Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Irisches Tagebuch

29. April bis 15. Mai 1999

Kinsale, am 30. April im Perryvillehouse
Was die Leute erzählen! In Irland regne es fast immer, und der Südwesten sei von Touristen überlaufen! So war die Reisegruppe, das sind Kay und Frau Nicole, Kay´s Vetter Dieter und FrauMelitta, eingestellt.
Und eine sommerliche Sonne ließ den rings herum in mächtigen Gruppen stehenden Stechginster in dunklem Gelb erstrahlen, als sie nach dem Flug über Dublin vom Flughafen Cork im gemieteten Wagen nach Süden fuhren. Touristen sind sie nicht begegnet.
So kam die kleine Reisegesellschaft in bester Laune in Kinsale an. Der Ort liegt an einer geschützten Einbuchtung der keltischen See. Die westlich verlaufende Küstenstraße erstreckt sich vom Ortseingang bis zum Anleger der Fischer. Dorthin machte sich Dieter am Abend auf. Aus der Tiefe des Unterdecks eines modernen Fischkutters wurde tonnenweise die Ausbeute einer Woche, in Kisten zwischen Eis geschichteter und marktfertig sortierter Fisch, mittels Ladebaum direkt in einen geräumigen Kühllaster gehievt. Gnadenloses Zusammenspiel von schwimmender Fischfabrik und Vermarktung der gefährdeten Seefischbestände auch hier!
Vom gediegenen Perryville House war die Familie zuvor durch die engen Straßen des gepflegten Ortes spaziert, wo die in leuchtenden Farben erstrahlenden Fassaden der hübschen Häuser auf den Wohlstand eines im Sommer von den Reisenden gut angenommenen Ferienzentrums schließen lassen. Ein Feinschmeckerlokal reiht sich ans andere. Der davon ausgehenden Verlockung gaben sich die Neuankömmlinge - dem Lebensgenuß durchaus zugeneigt - bewußt hin, und man fand unter dem überwältigenden Angebot mit sicherem Instinkt das ansprechende kleine Restaurant „Lord of Landsdale“ heraus, wo man in köstlicher Sauce angerichteten Austern, Seafood und einer halben Ente in Aprikosen zusprach; auch italienischer Chardonney floß reichlich.
Ein fröhlicher Einstand in dem von der reiseerfahrenen Gruppe neu zu entdeckenden geheimnisumwitterten Reiseland!

Bei Baltimore, Rathmore House, am 30. April
Abermals ein sonniger, fast windstiller Tag. In Irland ist eben alles ganz anders; selbst die Reiseberichter irren, wenn sie über das Land Auskunft geben. Auch unsere Vierergruppe wird eine subjektive Einstellung haben, wenn ihr zunächst auffielen: Die sehr englisch, etwas pipsig eingerichteten Hotels mit den steilen, viel zu schmalen und mit Stufen ausgerüsteten Treppen, die mehr den Sprossen einer Leiter gleichen; die etwas wortkarge, aber sehr freundliche Bevölkerung; die schroff zum Atlantik abfallenden Klippen mit den an sie heranreichenden, vom Sonnenschein in intensives Grün getauchten Wiesen, über die nach kurzer Zeit niedrige Wolken vom Meer heranziehen und die ganze Landschaft in mystischen Nebel tauchen. Entsprechend schnell wechseln die Temperaturen.
Dieter hat die Aufgabe des Fahrers übernommen. Es ist nicht der Linksverkehr, der ihm zu schaffen macht. Aber die Straßenführung ist gewöhnungsbedürftig. Die Nebenstraßen sind kurvig, oft von den Blick verstellenden Steinmauern und Hecken gesäumt und so eng, daß Dieter es zunächst vorzieht, bei Gegenverkehr geduldig am Straßenrand zu warten, bis der andere vorbeigefahren ist.
Aber das über Irland liegende kräftige Hochdruckgebiet beschert Windstille und trockene Straßen und läßt die anfänglichen Verkehrsprobleme schnell vergessen. So kommen die Reisenden bald in die Lage, alle Sonderheiten des Landes mit Neugier zu studieren und mit Gelassenheit zu akzeptieren. An diesem Tag bricht die Reisefamilie nach einem normalen Breakfast in den unten gelegenen bürgerlichen Prachträumen zu kommoder Zeit auf, um den flotten BMW mit dem viel zu engen Laderaum nach Süden zum Leuchtturm Old Head of Kinsale zu steuern. Der neben Dieter sitzende Kay hat inzwischen erfolgreich die Funktion des Couchers übernommen und leitet den Fahrer, dann und wann aufmunternde Bemerkungen einfließen lassend, anhand der Karte sicher zu den vorgenommenen Zielen. Als sie am Leuchtturm ankommen, zieht eine graue Nebelwand dicht über dem Meer heran und läßt die Lufttemperatur merkbar fallen. Zwei Segler kommen von Ost her auf, der eine hat volles Tuch gesetzt.
In Clonakilty, dem Dorf mit den angeblich engsten Straßen Irlands, wird im Supermarkt fürs Picknick eingekauft, das auf dem Lande, inmitten eines Pferdezuchtgebietes, eingenommen wird; das Auto ist derweilen an dem einspurigen Landweg am Eingang zur Farm von John und Barbara geparkt.
Die Fahrt führt weiter an zahlreichen tief eingeschnittenen Meeresbuchten vorbei bis Baltimore, einen kleinen Ort an einer weit ausgeschwungenen, total geschützten Bucht. Die Fähre ist gerade im Begriff, abzulegen und ihre Passagiere überzusetzen zur am Ausgang der Bucht liegenden Sherkin Island. Dieter verzichtet auf die Mitfahrt, weil der Fährverkehr nur im Bereich der Bucht verläuft; der Fastnet Rock, die berühmte Umrundungsmarke bei der längsten Segelregatta des Admirals Cup, ist wegen des starken Dunstes über See nicht zu sehen - auch nicht von den hoch gelegenen Klippen gegenüber Sherkin Island. So erfreut sich die Familie mit dem Gang über die exponierte, durch eine unzugängliche, konisch geformte Landmarke - dem "bacon" - weit von See her erkennbare Huk, die den Eingang zur Bucht von Baltimore bildet. Auf dem Platz in Hafennähe und anschließend vor dem heutigen Quartier mit dem herrlichen Blick über die Bucht von Baltimore wird die irische Sonne genossen. Ein einfaches Dinner ist für 19 Uhr bestellt.

