal in den Stop-and-go-Verkehr der Großstadt. Wir kommen erst 11 Uhr heraus und fahren nun durch die Schwemmebene von vier großen Flüssen am Ufer des Kolpos von Thessaloniki entlang. Wir unterbrechen die Fahrt für einen Besuch von Dion. Die um 500 v.Chr. gegründete große Stadt besaß an ihrem Rand das wichtigste Heiligtum von Makedonien, das auch Alexander der Große vor dem Aufbruch nach Osten aufsuchte. Und schon sein Vater Philipp II feierte hier 348 v. Chr. einen Sieg.
In den Stadtruinen sieht man die Straßenzüge, die Grundmauern der eng aneinander stehenden Häuser, die öffentliche Sauna und Toiletten mit zwölfsitziger Klobank. In einem Haus ist ein Mosaik noch erhalten mit acht Männerköpfen, geometrischen Randornamenten und einem lädierten Bildnis, auf dem noch ein schöner Stierkopf, ein Arm und ein menschlicher Rumpf erkennbar sind. An der heiligen Stätte sind die Grundsteine des Tempels für Demeter noch gut zu erkennen. Außerdem waren dem Asklepios und in der späten Zeit der Degeneration den ägyptischen Göttern Isis und Osiris hier Tempel geweiht.
Das größte Erlebnis im antiken Dioni ist die Nähe des Göttersitzes, des heiligen Berges Olymp. Er ist heute frei zu sehen, auch die Route, auf der man ihn in 6 Stunden besteigen kann. Große Schneerinnen trägt das mächtige Massiv noch, das keine furchterregenden Abgründe aufweist. Erst bei unserer Abfahrt hüllt sich der spitze Gipfel in Wolken, die allmählich tiefer kommen und auch den oberen Teil des Massivs unsichtbar machen.
Auf dem weiteren Weg nach Süden entlang am Meer verlassen wir Makedonien und kommen in die Region von Thessalía. Eine Rast im Tal des TembiFlusses macht wieder einmal deutlich, wie gesund die Natur in diesem Teil Griechenlands noch ist. Gang über die schwankende Hängebrücke aus Beton “wegen Beschädigung bitte nur 10 Personen zugleich!“ -. Danach kommen wir in die fruchtbare große Ebene von Thessalía, in der Baumwolle angebaut wird. Diese Ebene ist von Bergen umgeben, und es herrscht ein kontinentales Klima.
Über Lárissa fährt der Bus eine lange Strecke nach West ins Landesinnere, und sehr bald taucht links von uns das gewaltige Pindosgebirge auf, das wir auf der Fahrt nach Norden schon von der anderen Seite gesehen haben. Wir kommen am späten Nachmittag in Kalambáka, der Kleinstadt am Fuß der Felsen, an, auf denen die MetéoraKlöster liegen.

