Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Londonreise vom 1. bis 8. April 2003

 

Dienstag, am 1. April 2003

Der Irakkrieg ist seit 2 Wochen im Gang, als ich meine vor Monaten geplante Flugreise nach London antrete. Mädi fragt beim Abschied, ob diese Reise nicht vielleicht doch ein Aprilscherz sei.
Bei Ankunft in Heathrow regnet es. Schnell finde ich auf Grund der idiotensicheren Wegweisung die SubwayStation (Linie Piccadilly). Nach 17 UBahnStationen komme ich in GreenparkSt. nach nur 35 Min. Fahrt an. Mein nur vier Querstaßen entferntes HiltonGreenparkHotel in der Half Moon Street habe ich in fünf Minuten erreicht. Mein Zimmer befindet sich im obersten (4.) Stock des über drei Reihenhäuser sich erstreckenden Hotels; man schaut über die Dächer in Richtung des gleich nebenan liegenden Shephards Market. Ich wohne also im vornehmen Stadtteil Mayfair, eine halbe Minute vom Green Park.
Ich erfrische mich zunächst mit einem selbst gebrühten Tee und mache mich auf den Weg. Es regnet nicht mehr.
Was ich zunächst nicht weiß: Meine erste Erkundung der MegaCity wird zu einem dreieinhalbstündigen Marsch ausarten: Auf der Piccadilly entlang am Green Park bis zur Royal Academy of Arts und Piccadilly Circus, weiter auf der Regent Street und Pall Mall zum Trafalgar Square, vorbei an der Nat. Gallery und Nat. Portrait Gallery zum Coliseum. In diesem befindet sich die ENO (English Nat. Opera), die angeblich das bessere Orchester aber weniger gute Vokalsolisten beschäftigt als das Royal Opera House Covent Garden. In der ENO hole ich mir die aus Deutschland bestellte Karte für die morgige Vorstellung des Rosenkavalier ab, der wie alle Opern in der ENO leider in englischer Übersetzung gesungen werden wird.
Am Eingang zur gleich nebenan liegenden St. MartinintheFields lese ich die Avisierung eines für kommenden Samstag Abend geplanten VivaldiHändelKonzertes. Beim Kauf der Eintrittskarte freue ich mich schon auf die so gerühmte Akustik des zum schönen Konzertraum stilisierten Innenraumes dieser Kirche.
Am Charing Cross vorbei überquere ich das Victoria Embankment und dann auf dem Fußgängersteig der Eisenbahnbrücke die Themse. Ich spaziere auf dem Southwalk an der neuen Royal Festival Hall und der Queen Elisabeth Hall entlang bis zum Betonbau des Royal National Theatre. Hier wird die nächsten Tage in Folge Shakespeare gegeben. Ich möchte eine Karte erstehen und erfahre, daß die Theaterstücke auf Japanisch gegeben werden. War also nichts! Wieder zurück bis zur Waterloo Street, an der die gigantische Waterloo Station steht: Knotenpunkt für 3 SubwayLinien und Endstation für aus dem Süden ankommende Züge der Eisenbahn, vor allem des „Eurostar“, der London zwanzigmal täglich mit Paris (Gare du Nord) verbindet. Die Nutzung des Tunnels unter dem Kanal läßt die Fahrzeit auf 3 Stunden zusammenschrumpfen.
Schräg hinter Waterloo Station an der Ecke Waterloo Road / The Cut liegt das ehrwürdige Old Vic Theatre. King Lear wird täglich gespielt vom bekannten English Touring Theatre. Timothy West spielt die Titelrolle. Ich erstehe eine Karte für heute Abend.
Vom Old Vic aus schlage ich versehentlich den falschen Weg ein: Statt Waterloo Rd. nehme ich die zur Blackfriars Bridge führende Straße und mache dadurch den großen Umweg über Victoria Embankment. An der Charing Cross Station biege ich von der Themse ab und gelange schließlich über die Pall Mall zur St. James Street, vorbei am St. James Palace ( einer der drei königlichen Paläste Londons), wo eine 2MannWache in roter Uniform und schwarzen Bärenfellmützen patroulliert im Stechschritt. Bei Lobb hineingeschaut, der Schuhe nach Maß fertigt (3.000.- Euro pro Paar).
Auf dem Weg zum Hotel kehre ich noch in dem großen Pub „Henry“ an der Piccadilly ein für ein Spinatküchlein und ein Stout. Diese Zeit muß noch sein. Viel Betrieb von jüngeren Geschäftsleuten herrscht zu dieser Stunde. Aber ich solle mal abends kommen, sagt die Serviererin, da sei es hier proppenvoll. Dann kaufe ich noch Früchte und reichlich Mineralwasser im Supermarkt. Schwer bepackt sause ich per Elevator in meinen 4. Stock, stelle die Sachen im Zimmer ab; und schon geht die Post ab: Richtung Theater. Da ich in London täglich gentleman like gekleidet sein werde (Oberhemd, Krawatte, Anzug), spare ich die Zeit fürs Umziehen. Mit der Jubilee brauche ich nur 4 Minuten für die 2 Stationen (Westminster, Wateloo), so daß ich das Old Vic Theater mir noch in Ruhe anschauen kann. Ein geräumiger Bau mit weitem und tiefem Parkett und zwei Rängen. 1818 wurde Old Vic erbaut, danach mehrfach umgebaut. Es mag über 1000 Personen aufnehmen.
Die Aufführung ist großartig; da ich in Reihe E sitze, kann ich mühelos das ganze schreckliche Geschehen mit den Augen verfolgen. Leider sind die Zusammenhänge und das Intrigenspiel der 18 Rollen so kompliziert, daß mir wesentliche Teile des Inhalts entgehen und ich auch viele Worte nicht verstehe. Ich hatte keine Zeit, das Stück oder auch nur seinen Inhalt vorher zu lesen. Die Darsteller spielen jedoch so engagiert, daß ich diese Aufführung mir ein zweites Mal ansehen werde.

