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Das Wunder der Tempel in Ellora und Ajanta
Mein geliebtes Schwesterchen, mein Brief verdient die obige Überschrift, wie Du gleich erkennen wirst. Heute haben wir einen programmfreien Tag (eine weise Vorausplanung, alle sind glücklich darüber). Ich sitze auf der Terrasse, von oben fallen BougainvillenBlüten auf das Blatt, weiter Blick auf den Hotelpark, Königspalmen, lärmende Sittiche, ein Glas Kaffee und Wisky, 20° C, 50% Luftfeuchtigkeit, sehr gemütlich und idyllisch also.
Wir haben nun die (von meiner Sicht aus) künstlerischen Höhepunkte dieser Reise „hinter uns“ - die (buddhistischen) Höhlenmalereien von Ajanta, die in und aus dem Fels gehauenen Tempel von Ellora.
Viele eindrucksvolle Fotos hatten wir zuhause studiert, nun also die Realität, nur durch einen langen (und streckenweise mühsamen) Weg von Tagen zu verwirklichen. Ob es mir gelingt, die Eindrücke zusammenzufassen?
Um mit Ellora zu beginnen:
Aus der Hochebene des Dekkan (700 m), wo wir uns befinden, erheben sich zahllose gewaltige, etwa 100 m hohe BasaltTafelberge. In den unteren Rand eines solchen hat man mit Hammer und Meißel Höhlen getrieben, teils riesige Räume, von wuchtigen Säulen gestützt - Zufluchtsstätten zunächst, dann Klöster, Weihe und Wallfahrtsstätten. Innen überreich dekoriert mit Figuren, übermannshoch, auch aus dem Felsen geschlagen. Erst die Buddhisten, dann die Jains, später Hindutempel, über Jahrhunderte hinweg.
Das ist schon eindrucksvoll genug, wenn im Dämmer des Hintergrunds einer solchen Höhle ein riesiger BasaltBuddha thront, umgeben von Boddhisatvas, Apsaras - unerhört eleganten, großbusigen, nackten Damen, oder Shiva Zerstörung und Erhalt der Welt tanzt.
Doch das eigentliche Wunder ist der KailashTempel (Ihr kennt meine Sehnsucht nach diesem Weltenberg in Tibet, zu dessen Füßen Indus, Brahmaputra und Sutley entspringen und der allen Religionen Asiens heilig ist). Also: Man hat vom oberen Plateau vom Rand aus ca. 100 m lang und 50 m breit schmale Gänge nach unten getrieben (60 m!). Damit wurde ein 60 Meter hoher Monolith geschaffen, ein massiver Basaltblock also. Und dem ist man von oben und von den Seiten aus zu Leibe gerückt, hat letztendlich 200.000 Tonnen(!) Gestein weggemeißelt, dabei eine hochkomplizierte Tempelanlage mit Gopuram (Turm), Hallen, Toren, Säulen geschaffen, über und über belebt von riesigen Elefanten, Löwen, Dämonen, Göttern (alle aus dem gleichen Block also geschlagen!), innen wie außen - den oberen Rand des Gopuram tragen z.B. zierliche, handspannengroße Säulchen, an den Wänden schweben diese Damen mit ihrem eleganten Hüftschwung, unten scheinen die Rücken der Riesenelefanten das ganze zu tragen ......etc.
Schon als Bauwerk wäre es ein herrlicher barocker Großtempel, aber er ist ja nicht Stein auf Stein nach Plan aufgetürmt, sondern quasi blind aus dem Fels geholt, in sieben Generationen (!) Arbeit. Wer hatte den Plan im Kopf? Gab es überhaupt einen über diese 200 Jahre? Da das ganze so unerhört geschlossen (im Stil) wirkt, denkt man spontan an eine Art „Gemeinschaftsseele“, Intuition (ähnlich wie bei gotischen Kathedralen). In jedem Fall eine der unerhörten, ganz großen und nachdenklich machenden Kunst- und Kulturleistungen der Menschheit (und von mir nur mit Angkor Wat zu vergleichen, ja es fast an Ingeniösität übertreffend).
Ellora also, das KailashErlebnis.
Gestern dann Ajanta, das zweite Highlight dieser Hochebene:
Vor hundert Jahren oder so auf der Tigerjagd (vor 35 Jahren gab´s hier noch welche und also auch Dschungel) von einem britischen Offizier zufällig entdeckt - eine tief eingeschnittene hufeisenförmige Schlucht mit senkrechter Wand. Auf halber Höhe dieser Wand (!), Höhle an Höhle, tief in den Felsen getrieben, meterhohe, säulengetragene Hallen, buddhistisch. Ab dem 2. Jahrh. vor Chr. haben Wandermönche sie „gebaut“, ein Jahrtausend an ihnen gearbeitet und sie nicht nur mit Skulpturen reich geschmückt, sondern Wände und Decken lückenlos (!) mit Bildern bemalt, leuchtende Farben (auch heute noch glitzern die Halsketten der Tänzerinnen, wenn sie der Kegel der Taschenlampe beleuchtet), ganze Geschichtsfolgen, das Leben Buddhas erzählend, oft von unerhörter Feinheit der Pinselführung (persischen Miniaturen gleichend), dann wieder großflächig (das Mandala einer Decke gab das Muster für den von Nic vorhin gekauften Brokatschal; das Gesicht einer schönen Dame war das Logo der Miss WorldWahl), alles im Dämmerschein einer Fackel auf die Wände gebannt, „ohne Auftrag“ sozusagen, im Dienst an der Ewigkeit - oder wie sollte man es nennen?
Der Aufstieg zur jetzt angebauten Galerie war mühsam, die
Mönche mußten 50 m auf schwankenden Bambusleitern hochklettern, Wasser etc. herbeischaffend, im Flußdschungel also Tiger und Schlangen. Auch ein von Menschen geschaffenes Wunder von Willen, Kraft, Glauben und Kunst!
Wir waren beeindruckt und sind froh, diese beiden so schwer zu beschreibenden Orte konkret erlebt zu haben. Finis für heute.“
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