Itea im Hotel Nafsika, am 6. Mai
Heutemorgen besuchen wir MetéoraKlöster. Ein unvorstellbarer Anblick sind diese steil aufragenden, eng aneinander stehenden und total glatt geschliffenen Felsen, die auf den Spitzen Klöster tragen. Wir fahren nahe heran an die höchste Erhebung, auf der sich Megálo Metéoron befindet. Wir steigen dann noch etliche steile Treppenstiegen im Felsmassiv ab und wieder auf, um im Kloster anzukommen. Alle Einrichtungen eines byzantinischen Klosters sind vorhanden: Refektorium, Küche, Beinhaus, Wasserreservoir; in der Kirche die Zentralkuppel, mehrere kleinere Kuppeln und der Vorraum, Narthex genannt. Die Ausmalung ist wunderschön, wenngleich im kleinen Kuppelraum vor der Hauptkuppel wieder die gleichen grausamen Themen dargestellt sind, wie wir es in vielen byzantinischen Kirchen zuvor gesehen haben: Die Martyrien der Heiligen. Außerdem hier und im Hauptraum: Die entschlafende Maria mit dem Engel vor ihr, dem die Hände abgehackt werden, weil sie den heiligen Leib berührt haben; der Pantokrator (Christus als Weltenherrscher); Christi Lebensstationen; der Engel, der Maria die Marterwerkzeuge zeigt, während sie mit einem Schleier dem im Bettchen liegenden Jesuskind den Blick zu verdecken sucht. Das Gesicht des Kindes hat etwas von einer RennaissancePutte. Tatsächlich bestand damals ein starker Einfluß dieses Stiles. Ein junger, ausgesprochen gut und intelligent aussehender Mönch gibt Betty Auskunft auf Fragen.
Ein Blick über die weite Ebene von Thessalía nach Südosten und auf das Pindusgebirge im Südwesten, darüber der von einzelnen Kumuluswolken unterbrochene blaue Himmel macht mich einmal mehr dankbar dafür, daß ich um ein so großes Erlebnis bereichert werde. Wir besuchen danach noch das Nonnenkloster Ágios Nikólaus Anapafsás und halten am Kloster Roussanoú.
Dann steuert Janni unseren Bus weiter durch die thessalische Ebene nach Südosten. Wir überqueren einen Gebirgszug mit einem Paß über 1.000 m Höhe, fahren durch Lamiá und gelangen auf eine weitere fruchtbare Ebene. Auf ihrer südlichen Seite befindet sich der Paß der Thermópylai, an dem 300 Spartaner und 700 Bundesgenossen unter dem Befehl des Leonidas im Jahr 480 v.Chr. im Kampf gegen eine persische Übermacht den Tod fanden. Ein Denkmal an der Stelle ist den Spartanern, ein weiteres jüngeres für die gefallenen Soldaten der Bundesgenossen aufgestellt.
Die Fahrt wird fortgesetzt in Richtung Süd, und ein weiteres Mal müssen wir einen Paß (850 m hoch) überqueren. Wir haben inzwischen Thessalía hinter uns gelassen und befinden uns in der Region Zentralgriechenland. Olivenhaine beherrschen jetzt das Bild der Landschaft. Schließlich kommt Itea, der am Golf von Korinth gelegene alte Hafen von Delphi, rechts unten in Sicht, und nach weiteren 20 Minuten halten wir vor dem Heiligtum. Ich löse mich sogleich von der Gruppe, bei der Mädi gern bleiben möchte, und steige allein auf der alten Straße vorbei an den Grundmauern der Schatzhäuser, an den Resten des Apollontempels und am Theater entlang nach oben bis zum Stadion, welches zu Füßen einer Steilwand des Parnaß liegt.
Hier bin ich mit meinen Segelfreunden vor 20 Jahren einmal gewesen; damals war Mittagszeit und schon Sommer, sodaß die hohe Temperatur uns allen sehr zu schaffen machte. Heute darf ich ein zweites Mal hier sein, und es ist ein Frühlingsabend, der mich das Besondere dieses Ortes ungestört und tief empfinden läßt.
Müde gegen Mitternacht ins Bett.

Itea, am 7. Mai morgens
Vor dem einfachen Frühstück gehe ich in den vor dem Hotel liegenden Hafen mit weit umfassender Außenmole. Nur drei private Segelyachten liegen an der Pier, und ein 35m Zweimaster macht gerade fest. Ein Gespräch ergibt, daß es sich um ein Charterschiff mit griechischer Besatzung und deutschen Passagieren handelt, welches rund um den Peleponnes ständig unter Maschine gefahren und wieder auf dem Rückweg nach Piräus ist. Ein weiteres Gespräch führe ich danach mit dem Eigner einer deutschen 11mSegelyacht. Sein Schiff hat er das Jahr über in Préveza liegen, und er segelt von Mai bis Juli fast drei Monate jährlich mit wechselnden Crews aus dem Kreis seiner Segelfreunde. Seine Frau nämlich segelt überhaupt nicht. Wie sich die Bilder gleichen! Ich erzähle ihm, daß ich einmal selbst eine Swan mit 5 wechselnden Crews von Mallorca in die Türkei und zurück gesegelt habe, vor 20 Jahren, und daß ich damals in Itea zum ersten Mal meinen Fuß auf griechischen Boden setzte. Als ich merke, daß er ausschließlich auf sein Leben fixiert ist, verabschiede ich mich höflich.

