Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Parisreise im Mai 2003

 

Etwas beklommen verschließt Medi die Wohnungstür, als sie am Morgen mit Dieter aufbricht. Zehn Tage ParisAufenthalt liegen vor ihnen. Zwar werden sie die Zeit gemeinsam mit lieben Freunden aus Wien verbringen, aber Medi fürchtet etwas die nervöse Großstadt.
Die Reise beginnt mit einem schlechten Omen. Die Lautsprecherstimme auf dem Hauptbahnhof Hannover verkündet, daß die Ankunft des ICE nach Köln sich wegen eines Personenunfalls um eine Stunde verzögern werde. Also würde man den Anschluß in Köln nicht erreichen.
Aber alles geht gut. Der Zug läuft früher ein, und Medi und Dieter erreichen in Köln ihren Thalys, der sie in vier Stunden zur Gare du Nord bringt. Dort erwartet die beiden eine Schlange von etwa zweihundert Menschen, die alle auf ein Taxi warten. Dieter greint, er ziehe die Metro einer endlosen Wartezeit vor. Doch Medi besteht auf Taxi, zumal es in Strömen regnet, und siehe da, schon nach einer halben Stunde Wartezeit werden sie von einem afrikanischen Taxifahrer aufgenommen, der sie während der Fahrt im guten Französisch witzig unterhält.
Als die Taxe vor dem Hotel „Bretonnerie“ hält, stehen Evi und Franz, die mit der Air France mittags auf dem Airport Charles de Gaulle angekommen waren, schon im Eingang. Stürmische Begrüßung! Hatten sich die Freunde doch seit einem Jahr nicht gesehen. Im Gedenken an die letzte gemeinsame Reise in der Steiermark lädt Franz zu einem Begrüßungsschluck im Zimmer ein. Zwei Flaschen Schilcher hat er eigens dafür mitgebracht. Im munteren Gespräch ist der köstliche junge Wein schnell getrunken, und Evi und Franz führen die Neuankömmlinge auf schmalen, winkligen Straßen durch einen Teil des Marais.
Überrascht sind Medi und Dieter von der Quirligkeit, die in diesem jüdischen Viertel herrscht. Winzige „Supermärkte“ und Restaurants, in denen koschere Speisen angeboten werden, wechseln einander mit Bäckereien und einfachen Bistros ab. Auf den Straßen tummeln sich fröhliche Schulkinder, einkaufende Hausfrauen und miteinander schwatzende ältere Leute. Dann und wann sieht man orthodoxe Juden im schwarzen Kaftan und Hut, mit Bart und den typischen Seitenlocken. Franz kommt mit zwei Orthodoxen ins Gespräch, die sich angelegentlich nach den heutigen Lebensumständen in Wien erkundigen. Beim Weiterbummeln gibt Franz einen Ausspruch zum Besten, den eine Jüdin auf Jiddisch über ihren Mann Simon tat: „Wenn Meschigge weh did, mei Schimmele mißt´ schrei´n Tug e Nocht“. Beim berühmten Laden und Restaurant „Finckelsztajn“, in dem koschere jüdische Delikatessen dargeboten werden, schaut Dieter neugierig hinein. Er staunt über die appetitlich dargebotene reichhaltige Auswahl von aus Gemüse, Fleisch und Fisch frisch zubereiteten Speisen. Er erfährt, daß „koscher“ (rein) sich nicht nur auf die Schlachtart und auf das Verbot des Genusses von Schweinefleisch bezieht, sondern auch das Gebot, Milch und Fleischspeisen streng getrennt zu halten, bedeutet.
Nach dem Bummel durch die Straßen StCroixdelaBretonnerie, Rosiers, Francs Bourgois langen die Freunde in der Camille an, einem ganz einfachen Restaurant, das Evi und Franz am Nachmittag ausgekundschaftet haben. Es wird sich im Laufe der kommenden Tage erweisen, daß dieses Lokal eine ausgezeichnete und dazu preiswerte Küche hat. Am heutigen Abend stellt sich jedenfalls schon heraus, daß der offene Cote du Rhone ein angenehmer Landwein ist, der auch dann bekömmlich ist, wenn er wie heute im Übermaß getrunken wird.