Mittwoch, am 2. April 2003

Nach einem durchschnittlichen English Breakfast um 8 Uhr und einem Kurzstudium des politischen Teiles der Times muß ich zunächst den jungen Hausmeister des Hotels zu mir bitten, der die verbogene eine Angel der Badezimmertür wieder zu richten hat. Er erzählt mir, sein Hobby sei die Erstellung von elektronischer Musik, die er dann mischt mit Klassik. Bei der Vorstellung des sich daraus ergebenen Klangsalates verweigerte mein inneres Ohr mir seine Gefolgschaft.
Ich fahre als erstes zur Waterloo Station; es ist übrigens eine der ganz modernen TubeStations: Ein gläserner Tunnel befindet sich über den Schienen, sodaß niemand sich vor den Zug werfen kann. Beim Öffnen der Türen der Tube öffnen sich gleichzeitig die in gleicher Position befindlichen Türen des gläsernen Tunnels. Im Old Vic Kauf einer Karte für Donnerstag (KingLearWiederholung).
Ich gehe zur 20 Minuten entfernten Tate Modern. Sehr schnell gewinne ich die Überzeugung: Dieses ist keine Ausstellung. Es handelt sich um ein Event.
Der Turbinenraum einer gewaltigen Power Station, 200 m lang und 7 Stockwerke hoch, wurde ausgekernt. Die mächtigen Stahlstützen und Träger mit Noppen von einst zeugen von der Bauweise vergangener Zeit. In der so geschaffenen gigantischen Halle hängt ein über die gesamte Länge sich erstreckendes meterbreites Rohr, welches drei überdimensionale Schalltrichter miteinander verbindet, der Rahmen aus schwarzem Stahl, die Bespannung aus tizianrotem Plastikstoff. An die Nordseite dieser Halle schließen sich über die ganze Länge 7 Stockwerke an, 3 davon mit Exponaten bestückt. Aus dem 5. Stock genießt der Besucher nach Norden den Blick über die Themse hinweg; aus den südlichen Fenstern sieht er die winzig erscheinenden Menschen auf dem Grund der Halle unter sich.
Die Herrichtung der Räume und ihre Einrichtung sind noch im Fluß; an vielen Stellen wird gebaut. Die Exponate sind nicht nach herkömmlichem Schema geordnet (Länder, Stilrichtung, Künstler, Zeit), sondern nach Sachthemen: Z.B. „Landschaften“, „Dinge“, „Nackte Körper“. Ein Klimt hängt neben einem Kirchner; im selben Saal stehen abstrakte Skulpturen; aus der Saalecke ertönt in ständiger Wiederholung ein Audio (Stampfen, Schlagen, Schreien); an einer abgedunkelten Wand ist ein Video aus Prager Studios zu sehen: Aus zahlreichen einzelnen Küchengeräten, Bestecken, Tellern usw. sind zwei sich gegenüber stehende Menschen zusammengesetzt (ähnlich den auf Bildern Arcimboldos dargestellten Menschen aus Gemüse und Früchten); diese Menschen bekämpfen sich, schließlich verschlingt der eine den anderen, um ihn danach sogleich wieder in Einzelteilen auszukotzen; die Teile setzen sich wieder zum Menschen zusammen und dann verschlingt dieser jenen. In einer Ecke sieht man einen Mann auf einem Bildschirm, der mit Boxhandschuhen onaniert.
Ich nehme das alles ohne Ärger hin. Wir leben in einer JuxGesellschaft; und da ist alles erlaubt, was Spaß macht. Kunst? Das ist ein verdammt schwieriges Thema geworden! Beim Verlassen des Saals sehe ich einen total unbeweglichen schwarzen Museumswächter auf einem Stuhl sitzen. Ich gehe auf ihn zu und frage, „are you a digital or a human being?“ Er löst sich aus seiner Starre und bricht in Lachen aus.
In einem anderen Saal steht zwischen all den Happenings, Bildern, Plastiken, akustischen und audialen Reizen ein großer Glasschrank, dessen Borde magnetisch den Blick anziehen: Die schönsten Muschel und Schneckengehäuse aller Meere der Welt sind dort ausgestellt. Eine etwa 20jährige Japanerin steht gerade neben mir. Ich wende mich an sie, „nature is the greatest artist in our beautifull globe, is´nt it?“ Sie nickt lächelnd im Einverständnis.
Neben Tate Modern steht das dem alten ShakespeareTheater nachgebaute „Globe“ aus Holz, Fachwerk und Strohdach. Ich muß mir das Bespielen dieses Theaters in der Phantasie ausmalen, denn leider finden Vorstellungen nur im Sommer statt. Verständlich, denn nur die im Rund errichteten Sitzplätze und die Bühne sind überdacht.