Blairs Cove House bei Durrus, am 1. Mai
Eine windstille Nacht mit Vollmond über der Bucht von Baltimore ließ Medi und Dieter die Beschwernisse im winzigsten Zimmer des Rathmore House vergessen. Von der Hausherrin erfuhren sie, daß deren Mann dieses Hotel im Stil eines alten Herrenhauses in der besten Lage von Baltimore erst vor 11 Jahren hat errichten lassen.
Die Gruppe brach nach einem anständigen Breakfast zur Weiterfahrt auf. Die Route folgte zunächst der Regionalstraße 595, die man am gestrigen Tag schon gefahren war, bis Skibbereen. Weiter über Balydehob bis Skull. Ein Stop am Hafen von Skull: Drei der modernen, kurz und kentersicher gebauten Fischkutter, deren Besatzungen trotz des Feiertages Netze ordneten und knüpften; mehrere Segeljollen wurden zu Wasser gelassen für eine Regatta. Es herrschte gerade Niedrigwasser, und der in kleinen Häfen so typische Geruch von Algen erfüllte die Luft.
Weiter über Toormore und Goleen nach Mizen Head. Die Weiden werden hier weniger; das Land wird zunehmend hügelig und felsig. Auf dem Sandstein ist Stechginster angesiedelt, dessen leuchtendes Gelb im Kontrast zu dem schwarzgrauen Untergrund steht.
Auf dem Weg ein Stop in einem Cafe, den Dieter für einen Gang an den Rand einer Bucht nutzte. Er entdeckte eine KatamaranYacht auf dem Schlick des Wattenmeeres, die umgeben war von um das Schiff herumstehenden und liegenden Kühen. Ein Austernfischer und zwei Große Brachvögel suchten auf dem Watt nach Würmern.
Mizen Head, das auf dem südlichsten der fünf Finger SWIrlands liegende Kap, trägt ein Richtfeuer mit 23 sm Tragweite. Der Weg geht auf einer Brücke über einen schrecklichen Schrund inmitten steiler, vielleicht 40 Meter hoher schwarzer Sandsteinklippen. Danach: Picknick über dem Barley Cove und Weiterfahrt auf dem gleichen Weg zunächst bis Toormore und entlang der Dunmanus Bay bis zum Blairs Cove House.

Blairs Cove House, am 3. Mai
Das Haus ist ein ehemaliger Herrensitz am Ende der Bucht von Dunmanus, die zwischen den beiden südlichen Fingern von SWIrland liegt. Der Bau besteht aus dem im Stil eines englischen Landhauses errichteten Hauptgebäude, das in einem gefälligen Hellblau verputzt und von parkartigem Rasen eingefaßt ist. Dahinter umschließen drei alte Flügel, deren aus dem hiesigen grauen, geschieferten Sandstein erstellten Wände trutzig und abweisend wirken, eine gepflegte Rasenfläche mit Sträuchern. Alle Bauten stammen aus dem 18. Jahrhundert, deren Stil nach den drei aus dem Haus Hannover stammenden englischen Königen jener Zeit georgianisch genannt wird. Auf dem schmalen Wiesenstreifen zwischen diesen Häusern und der Bucht weiden zwei elegante Reitpferde, die von den halbwüchsigen Kindern des Eigentümerehepaares gepflegt und geritten werden.
Unsere Reisegesellschaft ist in dem alten Gebäude in Suiten untergebracht, wie sie entgegengesetzter nicht sein können: Gediegengemütlich die eine, nüchternmodern die andere. Die Hauptmerkmale der letzteren sind die vom karg eingerichteten Wohn- und Küchenbereich in den Schlafbereich mit großem Bett, Klo und Duschgang führende Treppe und die beide Etagen zur Bucht hin verbindende - den Charakter dieses Bauteils bestimmende - Glasfront. Eine Empore befindet sich im unteren Geschoß, und im Obergeschoß ist ein Viertel der Zimmerdecke in Richtung Bucht ausspart. Ein Gitter bildet hier den Abschluß.
Die Wirtin erklärte diese zunächst absurd wirkende Konstruktion und Einrichtung: Es war nicht genug Platz vorhanden. Medi und Dieter empfinden die unwohnliche Atmophäre jedoch angesichts der schönen Lage des Cove am Meer und inmitten eines Farmgeländes keineswegs als Einbuße und genießen die auf ihren bisherigen Reisen nicht übliche Fahrtunterbrechung in ländlicher Idylle.
Seit einer Woche schon hat es hier nicht geregnet. Ein Wunder, wie Einheimische berichten.
Die Gruppe hatte sich entschlossen, gleich am Tag nach der Ankunft den Ring of Beara auf der Halbinsel Cana (auch Beara genannt) zu befahren. Die Küstenstraße bot vielfältige Ausblicke: Im Bereich der Ansiedelungen begeistern blühende Sträucher und exotische Bäume in den großzügig angelegten Gärten. In der hügelig aufgefächerten Landschaft wechseln der im Sonnenschein erstrahlende Ginster mit karstig zerklüfteten und düsteren Felsen. Am Ende des Fingers von Cana liegt Garnish Point, wo Dieter zusammen mit einer lustigen Gruppe von Leuten aus Birmingham die nostalgische Cable Car nach Dursey Island bestieg: Klapprig ist die Konstruktion von Stützpfeiler und Seil, und ein Bretterverschlag bildet die Kabine, die eher wie ein Hühnerstall wirkt. Eine mitfahrende Dame aus Bayern erzählte, am Vortag seien hier eine Kuh und ihr Kälbchen transportiert.
Schon bei der Fahrt entlang der Südküste der Halbinsel Cana war die Reisegruppe in eine Ralley geraten; bei der Rückfahrt entlang der Nordküste wurde die Whooling von Teilnehmer- und Zuschauerwagen immer größer, bis schließlich vor Kenmare garnichts mehr ging. Im Stop-and-Go-Verkehr brauchte man für die letzten vier Kilometer drei volle Stunden. Eine endlose Warteschlange stand vor der Abbiegung nach Kenmare; auf der anderen Fahrbahn kamen einzelne Fahrzeuge aus der Gegenrichtung; dann wieder rasten Teilnehmer der Ralley auf dieser Spur in Richtung Kenmare. Die Familie sah mit ihrem deutschen Ordnungssinn in all dem ein grenzenloses Chaos.
Schließlich kamen ein von der Anspannung des konzentrierten Fahrens erschöpfter Dieter und die von seinem ununterbrochenen Gefluche völlig entnervten Mitfahrer pünktlich zum Dinner im Cove an. Es wurde gut gespeist und sehr gut getrunken, wobei Dieter sich den wohlverdienten Festrausch zulegte.
Der folgende Tag sollte ein Ruhetag werden. Nur Dieter erkundete einen Rundgang, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite an Gehöften vorbei den Hang hochführte und einen Rundblick über die Bucht bot. Auf dem Weg begegneten ihm in kurzem Abstand erst eine einzelne, dann zwei junge Irinnen. Nach einer halben Stunde traf er dieselben Frauen erneut, und wie zuvor gab es ein Kurzgespräch.
Dieter erarbeitet unterwegs einen Limerick:
Four people wanted to visit the ring
of Mizen, Beara, Kerry and Dingle.
In Munster`s countries
they found Irish mysteries.
Their glory our people in poems will sing.