Der zweite Tag

Gut ausgeruht treffen sich die Freunde um neun Uhr zum Frühstück im hübschen Gewölbekeller des Hotels. Ihre Zimmer liegen im obersten (dem vierten) Geschoß. Evi und Franz blicken aus ihren beiden großen Fenstern entlang der schmalen Quergasse, Medi und Dieter über die Dächer der Hinterhäuser. Die Wände beider Räume wie auch des Flurs sind mit edlem blauem Baumwollstoff bespannt, der dezent mit hellen Blumenmustern versehen ist. Die Bäder sind geräumig, auch geschmackvoll gefliest. Außerdem machen die überall schrägen Wände das Wohnen äußerst gemütlich - wenn man einmal absieht von den ständig lauernden Gefahren, die von den senkrecht und schräg verlaufenden Dachbalken ausgehen. Nicht zu zählen die vielen Male, da schon am ersten Nachmittag der eine oder andere mit dem Kopf an eines dieser Hindernisse stieß. Dieter fühlt sich nach der ersten Nacht wie ein Grubenarbeiter, dem für die Klogänge die Stirnlampe fehlte. Aber alle sind sich einig, daß die Auswahl dieses süßen kleinen Hotels ein Glücksfall war.
Nach reichhaltigem Frühstück und ausgiebigem Plaudern brechen die Freunde auf, um auf der Rue des Archives zur Rue du Rivoli und zum Hotel de Ville, dem palastartigen riesigen Rathaus, zu gelangen. Das Rive Droite wird überquert, und man folgt dem Seinelauf bis zu einer der mittleren Brücken zur Ile de la Cite, die das erste Siedlungsgebiet von Paris ist. In der Conciergerie, der man durch Sandstrahlen der Fassade das altehrwürdige Gesicht genommen hat, erinnert der riesige gewölbte Saal an die gewaltigen Ausmaße des alten Saales im Hradschin in Prag. Besondere Aufmerksamkeit erfahren die Räume, in denen 1793 und 1794 die vom Revolutionsrat gefangen gehaltenen Adligen und Bediensteten des Hofes Monate verbringen mußten, bis sie am Tag nach der Verurteilung auf einem Karren zur Hinrichtungsstätte an der heutigen Place de la Concorde gefahren wurden. Wie im Kabinett der Madame Tussaud in London grausige Szenen der Geschichte präzise nachgebildet wurden, sind auch hier Einzelzellen mit den darin einsitzenden Prominenten dargestellt, und beigefügte Täfelchen unterrichten über das jeweilige Schicksal. Der Raum, in dem Königin Marie Antoinette die Monate vor ihrer Hinrichtung verbringen mußte, erregt natürlich das größte Interesse.
In der Ste. Chapelle, jener doppelstöckigen frühgotischen Kirche, begeistern Medi und Evi vor allem die überwiegend aus in Blei gefaßten Glasfenstern bestehenden Außenwände der Oberkirche, deren spitz-gewölbte Decke von schlanken Pfeilern getragen wird.
Danach zur westlichen Spitze der Ile de la Cite, dem Square du VertGalant, unterhalb des eindrucksvollen Reiterstandbildes Heinrichs IV; weiter über den Pont Neuf an den Anfang des Boul. Mich., wo im großen Eckcafe eine längere Rast gemacht wird. Danach wieder auf die Ile de la Cite, um die Notre Dame von außen und innen zu erleben. Dieter stellt dankbar fest, daß er diese Kirche heute zum erstenmal fast uneingerüstet sieht. Weiter zur rückwärtigen Seite dieser Kirche und über die Brücke zur benachbarten Ile St. Louis. Beim Bummeln auf dem nördlichen Quai de Bourbon und der auf der Mittelachse der Insel verlaufenden Rue St. Louis en l´Ile verweilen die Freunde häufig vor den in Reihe stehenden Palästen, an denen häufig Schilder Auskunft geben über die einstigen illustren Bewohner. Jetzt wird Dieter klar, weshalb zu Beginn des 17. Jh. diese Insel erschlossen wurde, die bis dahin als Kuhweide gedient hatte: Der Louvre auf dem rechten SeineUfer hatte seit dem 14. Jh. die Ile de la Cite als Königsresidenz abgelöst. Immer mehr hohe Adelige Frankreichs wählten in der Nähe des königlichen Hofes ihre Pariser Wohnsitze. Das linke SeineUfer um die Insel war schon dicht besiedelt. Da blieb für neue Adelspaläste nur das damals sumpfige Gelände des heutigen Marais und Ile St. Louis. Als Louis XIV dann 1682 seine Residenz nach Westen in das neu erbaute Schloß von Versailles verlegte, entstanden in Folge die jüngeren Adelspaläste im Westen von Paris.
Dieter fühlt sich in seinem (belehrenden) Element, als er seiner „Reisegruppe“ diese Details vorträgt. Doch ist es jetzt Zeit zur Umkehr, da morgen ein etwas anstrengender Tag bevorsteht. So geht es wieder auf das rechte SeineUfer, die Freunde entfernen sich vom Fluß, überqueren die Verlängerung der Rivoli, die Rue Ste. Antoine, und sehen östlich in 500 m Entfernung die hochaufragende, mächtige Freiheitssäule der Place de la Bastille.
Sie kommen sehr bald darauf zur Place des Vosges. Was für ein riesiger und dennoch schöner, in seinen Proportionen ausgewogener Platz! Im gewaltigen Quadrat umsteht ein mehrgeschossiger GebäudeKomplex mit gleichförmigen Fassaden aus braunrotem Backstein eine Grünfläche, in deren Mitte sich eine Statue Louis XIII befindet und deren Seiten aufgelockert werden durch vier Springbrunnen. Arkaden umlaufen den Platz. Die gesamte Szene erinnert Medi und Dieter an die Plaza Real in Madrid, die etwa zu gleicher Zeit angelegt wurde.
Durchs östliche Marais, an einigen Palästen aus dem 17. Jh. vorbei, geht es zum Abendessen. Wohin heute, fragt Dieter vorsichtig. Ins Camille, bestimmt Franz, dort ist alles reell! Heute sind Medi und Dieter auch mit der feinen Hausmannskost zufrieden. Ein fröhlicher gemeinsamer Abend (drei Flaschenkorken bleiben als Trophäe) auf dem Zimmer des Hotels beschließt diesen Tag.