Athen im Royal Olympic Hotel, am 7. Mai
Nach der Abfahrt von Itea suchen wir das Museum von Delphi auf, welches unterhalb des heiligen Bezirkes liegt. Wir sehen die aufgefundenen Originale der Metopen der Schatzhäuser von Athen und von der Insel Sifnos, eine Skulptur von drei tanzenden Priesterinnen mit daneben aufgestelltem Sockel; sie trugen einen Dreifuß, der aber verlorengegangen ist.
Die schönsten Stücke: Die beiden Köpfe aus geschwärztem Elfenbein, mit Gold verziert und mit Augen aus Halbedelstein, die von täuschender Natürlichkeit sind. Die dürftig zusammengesetzten Reste eines mit vergoldetem Silber beschlagenen Stieres aus Holz lassen sich aus der Phantasie ergänzen. Auch die marmorne römische Statue von Antinoos, des jungen Freundes von Kaiser Hadrian, ist von edler Schönheit.
Und vor allem der weltberühmte Wagenlenker aus Bronze! Dieser ist als einzige der 500 ehemals die Hauptstraße des Heiligen Bezirks flankierenden vergoldeten Statuen so gut zugeschüttet gewesen, daß die Tempelräuber ihn nicht entdeckt haben. Man sagt, dieser Wagenlenker habe auf einem auch in Delphi alle vier Jahre stattfindenden Wettbewerb den Tyrannen von Athen zum Sieg gefahren.
Vor der Abfahrt von Delphi verweile ich ein weiteres Mal allein, um meinen Blick auf die über dem Heiligtum sich erhebene steile Wand des Parnaß und dann nach unten über das große mit Olivenbäumen, Zypressen und Buschwerk bestandene Tal zu heften. Ich bin sehr froh, daß ich den Fotoapparat auf Anraten von Mädi zu Hause gelassen habe. So brauche ich mich nur um „Aufnahmen“ direkt in die Seele zu bemühen. Ich entgehe dem Streß der besessenen Fotographen der Gruppe, die nur noch die Jagd auf Fotomotive im Kopf haben. Einer von ihnen hat schon in den vierzehn Tagen unserer Reise 1.400 Fotos geknipst. Dabei hat er bis heute nicht einmal die Bilder von einer vor drei Jahren gemachten Reise ausgewertet oder angeschaut.
Die letzte Besichtigung gilt der im 11.Jh. erbautenKirche des seligen Lukas, einer lokalen Persönlichkeit. Ein großartiger Kuppelbau mit acht gewaltigen eckigen Pfeilern, der für mich auf den ersten Blick in seiner inneren räumlichen Gestaltung dem Dom von Salzburg oder St. Peter in Rom mehr ähnelt als der Bauweise in so früher Zeit. Wunderschön und ganz einwandfrei erhalten sind die mit viel Gold gestalteten Mosaiken in und unterhalb der Kuppel.
Wir fahren durch die Landschaft des antiken Theben und sehen von weitem Marathon, wo die Athener im Jahre 490 v.Chr. die Perser geschlagen haben. Am Nachmittag langen wir hier im Hotel an.

Athen, am 8. Mai
Ein feuchtfröhlicher Abend in der Plaka, zu dem der Reiseveranstalter eingeladen hat, beendet das Gruppenerlebnis von 14 Tagen. Mädi und ich nehmen sehr herzlich Abschied von Gudrun und Walter Arnold - er ist ein liebenswerter Chaot, man könnte auch Riesenbaby sagen - von den beiden Biedermann`s aus Bayern und den beiden Hubert`s, gebürtige Westfalen. Dann gehen wir mit den Schwagern Bührer und Radloff in ein Restaurant auf einem großen Platz in der Plaka. Musik spielt auf, und wir genehmigen uns einen 5sternigen Metaxa, der ganz besonders köstlich ist.
Nach Mitternacht und gut „abgefüllt“ langen wir im Hotel an.
Heutemorgen Frühstück eingenommen mit Frau Brüggemann und Frau Urselmann. Erstere hat für jeden unserer Reisegruppe einen Spitznamen; ich war bei ihr „der englische Oberst“ - sehr schmeichelhaft. Auch die beiden Arnold`s trafen wir noch einmal; er sagte mir, die „Alte“ aus Halle habe ihm auf entsprechende Frage geantwortet, ihr Beruf gehe ihn garnichts an; es genüge doch die Auskunft, daß sie Kunst studiert habe. Wir erklärten sie nunmehr intern zur Mitarbeiterin der Stasi.
Bei der Sammelaktion für eine finanzielle Anerkennung der Leistungen von Fahrer und Führerin kam ein stattlicher Betrag zusammen, der zwischen Betty und Janni gleichmäßig aufgeteilt wurde. Mit meiner über Mikro ausgesprochenen differenzierenden Würdigung der beiden hatte ich voll die Einstellung der Gruppe getroffen.

Am Mittag des 8. Mai, immer noch in Athen
Geldwechsel, Magnesium und Briefmarkenkauf, Einkauf von TShirts, Ouzo, unzüchtigen Karten und Mittagessen in unserem Restaurant in der Plaka beenden wir die zweiwöchige Reise auf dem Peleponnes und durch das Festland von Griechenland. Wer begegnet uns als einziger beim Betreten des Hotels? Ausgerechnet die „Alte!
Um 14 Uhr wollen wir mit Taxi zur „Olympic Countess“ nach Piräus.