Blairs Cove, am 4. Mai
Die Gruppe hat sich inzwischen auf einen Rythmus eingelebt: Nach ruhigen Nächten im ungemütlichen Apartement gehen Melitta und Dieter zu Nicole und Kay ins aufgewärmte, behagliche Wohnzimmer, um das Frühstück einzunehmen. Der Blick aus dem großen Fenster nach Südwest über die voll im grün glänzenden Gras stehenden Wiesen und über die Länge der DunmanusBay bereichert die Mahlzeit. Dann wird etwas in der Umgebung gewandert; heute wird z.B. unter Beteiligung aller vier der Rundweg am gegenüber liegenden Hügel begangen; mittags wieder Einkehr „Chez Kay et Nicole“ mit anschließender Mittagspause; am Nachmittag kleine Unternehmungen wie Einkaufsfahrt nach Durrus; das Abendessen wird wieder bei N. und K. eingenommen.
Dieses ist der sechste Reisetag, und es hat noch nicht einmal geregnet. Es scheint, als sei alles böse Propaganda, was über den ständigen Niederschlag in Irland verbreitet wird.
Die kleine Gruppe versteht sich gut. Vor allem die Frauen stimmen immer überein in allen wichtigen Dingen des Lebens; und die beiden Vettern hegen trotz weit auseinander gehender Einstellungen auf manchen Gebieten eine tiefe familiäre und wohl auch freundschaftliche Sympathie füreinander, die sie immer wieder schnell ein Grundverständnis für den anderen finden läßt. Wenn Kay sich zu einem zweistündigen Spaziergang, den er seit 25 Jahren nicht mehr gemacht hat, breitschlagen läßt und hinterher sogar noch fröhlich zu scherzen in der Lage ist, denkt Dieter mit Freude an die noch vor ihnen liegende Reisezeit.

Blairs Cove House, am 5. Mai
Bantry ist ein kleines Landstädtchen mit einem rechteckigen Hauptplatz, von dem aus man in zwei geschäftige Einkaufsstraßen gelangt. Der Supermarkt mit all seinem Angebot von frischem Gemüse, Obst, Fleisch und Fisch hat es den beiden Frauen angetan. Hätte man ihn von Anbeginn an gekannt! Nicht auszudenken die kulinarischen Genüsse, die die Küchenkünstlerinnen gezaubert hätten.
Bantry House, der Landsitz aus dem Anfang des 18. Jht., ist zur Anhöhe hin von einem weiträumigen Garten von Rhododendron, Glyzinien, Climatis, Kamelien und weiter von dichtem Waldbestand exotischer Bäume gesäumt. Fünf Gärtner sind emsig beschäftigt, um die Ordnung im Garten zu erhalten. Die große Rasenfläche, von einer weitgeschweiften Steinsäulenbrüstung umgeben, gibt den Blick über die Bucht von Bantry bis zur Isle of Bear frei.
Der Sitz wurde von den (offenbar englischen) Whites erworben, die sich im Kampf gegen die Irland mit einer Invasion bedrohenden Franzosen bewährten und deshalb zu Earls of Bantry geschlagen wurden. Nach vier Generationen starben die Earls aus, und heute bewohnt eine Nebenlinie dieser Familie einen Teil des Hauses.
Das Unerwartete ist eingetreten: Seit heute herrscht das angekündigte irische Wetter. Über den Himmel ziehen langsam schwere Wolken. Das Licht wechselt ständig. Mal reißt die Wolkendecke auf, und man erwartet den Austritt der Sonne aus dem fahlen Himmel; schon Augenblicke danach wird´s dunkel, und leichter Niederschlag fällt aus. Die Bewohner nehmen das ganz gelassen; man sieht keinen Regenschirm und keine Regenkleidung. „It´s not so bad“.
Im ´Connor´s kehren die Vier ein zu einem Snack von Austern in Knoblauchbutter und Prawns.
Nach der Rückkehr werden bei Kay und Nicole am Kamin in gemütlicher Weinrunde allgemeine und besondere, sachliche und persönliche Dinge aufgearbeitet.
Blairs Cove House, am 6. Mai
Den Vortag des Aufbruchs von diesem Cove nutzen die Reisegefährten zum Kartenschreiben, Klöhnen und Lesen. Einigkeit über die weitere zu wählende Route wird zwischen den Mänern auf sehr diplomatische Weise und manchmal unter Einbeziehung der Frauen erreicht; auf daß niemand den anderen dominiere! So soll der Ring of Kerry auf der Halbinsel Iveragh in verkürzter Version durchs Gebirge erlebt werden; und auch die Halbinsel Dingle soll nicht bis zur äußeren Spitze gefahren werden.
Nach einem von Nicole gezauberten köstlichen Restemahl und einem Schläfchen begibt sich Dieter noch einmal auf den „Ring of Blairs“ gegenüber vom Cove und verlängert ihn infolge eines Irrtums noch einmal um die Hälfte. Nicht so schlimm; ein knorriger irischer Bauer tröstete ihn nach über einer Stunde Wegs „at most one mile more“.