Der dritte Tag

Teo erwacht kurz vor Sonnenaufgang. Es ist windstill, und kein Wölkchen ist am sich allmählich aufhellenden Himmel zu sehen. Ein guter Tag also für den vorgesehenen Fußmarsch auf der Achse Louvre Etoile!
Evi zieht das Frühstücken in einer der umliegenden Boulangerien dem Hotelfrühstück vor. Deshalb werden Medi und Dieter ab heute allein die erste Tagesmahlzeit im Gewölbekeller einnehmen. Aber gegen 9 Uhr 30 wird die Gruppe regelmäßig vom Hotel zur Tagesunternehmung aufbrechen.
Dieter´s Planung für heute wird akzeptiert, und bald schon bricht man auf. Zunächst geht es ans rechte SeineUfer, dem die Gruppe folgt bis zur Höhe der gläsernen Pyramide im Innenhof des Louvre. An diesem klaren Tag ist von hier aus die etwa 6 km lange Achse über den Place de la Concorde bis zum Place Charles de Gaulle (früher „Etoile“) genau zu erkennen. Im Garten der Tuilerien regt Franz eine Sitzpause an, und inmitten der riesigen Grünanlage mit kunstvoll gestutzten Hecken und zahlreichen Statuen, darunter viele von Maillot, freuen sich die Freunde über das Bad an der Sonne.
Am Ende der TuilerienGärten, vor der Pl. de la Concorde, sieht man zu rechter Hand am Rand der Gärten das kleine Palais Jeu de Paume, in dem zu Anfang der Fünfziger des vergangenen Jahrhunderts, als Dieter ein Semester hier studierte, die schönsten impressionistischen Bilder der Stadt hingen. In Verlängerung der Gartenachse, jenseits der Concorde, beginnen die Champs Elysees, an deren Ende der Arc de Triomphe zu sehen ist. Auf der nördlichen Seite vom Etoile steht das MarineMinisterium, dahinter genau auf der Querachse zu den Champs Elysees die Madeleine, ihr genau gegenüber auf dem südlichen SeineUfer sieht man Parlamentsgebäude und Außenministerium. Ja, das System der Achsen, der gradlinig verlaufenden Prachtstraßen mit beherrschender Architektur an beiden Enden, entzückt den ParisBesucher immer wieder auf neue.
Zwischen dem Ende der Gärten und dem Beginn der Champs Elysee gibt es ein Hindernis: Die Place de la Concorde, über die unablässig achtspuriger Autoverkehr rollt. Und keine FußgängerAmpel! Franz reißt all seinen Mut zusammen und rennt einfach los, immer die Augen auf die heranrasenden Autokolonnen gerichtet. Er geht, springt, verhofft wie es die Situation gebietet und erinnert in seinem Tun an einen Stierkämpfer in der Arena. Seine erschreckten Begleiter atmen erleichtert auf, als er heil drüben angekommen ist und folgen ihm erst viele Minuten später, als eine große Menschenmenge die ungesicherte Fahrbahn im Pulk überquert.
Eine EisenbahnAusstellung wird am Rand der Champs Elysees vorbereitet. Danach tauchen linker Hand Petit Palais und Gran Palais auf; letzteres wird gerade restauriert. Die breiten Fußwege sind stark frequentiert, und auf der Fahrbahn rollt unablässig dichter Autoverkehr. Etwas genervt regen Medi und Evi eine Martinipause in einem Straßencafe an. Doch kaum ist die Bestellung aufgegeben, beginnen im Nachbargebäude Arbeiten mit Preßluftbohrern. Franz konstatiert, „erstklassige TouristenGeräuschKulisse“.
Am Ende der Champs Elysee führt ein langer Tunnel die Fußgänger direkt unter den Triumphbogen, wo Kriegsveteranen Vorbereitungen für eine feierliche Zeremonie treffen. Morgen, am 8. Mai, wird nämlich in Frankreich der Tag der Kapitulation Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg begangen.
Der Vorschlag von Dieter, vom Etoile aus die Metro zu nehmen, um zum futuristischen Zentrum La Defense zu gelangen, wird gebilligt. Franz regt wegen der guten Sicht an, anschließend noch zum Eiffelturm zu fahren.
Der künstliche Stadtteil La Defense scheint für die Gruppe nicht das richtige zu sein. In dem riesigen unterirdischen Bahnhof verlieren Franz und Dieter die beiden Frauen, und erst zwanzig Minuten später findet man sich wieder. Auf die Grande Arche, den 110 m hohen Bogen, unter dem angeblich die Notre Dame Platz hätte, geht es jetzt mit dem Aufzug. Die Sicht von oben über die gesamte Achse bis hin zum Louvre begeistert - und der Blick auf die etwa dreißig Hochhäuser mit den spiegelnden Glasfassaden erinnert an die modernen Bauten von Manhattan. Aber wo kann denn in solch einem Stadtteil gelebt werden? Von hier oben sind keine Örtlichkeiten zu erkennen, in denen man Restaurants, Bistros oder Ladengeschäfte für den täglichen Bedarf vermuten könnte.
Die Grande Arche selbst wird von der Gruppe übereinstimmend als gigantisch bezeichnet. Aber weder ihre Form, die Proportionen oder das Material können wohl als schön gelten. Die Aussichtsplattform ist ausgesprochen häßlich, und der Beton weist schon zahlreiche Rostflecken auf. Dieter muß angewidert an die Plattenbauten der DDR und an die Gigantomanie denken, in der Hitler nach einem Sieg Berlin und Linz umgestalten wollte.
Mit der Metro 1 und 6 geht es anschließend zur Station Eiffelturm; letztere Linie hat die Besonderheit, daß die Strecke auf einer Brücke über die Seine geführt ist. Der Aufzug in einer der vier Stützen des Eiffelturms hält in der ersten und zweiten Etage; dann muß man umsteigen, um eine schier endlose Fahrt bis zur Spitze zu absolvieren. Der klare Blick aus 300 m Höhe über Zentrum und Vorstädte von Paris bis auf die dahinter liegenden ländlichen Bezirke entschädigt für die bisherigen Mühen des Tages. Ganz in der Nähe vom Turm die Ecole Militaire am Champ de Mars, Dome, Hotel und Esplanade des Invalides und auf dem nördlichen SeineUfer das Palais Chaillot mit den Jardins du Trocadero; etwas weiter Opera Garnier, Sacre Coeur, Pere Lachaise, Centre Pompidou; dazu der Boulevard Monparnasse.
Bei der Rückfahrt mit der Metro ins Marais sagt Franz zu Dieter im Brustton der Überzeugung, „wenn wir nicht wie heute mindestens acht Stunden laufen am Tag, haben wir Entzugserscheinungen“. Niemand will Dieter glauben, daß heute nicht mehr als 8 km zu Fuß gegangen wurden.
Dieter gibt aber zu, daß der heutige Tag sehr anstrengend gewesen ist, und er gelobt insgeheim eine künftig humanere Führung.
Im Marais regt Dieter an, heute einmal das Lokal fürs Abendessen zu wechseln. Er findet keine Mehrheit, und so speist und trinkt man zum dritten Male - wieder erstklassig, wie Dieter zugeben muß - in der Camille. Gemeinsamer Schlummertrunk und Diskussionen im Zimmer.