 

Teil 2: Die Kreuzfahrt

MS Olympic Countess auf dem Weg von Kreta nach Rhodos, 9. Mai
Um 20 Uhr legte unsere 18.000 BRT große und 164 m lange Countess gestern in Piräus ab. Nach guter Nacht und ohne jedes Unwohlsein, vor dem Mädi sich gefürchtet hatte, kamen wir am frühen Morgen in Santorin an, wo das Schiff auf der Reede von Skala an der großen Tonne festmachte. Wieder kamen Erinnerungen auf an meine Segelreise vor 20 Jahren, als ich mit meiner dritten Crew eben hier lag. Das Tenderschiff fuhr uns zum nächsten, südlich liegenden Hafen. Ein Bus brachte uns nach Akrotiri, wo die Ausgrabungen seit damals erheblich voran getrieben waren.
Das Absonderliche: Es regnete. Wir mußten unseren in Athen vorm Nationalmuseum erworbenen Regenschirm benutzen. Es stürmte dazu, und der Nebel ließ uns nicht einmal den über 500 m hohen Hausberg der Insel erkennen. Durch Fira, die Hauptstadt der Insel, bummelten wir zu Fuß zur Cablecar, die uns nunmehr nach Skala hinunter brachte.
Unsere Countess steuerte sodann Kreta an, welches wir Nachmittags erreichten. Besuch im minoischen Palast, den Mädi schon einmal und ich schon zweimal besucht hatten.
Beim köstlichen Dinner fröhliche Gespräche mit denselben Tischgenossen von gestern: Ron und Margarete aus Australien. Er hat auch eine Laser, und jeder seiner beiden Söhne besitzt auch diesen Jollentyp. Dazu haben wir ein Ehepaar aus Texas und zwei weitere Damen aus US am Tisch. Beim Coctailempfang nach dem Essen stellt uns der griechische Kapitän seine Offiziere vor.

Rhodos auf Rhodos an Bord, am 10. Mai
Der Rotwein vom Vorabend und der Beginn einer durch unsere nicht regulierbare Aircondition in der Kabine verursachten Erkältung machen mir heute zu schaffen. So bummeln Mädi und ich heutevormittag nur durch das alte, innerhalb der Festungsmauern liegende Rhodos. Per Zufall entdecken wir einen Laden, der von einer Künstlerin hergestellte Masken, wie sie auf dem Karneval in Venedig getragen werden, anbietet. Auch individuelle Keramikkunst wird verkauft; eine bunte Sonne erwerben wir für Mallorca. Mal ein Laden ohne Touristenkitsch!
Die Sonne scheint, und die Luft beginnt sich zu erwärmen. Rechtzeitig zum köstlichen LunchBuffet sind wir wieder zuhause an Bord und halten zum ersten Mal in den letzten zwei Wochen einen ausgiebigen Mittagsschlaf. Auch den Rest des Nachmittags verbringen wir in wohltuender Ruhe an Bord, bis das Schiff ablegt.

Patmos an Bord, am 11. Mai
Nach einer geruhsamen Nacht in unserer unterkühlten Kabine (verdammte Klimaanlage, die sich nicht regulieren läßt! Ich bin leicht erkältet trotz der vom Stewart gebrachten zweiten Decke) sind wir nach einem guten Frühstück am Buffet schon seit 7 Uhr auf Patmos. Der Bus bringt uns auf den Berg ins Kloster, das den Namen des Apostels Johannes trägt. Vor 20 Jahren war ich hier mit meiner zweiten Crew von der Atropos; doch gab es damals noch nicht diesen hochgeputschten Tourismus, in den wir nun hineingeraten sind. Überfielen früher die Kreuzritter ab 12o4 n. Chr. Land und Inseln des östlichen Mittelmeeres, so überschwemmen heute die Kreuzfahrer die historischen Stätten. Heute aber haben wir Glück: Nur unsere Countess liegt an der Pier und entlädt die 780 Passagiere. Wir schließen uns meistens der spanischen Guppe an, weil sie von einer gut informierten Griechin mit hervorragendem Spanisch geführt wird. Sie sagt nur das Wichtige in knappen Worten, und das sehr geordnet. So lernt man besser als auf der Landtour von Betty; und natürlich auch mehr als vor 20 Jahren mit den Wikingern von der Atropos, als wir ohne Fremdenführung unterwegs waren.
Der Narthex (überdachte Vorhalle) ist auf die alte Bauweise der ersten christlichen Kirchen zurückzuführen: Die Kinder, die noch nicht Vollmitglieder der christlichen Kirche waren, konnten von hier aus der Liturgie folgen. Wie überhaupt nach dem großen Schisma 1054 n.Chr. die nun abgespaltene Ostkirche die Traditionen fortführte im Gegensatz zur westlichen, katholischen Kirche, die sich fortschrittlicher zeigte.
Wir sehen zwei Ikonen, die Gott darstellen, wie er den Heiligen Johannes nach dessen Tod in Kleinasien in den Himmel ruft. Die Ikonostase, die bis heute in griechischen Kirchen den Altarraum vom Gemeinderaum abtrennt, ist in dieser schönen Kuppelkirche leider in überladenem vergoldeten Barockstil errichtet. Sie ist eine Votivgabe eines Bischofs aus Kleinasien.
Den Blick über den südlichen Teil der Insel, wie ich ihn vor 20 gefilmt habe, kann ich Mädi nicht mehr bieten, weil der Aufgang innerhalb der Kirche versperrt ist und wir in der geführten Tour keine Zeit haben zum Rundgang ums Kloster.
Wir werden anschließend zur Grotte gefahren, in der Johannes während seiner 18monatigen Verbannungszeit um 95 n. Chr. unter Kaiser Diokletian die Apokalypse geschrieben haben soll. Nach dem Tod Diokletians soll der Apostel nach Ephesos in Kleinasien zurückgekehrt sein.
Das Schiff legt eine Viertelstunde später als vorgesehen ab, weil drei Amerikanerinnen erst dann an Bord zurückkommen. Inzwischen stehen wir nahe der Küste von Samos, kurz vor Pythagorión, wo ich damals mit der neu eingeflogenen „Meuterercrew“ für die erste Nacht eingelaufen war. Die schmale Durchfahrt zwischen Insel und türkischem Kap werden wir in zehn Minuten erreicht haben.