Vor Killorglin am Lake Caragh im Carrig House, am 7. Mai
Von der Grafschaft Cork, in der man die Hälfte der gesamten Reisezeit verweilte, ging es auf der Brücke über den Kenmare River (die Bucht zwischen den Halbinseln Caha und Iveragh) nach Kenmare, ein freundlicher kleiner Ort, in dessen beiden Hauptstraßen bunte Häuser mit Boutiken, Pubs und gemütlichen Restaurants den Touristen erfreuen. Die Grafschaft Kerry beginnt hier.
Es ist gut, daß die touristische Saison noch nicht begonnen hat; so gibt es bei bei der Weiterfahrt auf dem ersten Teil des Ring of Kerry keine Verkehrsprobleme. Schon hinter Templenoe verläßt die Familie den Ring of Kerry, um die Halbinsel über die eindrucksvolle Bergstraße zu queren, die an den Macgillycuddy`s Reeks mit der höchsten Erhebung Irlands (1041 m) vorbeiführt. Auf der Paßhöhe Balaghbeanna Gap mit 259 m Höhe hat man das Gefühl, auf einer Alpenstraße über 2000 m Höhe zu fahren; nur spärliche Vegetation ist auf den wuchtigen Berkuppen zu sehen. Schafe ziehen in kleinen Gruppen mit ihren noch ganz jungen Lämmern am Straßenrand entlang.
Nicht einfach ist es, die Abzweigungen des hier sehr dichten Netzes von Nebenstraßen zu finden. Kay erweist sich als gewissenhafter Coucher für den Driver Dieter, und ohne sich zu verfahren gelangt die Familie bald in die Hochebene, in der sich der CaraghSee, das Tagesziel, befindet. Man legt inmitten der moorigen Landschaft eine ausgiebige Picknickpause ein. Stechginster ist hier wieder reichlich vertreten und erfreut mit seinem unter den zeitweilig die Bewölkung durchbrechenden Sonnenstrahlen aufleuchtendem Gelb unsere fröhliche Gesellschaft. In dieser Region ist die Blüte noch auf dem Höhepunkt.
Schon am frühen Mittag langt man im Carrig House an, das direkt am See liegt und von einem üppigen Park umgeben ist. Der Wirt Frank, ein stämmiger Ire, empfängt die Neuangekommenden freundlich.
Den Landhäusern, die man bisher in Südwestirland aufgesucht hat, ist eines gemeinsam: Sie sind ganz auf den etwas versponnenen Lebensstil des typischen Engländers zugeschnitten. Ein gepflegter Park um das Haus ist ganz wichtig, und er sollte aus großen Rasenflächen und den edelsten Bäumen und Sträuchern der Region bestehen. Mehr oder weniger aufwendig gebaute Pavillons sollten an Stellen, die einen besonders schönen Ausblick oder behagliche Geborgenheit gewähren, zur Einnahme des 5UhrTees einladen.
Das Haus hat in außergewöhnlich guter Lage zu stehen, möglichst am Ufer von See oder Meer oder mit Blick auf Bergkulisse. Die Fassade mag im Stil der Region aus Naturstein bestehen oder farbig geputzt sein. Beim Betreten dieses so respektablen Gebäudes ist man zunächst erstaunt angesichts der von Repräsentation weit entfernten Vorräume: Das Empfangszimmer ist schlicht gestaltet, im Treppenhaus bemerkt man spätestens beim Schleppen der Gepäckstücke, wie schmal und steil die Treppen sind, die einem Weight Watcher schon Probleme machen würden. Als gutwollender Gast reagiert man, indem man sich diese Kuriositäten mit der sprichwörtlichen Bescheidenheit und Askese der Engländer erklärt. In den Aufenthalts- und Schlafräumen besticht dann wieder die Vorliebe für die so geschmackvollen englischen Stoffe: Sofas, Sessel, Bettüberdecken und üppige Fenstervorhänge geben beredt Zeugnis von der Freude an kostbarem Tuch und fröhlichen Farben von Blumenmustern. Jeder Raum ist selbstverständlich mit einem Kamin ausgestattet, der meist aber unbenutzt wirkt.
Die Englands Geschichte einst begünstigende Härte und Anspruchslosigkeit der Briten spürt man in jedem Landhaus: Für den verwöhnten Kontinentalbewohner beginnt mit dem Einzug in eines dieser gestylten Häuser eine gnadenlose Eiszeit, in der Füße und Hände ständig steif vor Kälte sind. Geheizte Räume sind verschwendetes Geld; wer das einige Tage erlebt hat, erlernt ungewollt selbst britische Anspruchslosigkeit.
Das Bad kann ausgestattet sein mit moderner Duschkabine und zusätzlich mit nostalgisch freistehender, gußeiserner Badewanne, deren Füße durchaus stilvoll auf einfach gestrichenem Bretterfußboden stehen, durch dessen Ritzen man Einblick in die Konstruktion der ehrwürdigen Geschoßdecke aus längst vergangener Zeit gewinnt.