Der vierte Tag

Die vergangene Nacht war wieder erholsam. Franz - wie immer gut gelaunt - begrüßt Dieter heute mit „guten Morgen, Schleifer Platzek“. Dieter nimmt´s humorvoll.
Ein Ausflug ist geplant. Um viertel nach acht kommt Jaqueline mit dem bestellten Kleinbus, um die Gruppe für eine geführte Tour in Versailles abzuholen. Mit von der Partie ist ein nettes spanisches Ehepaar aus der Estremadura. Der Tag ist gut gewählt: Sonniges Wetter herrscht, und Straßen und Autobahn sind fast leer wegen des Feiertages (8. Mai). So erreicht man nach einer halben Stunde die westlich von Paris gelegene Kleinstadt.
Im Schloß sind verhältnismäßig wenig Besucher. Selbst die japanischen Touristenströme scheinen noch nicht eingesetzt zu haben. So bereitet es großes Vergnügen, die vielen Räume der Gemäldegalerie, den Spiegelsaal und die Schlafräume von König, Königin und den Wachen zu durchwandeln. Immer wieder erfreut während dieser Besichtigung ein Blick durch die Fenster auf den großzügigen, gepflegten Garten.
Zur festgelegten Zeit erwartet Jaqueline ihre sechs Fahrgäste und fährt diese zunächst durch den unvorstellbar riesigen Park an die Rückkkseite des Schlosses, wo der Garten endet und der Große Kanal beginnt, den Louis XIV nutzte für Bootsfahrten in großer Gesellschaft. Er selbst soll auf der Gitarre das höfische Orchester begleitet haben. Der Kanal war auch Verkehrsweg des Königs, um in sein Privatschloß Gran Trianon zu gelangen. Dort verbrachte er viel Zeit mit seinen zahlreichen Maitressen und den gemeinsamen Kindern, wenn er sich von den Regierungsgeschäften und der Hofetikette erholen wollte. Weshalb überhaupt war Versailles, wo seit 1682 auschließlich Hof gehalten wurde, notwendig? Louvre und Tuilerienschloß waren von den Vorgängern Henry IV, Louis XIII und auch Louis XIV selbst doch gerade erst weiter ausgebaut worden! Das Leben in dem enger werdenden Paris war für den Französischen König zu gefährlich geworden. So entschloß sich der Sonnenkönig, an der Stelle, an der sein Vater ein Jagdschlößchen unterhielt, das repräsentative Schloß errichten zu lassen, das sofort Vorbild für viele europäische Herrscher wurde.
Jaqueline bringt ihre Fahrgäste zum Gran Trianon, wo diese Gelegenheit haben, durch den Garten die Stufen zum Schlößchen emporzusteigen und zur Vorderseite zu gehen. Die Fahrt geht weiter zum Petit Trianon, das Louis XV, der Urenkel seines Vorgängers (! Louis XIV war 72 Jahre lang König!), auf Bitte seiner Maitresse, Madame Pompadour, hat errichten lassen. Nach deren Tod zog die zweite Maitresse, Madame Dubarry, dort ein.
Der VersaillesAusflug endet schließlich in Hameau, dem Landgut, das sich Marie Antoinette von ihrem Ehemann Louis XVI erbeten hatte. In der 2. Hälfte des 17. Jh. war es schick, einen zweiten Wohnsitz zu unterhalten, in dem sich´s ganz anders als am Regierungssitz leben ließ - ob es sich nun um ein Landgut mit einfachem Lebensstil oder um eine Einsiedelei mit klösterlicher Abgeschiedenheit wie die Eremitage der Markgräfin von Bayreuth handelte. Die heute so moderne „alternative Lebensform“ stellt also einen Abklatsch der Sehnsüchte absolutistischer Potentaten dar.
Nach der Heimkehr ins Marais wird in der Camille gemeinsam zu Mittag gegessen; danach in Ruhe Vorbereitungen für den Opernbesuch.
Heute Abend ist „La Traviata“ in der Opera Bastille angesagt. Die Station Bastille der 1 liegt interessanterweise über dem kurzen Seitenarm der Seine.
Das neue Opernhaus: So gigantisch befremdend es von außen wirkt, so funktionell angenehm empfindet man es von innen. Ein besonders hoher Innenraum, ja aber die Proportionen stimmen; das Haus bietet immerhin 2.700 Zuschauern Platz. Die Innenausstattung ist modern und zugleich geschmackvoll: Die Grundfarben sind dunkelbraun und anthrazit, nur die Decke ist weiß. Das Gestühl ist in robuste Metallrahmen gefaßt, anthrazitfarben gepolstert und äußerst bequem. Drei nach unten immer tiefer gestaffelte Ränge ragen von hinten wie Zungen in den Raum.
Die Aufführung ist angenehm konservativ, die Stimmen (bis auf den Part des Alfredo) sind gut und Dirigent wie Orchester einfühlsam. Last not least, sogar wichtig: Das Publikum ist sachverständig und enthusiastisch.
In einem Bistro im Marais (Rue des Archives) nehmen die Wiener mit ihren hannoverschen Freunden noch einen Nachttrunk, um dann den täglichen Gang an fünf Bistros vorbei zu machen, die alle überfüllt sind von ausschließlich Männern. Der Anblick von sich zärtlich auf der Straße küssenden jungen Burschen bleibt uns in dieser Zone nie erspart. Evi liest uns aus ihrem Führer vor, daß hier sich das GayZentrum von Paris befindet.

Der fünfte Tag

Evi und Medi haben heute das Sagen. Sie wollen in die eleganteste Einkaufsstraße der Stadt, in die Rue Faubourg St. Honoré. Auf dem Weg dorthin gehen die Freunde zunächst am Centre Pompidou vorbei zum Forum des Halles. Im Bereich der 1969 abgerissenen Hallen, dem „Bauch von Paris“, wurde in den siebziger Jahren dieses Projekt verwirklicht: Ein modernes Einkaufszentrum, vier Stockwerke tief in die Erde gegraben und stufenmäßig im Rechteck um den unten liegenden offenen Zentralplatz angeordnet. Die eleganten Geschäfte scheinen nicht zu florieren. Das Forum gehört zu den epochalen Bauten aus der Amtszeit der französischen Staatspräsidenten Pompidou, Giscard d´Estaing und Mitterand, bei denen man manchmal den Eindruck haben kann, der Größenwahn habe Pate gestanden.
Danach geht es zum Palais Royal, in dem sich in der südwestlichen Ecke die Comedie Francaise befindet. Vor allem der schmale, etwa zweihundert Meter lange Garten des Palais bezaubert die Freunde. Dieser Platz ist, ähnlich der Place des Vosges, von in der Fassade gleichförmigen Reihenbauten umstanden. Am hinteren Ende links, etwas versteckt, das NobelRestaurant Le Grand Vefour, in dem schon Robespierre, Danton und andere freiheitlich gesonnene Revolutionäre unter der Ägide des liberalen Duc d´Orleans verkehrt haben sollen. Der neugierige Dieter betritt natürlich das Restaurant und lockt die anderen mit sich. Die Tische sind mit edlem Porzellan und silbernen Bestecken schon eingedeckt. Ein Blick auf die Speisenkarte: Das billigste Einzelgericht wird angeboten mit Euro 60.-!
Die Place Vendome ist das nächste Ziel. Ein verhältnismäßig ruhiger, weil abseits des Durchgangsverkehrs gelegener Platz, der bestimmt wird von der Siegessäule mit dem Standbild des Imperators Napoleon I auf der Spitze, von den zahlreichen berühmtesten Juwelieren der Welt und vom Hotel Ritz, welches die Gruppe aufsucht. In der gediegen-vornehmen und dennoch gemütlichen Atmosphäre der großen Hotelbar, mit Durchblick auf den exotischen InnenhofGarten, genießen die Freunde eine ganze Stunde lang bei Stout von Guiness und Campari die Unterhaltung in bequemen Sesseln.
Vom Ritz geht´s zur Madeleine. Diese von Madame Pompadour gewünschte Kirche, deren Äußeres dann in der Zeit der Revolution gestaltet wurde wie ein antiker Tempel, wirkt recht kühl. Von den Stufen hat man wieder einmal einen Achsenblick: Den über den Obelisken der Place de la Concorde bis zur Assembleé National. Bei den Delikatessengeschäften Hediard und Fauchon schauen die Freunde hinein und erwerben Pasteten und Käse. Zuvor hatte Franz allerdings von der PastetenProbierPlatte reichlich Proben gekostet, um sicher sein zu können, daß wir richtig kauften. Er probiert ja auch immer im Vorbeigehen von den Salzgurken, die in dem Feinkostgeschäft bei Finckelsztajn im Marais draußen auf dem Straßentresen stehen. Der Ladenbesitzer ist schon so an den eleganten Griff von Franz gewöhnt, daß er ihm neulich nachrief, als Franz vergessen hatte, ein Gürkchen zu nehmen.
Eine Lasagne als Zwischenmahlzeit im Vilette, Quersträßchen der Rue Royal. Dann endlich in die Rue Faubourg St. Honoré. Wou! Das war eine gute Idee von Evi und Medi. Auf einen Kilometer beiderseits der breiten Straße liegen die schicksten Modehäuser der Welt für Kleidung und Schuhe. Medi läßt sich gewinnen für den Kauf von eleganten Schuhen mit Sohlennoppen von Tod. Nach diesen Edelboutiquen folgen staatsrepräsentative Bauten, z.B. die Botschaften Englands, der USA und Kolumbiens, und das Palais Elyseé des französischen Staatspräsidenten. Dann folgen Gemäldegalerien, in denen auch immer Statuen mit ausgestellt sind. Wir verlassen schließlich unsere Faubourg St. Honoré, um zur Ronde Place Champs Elyseés zu gelangen.
Von dort mit der Metro zurück ins Marais, und um 15 Uhr Mittagessen im:... Falsch geraten! Nicht in der Camille, sondern bei Dieter und Medi im Zimmer. Man hatte doch Käse von der Place de la Madeleine und eine Baguette mitgebracht, und reichlich Rotwein war noch im Zimmer. Nach dem Essen gewinnt Evi Dieter für einen Fußmarsch zur Place des Vosges. Beide laufen die Arkaden des Platzes ab und erleben noch mehrere interessante Galerien mit zeitgenössischen Bildern und Skulpturen, mehrere Bistros und studieren die Speisekarte von Ma Bourgogne, einem bekannten Restaurant. Recht früh beschließen die Freunde den Tag.