Über die Milleniums Bridge, die aus Anlaß der Jahrtausendwende gebaut wurde und deren Stahlkonstruktion leicht und elegant wirkt (etwas wahrlich sehr Positives in heutiger Zeit: Die formschöne Verwendung moderner ästhetischer Baustoffe!) gehe ich auf das andere ThemseUfer zur St. Paul´s Cathedral. In der Kirche wird mächtig renoviert. Ich verziehe mich deshalb in die Krypta. Hier sieht man u.a. die Grabmäler von Nelson und Wellington außerdem zahlreiche Gedanktafeln mit den Namen von gefallenen Londonern in den einzelnen Kriegen. Ich kann es nicht ertragen: Denn wieder hat man vor 2 Wochen einen Krieg begonnen, und eine neue Tafel wird man nach seinem hoffentlich baldigen Schluß aufstellen.
Auf dem Rückweg zum Hotel bleibe ich in Themsenähe, um in das Justizviertel zu gelangen, an dessen Rand ich mich in einem KellerPub, der „Witness Box“, mit Fish and Chips und einem Stout stärke. Die Serviererinnen stammen aus SüdAfrika. Danach komme ich nach Inner Temple und Middle Temple, die zur City of London gehörenden riesigen Innenhöfe, die von den die Anwaltskanzleien Londons beherbergenden alten BacksteinReihenHäusern umstanden sind. Selten nur kommt durch schmale Durchlässe einmal ein motorisiertes Fahrzeug. Friedhofsstille herrscht auf diesen Plätzen, und innerhalb der offenbar noch aus der Zeit nach dem großen Feuer (1666) stammenden historischen Häuser mit den schmalen Gängen, kleinen Räumen und engen Treppenhäusern können sicher konzentriert weil ohne jede Hektik die Zivilprozesse vorbereitet werden.
Sowie Du diese Idylle verläßt, befindest Du Dich wieder im wimmelnden CityVerkehr und hast Schwierigkeiten, die Hauptverkehrsader Strand zwischen Taxis, doppelstöckigen Bussen und den geschäftigen PKWs zu überqueren, um zu den Royal Courts of Justice zu gelangen. Ein scheußliches Gebäude, ganz im Stil einer neugotischen Hauptkirche errichtet. Man gelangt nur nach hochnotpeinlicher Leibesvisitation durch die im Vorraum bestehenden Sperren.
Als ich schließlich an dem ehemaligen Covent Garden Market ankomme, dessen alte Markthalle man sehr geschmackvoll hergerichtet hat für kleine Läden und Restaurants, und wo ein StreicherTrio, bestehend aus drei jungen Mädchen, Mozarts Kleine Nachtmusik spielt, beschließe ich, nach einem kurzen Blick in die neben der Halle liegende Covent Garden Opera die tube für die restlichen drei Stationen zur Green Park Station zu nehmen.
Im Hotelzimmer habe ich noch etwas Zeit, die Beine hoch zu legen. Dann fahre ich mit der Linie Piccadilly die 2 Stationen zur Leicester Square Station, um die English National Opera (ENO) im Coliseum aufzusuchen.
Dieses Theater ist erst 1905 erbaut worden. Sein großes Parkett und die sich darüber schwingenden drei Ränge, mit schönen Logen an den Seiten, nehmen 2.300 Zuschauer auf. Es soll das größte Theater Londons sein.
Ich habe meinen Sitzplatz in der 5. Reihe des Parketts. Zum Glück habe ich einen sehr freundlichen und gesprächigen Nachbarn - auch ein Single. Während ich bedaure, daß ich in der Aufführung auf den so geistvoll witzigen Text von Hoffmannsthal verzichten muß, ist mein Nachbar glücklich über die englische Version, weil er sonst kein Wort verstehen würde. An Stelle des erkrankten von Dohnany wird Vassily Sinaisky dirigieren.
Der erste Akt zieht sich für meinen Geschmack etwas sehr in die Länge. Der Akt in Faninals Villa wird dann gesanglich besonders schön, und der dritte Akt im Beisl wird durch die komische Darstellung des Baron Ochs durch Stephen Richardson wieder angenehm. Aber es ist doch schade, auf die deutsche Fassung verzichten zu müssen. Immerhin singt der als Stubenmädchen verkleidete Rosenkavalier im 3. Akt statt „nein, nein, i mog kei Wein“ auf englisch: „No, no, it cannot be! Wine is nothing for me.“
Mein Nachbar fragt mich in der Pause, wie die Opernsituation in Hannover sei. Ich schildere sie ihm: Den IntendantenWechsel, die Schmuddelproduktion vom Don Giovanni, die Empörung und den von mir entfachten Skandal. Da fragt er ganz unschuldig: „I did´nt understand well. They banished the performence, or they banished you?“ Wir müssen beide lachen.
Auf dem Weg ins Hotel mache ich noch einen Schlenker über den südlichen Teil von Soho. Ich bin überrascht über die Massen von jungen Leuten, die, quirlig und vor Vitalität strotzend, Straßen und Plätze dieses Viertels beherrschen. Trotz der eisigen Luft ist man wie im Frühling gekleidet, die boys in kurzen Ärmeln und die girls gar mit freiem Bauchnabel und nackten Beinen.