Liscannor an der gleichnamigen Bay im Hotel dieses Namens,am 8.Mai
Beim Aufbruch aus dem Landhaus am Caragh Lake empfahl Frank als nächstes Ziel Liscannor, wo er selbst aufgewachsen ist. Als Story gab er noch mit auf den Weg: Die Anrainer des Lake Caragh seien lange Zeit die Briten gewesen. Inzwischen hätten die Deutschen die Briten verdrängt, und 95 Prozent des Ufers seien von ihnen bewohnt. Deshalb werde dieses Gebiet spöttisch als Klein Berlin bezeichne. Er, Frank, sei bis heute der erste Ire, der Besitz am See habe.
Nach diesem erfrischenden Bericht spannte Dieter die Pferde an, und ab ging die Fahrt zunächst über das erste Drittel der Halbinsel Dingle mit Aufenthalt an der Dünenhalbinsel Inch, den Dieter bei auflaufendem Wasser für einen halbstündigen Marsch entlang des herrlichen Strandes nutzte. Über Tralee auf der Nationalstraße 69 bis Tarbert und zur Fährstation, wo man nach einem guten Picknick - wegen des Regens im Auto eingenommen - sich gemeinsam mit anderen Wagen übersetzen ließ auf das nördliche Ufer.
Nach Passieren der Grafschaften Kerry und Limerick war nun die Grafschaft Clare erreicht. Nachdem in Kilrush die Ausfahrtstraße nach Norden endlich mit Hilfe eines vorwegfahrenden jungen Iren gefunden war, legte man auf Wunsch von Melitta eine Kaffeepause in einem etwas düsteren Pub an der Landstraße ein und erreichte am frühen Nachmittag in der Liscannor Bay das gleichnamige Hotel, in dem die Vier auf Wunsch von Chief Kay sich einlogierten.
Nach einem kleinen Dinner im gepflegten Restaurant Captains Deck wechseln unsere vier Reisenden in den „Old Irish traditional Pub Joseph McHugh“, wo schon Hochbetrieb herrscht. In dem ganz schmalen Gastraum vor der langen Theke gibt es keine Tische; einzige Einrichtung sind die längseits der Wand stehenden Bänke, auf denen für Melitta, Nicole und Kay gerade noch Plätze frei sind. Im Raum stehen etwa zwanzig Männer in Gruppen dicht beisammen, ihre Guinessgläser in der Hand und in immer lauter werdende lebhafte Gespräche vertieft. Dieter gelingt es zweimal, seinen walisischen Witz „Timbuktu“ anzubringen und erntet jedesmal herzlichen Beifall. Auch die Familie spricht den Stouts mit dem schwarzen Guiness kräftig zu, die Damen etwas zurückhaltender.
Bei Sonnenuntergang am Meer trifft Dieter auf einen angepflockten Ziegenbock und ein Ehepaar aus Tennessie, Ron und Chris, die ihren Sohn in Dublin besuchen wollen, der dort am Trinity College politische Wissenschaft lehrt.

Galway im Hotel Jurys Inn, am 9. Mai
Liscannor Bay ist eine kleine, nach Westen hin geöffnete Bucht am Atlantik. Die Strände bieten alle Möglichkeiten für moderne Sommerferien bis hin zum Wellensurf, der selbst in diesen kühlen Maitagen ausgiebig betrieben wird. Man sieht vereinzelt noch alte Ferienhäuser, doch sowohl in Lahinch wie vor allem in Liscannor werden Neubauten und ganze Ferienhaussiedlungen errichtet. Der boomende Tourismus ist hier allerorten zu spüren, und von der oft beschriebenen Armut der fünfziger Jahre ist in Irland bisher nichts wahrzunehmen.
Die Reisenden sind erleichtert über die wirtschaftliche Dynamik, die das ganze Land erfaßt zu haben scheint. Nach fast einem Jahrtausend Unterdrückung, Krieg und Bürgerkrieg scheint Irland nun endlich der Aufstieg zu einer eigenständigen und in Wohlstand lebenden Nation geöffnet. Die vergleichenden Zahlen innerhalb der EU belegen, daß der wirtschaftliche Aufschwung Irlands sogar den von Spanien z. Zt. noch übersteigt.
Bei dem Gang zu den Cliffs von Moher bläst ein Sturm aus Süd, der einen Ausflug entlang der steilen Abbruchkante nicht angeraten sein läßt. So bleibt die Familie innerhalb der begrenzten Wege und freut sich im Anblick der düsteren Felsenküste, daß eine Schiffahrt für sie in diesem unwirtlichen Gebiet nicht angesagt ist. Nicht einmal die Überfahrt zu den sichtbaren Aran Inseln wird erwogen.
In Doolin, dem Musikdorf am Atlantik, ist noch nicht einmal Vorsaison; aber es ist gut vorstellbar, welch ein Leben hier im Juli, August herrschen wird und welch Entwicklung zu einem modernen Badeort, ähnlich Liscannor und Lahinch, innerhalb weniger Jahre sich hier vollzieht.
Von Lisdoonvarne durchfährt die Familie den Burren: Flache Bergrücken aus schiefrigem Sandgestein, abgehobelt in der Eiszeit von den Gletschern. Und trotz der kargen Wirkung der grauen Berge sieht man zahlreiche Blumen aus kleinen Ritzen sprießen. Ein Dolmen wird besucht, der auf dem Gelände einer Farm steht.
Am Nachmittag kommt die Familie in dem an der Galway Bay gelegenen Hotel an, dessen Lage in dieser heiteren Stadt den Beschluß reifen läßt, auch den nächsten Tag hier zu bleiben.
Nach einem Bummel durch die Stadt bis zum zentralen Platz mit großzügiger Grünanlage kehren die Vier ein im FishfoodRestaurant McDonagh, in dem von 12 Uhr mittags bis in die Nacht frische Fischspezialitäten des Atlantiks bei ständig besetzten Tischen serviert werden. Die Familie gönnt sich Languste Thermidor mit Muscadet.
Am Abend verbringt Dieter zwei Stunden in einem überfüllten Pub, in dem die aufpeitschenden Rythmen der Irish Traditional Music die Gäste in Hochstimmung und begleitendes Händeklatschen bringen. Diese für irisches Temperament so typischen Reels und Gigs werden von einer DreierGruppe von Banjo, Concerteaner (MiniAkkordeon) und Baron (ein Trommelfeld ist über einen offenen Rahmen gespannt) gespielt.