Der sechste Tag

10. Mai, ein Tag, an den sich Dieter mit Freude erinnert. Es ist sein und Medi´s gemeinsamer Hochzeitstag. Dieter möchte diesen Tag besonders festlich gestalten, ist aber im Zweifel, ob´s gelingen wird. Er führt seine Gruppe zum Boul. Mich. und in die östlich sich anschließenden kleinen Gassen des alten Paris. Auch hier empfinden die Freunde ein besonderes Pariser Flair - aber ein gar so anderes als im Marais. Die Häuserfronten stehen hier noch enger einander gegenüber, und die pulsierende Vitalität des Marais wird ersetzt durch eine gewisse vergeistigte Ruhe.
Die Freunde stehen bald vor der ehrwürdigen St. Severin, eine frühgotische Kirche. Sie hat fünf Schiffe; die Säulen stehen vor allem im Bereich der Apsis so dicht, daß ein Dichter im Hinblick auf die wie Palmwedel erscheinenden Querstreben diesen Teil der Kirche mit einem Palmenwald verglich.
Beim Hinansteigen des SorbonneHügels kommt man an einer im Frigidarium noch erhaltenen römischen Thermenanlage aus dem 3. Jh. und dem daneben liegenden Hotel de Cluny vorbei, das im 16. Jh. den Äbten von Cluny als Niederlassung diente, wenn sie in der Hauptstadt weilten. An der langen Front der Sorbonne geht es weiter hügelaufwärts. Die meisten Fakultäten der Pariser Universität sind inzwischen an die Stadtränder verlagert worden. Etwas oberhalb der Sorbonne, am Platz des Pantheon, entdeckt Dieter ein Gebäude, in dem noch die juristische Fakultät beheimatet ist. Er selbst hat hier einmal vor fünfzig Jahren ein Semester studiert. So lange ist das her!
Das Pantheon gehört zu den gigantischen Bauten des 19. Jh.; es ist neben die spätgotische Kirche StEtienneduMont auf die Spitze des Hügels gesetzt. Begonnen wurde es im 18. Jh. als Kirche, die die sterblichen Überreste der Hl. Genevieve aufnehmen sollte. Die Revolutionäre hatten mit Kirchen nichts im Sinn und änderten die Baupläne. So entstand dieser mächtige Kuppelbau, in dem sich heute die Grabstellen von Voltaire und Victor Hugó befinden. Das Innere, die gewaltige Zentralkuppel und die kreuzförmig abzweigenden Steitenarme, wirken kühl und gigantoman. Das am höchsten Punkt angebrachte Foucault´sche Pendel bewegt sich im gemessenen Tempo gleichmäßig von einer Seite zur anderen.
Dieter führt die Reisegefährten sodann zum nahe gelegenen Jardin du Luxembourg. Die Freunde genießen, auf bequemen Stühlen in der Sonne sitzend, die einzigartige Atmosphäre dieses Gartens am großen See. Sie sind umgeben von Müttern, die mit ihren Kindern herumspazieren; junge Mädchen räkeln sich auf Bänken und lassen ihre gepiercten Bäuchlein bräunen; und von etwas weiter her ertönt das fröhliche Geschrei der sich auf einem riesigen Spielplatz tummelnden zahlreichen Kindern. Das ganz nahe gelegene Palais du Luxembourg diente einst der Witwe von Henry IV, Maria de Medici, als Residenz und ist heute Sitz der Abgeordneten der zweiten Kammer.
Nach dieser beschaulichen Pause stürzen sich die Freunde wieder ins Gewimmel der engen Gassen zwischen dem Boulevard St. Germain und der Seine; wieder treffen sie auf eine Gasse, in der sich Galerie neben Galerie reiht: Zeitgenössische Malerei und Skulptur. Schließlich stoßen sie auf den Fluß, dort, wo die Geistigkeit Frankreichs sich konzentriert, am Institut Francais. Zum Institut gehört die Academie Francais, deren Gelehrte den bestimmenden Einfluß auf Veränderungen von Grammatik und Orthographie der französischen Sprache ausüben. Zeitungen, die gegen Rechtschreiberegeln der Academie Francais verstoßen, werden bestraft. Wie kümmerlich nimmt sich dagegen die deutsche Rektorenkonferenz aus, die nicht einmal Scheu hatte, deutsche Rechtschreiberegeln willkürlich umzugestalten und damit einen der höchsten deutschen Geistesschätze zu gefährden.
Auf der Inselspitze Galant Vert besteigen die Freunde ein Schiff der VedetteFlotte, auf dem sie stromabwärts bis über den Eiffelturm hinausgelangen, und das sie dann zurückbringt, nachdem es zuvor noch die beiden SeineInseln umfahren hat. Auf diesem kleinen Ausflug weist die Reisebegleiterin auf zwei Besonderheiten am südlichen Flußufer hin: Auf das kleinste Haus (aus zwei übereinanderliegenden Räumen mit je einem Fenster bestehend) und auf das älteste (Fachwerk-)Haus der Stadt neben der Conciergerie. Im übrigen haben die Freunde auf der einstündigen Fahrt ein DejaVuErlebnis nach dem anderen genießen können. Überall hin hatte sie der „Schleifer Platzek“ in den vergangenen Tagen schon geschleppt.
Über das Centre Pompidou geht es zurück nach Hause, wo eine SpätmittagsPause eingelegt wird, um anschließend erholt mit der Metro zur Gare de Lyon zu fahren. Im „Train Bleu“, dem Restaurant im Stil der Belle Epoque, nimmt man das Hochzeitstag Dinner ein, das niemanden so recht befriedigt. Doch Franz wendet die Kritik ins Positive: „Das PreisLeistungsverhältnis stimmte“. Nach der Rückkehr fallen die Freunde müde ins Bett, ohne Schlaftrunk diesesmal.