Kusádasi an Bord, am Montagabend den 11. Mai
Der Ort ist nicht mehr wiederzuerkennen, seit ich vor 20 Jahren hier einen Tag allein mit der Atropos im Hafen lag, um auf die dritte Crew von Studenten aus Deutschland zu warten, die sich später als Meuterer erwiesen. Jetzt ist mir der Grund klar geworden: Der Hafenkapitän hat mir damals das Auslaufen aus diesem Hafen nur mit einem Crewmitglied erlaubt, weil ich die Crew entgegen den türkischen Vorschriften gewechselt hätte. So mußte ich die anderen Crewmitglieder in einer 5 km von Kusádasi entfernten Bucht an Bord schwimmen lassen. Das haben die Jungen wohl in den falschen Hals gekriegt.
Da der Hafen nunmehr von modernen Bauten umgeben ist, haben wir auf einen Bummel verzichtet. Den Ausflug nach Ephesus haben Mädi und ich aber mitgemacht.
Vorher besuchten wir aber noch das auf einer Anhöhe liegende Wohnhaus der Heiligen Maria, wo die Mutter Christi die letzte Zeit ihres Lebens verbracht haben soll. Da Christi in seinen letzten Lebensstunden den Apostel Johannes gebeten hatte, sich Mariens anzunehmen und Johannes aus Ephesos stammt, ist es durchaus glaubhaft, daß Maria mit diesem nach dem Tod ihres Sohnes nach Ephesos zog.
Danach fährt uns Mustafa (der damalige Taxifahrer meiner 2. Crew hieß Mehmet) nach Ephesos. Mädi ist begeistert von der 1.800 m langen, zweimal nach links abgewinkelten antiken Straße aus Marmor und den sie säumenden Säulen und Mauerresten. Die WiederaufbauArbeiten der Fassade der Bibliothek sind inzwischen nach 8 Jahren österreichischtürkischer Zusammenabeit (19701978) abgeschlossen, und der ganze anschließende Gebäudekomplex soll auch noch restauriert werden. Über den Artemistempel, in dem sich die armen Bräute das Geld für die Mitgift verdienten, und über die im Karrée in Reihe stehenden 36 Marmorklos macht unser türkischer Führer seine Witze. Von der zum später versandeten Hafen führenden antiken Straße biegen wir nach immerhin fast zweistündigem Aufenthalt in der antiken, 500.000 Einwohner zählenden, Stadt zum Bus ab.
Die besichtigte Stadt ist das dritte Ephesus, das nach Versumpfung und Verlandung der zweiten im 3. Jh. v. Chr. gegründet wurde. Sie ist im hellenistischen und römischen Baustil gebaut. Die in Steine eingeritzten Schriftzeichen sind überwiegend griechisch. Nicht nur der Apostel Johannes hat hier gelebt, auch der Apostel Paulus hat in der antiken Synagoge oft vor den Juden gepredigt.

Auf See, am 12. Mai
Es ist Morgen, und wir sind gerade durch die Dardanellen gefahren. Häsiges Wetter herrscht, und es ist sehr kühl.