Galway, am 10. Mai
Alle sind happy. Kein früher Aufbruch, kein stundenlanges Autofahren! Stattdessen Erlebnis dieser so bezaubernd in schützender Bucht liegenden Stadt. Das Hotel liegt am viel Wasser führenden Fluß, unmittelbar vor seiner Einmündung in die Hafenbecken am Ende der Bucht von Galway. Auf der anderen Seite der Bucht sieht man im Dunst die mächtigen Anhöhen des Burren, die den Eindruck von schlafenden Riesen vermitteln.
Nach einem schlankmachenden ContinentalBreakfast teilt sich die Familie: Die Damen machen sich zum Stadt- und Shoping-Bummel auf, Kay unternimmt einen Spaziergang am Fluß entlang und Vetter Dieter geht im stürmenden Wind über den Fluß, an den westlichen kleinen Hafenbecken und dann an der Küste entlang bis zu dem Punkt, von dem aus man im Westen den Ausgang der Bucht in den Atlantik sehen kann. Auf dem Weg trifft er fünfmal denselben Iren. Beim ersten Mal fragt er nach der Einwohnerzahl von Galway: Sixtythousend. Beim nächsten Mal bittet er um Auskunft, wo es aufs offene Meer gehe; die Antwort besteht in einer richtungweisenden Geste. Bei der dritten Begegnung bekommt der ängstlich eine weitere dumme Frage erwartende Ire zur Verblüffung zu hören: No more questions. Beide Männer lachen.
Zum Mittagessen wieder ins McDonagh, wo man schon am Abend zuvor festlich getafelt hat. Frischeren Fisch und frischere Muscheln kann es nirgends auf der Welt geben. Kay und Dieter holen zum Essen zwei pints und zwei halbe pints vom Pub schräg gegenüber. Die erstaunten Passanten bekommen von Dieter zu hören: „Frisch gezapfte Guiness Stouts für jedermann!“ Dankbar ist man hier für kleine jokes.
Nach der Mittagsruhe wagen Kay und Dieter einen Spaziergang am Fluß hinunter zur Bucht. Der Himmel ist grau verhangen, der Wind hat auf Sturmstärke zugenommen, und schließlich setzt auch noch Regen ein, dessen Tropfen waagerecht auf die Gesichter prasseln - durch die Wucht der Aufpralls fühlt es sich an, als würden Hagelkörner geschleuert. Kay konnte seine Gummistiefel auf diesem Gang einweihen; für Dieter endet das Minabenteuer mit nassen Hosen und Stiefeln.
Fürs Dinner begibt sich die Familie wieder ins McDonagh, wo Languste Thermidor, Krebsscheren und Krabbenschwänze verzehrt werden. Dieter geht anschließend in den Pub vom letzten Abend, wo er mit einem amerikanischen Ehepaar ins Gespräch kommt, das im State Washington zuhause ist. Er ist irischer Abstammung, und sie haben dieselbe Reiseroute wie die Familie. Man wird sich im Hotel in Dublin wiedertreffen.
In der Nacht fegt ein Sturmtief über Galway hinweg und treibt Regen sogar durch den Schlitz des Schlafzimmerfensters.