Der siebente Tag

Auf den ganz besonderen Wunsch einer charmanten Wiener Dame begibt sich die Gruppe heute Morgen mit der Metro zur Bastille. Nach einer halben Stunde gelangt man zu einem großen Obst und Gemüsemarkt, auf dem - obwohl Sonntag ist - quirliges Leben herrscht. Franz und Dieter bummeln für sich, Evi und Medi sind auf der Jagd nach schicken Schnäppchen, denn in einer Ecke befindet sich ein kleiner Flohmarkt.
Danach fährt man mit der Metro bis zur Station Abbesses am Montmartre. Nach steilem zweimaligen Treppenaufstieg langen die Freunde auf der Place de Tertre an, wo wuselnde Geschäftigkeit herrscht. Auf dem Platz und auf den Sträßchen stehen oder sitzen Maler, umringt von Hunderten von Besuchern, die ihnen beim Malen zuschauen oder die ausgestellten vollendeten Arbeiten durchblättern. Aus zahlreichen, gut besuchten Bistros und Restaurants der dörflichen Häuser ertönt Musik, an der Ecke gegenüber St. Pierre de Montmartre steht eine junge Frau, die wirklich gekonnt Chansons pfeift; trotz der Fülle ist noch etwas von der dörflichen Idylle zu spüren, wie sie einst hier existiert haben mag. Dieser Eindruck besteht vielleicht, weil überwiegend Pariser Bürger und wenig ausländische Touristen am heutigen Sonntag Morgen heraufgekommen sind.
Nach einem kurzen Besuch der Kirche St. Pierre gehen die Freunde in die nur hundert Meter entfernte Rue Norvin, in der Dieter´s Vetter Kay mit Nicole einmal im Jahr Urlaub macht. Die HausNummer 22 ist ein neues, sehr schickes ApartementHaus. Erstaunlich, daß beim Betreten dieser Straße schlagartig vornehme Stille herrscht. Die Freunde setzen sich auf die niedrigen Straßenpfosten und halten eine Siesta; Dieter begibt sich danach mit Medi in den „Espace Dali“. In zwei Kellergeschossen erlebt man total verdichtetes DaliAmbiente zwischen Skulpturen und Bildern des Meisters; dazu ertönt seine pathetisch verkündende Stimme, musikalisch eingegerahmt. Man sieht den Elefanten, der von einer weichen Uhr gesattelt ist; der ganz hoch gestelzte Elefanten mit einem gläsernen Obelisken auf dem Rücken steht gegenüber der Gruppe mit dem sich ausruhenden Engel, der einen seiner Flügel auf eine mitgebrachte Krücke stützt, nebst dem Mann mit nur einem natürlichen Fuß, während die übrigen Extremitäten aus dem Geäst von Bäumen bestehen, und auch aus dem Kopf wächst ihm Gezweig.
Anschließend besuchen Medi und Theo gemeinsam mit Evi und Franz noch die Sacre Coeur, die Sühnekirche, die an die Niederschlagung des Aufstands der Kommune 1871 erinnern soll. Schöner Blick über Zentrum und den Südosten von Paris. Mit der Teleferique geht´s dann hinab (die nimmermüde Evi: „Des kloane Stückerl hätt mer doch laufen können“) und mit der eine große Strecke auf Hochgleisen zwischen den Häusern hindurchfahrenden Metro zurück nach Hause.
Am Abend fahren Medi und Dieter drei Stationen mit der Metro zur Comedie Francaise im Palais Royal, wo der „Eingebildete Kranke“ von Moliere gespielt wird. Das Theater ist im herkömmlichen Stil eingerichtet, im barocken Dekor und in den Hauptfarben Gold und Rot. Das Stück wird werkgetreu gespielt, wenn auch sehr viel action einfließt und häufig geschrien wird. Der 11jährige Junge in der Vorreihe springt einige Male begeistert von seinem Sessel auf. Medi und Dieter verstehen zu Anfang kaum etwas, weil so schnell gesprochen wird. Aber im Laufe des Abends hören sich beide ein, und sie haben mehr von den zum Teil endlosen Dialogen. Die Hauptrolle ist hervorragend besetzt. Nach zwei Stunden des pausenlosen Spieles lautet Medi´s sachverständiges Schlußurteil, „gut gespielte Klamotte“.
Nach einem Cognac im großzügigen Bistro gegenüber der Comedie Francaise fahren die beiden mit der Metro nach Hause.