Istanbul an Bord, am 12. Mai
Die Klimaanlage in unserer „Luxuskabine“ ist zwei Stunden lang repariert worden, und wir können den von oben herab fallenden eisigen Windzug nun abstellen. Zu spät, denn meine Erkältung habe ich nun. Das war der Grund für einen absoluten Ruhenachmittag gestern - meist haben wir ihn schlafend verbracht. Spätnachmittags Ankunft an der Pier von Istanbul.
Am Abend fand unser Ausflug in die Kervansaray im europäischen Viertel über dem Hafen statt. Während eines einfachen türkischen Abendessens gab es im total bis an den Rand gefüllten Festsaal im Stil der Jahrhundertwende Vorführungen von Folkloretanz von Frauen bzw. Männergruppen, zündende Musik einer Band von zwei mit der Hand schlagenden Trommlern, einem Fiedler, einem Cymbalisten und einem ein schalmeiartiges recht quäkiges Instrument blasenden Musikanten, von dem ein für unsere Ohren fremder Klang ausging. Am größten war der von drei Solistinnen dargebotene Bauchtanz. Vor allem die letzte (blonde) Tänzerin war Meisterin und riß uns alle zu Jubelstürmen hin.
Nach dem gelungenen Abend kamen wir erst um Mitternacht an Bord. Wir gingen sogleich in die Kojen, um dem Besuch von Istanbul bei Tag gewachsen zu sein.