Slane im Conyngham Arms Hotel, am 12. Mai
Die Familie war in Galway früh aufgebrochen und kam nach dem anfänglichen Verkehrsstau in der Stadt gut voran auf der ungewohnt breiten Nationalstraße. Auch dann und wann niedergehende Regenschauer störten kaum. So langte man schon am späten Vormittag in der einstmals ein geistliches Zentrum Europas darstellenden Kirchenstadt Clonmacnoise an. Schon bei der Annäherung waren Kirchenruinen und gut erhaltene Rundtürme deutlich auszumachen.
Beim Durchstreifen des Geländes bestach als erstes die Lage: Bei der Gründung etwa um 500 hatte man einen Platz ausgewählt, der zentral im Land und gleichzeitig gut erreichbar gelegen war. So ist es zu erklären, daß die kirchliche Ansiedlung auf einer kleinen Anhöhe am Ufer des Shannon, des längsten Flusses des Landes, entstand. Der breite Strom windet sich mit seinen natürlich erhaltenen Ufern durch die grüne Marschenlandschaft, und konnten früher hochgestellte Besucher des Abtes mit ihrem Schiff direkt im Kirchenbezirk anlegen, so steuern heute kleinere Motorboote die Stege an, um Touristen abzusetzen.
Die mönchische Ansiedlung wurde in den der Gründung folgenden Jahrhunderten ständig um Kirchen und Wohnhäuser erweitert, bis um 1200 n.Ch. die Plünderungen einsetzten und schließlich in der Mitte des 16. Jh. die Engländer unter Heinrich VIII. die gesamte Anlage gründlich zerstörten.
Das Schicksal der Abtei von Clonmacnoise kann als Beispiel für das gesamte Schicksal der Iren gelten: Die klassischen vier irischen Königreiche hatten zwar Händel untereinander, auch die rasche Verbreitung des Christentums auf der Insel seit dem 5. Jh. - als das weströmische Reich noch bestand! - hat sicher Unruhe unter der Bevölkerung verursacht; und schließlich litt das Land durch die häufigen Pirateneinfälle, vor allem der Wikinger, die jedoch dadurch gut überstanden werden konnten, daß diese ehemaligen Räuber in Irland ansässig wurden und sich mit der Bevölkerung vermischten. Es gelang dem um die Jahrtausendwende in Munster 38 Jahre lang regierenden König Brian Boru sogar, alle vier Königreiche Irlands unter seiner Herrschaft zu vereinen.
Aber das Schicksal Irlands nahm von dem Tag an einen tragischen Verlauf, als König Dermot Macmurroug im Jahr 1169 während des Kampfes gegen einen Rivalen König Heinrich II. von England um Hilfe bat und dieser Anglonormannen zur Unterstützung nach Irland schickte. England hatte fortan ein zunehmendes Interesse an der Beherrschung Irlands. Die anglonormannischen Ritter blieben im Land und fühlten sich weiterhin England verbunden; sie vermischten sich nicht mit der einheimischen irischen Bevölkerung.
In der Folgezeit nahmen die Pressionen Englands bis ins 20. Jh. zu: Dem Verbot der Verheiratung von Englischstämmigen mit irischen Frauen folgten Gesetze, nach denen Iren keinen Landbesitz haben durften. Die Selbstverwaltung in Irland wurde im Laufe der Jahrhunderte abgeschafft, und schließlich wurde das Land zu wiederholten Malen mit Kriegen überzogen, in deren Verlauf die inzwischen der anglikanischen Staatskirche angehörenden Engländer sich nicht scheuten, die Kirchen und Klöster als Inbegriff der Widerstandsnester Irlands zu zerstören und seine katholischen Mönche und Priester systematisch zu ermorden.
Erst seit 1923 gibt es die von England unabhängige Republik Irland, und erst seit 1998 gibt es auch bezüglich des englisch gebliebenen Nordirlands ein Friedensabkommen zwischen britischen und republikanischen Iren.
Die Familie kam nach der üblichen nervenden Fahrerei auf den engen, kurvenreichen Straßen, die noch erschwert war durch zahlreiche Regengüsse, in Slane an.

Dublin im Longfields, am 12. Mai
Auf dem Weg nach Newgrange durchfährt man eine ähnliche englische Parklandschaft, wie man sie schon auf der Durchquerung der irischen Insel von Galway nach Osten erlebt hatte. Die Straße verläuft ein Stück entlang am River Boyne, an dem die Entscheidungsschlacht vom letzten Stuartkönig Jakob II. gegen Wilhelm von Oranien verloren wurde.
Schließlich gelangt man auf die Newgrange Farm. Hier ist 1997 ein ästhetisch in die Natur eingepaßtes Visitors Center entstanden, in dem der Besucher geschmackvoll mit Schaubildern und begleitenden Texten eingeführt wird in die spätsteinzeitliche Epoche, in der Megalithbauten in Europa entstanden - wie in Irland, so auf den OrkneyInseln, an der südportugiesischen Küste und in der Bretagne.
Auf einer zierlichen modernen Hängebrücke überquert man als Fußgänger den Boyne und gelangt mit dem Shutle an das sog. Ganggrab. Ein langer, manchmal ganz niedriger und schmaler Gang führt auf eine Kammer im kleinen Kreuzgrundriß. Die elektrische Beleuchtung läßt vergessen, daß hier das ganze Jahr über von Natur aus Stockfinsternis herrscht. Das eine Wunder: Einige Tage um Wintersonnenwende erleuchten die durch einen Schlitz im Eingang bei Sonnenaufgang eindringenden Sonnenstrahlen Gang und Kammer. Das zweite Wunder: Der Bau ist nur durch Aufeinanderschichtung von großen Steinplatten und Einfügung losen Gestein aus dem Fluß erstellt und bis heute, etwa 5.000 Jahre nach Fertigstellung, unverändert stabil geblieben. Keinerlei Feuchtigkeit ist in der ganzen Zeit eingedrungen, obwohl Putz nicht verwendet worden ist. Dieses Erlebnis ist für Dieter der Höhepunkt seiner kulturellen Erlebnisse auf dieser Reise.
Dank Kay´s guter Einweisung kann Dieter ohne jedes Problem das Zentrum von Dublin ansteuern und den Wagen bei Hertz abgeben. So kommt die Familie schon am frühen Mittag im Hotel an. Eine Stadtrundfahrt wird noch unternommen, und ein absolutes Feinschmeckeressen im Restaurant des Hotels beendet diesen wieder ereignisreichen Tag.