Der achte Tag

Heute ist ein Ausflug zur St. Denis angesagt, der ehrwürdigen frühgotischen Kirche des 12. Jh. im Norden von Paris, die immer als Grablege der fränkischen bzw. der französischen Könige gedient hat. In etwa einer halben Stunde kommen die Freunde in St.Denis an, dank des vorbildlichen Systems des Metrobetriebes von Paris. Alle Züge fahren etwa im DreiMinutenTakt, und beim Umsteigen sind die Distanzen zwischen den Bahnsteigen überhaupt kein Problem. Die Subway in London ist allerdings noch moderner, die Züge sind komfortabler und fahren in Abständen von ein bis zwei Minuten.
St. Denis ist zwar voll eingebunden in den Großraum Paris. Aber die Freunde haben beim Verlassen des UBahnSchachtes das Gefühl, der Großstadt entflohen und in einer Gemeinde mit dörflichem Charakter angekommen zu sein. In der Bar, wo man zunächst für einen Kaffee einkehrt, scheint jeder jeden zu kennen. Die Freunde aus Wien genießen dieses Ambiente. Kommen sie doch aus einer Hauptstadt, in der persönlicher Charme und menschliche Nähe mehr gelten als im etwas unpersönlichen und coolen Paris.
Die „Königsbasilika“ von St. Denis strömt jene Harmonie aus, die den meisten frühgotischen Kirchen des 12. Jh. zu eigen ist. Sie wurde unter Louis VII von Abt Suger erbaut. Die wunderschönen Glasfenster lassen eine beglückende Lichtfülle in das Innere der Kirchenschiffe. Die Proportionen sind noch faßbar für die Seele; hier streben noch keine überhöhten Spitzbögen in die Unendlichkeit des Himmels.
Die Kirche befindet sich über einem gallorömischen Friedhof, in dem man auch die Gebeine des Heiligen Dionysius vermutet. Darüber errichtete man in der Merowingerzeit eine Kapelle, die unter den Karolingern erweitert und später zu einer romanischen Kirche umgebaut wurde, bis Louis VII von Abt Suger die heutige Kirche im 12. Jh. erbauen ließ. In der Krypta sieht man die Grabstellen oder auch nur Grabmäler der Herrscher, angefangen von Merowingern und Karolingern bis hin zu den französischen Königen der Neuzeit. Die Fülle und unsystematische Anordnung der Grablegen und Denkmäler ist schon recht verwirrend. Die französischen Revolutionäre hatten seit 1789 in ihrem grenzenlosen Haß auf die vergangene Herrschaft hier schrecklich gewütet, Grabmäler zerstört und Gebeine aus den Gräbern verschleppt. (Spanien ist so etwas erspart geblieben: Systematisch nach Zeitenfolge sind die Sarkophage der Könige, ihrer Gemahlinnen und der Infanten in der Krypta des Escorial bei Madrid angeordnet.)
Lange haben sich die Freunde in St. Denis aufgehalten. Doch nun drängt Evi zum Aufbruch. Sie möchte die mit großem Aufwand angekündigte temporäre Ausstellung der Kunst von Leonardo da Vinci im Louvre sehen. Dieter entdeckt bei der Ankunft als erstes die lange Schlange der Wartenden vor dem Eingang dieser Ausstellung. Aber - be cool, man! - schon nach 20 Minuten kann man die Räume betreten, an deren Wänden selten gezeigte Skizzen und Entwürfe von Leonardo und auch zahlreiche Zeichnungen anderer Künstler mit Motiven von Leonardo hängen.
Dieter verläßt diese Ausstellung vorzeitig, weil er sich unbedingt das PicassoMuseum antun möchte. Dieses befindet sich in einem Palais im Marais, wo in drei Stockwerken Teile des Nachlasses des Künstlers ausgestellt sind. Am Eingang eines jeden Saales hängt eine bebilderte Einführung über den Lebensabschnitt Picasso´s, aus dem die hier ausgestellten Werke stammen.
Auf dem Rückweg ins Hotel besucht Dieter noch das Palais Soubise, das sich einst der Duc de Rohan hat errichten lassen. Fünf prachtvolle Säle, deren Wände im RokokoStil in roten und goldenen Farben dekoriert und mit Spiegeln versehen sind, künden von dem üppigen Leben und dem Zwang zur Repräsentation, welche die Zeit des 18. Jh. bestimmten.
Im Hotel nutzt Dieter die Zeit zum Kartenschreiben. Nach Ankunft von Medi, Evi und Franz gehen die Freunde zum Abendessen in die Camille. Danach geht man zum Rotwein im gemütlichen Hotelzimmer von Medi und Dieter über. Doch Dieter fühlt sich bald schon erschöpft und zieht sich hinter die spanische Wand zurück, um zu Bett zu gehen. Er empfindet es als Beweis echter Freundschaft, daß er sich das leisten kann, ohne die anderen am Weiterplaudern und Trinken im selben Raum zu stören.

Der neunte Tag

Heute beginnt ein Streik in ganz Frankreich. Es geht auch hier um die Veränderung des Sozialsystems. In Paris wirkt sich das vor allem durch die Bestreikung der meisten MetroLinien aus. Also wird man sich auf die eigenen Füße verlassen.
Die Freunde haben sich das Viertel St. Germain des Pres vorgenommen. Die vielen Polizeistreifen an Straßenecken und die geparkten Einsatzwagen der Polizei fallen auf. Auf Dieter´s Frage erfährt er, daß sich in diesem Viertel zahlreiche Ministerien befinden und man deshalb mit Ausschreitungen im Rahmen der geplanten Demonstration gerade hier rechnen müsse.
Das Museé Rodin suchen die Freunde zunächst auf. Es befindet sich in einem schönen Palais, zu dem ein riesiger Park gehört. Ein reich gewordener Perückenmacher hatte sich Anfang des 18. Jh. diesen repräsentativen Bau westlich von Paris weit außerhalb der Stadt errichten lassen. Der Bildhauer Rodin hat einige Jahre zu Anfang des 20. Jh. hier gewohnt. Die Stadt hat dann das Grundstück erworben und das Museum hier eingerichtet.
Heute hat das Museum wegen des Streiks geschlossen. Dennoch ist es eine Freude, gemächlich durch den gepflegten Park zu schlendern, zumal überall im Gelände verteilt zahlreiche Kopien von Rodins Sulpturen stehen, z.B. „Der Denker“, „Eva“ und die „Bürger von Calais“.
Die Freunde bummeln weiter durch die Rue de Varenne zum InvalidenDom. Er war wohl einst als Grablege für Louis XIV konzipiert. In der nach oben hin offenen Krypta direkt unterhalb des Zentrum der gewaltigen Kuppel befindet sich der mächtige Sarkophag Napoleons I. In der sich anschließenden Kirche St. Pierre finden Arbeiten statt, und deshalb ist den Besuchern der Zutritt verwehrt.
Nach Verlassen des Dome des Invalides bemerken die Freunde eine kraftvolle Schauerwolke, die sich bedrohlich nähert; sie flüchten deshalb in das Cafe am Dome, wo sie sich bei sehr bald einsetzendem Platzregen mit Lassagne und etlichen Fläschchen Rotwein erquicken. Als die Sonne wieder durchkommt, brechen sie auf und gehen über viele Innenhöfe des Hotel des Invalides (für die Kriegsveteranen Louis XIV errichtet) in Richtung Seine. Das ganze Gelände dient heute als KriegswaffenMuseum. Beim Anblick unzähliger Kanonenrohre auf den Höfen sagt Evi, „manchmal dät i mei Franzl gern in solch a Rohr stecken und....“; sie spricht nicht weiter, weil sie weitere Konsequenzen denn doch wohl scheuen würde. Wiener schwarzer Humor!
Hinter dem Dome des Invalides öffnet sich die weit ausladende und bis zur Seine reichende, fünfhundert Meter lange Parkanlage mit Rasen und sorgfältig gestutzten Buchsbäumen. Die Freunde schwenken nach rechts zurück in das Viertel von St. Germain des Pres, überqueren den Boulevard Raspail und sind schon in dem „Literatenviertel“ des Boulevard St. Germain.
Dieter rennt gleich auf die gegenüber liegende Seite, um einen Blick in das berühmte Restaurant Lipp zu werfen. Es ist eine Brasserie von vornehmerer Ausstattung. Weiß eingedeckte Tische, vornehm herumstehende Ober und eine interessante elsässische Speisekarte, gar nicht einmal so teuer. Dieter versucht, die Freunde zu einer Einkehr dort zu bewegen - mal etwas anderes als Camille. Aber sie sträuben sich wie ein Kalb am Strick. So nimmt man halt vorlieb mit einem Kaffee im Deux Magots.
Zur gegenüber liegenden St. Germain des Pres geht man anschließend, der Kirche, die einst auf dem Gelände der schon im 6. Jh. auf den Wiesen (des Pres) gegründeten Benediktiner Abtei im frühgotischen Stil (mit romanischen Elementen) gebaut wurde. Die Säulen sind später bunt bemalt, was aber jemanden, der kein Purist ist, kaum stören kann.