Donnerstag, am 3. April 2003

Frühstück, wie meist, um 7.30. Dem regelmäßigen Studium der Times entnehme ich, daß man in GB weniger kritisch über den Irakkrieg denkt als auf dem Kontinent.
Heute Morgen gehe ich als erstes um die Häuserzeile unseres Hotels herum zum dahinter liegenden Shepherds Market: Ein lauschiger kleiner Platz mit mehreren Geschäften und Lokalen in nur 2stöckigen ZiegelsteinHäusern Auf der kurvigen Shepherds Street, von denen winklige Gassen abgehen, laufe ich bis Hyde Park Corner, wo zunächst das etwa 20stöckige Hilton Hyde Park Corner imponiert. Die Konferenzsäle im Halbparterre über der Lobby weisen es als typisches Geschäftshotel aus. Der Zimmerpreis liegt fast doppelt so hoch wie der in meinem Hilton Green Park.
An dieser Ecke flutet der Autoverkehr; man muß den FußgängerTunnel benutzen. AchillesStatue im Park, die schönen abgezäunten Gärten, in denen die Osterglocken schon in voller Blüte stehen. Am WellingtonHaus vorbei auf den außerhalb vom Park gelegenen Platz, wo sich der Triumphbogen zu Ehren dieses Feldherrn und sein Reiterstandbild befinden. An diesen Platz grenzen auf der gegenüber liegenden Seite die der Königin vorbehaltenen Palace Gardens des Buckingham Palace, die in den Green Park und in den St. James Park übergehen. Ich setze meinen Bummel fort bis zur „serpentine“, dem See, der den Hyde Park von den Kensington Gardens des gleichnamigen Palastes abteilt. Auf dem den Hyde Park umlaufenden Reitweg sehe ich mehrere Gruppen eleganter Reiter und Reiterinnen.
Dann verlasse ich diesen weitläufigen Park, um über die Knightsbridge Rd. zur Brompton Rd. zu gelangen. Der braune Komplex des ein riesiges Viertel einnehmenden Kaufhauses Harrods ist schon von weitem zu sehen. Staunend sehe ich mir die vielen prunkvollen Säle des Parterre an, in denen jeweils ein Hauptsektor von Delikatessen aus aller Welt dargeboten wird. In der Abteilung Fisch und Fleisch sind Säulen und Wände bedeckt mit exotischen Kacheln des Orients, während unter den gewölbten (6 Meter hohen) Decken Jagdszenen auf kunstvollen Kacheln dargestellt sind.
In der Abteilung für Accessoires im Parterre erstehe ich für Mädi ein Halstuch aus SeidenChiffon, für mich eine Krawatte.
Mit der tube geht´s anschließend zur Waterloo Station, um das London Eye zu erleben, das am Südufer der Themse gelegene Riesenrad, das mit 135 m Durchmesser das größte der Welt ist. Ohne Wartezeit bekomme ich sogleich Zugang zu einer der 32 geräumigen gläsernen Gondeln, die nicht, wie üblich, hängen, sondern die fest an dem Gestänge der Radaußenseite angebracht sind und sich während der 25 Minuten Fahrtdauer einmal um sich selbst drehen. Rings herum ist freie Sicht, mit Ausnahme des stählernen Fußbodens. Mal eine ganz andere Wahrnehmung der Umwelt: Wie die übliche Horizontalsicht sich zunächst kaum merklich verändert und dann ganz allmählich der Vogelperspektive weicht. Wenn dann schließlich der höchste Punkt erreicht ist, höher als die Aussicht von der Kuppel von St. Paul´s, schaut man flußabwärts weit in die östliche Ebene der Stadt, man sieht, wie nach Nord und Süd hin sich das Land außerhalb des Stadtrandes der Metropole anmutig hügelig im Dunst verliert; die Aufteilung des Landes ringsum in kleinere und größere Rechtecke läßt die intensiv betriebene Landwirtschaft erkennen.
Die wesentlichen Merkmale des heutigen London prägen sich von dieser Höhe aus ein: Der Flußlauf mit seinen vielen Schleifen, die großen Parks im Westend mit den Palästen, die Straßenschluchten der nahen City mit immer noch zahlreichen herkömmlichen nicht sehr hohen Backsteinhäusern, die im bemerkenswerten Kontrast stehen zu der erst 1998 entstandenen modernen Fassade der Charing Cross Station am Nordufer der Themse. Flußabwärts im Dunst erscheinen die jüngst errichteten Wolkenkratzer der ehemaligen DocksHalbinsel wie Phantome.
Neben dem London Eye liegt die County Hall, deren DaliAusstellung ich mir jetzt ansehe. Etwa 500 Werke, überwiegend Graphiken, aber auch Skulpturen Dalis sind hier ausgesellt. Das besondere an dieser Präsentation: In ständiger Folge laufen Tonbänder mit Monologen des von mir hoch verehrten Künstlers ab; in Stimme und Duktus erinnert mich diese Wiedergabe an die großes Sendungsbewußtsein ausdrückenden Ansprachen des Präsidenten Chirac, zumal auch Dali sich hier der französischen Sprache bedient. Außerdem laufen auf den gleichmäßig in den Räumen verteilten Monitoren Filmsketches ab, die Absurdes darstellen wollen.
Am Abend geht es zum zweiten Mal in das Old Vic. Da ich mich diesesmal vorbereitet habe durch Lesen von Inhalt und einzelnen Textstellen des King Lear, ist jetzt die Vorstellung ein echter Genuß. Ich verstehe nicht nur den Sinn der Handlungsabläufe und das komplizierte Intrigengeflecht der vielen Personen auf der Bühne; ich verstehe auf einmal fast jedes Wort bzw. lerne neue Worte hinzu. Mit der JubileeLine fahre ich befriedigt nach Hause.