In Istanbul, am 13. Mai, haben wir uns wegen des herrschenden Regenwetters kurzfristig entschlossen, den Stadtausflug nicht auf eigene Faust, wie ursprünglich geplant, sondern mit einer Tour zu machen. Wir schlossen uns der deutschen Gruppe an und hatten großes Glück: Wir waren nur elf Teilnehmer, und unser türkischer Führer Ulvi sprach hervorragend deutsch und war weit erhaben über den Horizont eines üblichen Fremdenführers. Unser Kleinbus fuhr uns zunächst vom europäischen Viertel an das Goldene Horn, welches wir auf derAtatürkbrücke überquerten.
Mit der Sultan Süleiman Moschee wurden wir als erstes konfrontiert: Größte Moschee - in sieben! Jahren 1550-1557 erstellt und zweitgrößtes Gebäude überhaupt von Istanbul. Vier Minarette umstehen die Moschee, von deren einer der Muezzim fünfmal täglich zum Gebet rief. Heute übertragen Lautsprecher den auf Kassette aufgezeichneten Ruf.
Das Innere der Moschee besteht aus dem nicht ausgeschmückten Gebetsraum, in dem vier riesige Pfeiler die mächtige Zentralkuppel tragen. Im Cami (Moschee) steht der nach Mekka hin ausgerichtete Mihrab (Gebetsnische), der allein dem Sultan vorbehalten ist. Neben dem Mihrab steht der Mimbar, von dem aus der Imam (Vorbeter) das Freitagsgebet spricht. Ganz niedrig über dem Gebetsraum sind an schlichten eisernen Rundeisen von riesigem Umfang elektrische Birnen angebracht, wo früher hunderte von kleinen Öllämpchen hingen. Zur Seite hin befindet sich über dem Gebetsraum eine Empore für die Frauen, deren Anwesenheit die auf dem Boden hockenden Männer nicht von deren Gebetsübungen ablenken sollten.- Vor der Moschee der Sadirvan (Reinigungsbrunnen), da vor dem Betreten des sakralen Baus jeder Muslim Gesicht, Hände und Füße waschen muß.
Nach dieser Besichtigung der SultanSüleymanMoschee fuhr uns der Bus durch das alte Viertel der Stadt, in dem sogar noch mehrstöckige Holzhäuser standen. Alle Bauten sind sehr herunter gewirtschaftet; wohnten hier noch bis vor einigen Jahrzehnten gehobene Gesellschaftsschichten, so findet man in diesem Viertel heute Zigeuner und aus den unterentwickelten Gebieten des Ostens der Türkei Zugereiste an. Ulvi informierte uns über die Notstände, die in Istanbul herrschen: Die enorm hohen Lebenshaltungskosten, die sehr niedrigen Löhnen, Gehältern und geringer Beamtenbesoldung gegenüberstehen; die riesigen Unterschiede zwischen Arm und Reich; die Inflationsrate, die einen Zinssatz von 110 % verursacht (1 DM hat z.Zt. einen Gegenwert von 141.000 türkischen Lira). Man bedauert in der Türkei anscheinend sehr, daß keine Möglichkeiten zum Beitritt in die europäische Währungsunion in Sicht sind. Die Bevölkerungsdichte der Stadt stellt ein weiteres Problem dar: z.Zt. wohnen etwa 11 Mio. Menschen in Istanbul, bei etwa 65 Mio. Gesamtbevölkerung in der Türkei.
Wir gelangten schließlich zurHagia Sophia, der der Weisheit Gottes gewidmete und nach Erklärung des alten Byzantions zur Hauptstadt des römischen Reiches durch Kaiser Konstantin auf der antiken Akropolis errichteten Kirche. Der erste im Anfang des 4.Jh.n.Chr. errichtete Bau brannte mehrfach ab und wurde stets wieder errichtet. Die heutige Kirche wurde in der Zeit der Herrschaft von Kaiser Justinian (6.Jh.n.Chr.) in nur 5 Jahren errichtet. Sie diente 916 Jahre lang der Christenheit, wurde nach Eroberung der Stadt durch das Osmanische Reich am 29. Mai 1453 für viele Jahrhunderte als Moschee genutzt und ist seit 1934 ein Museum.
Das Gebäude wirkt von außen eher chaotisch. Nach Durchschreiten des schmucklosen Exonarthex gelangt man in den inneren Narthex. Über dem Portal sieht man das schöne Mosaik von Mutter Maria mit dem Christuskind, zur Linken der Gottesmutter Kaiser Konstantin den Großen mit dem Stadtmodell und zur Rechten Kaiser Justinian mit dem Kirchenmodell. Durch die Kaisertür betritt man den im Halbdämmer liegenden Innenraum, der beherrscht wird von der zentralen Kuppel. Die außergewöhnliche Flachheit der Kuppel (7 m) läßt an den sich über dem Betrachter wölbenden Himmel denken. Getragen wird die Kuppel durch vier mächtige Pfeiler und durch zwei gegenüberliegende der insgesamt vier Halbkuppeln. Die acht roten Porphyrsäulen sollen aus dem Jupitertempel in Baalbeck, Libanon, zwei Alabastersäulen aus Pergamon und weitere 24 Säulen rote Säulen aus Ägypten stammen. Die Korbkapitelle dieser Säulen sind in der Form von Akanthusblättern gestaltet; sie tragen die Monogramme von Kaiser Justinian und seiner Gemahlin Theodora, angeblich Tochter eines Zirkusdirektors. Die „schwitzende Säule“, deren poröser Marmor aus der darunter liegenden Zisterne Wasser saugt und zwei zu Reinigungsbrunnen bestimmte riesige Alabastervasen in der Nähe der Kaisertür ziehen den Blick auf sich.
Das z.Zt. im Zentrum der Kuppel stehende Gerüst beschränkt etwas die Sicht auf die Mosaiken. Diese wurden in türkischer Zeit einfach übermalt, man beließ im Übrigen den Innenraum so, wie er war und rüstete ihn nur mit den für eine Moschee notwendigen Einrichtungen aus. Der Mihrab ist abweichend vom Grundriß der Kirche nach Mekka ausgerichtet.
Von der Hagia Sophia gingen wir in den TopkapiPalast hinüber. Wir kamen durch den ersten Innenhof vorbei an der Irenenkirche, in der das zweite ökumenische Konzil 381 tagte. Das erste fand statt im selben Jahrhundert in Nikäa, das dritte in Ephesos. Wir durchquerten weitere Höfe, sahen uns die Schatzkammern mit den vielkarätigen Edelsteinen (vor allem Saphire) an und genossen von der Terrasse des Palastes den Blick über Bosporus und Marmarameer. Ulvi hatte uns viel erzählt von dem Leben am Hof des Sultans, von den zahlreichen Intrigen und schrecklichen Morden innerhalb der Sultansfamilie, durch die der Thron abgesichert werden sollte.
Über die Galatabrücke fuhren wir zurück zum Schiff für eine kurze Tischzeit an Bord. Danach wieder ins alte Viertel. Auf dem Platz, wo viele Meter tiefer einst das Hippodrom lag, bewunderten wir den ägyptischen Obelisken, den einst Kaiser Theodosius I vom Amuntempel in Karnak nach hier hatte holen lassen. Außerdem die Schlangensäule aus 478 v.Chr., die auf Veranlassung von Konstantin zum Hippodrom transportiert worden war und den gemauerten Obelisken.
Wir gingen darauf in die SultanAhmetMoschee (Blaue Moschee). Sechs Minarette umstehen sie. Der Innenraum mit seinen wunderschön dekorierten Wänden und Kuppeln strahlt eine wohltuende Harmonie aus. In nur sieben Jahren wurde dieser Bau von 1610 1617 errichtet. Die Zentralkuppel mißt 43 m über dem Boden. Dennoch wirkt der Bau mindestens so groß wie die Hagia Sophia und die SüleymanMoschee. In dieser Moschee ist die Vollendung der Vorstellung der Architekten erreicht: alle vier Halbkuppeln, ihrerseit durch je drei weitere Halbkuppeln und Säulen abgestützt, tragen die Zentralkuppel gemeinsam mit vier mächtigen Pfeilern. Die Dekoration an Wänden und Säulen sind überwiegend in Form von Fresken, teilweise auch Fliesen, angebracht. Eine Tankerexplosion vor kurzer Zeit hat sämtliche alten Kirchenfenster zerstört, die nun durch neue ersetzt sind.
Danach führte uns Ulvi in einen Nobelshop, wo wir einen kleinen Teppich für Cala Blava zum weit überhöhten Preis erstanden. Ich ging anschließend noch in die unterirdische Zisterne: Etwa 320 antike Säulen mit verschiedenen Kapitellen stützen ziegelgemauerte Kreuzgewölbe über dem subterran angebrachten Wasserreservoir der Antike. Man brauchte Wasserbevorratung, weil man die Vergiftung des Wassers durch Feinde fürchtete.
Beim Abendessen verabschiedeten wir uns von Jane und David aus Texas.