Dublin, am 13. Mai
Schauerwetter herrscht - so, wie in den vergangenen Tagen, auch an diesem. So entscheiden sich Melitta und Dieter zunächst für den Weg auf der Lower Baggot Street zum Nationalmuseum. Als es wieder zu regnen beginnt, flüchten sie in die nostalgisch elegante Empfangshalle des Shelbourne Hotel, dessen Türsteher am Vortage dem neugierigen Dieter erklärt hatte, „most famous irish hotel“.
Im Nationalmuseum widmen sich Melitta und Dieter begeistert den Exponaten aus dem Neolithikum und der älteren und jüngeren Bronzezeit Irlands. Der keltische Goldschmuck: Armreifen, Halsschmuck aus halbmondförmig geschnittenen Goldflächen, Kleiderspangen und kleinen Dosen aus dem 13. bis zum 7. Jh. vor Christus! Die sorgfältig eingebrachten geometrischen Muster erinnern an die zeitlich entsprechenden Schmuckmotive aus Mykene und aus der archaischen Epoche der Griechen. Die landläufigen Vorstellungen von der schlichten Lebensweise der nördlichen Völker im Verhältnis zu den mediterrannen Kulturen können wirklich als überholt betrachtet werden, zumal dann, wenn man die megalithischen Bauten der Jungsteinzeit in die Überlegungen mit einbezieht.
Da es noch immer regnet, nutzen Melitta und Dieter die Zeit für eine Bustour, die vom Merrion Square über Fitzwilliam Square, St. Stephan´s Green, Dublin Castle, Christchurch Cathedral at Jury´s Inn, St.Patrick´s Cathedral, Guiness Brewery, Phoenix Park, O´Connell St., Trinity College wieder zurück zum Ausgangspunkt führt.
Vor dem Dinner traf sich die Familie in dem Mansardenzimmer von Melitta und Dieter, dessen einziges kleines Fenster nur mit Hilfe einer unter das Schiebeluk gestellten Flasche offen gehalten werden konnte. Kay fand das Zimmerchen zauberhaft; er wohnte ja nicht darin.
Dieter hatte das von von Nicole und Kay für den Abend gewünschte Restaurant Ecrivain nicht gefunden, und man speiste deshalb in einem einfachen Bistro. Danach führte ein Gang durch ein ruhiges bürgerliches Viertel in den einem Saloon ähnlichen Pub Rumm`s D 4, wo von einer Vierergruppe Traditionell Music und Folklore geboten wurde.
Erst nach Mitternacht kam die Familie ins Hotel zurück.

Dublin, am 14. Mai
Ein sommerlicher Tag ohne störenden Regen begünstigt die Aktivitäten. Melitta und Dieter gehen auf der Baggot am St. Stephen`s Green entlang bis zur Grafton Street, wo sich ihre Wege teilen. Melitta bleibt in dieser belebten Einkaufsstraße, während Dieter in den einstmals so beliebten Bezirk von Temple Bar geht, der sich am südlichen Ufer des Liffey befindet. Auch das bekannte Hotel Clarence steht in diesem Bezirk.
Doch gewinnt Dieter sehr bald den Eindruck, daß dieser Stadtteil unrettbar der Modernisierung zum Opfer fallen wird. Schon sind inmitten der engen Gassen von alten, farbig gestrichenen Häuser mit ihren Musikpubs und Restaurants moderne mehrstöckige Bauten mit Beton oder Glasfassaden errichtet, und Großbaustellen in abgerissenen Vierteln lassen Schlimmes befürchten. Die sicher einstmals nostalgische Atmophäre dieses Stadtteiles ist schon nachhaltig zerstört, und der heruntergekommende Zustand eines Teiles der noch existierenden alten Bausubstanz läßt auch deren bevorstehenden Abriß erahnen. Schade, denn bei rechtzeitigem Denkmalsschutz von Temple Bar und seiner Sanierung wäre hier ein typischer alter Bezirk von Dublin am Fluß der Stadt erhalten worden, der es mit dem French Quartier in New Orleans am Missisippi durchaus hätte aufnehmen können.
Nachdem Melitta und Dieter sich am verabredeten Ort eingestellt haben, setzen sie sich für einen Drink in einem Straßencafe an einen Tisch, an dem ein sympathischer junger Mann seinen Snack einnimmt. Im Gespräch stellt sich heraus, daß es sich um einen Kanadier, Professor für Computer Software, handelt. Norman bestätigt Dieter, daß das von diesem benutzte System von Macintosh zu den funktionstüchtigsten gehört, und er rät ihm zu Internet Explorer als Browser für seine MacSoftware.
Auf dem Rückweg erleben Melitta und Dieter im St. Stephen´s Green die Shoots, die ein Fotograph von zwei elegant schwarz gekleideten Mädchen macht und in einem Antiquariat entdeckt Melitta den Aufhänger aus Messing, den sie sich fürs Haus in Cala Blava gewünscht hat.
Am Abend findet endlich das GalaDinner statt, was am Vorabend im Bistro natürlich nicht funktionieren konnte. Schräg gegenüber vom Longfield Hotel im 1. Stock des l`EcrivainRestaurant (109, Lower Baggot Street) konnte ein Tisch in dem geschmackvoll eingerichteten Speiseraum für den letzten Abend ergattert werden. Allein die stilvoll auf weißen DamastTischdecken eingedeckten Tische ließen Vorfreude auf das Event aufkommen.
Die Familie labte sich an dem variablen 5GängeMenu, das von erlesener Qualität und auch für das Auge ästhetisch eingerichtet war. Im Verlaufe des Essens wurden auch die anderen Tische besetzt - meist von jüngeren Leuten - und bald darauf kam beim gemeinsamen Schmausen in menschlicher Nähe an allen Tischen eine fröhliche Stimmung auf, die trotz des so perfekt gestylten Zeremoniells - von Eindeckung der Tische und Zubereitung der Speisen bis zu deren Servieren - zu einem angenehm gelockerten Umgang bei allen Gästen führte.
Man wechselte nach dem Essen noch für ein Stout in den gegenüberliegenden Pub, dem der James Joyce Preis zugesprochen wurde wegen seines typischen Ambiente. Kay und Dieter äußerten in überschwenglichen Worten, daß diese 16TagesReise in so unerwartet hohem Maße alle bereichert habe. Nicole und Melitta sagten wenig dazu, und doch gebührt ihnen das Hauptverdienst an diesem Erfolg.
Am nächsten Morgen sollte der Rückflug in die Heimat nach Mannheim und nach Hannover stattfinden.

 

 

   

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