Freitag, am 4. April 3003

Heute habe ich mir das Eastend und Greenwich vorgenommen. Mit meiner geliebten weil so modernen JubileeLine fahre ich nur 8 Stationen nach Ost und steige in North Greenwich Station aus. Eine surrealistische Szenerie hält mich ab jetzt in Bann: Ich befinde mich in einem nagelneuen, topmodernen Bahnhof. Man betritt den Bahnsteig durch eine Tür des aus WaterlooSt. mir schon bekannten gläsernen Tunnels, der den Zug der Subway umschließt. Ein Escalator geleitet mich aus der in angenehmem Blau gehaltenen Bahnsteigebene in die darüber liegende riesige Halle aus Stahl und Glas.
Und dieser ganze Aufwand nur für mich!! Kein weiterer Mensch weit und breit zu sehen! Auf der ganzen Welt sind Bahnhöfe, ob alte oder moderne, bei Tag und Nacht voll von hektischer Betriebsamkeit - und hier nun eine hypermoderne Großstation in absoluter Stille wie in einer jenseitigen Welt.
Draußen sehe ich neben dem Bahnhof ein gigantisches Rundzelt von sicher 300 Meter Durchmesser. Ich zähle 12 Masten und schätze auf 12 seitlich aufragende Klimaanlagen. Das Zelt ist in demselben Blau gehalten wie die Station und der das Zelt weiträumig umgebende 3 m hohe Drahtzaun. Ästhetisch ist alles trotz der riesigen Ausmaße gut gelungen. Aber keiner kommt! Hier müssen Investoren total an den menschlichen Bedürfnissen vorbei geplant haben!
Die Planung war: Der Dome, so nennt man das Riesenzelt, und die sicher 10 ha große eingezäunte Freifläche sollten vor allem der Jugend alle Geräte, Einrichtungen, Spiele und sonstige Gelegenheiten zum Amüsement bieten. Eine Welt des Fun sollte hier entstehen, wie es sie noch nie zuvor gegeben hatte. Man rechnete mit starkem Zulauf: Mehrere Anlegestellen an der Themse gibt es im Gelände, Greenwich North Station wurde eigens hierfür gebaut, und Autobahnen wurden von Nord und Süd herangeführt.
Und dann stellte sich das alles sehr bald als Riesenflopp heraus. Das fürs Millenium erstellte Happening wurde nicht angenommen, und heute steht alles leer und verschlingt täglich Erhaltungskosten. Die Einwohner von Greenwich hatten einmütig gegen das Projekt gestimmt. Sie wollten für einen Teil der Kosten (Ges.-Kosten: 1 Milliarde Pfund) ein modernes Krankenhaus.
Ein SubwayBeamter taucht auf und gibt mir Auskunft, wie ich zum 4 Meilen stromabwärts gelegenen neuen Thames Flood Barrier gelangen kann. Nach 20 Minuten komme ich mit dem Bus dort an. 6 große Stützen stehen im Strom, zwischen denen Tore geschlossen werden können, wenn von der Nordsee her ein Flutstrom erwartet wird, der London mit Hochwasser gefährden könnte. Auf den Rat eines Einheimischen hin gehe ich zu Fuß den Footpath am Fluß entlang, um zurück zur Station zu gelangen. Die Sonne scheint und es herrscht gute Sicht, die Entscheidung ist gut. Rechts vom Fußsteig fließt mir die Themse entgegen, links befindet sich ein unübersehbar großes, etwas vernachlässigtes Gebiet für Lagerung von Massengütern, Schrott und kleine Industrien. MilleniumsVillage, eine neue Siedlung mit modernen Wohnanlagen, bietet Abwechslung, und dann kommt auch schon bald der Dome, das Riesenzelt, in Sicht und schräg versetzt dahinter die Wolkenkratzer von Docks Island. Ich erkenne jetzt, wie das Zelt formidentisch in den Knick des Flusses eingepaßt wurde, errichtet auf der von der Themse gebildeten Halbinsel, die eine Entsprechung der auf dem gegenüberliegenden Ufer befindlichen Docks Island ist, deren höchster Bau, der Canary Warf Tower, übrigens 254 m hoch ist.
Mit Jubilee eine Station zur Canary Warf Station; von dort mit der Docklands Light Railway (über der Erde fahrende Subway) sieben Stationen nach Greenwich (die Station Cutty Sark davor wäre richtiger gewesen). Greenwich hat noch kleinstädtischen Charakter. Nach halbstündigem Fußmarsch gelange ich an den Campus nebst Lehrgebäuden der Universität des Ortes, von Wren einst im 17 Jh. als das berühmte Royal Naval College errichtet. Das Hauptgebäude mit seiner barocken Fassade verläuft längs des Themseufers.
Zur anderen Seite hin liegt das benachbarte National Maritime Museum. Durch dessen großen Park hindurch steige ich auf den Hügel, auf dem das Old Royal Observatory liegt, eigentlich nur deshalb, um mich über den dort auf dem Hof eingezeichneten Meridian 0 stellen zu können; da ich dabei nach Norden schaue, bin ich mit dem linken Bein in der westlichen, mit dem rechten Bein in der östlichen Hemisphere.
Auf dem Weg zur Themse kehre ich in einem alten Pub der Kleinstadt ein für ein Stout. Die 2stöckigen Häuser sind in Reihe aus rotem Backstein gebaut. Dann besteige ich ein Schiff, das mich zur Embankment Pier bringen soll. Erstaunlich, wie dicht fast in der gesamten Länge meiner Fahrt die Themseufer mit mehr oder weniger hohen Wohnanlagen bebaut sind, von herkömmlicher bis hochmoderner Bauart, überwiegend aus braunem Backstein. Ganz nah kommen wir an Docks Island und seinen Hochhäusern entlang, heute offensichtlich ein Viertel, was ganz in ist.
Am Abend habe ich die Elektra in der Royal Opera Covent Garden. Einen exquisiten Platz habe ich dazu: 1. Reihe im Parkett, rechts. Ich habe Einsicht in den Orchestergraben. Das Parkett des Theaters hat fast einen kreisrunden Grundriß. Wenig darüber befinden sich die Logen; dann kommen zwei Ränge, von denen der obere sich sehr in die Tiefe hinein erstreckt (am Montag werde ich mir selbst eine Anschauung verschaffen). Über den Rängen schließlich noch kleinere Galerien.
Die Oper wird gut angenommen. John Tomlinson, der die Partie des Orest singt, ist am Ende ein echter Racheengel. Außer ihm kenne ich noch den Sänger des Ägistos, Siegfried Jerusalem. Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme ganz so, „wie es sich gehört“: Werkgetreu, weil der Regisseur sich ganz in den Dienst von Komponist und Librettist - nicht anmaßend über beide - stellt. Wie wohltuend, wenn man sich mal nach dem Theaterbesuch richtig gehen lassen kann, ohne sich pausenlos Gedanken machen zu müssen, was der Regisseur sich hierbei und dabei wohl gedacht haben mag, oder sich gar über die Regie in die Haare zu kriegen.