Der zehnte Tag

Der Streik geht weiter. Also kann man sich auf die Metro nicht verlassen, und das Museé d´ Orsay wird geschlossen bleiben. Und Medi und Dieter hatten sich so darauf gefreut, am letzten Tag den im ehemaligen Bahnhof von Orsay geschaffenen neuen Ausstellungsort für die Kunst des Impressionismus zu besuchen! Evi und Franz hatten sich ohnehin diesen Morgen für Shopping reserviert.
Medi kommt auf diese Weise einmal dazu, ohne feste Planung ziellos durch die Stadt zu bummeln. Sie schlägt Dieter vor, an den Fluß zu gehen; und weil Medi Flußufer liebt und sich an diesem Morgen die Sonne ab und zu zwischen den Schauerwolken sehen läßt, suchen die beiden eine Bank auf der Spitze der Ile de la Cite, dem Square du Vert Galant, auf. Sie genießen die wärmenden Sonnenstrahlen und lassen, halb träumend, die gemeinsame Zeit mit Evi und Franz in Paris vor ihrem inneren Auge vorüberziehen. Alle vier haben sich die Stadt mit viel persönlichem Einsatz wahrlich erarbeitet. Sicher war man manchesmal bis an Grenzen des Wohlbefindens gefordert. Aber es ist wohl das Gefühl der allseitigen Sympathie, das niemals ernsthafte Spannungen aufkommmen ließ. Jeder hatte im übrigen seine eigenen Strategien, um mit aufkommendem Unbehagen fertig zu werden: Evi stärkte sich mit in einer Boulangerie erstandenem frischen Brot, Medi zog sich etwas in sich selbst zurück, Franz heftete still seinen Blick in die Ferne, und Dieter fand seine Form schnell wieder im Balsam des Schlafes. Fazit: Es war eine mit viel Witz und Lustigkeit gewürzte intensive Bildungsreise, bei der sich auch die Freude am Zusammensein aufs neue bestätigte.
Dieter schreckt aus seinen Träumen auf, als das fröhliche Lärmen der auf dem Grün spielenden Kinder plötzlich verstummt. Der Grund ist eine mächtige Schauerwolke, die von Westen heranzieht. Es wird merklich kühl, und Medi und Dieter erreichen gerade noch vor dem Platzregen das Bistro auf der am SeineQuai gelegenen SchiffsAnlegestelle.
Am späten Mittag treffen sich die Freunde im Hotel, um ein letztes Mal in der Camille zu speisen. Danach suchen sie einen von Evi empfohlenen Supermarkt auf, um Munsterkäse zu kaufen, und bereiten sich dann für den Besuch des Palais Garnier vor, in dem heute Abend die moderne Ballettgruppe aus den Niederlanden auftritt.
Das Event selbst findet bei den Freunden geteilten Beifall. Dagegen ist Dieter von dem sehr aufwendig im Stil der Belle Epoque gebauten Opernhaus begeistert. In den Pausen durcheilt er das gesamte Gebäude. Er genießt den überwältigenden Anblick von ganz oben unter dem Dach über das riesige Entreé mit den geschwungenen Treppen und Ballustraden aus edlem Marmor. Und er blickt von jedem der vier Ränge auf den eleganten Zuschauerraum, über den sich die von Chagall mit OperMotiven ausgemalte Decke spannt.
Die beiden MetroLinien fahren glücklicherweise trotz des Streiks. So gelangen die Freunde nach Ende der Vorstellung schnell wieder ins Marais, wo sie in einer Brasserie gegenüber vom Hotel de Ville den letzten Abend dieser Reise mit Cognac, Bier und Wein beschließen. Sie sehen gefaßt der bevorstehenden Abreise am nächsten Morgen entgegen, denn der Streik in Paris scheint abzuklingen. Sie ahnen noch nicht, daß sie gerade die letzten geruhsamen Minuten der Reise verbringen.

Überstürzte Flucht aus Paris

Schon früh am nächsten Morgen erkundigt sich Dieter an der Rezeption nach den Verkehrsverhältnissen. Evi und Franz müssen nämlich mit dem Taxi zum Flughafen Charles de Gaulle, wo ihr Flugzeug mittags abfliegt, und der Thalys von Medi und Dieter fährt zur gleichen Zeit ab Gare du Nord.
Was Dieter nun erfährt, erschreckt ihn: Der Streik hat sich über Nacht verschärft. Taxis fahren nur auf Vorbestellung, die einen Tag zuvor aufgegeben sein muß. Jetzt bricht Hektik aus. Medi und Dieter schlingen ihr Frühstück herunter. Evi und Franz, gerade aus der Boulangerie zurück, bemühen sich über Handy bei Geschäftsfreunden um Möglichkeiten, zum Airport zu kommen. In Ungewißheit über das beiderseitige Schicksal verabschieden sich die Freunde überstürzt, und Medi und Dieter rennen mit Koffern und Taschen zur MetroStation. Und siehe da: Die beiden Linien zur Gare du Nord verkehren! Es ist zwar abenteuerlich, wie die beiden mit ihrem gesamten Gepäck in die proppenvoll gestopften Züge gelangen; aber sie kommen nach Passieren von acht Stationen schließlich am Bahnhof an. Sie nehmen die zweistündige Wartezeit gern in Kauf und steigen dann selig in ihren Thalys, für den Dieter vorher noch die Tickets in solche der 1. Klasse getauscht hatte. Sie haben sich dort gerade eingerichtet, als der WagenStewart verkündet, man müsse umsteigen, weil dieser Zug einen Maschinenschaden habe.
Aber schließlich beginnt die Fahrt, und Medi und Dieter sehen das zuletzt doch etwas strapazierende Paris am Horizont entschwinden. Ein leckeres DreiGängeMenu mit reichlich australischem Shiraz, alles im Ticket erster Klasse inbegriffen, entschädigt die beiden für vorher erlittene Unbill. Über Handy erfahren sie am Nachmittag, daß es Evi und Franz gelungen war, mit Hilfe von Geschäftsfreunden Schleichwege auf den Schienen von Metro und Bahn zu finden, auf denen sie nach mehrfachem Umsteigen schließlich zum Flughafen gelangten und so rechtzeitig ihren Flieger nach Wien erreichten.

 

 

   

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