Tourlos auf Mikonos an Bord, am 15. Mai
Heute findet der Ausflug nach Delos statt: Mit dem Tender nach Tourlos, mit dem Bus in den Hafen von Mikonos auf Mikonos, einmal zu Fuß um den Hafen herum zur Personenfähre, Überfahrt nach Delos. Wir machen genau dort fest, wo ich mit meiner AtroposCrew vor 20 Jahr angelegt hatte.
Mit einer jungen Führerin aus Mikonos gehen wir in der spanischamerikanischen Gruppe auf der Wallfahrtsstraße des seit etwa 1.000 v. Chr. dem Apollonkult huldigenden Delos bis in den heiligen Bereich. Bei den gut erhaltenen vier Löwen, die den Seebezirk bewachen, in dem einst die von Poseidon gegen die eifersüchtige Hera begünstigte Leto dem Zeus die beiden Kinder Apollon und Artemis gebar, machen wir Halt. Wir erfahren, daß im 7.Jh.v.Chr. die Nachbarinsel Naxos die Insel beherrschte, die bald danach dem Attischen Seebund beitrat und unter die Herrschaft Athens kam. Als 168 v.Chr. der römische Senat die Insel Delos zum Freihafen erklärte, wuchs die Bevölkerung schnell auf etwa 25.000 an. 88 v.Chr. begann das Ende: König Mithridates von Ponto ließ Delos besetzen und plündern, dann 69 v.Chr. gar vollends zerstören. Delos verfiel von dem Jahr an und wurde nie wieder besiedelt. Erst im 19.Jh.v.Chr. wurde Delos von Franzosen entdeckt, und die Ausgrabungen begannen.
Wir gehen in den am Berg liegenden Wohnbezirk aus dem letzten Jahrhundert der antiken Stadt, wo einige wunderschöne Fresken noch an Ort Stelle erhalten sind, u.a. der auf einem Panther reitende Dionysos.
Dinner an Bord haben wir pünktlich um 19 Uhr mit Ron und Margarete. Wir verabschieden uns danach von diesen lieben Tischfreunden unter Austausch unserer Anschriften.
Die Reise ist beendet; morgen um 8 Uhr in der Frühe müssen wir das Schiff verlassen. Gerade - es ist 9 Uhr abends - werden die Anker aufgeholt.

Hannover, am 15. Mai
Nach dem üblichen 6-Uhr-Frühstück an Bord verließen wir das Schiff um 8 Uhr, bekamen nach halbstündigem Schlangestehen ein Taxi zum Flughafen, erstanden im Duty Free Shop einen Liter Cognac Metaxa (7 Sterne!) und flogen pünktlich ab, zunächst nach Norden über Thessaloniki, dann über den Balkan (KleinfelderLandwirtschaft und danach ödes Karstgebirge), Österreich, Regensburg und kamen nach 3 Stunden in Hannover an.
Am frühen Nachmittag sitzen Mädi und ich auf dem kleinen Balkon unseres Wohnhauses. Wir schauen uns an und fragen uns ungläubig: „Wie kann das sein, daß wir gestern um diese Zeit noch durch die Trümmer von Delos irrten?“ Moderne Zeiten! Zwei komprimierte, wichtige und auch anstrengende Studienreisen haben wir nun endlich beendet!

 

 

   

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