Samstag, am 5. April 2003

Nach dem üblichen English Breakfast mit anschließender Lektüre der Times im gemütlichen Salon breche ich auf, um über Shephers´s Market und Shepherd´s Street nach Hyde Park Corner zu gehen. Es ist wie fast immer während meines Aufenthalts in London ein sonniger Tag, und gegen den recht kühlen Wind fühle ich mich mit Pulli und BarburJacke gut gewappnet.
Ich möchte heute mit den 2stöckigen Autobussen auf SightSeeingTour gehen. Sie starten vor dem großen Hilton, gegenüber vom WellingtonDenkmal. Meine erste Tour führt auf der Knightsbridge Road entlang, vorbei an Harrods und am südlichen Rand des Hyde Park. Wir sehen die Royal Albert Hall und das Albert Memorial und gelangen nach Kensington. Die vielen Kaufhäuser!
Am Westrand der Kensington Gardens verläuft die Palace Green, die „Straße der Millionäre“, eine Wohnzeile neben dem Kensington Palace, in der man in stattlichen 2 bis 3stöckigen Villen auf parkähnlichen Gartengrundstücken in einer splendid isolation lebt. Die Straße ist abgesperrt für normales Publikum. Für eine dieser Villen sollen jüngst 66 Mio. Pfund gezahlt worden sein (solche Geschichten erzählen Fremdenführer zu gerne). Es herrscht hier ein ganz anderes Flair als z.B. in Beverly Hills, dem Millionärsviertel von L.A.
Der Bus biegt danach in Richtung Nord ab in die Kensington Church Street. Kleine Nebenstraßen mit sehr gepflegten Reihenhäusern, 2- bis 3-stöckig und alle als Hotels genutzt, gehen nach links ab. Wir sind in Notting Hill. Um die Hotelgäste nicht zu stören, stellt unsere Führerin das Mikrophon ab.
Der Bus biegt in die Bayswater Road ab und fährt am nördlichen Rand der Kensington Gardens bzw. am Hyde Parkes entlang. Die Guide macht aufmerksam auf den Diana Princess of Wales Playground für Kinder, im Jahr 2000 eingerichtet, und den dahinter liegenden Kensington Palace.
Am Marble Arch wechsele ich den Bus, um eine Fahrt durch die City zu beginnen. Zunächst geht es über Grosvenors Square mit der scheußlichen amerikanischen Botschaft. Hier sind wir im Center von Mayfair. Weiter über Piccadilly Circus, Trafalgar Square, Parliament, über die Themse, vorbei an Royal Festival Hall, am London Dungeon entlang, über Tower Bridge zurück auf das Nordufer, jetzt durch die Straßenschluchten der City zu der 62 m hohen Feuersäule, die hier von Wren errichtet wurde zum Gedenken an folgende schreckliche Geschichte: 1666 war hier ein Feuer in einer Bäckerei ausgebrochen, das im Laufe der nächsten Tage die gesamte City erfaßte und in Schutt und Asche legte. 13.000 Häuser und 87 Kirchen wurden ein Opfer der Flammen. Weiter geht es durch die Fleet Street, später zur Westminster Abbey, am St.James Palace vorbei und durch die St. James Street bis zur Green Park Station. Hier verlasse ich den Bus, um mich ins Hotel zu begeben für eine kurze Erholung.
Danach fahre ich zur Waterloo Station, um mich nach dem Eurostar, dem durch den Kanaltunnel geführten Zug London - Paris zu erkundigen.
Es handelt sich dabei um ein ganz spezielles BahnSystem, ähnlich dem AVE, der Sevilla mit Madrid verbindet. Diese Züge sind besonders komfortabel, sind um ein Drittel schneller als der ICE, haben eigene Bahnhöfe und müssen mit Platzkarte frühzeitig reserviert werden. Ein Blick gelang mir von der normalen Waterloo Station auf die schnittige Form eines Eurostar. Eine Wochenendfahrt London - Paris - London kostet nur 90.- Euro. Die Fahrzeit für eine Strecke beträgt 3 Stunden!
Am Abend gehe ich ins Konzert in St.Martin-in-the-Fields: Die Vier Jahreszeiten und Gloria in Deo von Vivaldi; Ankunft der Königin von Saba und Wassermusik von Händel. Ich genieße die wundervolle Akustik in dieser Barockkirche.

Sonntag, am 6. April 2003

Ich habe mir gestern eine Erkältung auf dem Oberdeck der Sight Seeing Busse geholt. Deshalb komme ich erst spät aus dem Hotel, um mich auf den Weg zu machen zu Speakers Corner im Hyde Park. Ich treffe dort drei Redner an, die quasi ohne Publikum ins Leere reden. Vier weitere Redner erregen Interesse. Da ist zunächst einmal ein komischer Kauz, der über alles Mögliche kreuz und quer faselt; er quatscht ab und zu einzelne Umstehende direkt an, um sich in deren Landessprache mit ihnen zu unterhalten. Nur, weil er so liebenswürdig bei allem ist, hört man ihm zu. Dann ist da eine engagierte Christin, die auch das Gespräch mit den vielleicht 20 Zuhörern sucht. Ein gemütlicher kleiner Brite spricht über Innenpolitik und geht sehr lieb auf jede Zwischenfrage ein.
Und dann steht da ein schwarzer Muslim, umstanden von 6 ebenfalls schwarzen Bodyguards, die fußlange schwarze Ledermäntel mit Emblemen auf Brust tragen. Mindestens 50 Zuhörer lauschen still ergeben. Der Muslim verkündet: Der Teufel hat begonnen, die Welt zu regieren. Es ist Bush, der Massenschlächter. Er ist angetreten, um die muslimischen Nationen auszurotten. Blair ist der Hauptgehilfe dieses Teufels, und jeder, der nichts gegen diese beiden Teufel in Menschengestalt unternimmt, macht sich zum Helfer Satans. Die Bodyguards rufen von Zeit zu Zeit beifällig aus: Ok!, Thats right! Mich schüttelts vor Grausen. Meine Bitte, eine Frage stellen zu dürfen, wird abgetan mit einer Handbewegung. Also wende ich mich an die Umstehenden und verkünde laut: „Der Teufel steht dort. Er ist mit seiner Sprachgewalt, seinem teuflischen Charisma und seiner Volksverhetzung wie ein wieder erstandener Hitler, und seine ihn umstehenden Komplizen sind so etwas wie die SS.“ Einer von diesen löst sich aus der Gruppe und kommt drohend in meine Nähe. Das Publikum hat Verständnis für meine Worte.
Es wird mir kalt, und ich fahre zur Tate Britain an das Themseufer. Die ausgestellten Bilder wechseln ständig, da nur 21% des Fundus an den Wänden Platz finden. Eine Ausnahme machen die Bilder von Turner, für die eine Erweiterung der Galerie geschaffen wurde, in der diese Bilder permanent ausgestellt werden. Es sind sicher über hundert Ölgemälde Turners, alle im großen Format; Die Themen sind Mythos, Historie, Landschaften, Flotten auf dem Meer. In seinem zweiten Lebensabschnitt (Turner ist 1851 gestorben) scheint er den kommenden Impressionismus vorauszuahnen: Er widmet sich der Darstellung von Licht; und etwa 20 unvollendete Bilder, an denen er offensichtlich simultan gearbeitet hat, zeugen geradezu von einer Schaffenswut.
Am ersten freien Abend leiste ich mir ein Abendessen im nahe bei meiner Unterkunft gelegenen Connaught Hotel in der Mount Street. In dem großen Speiseraum, an den Wänden mit Mahagonie getäfelt und die Decke mit Stuck verziert, nehme ich ein Menü zu mir, das besteht aus KrabbenParfait, Seezunge mit Spinat und ganz kleinen Frühkartoffeln von der Kanalinsel Jersey, zum Schluß vier englischen Käsesorten als Dessert (Stilton, Sheddar, ein Ziegen- und ein Weichkäse). Dazu eine halbe Flasche Burgunder.
Das war einmal etwas anderes. Ich habe mich sonst tagsüber von Mandarinen, Snaks und Stout ernährt.

Montag, am 7. April 2003

Ich fühle mich schon etwas besser. So kann ich 12 Karten schreiben und über den Concierge die Bestellung einer Karte für die heute Abend in Covent Garden gespielte Butterfly betreiben.
Danach fahre ich in die Brompton Street, um zwei Cashmir Pullover für mich zu kaufen. Sie kosten hier nach meiner Meinung nur die Hälfte im Verhältnis zu deutschen Preisen. Dagegen bezahlt man für eine ganz ordinäre Bratwurst am Stand 2.50 Pfund. Das ist dreimal so viel wie bei uns.
Die Verkäuferin, deren CashmireGeschäft ich schon das dritte Mal während meines L.-Aufenthaltes betreten habe, verabschiedet mich mit den Worten, „wir werden uns sicher bald wieder sehen“.
Nach diesem erfolgreichen Shopping suche ich in mehreren Spezialgeschäften nach einem Armband für meine CasioUhr. Bis in die Carnaby Street gelange ich. Doch umsonst! (Im Kaufhof, Hannover, wird man es mir montieren.)
Meine Brille ist weg! Ich muß sie beim Anprobieren der Pullis abgelegt haben! Mit tube zurück ins CashmireGeschäft. Die Verkäuferin und ich durchwühlen den Tisch. Nichts! Da entdecke ich die Brille in der Hosentasche. Die Verkäuferin strahlt. „Hab´s doch gleich gesagt, wir sehen uns bald wieder“.
Im Henry trinke ich noch ein Stout; dann genieße ich eine Ruhepause im Hotel. Am Spätnachmittag fahre ich mit der PiccadilliLine die drei Stationen bis Covent Garden, bummele noch etwas über den Market, kehre kurz in ein französisches Kellerlokal für einige Stückchen Käse mit einem Glas Rotwein ein und begebe mich dann (zum zweiten Mal während meiner Londonreise) in die Covent Garden. Mein Sitzplatz ist heute Upper Amphitheater, das heißt im obersten Rang, letzte Reihe. Ich habe das Gefühl, die Bühne in 100 Meter Entfernung vor mir zu haben. Aber ich bemerke schon beim Stimmen der Instrumente, daß hier oben eine ganz ausgezeichnete Akustik herrscht. Selbst mein digitales Diktiergerät nimmt Ouvertüre und Teile des ersten Aktes sehr gut auf.
Die Inszenierung ist wieder werkgetreu. Pappano dirigiert.
Nach der Oper fahre ich sogleich ins Hotel, wo ich zu sinnieren beginne: Drei Aufführungen von Oper bzw. Theater habe ich heuer in London erlebt. Alle diese Aufführungen waren stimmig, so daß ich Sprache bzw. Musik ohne die geringste Verärgerung genießen konnte.
Und in Deutschland ist Werktreue kaum noch gefragt. In der Hannoverschen Oper gibt es so gut wie keine Neuinszenierung mehr, in der die Aussagen des Librettos übereinstimmen mit der Aktion der Sänger. Das verärgert den Besucher umsomehr, als ihm irgendein Hohlkopf dann in einer Besprechung noch weismachen will, man müsse eben mit der Zeit gehen, das sei moderne Auffassung des Stückes, man könne doch einem mündigen Publikum nichts Verstaubtes zumuten. Dazu tritt noch die anmaßende Auffassung eines Intendanten, das hannoversche Publikum müsse umerzogen werden. Ich sage dazu ganz schlicht: Fast alle in der Oper von Hannover seit 2001 tätigen Regisseure sind Leute, die vielleicht vom Sprechtheater etwas verstehen, im Musiktheater aber ungebildet sind und sich auch nicht fürs Gesamtkunstwerk Oper interessieren. Ein Intendant, der solche Menschen einlädt, muß wohl aus gleichem Holz geschnitzt sein.

Dienstag, am 8. April 2003

Mein Flug geht um 17.50; deshalb habe ich mein Zimmer bis 15 Uhr reservieren lassen. So kann ich nach dem Frühstück noch geruhsam in die National Gallery fahren. Hier sehe ich mir noch einmal wie vor Jahren die europäische Malerei vom 17. bis 20. Jh. an.
Danach fahre ich mit der Piccadilly Line zum Airport Heathrow. Neben mir sitzt ein Engländer um die 40, ihm gegenüber seine Freundin (könnte Afghanerin sein), die unaufhörlich auf ihn einschwatzt. Ich konzentriere mich um herauszufinden, was für eine Sprache sie spricht. Englisch? Ganz ausgeschlossen! Aber auch sonst keinerlei Anhaltspunkte. Weder slawische noch sonstige europäische Laute, nichts Asiatisches oder Afrikanisches. Als das Paar den Zug verläßt, frage ich die um mich sitzenden gentlemen: „Should it be English, what she was speaking?“ Unter Grinsen nicken die Männer mit dem Kopf. Ich sage: „But for me it was´nt even cockney“! Brüllendes Gelächter ist die zustimmende Antwort.
Beim Einschecken sagt mir die Schalterbeamte: Warten Sie hier im Warteraum, bis man Ihnen über die LautsprecherAnlage das Gate mitteilt. Ich warte entspannt eineinhalb Stunden, bis meine Flugnummer mitsamt Gate aufgerufen wird. Ich springe auf, renne los und treffe auf eine Riesenschlange von Passagieren, die auf die Abfertigung in der Sicherheitsschranke warten. Und in einer halben Stunde geht mein Flieger! Und mein Billigflug verfällt, wenn er nicht genutzt wird! Und es ist schwer, eine Maschine nach H. zu finden, denn dort ist Messe! Und morgenfrüh um 9 Uhr steht Ibrahim aus Südindien vor der Wohnungstür, dem ich Hannover zeigen möchte!
Dem amtlich bestellten SchlangenKontrolleur sage ich verzweifelt, daß ich meine Maschine bestimmt nicht kriege, wenn ich mich hinten anstelle. Dennoch weist er mich an das in jeder Sekunde anwachende Ende dieses schrecklichen SchlangenMonstrums. Mit hängendem Kopf gehe ich nach hinten. Da hat dieser Mensch plötzlich ein Einsehen, er winkt mich nach vorn in den letzten Knick des Ungeheuers, und ich rase nach dem Sicherheitsscheck wie ein Verückter die Hunderte von Metern in mein Gate. Last call, ertönt es! Mit dieser AdrenalinKur endet meine LondonReise 2003.

BeinaheTragödie auf Airport Heathroad.

 

 

   

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