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Tropische Koromandelküste
Bei Dunkelheit kommt die Familie in Fishermans Cove an. Die Anmeldung in der großzügigen Hotelhalle wird von Nic kurz und energisch gemanagt. Der Angestellte hinter dem Frontdesk behauptet zunächst, die Hotelvoucher seien nur gut für Übernachtungen in den einfachen Hotelzimmern. Falls die Familie auf der Unterbringung in den Cottages bestehe, müsse sie dazuzahlen. Der Mann konnte nicht ahnen, wem er gegenüber saß: Ein Donnerwetter, von Nic in Szene gesetzt, ging über ihm nieder. Man habe die Cottages bezahlt, und man bestehe darauf, jetzt sofort in solche eingewiesen zu werden ohne jegliche Zuzahlung. Der Mann sieht sich noch einmal die Voucher an und gibt sich geschlagen. Er gibt einem Kofferboy den Auftrag, die Vier zu zwei nebeneinander liegenden Häuschen zu geleiten.
Durch einen Kasuarienhain geht es auf verschlungenen Pfaden zum Quartier, in dem sich die Familie in den nächsten neun Tagen von den Strapazen der Reise erholen will. Angenehme Lufttemperatur, eine Brise aus Nord und Seegeruch, das deutlich vernehmbare Rauschen und die sichtbaren Gischtkämme des nahen Meeres sind die ersten Wahrnehmungen in dieser neuen Umgebung. Die einzeln stehenden Häuschen mit kreisförmigem Grundriß und schräg nach hinten ansteigender Zimmerdecke wirken behaglich. Und als sich herausstellt, daß hinter überdachter Terrasse und geräumigem Schlafzimmer reichlich Schrankraum und ein komplettes Bad und sich dahinter gar noch ein von Bambus umgrenzter unbedachter Innenhof mit Dusche und einer Bananenstaude befindet, ist die Freude groß. Nach einem entspannenden Whiskey auf der Terrasse von Nic und Roi geben sich die Vier der wohlverdienten Ruhe hin.
Kurz vor sechs Uhr, in der Frühdämmerung vor Sonnenaufgang, wird Teo von dem aufgeregten Gekrächze von Krähen geweckt. Er kleidet sich leise an, um Anna in ihrem morgendlichen Tiefschlaf nicht zu stören, und schleicht aus dem Häuschen.
Die Unruhestifter sind zahlreiche Nebelkrähen, die von ihren Schlafbäumen auffliegen, jene Krähenart, die seit der Ankunft in Bombay die ständige Reisebegleitung darstellte. Das allmählich verstummende Krähengeschrei wird ganz plötzlich übertönt von einer wunderschönen Stimme, die aus einer Baumspitze mit eindringlichen und tirilierenden Tonfolgen den Tagesanbruch zu verkünden scheint. So abrupt, wie dieser exotische Vogelruf erklang, endet er gleich darauf. Es wird Teo auch während der nächsten Tage nicht gelingen, den
geheimnisvollen Sänger zu identifizieren. Bald danach erklingen aus dem Hain jene stets gleichbleibenden absteigenden und etwas kullernden Melodien der Eisvögel, die man hierzulande Kingfisher nennt.
Teo geht unter den nur spärlich begrünten Baumkronen zum nahen Strand. Er stellt verwundert fest, daß es von den Bäumen tropft, als habe es geregnet. Nein, das ist natürlich Tau! Auch der geringe nächtliche Temperaturrückgang um vielleicht nur zwei Grad genügt bei der tropischen Sättigung der Luft mit Wasserdampf für das Ausfallen von Kondenswasser.
Vom Ausguck des Strandwächters aus beobachtet Teo, wie die Sonne über dem Meeresdunst aufsteigt. Im Süden sieht er in vielleicht ein Kilometer Entfernung einen Ufervorsprung, an dem er die Anfänge des Fischerdorfes Covelong ausmacht. In geraumem Abstand davor sieht Teo mehr als zehn Männergestalten am Strande in einer Reihe am Wasser hocken. Sie verlassen einzeln ihren Platz, gehen bis an die Knie ins Meer um sich zu reinigen und wieder zum Dorf zurück. Andere kommen aus dem Dorf wieder dazu. Das, was sie am Strand zurücklassen, wird die nächste Flut wieder mit sich nehmen. So hygienisch und umweltfreundlich lassen sich in einer noch nicht überzivilisierten Gesellschaft menschliche Grundbedürfnisse befriedigen.
Ein Blick mit dem Fernglas über das Meer vermittelt Teo den Eindruck, daß dieser südliche Teil des Bengalischen Golfes ein fischreiches Meer ist. Weit draußen am Horizont sieht er eine Reihe von hochseetüchtigen Fischtrawlern, die, von Süden kommend, den Hafen von Madras anzusteuern scheinen. Davor sieht er viele kleine offene Fischerboote, mit zwei bis drei Männern besetzt, unter kleinem Außenbordmotor mit weit achternaus ragender Antriebsschraube, die Kurs auf das Dorf nehmen. Teo beschließt, demnächst mit Roi zum Dorf zu gehen, damit dieser als Meisterfotograf der Familie dort Schnappschüsse von den heimkehrenden Fischerbooten mit ihren Fängen mache.
Teo wendet seinen Blick nach Norden. Hinter in der Brandung liegenden Felsbrocken erkennt er einen Meereseinschnitt, den zu erkunden er sich sogleich vornimmt. Bei der gerade herrschenden Ebbe hat er es leicht, auf dem festen, etwas grobkörnigen gelben Sand voranzukommen. Er entdeckt vielfältig geformte Muschelschalen in tropischer Farbenpracht, von denen er die schönsten aufsammelt.
Während des ganzen Weges beobachtet er kleine rote Krebse, die bei seinem Nahen Reißaus nehmen und in ihrem tief in den Boden gegrabenen Loch verschwinden. Wenn Teo bewegungslos verharrt, kommen sie bald wieder heraus, um ihre Grabearbeit fortzusetzen: Aus der Tiefe des Loches herausgeschnittene Sandbrocken werden herausgeschleppt und an der Seite des Eingangs abgelegt. So kommt der Krebs während des Grabens an die im Sand verborgenen Kleinlebewesen, die seine Nahrung sind.
Als Teos Füße von einer auslaufenden Welle umspült werden, spürt er ein Kitzeln unter den Fußsohlen. Er sieht, wie an dieser Stelle des Strandes hunderte von kleinen Muscheln ihre schützenden Schalen etwas geöffnet haben, um sich mit ihrem Füßchen in den Sand einzugraben, offensichtlich auch auf der Suche nach Nahrung.
Bald ist Teo am Ende seines Erkundungsganges angelangt. Ein vielleicht fünfzig Meter breiter, reißender und meerwärts setzender Strom trennt ihn von der gegenüberliegenden Fortsetzung des Strandes. Landeinwärts verbreitert sich dieser Einschnitt zu den Backwaters, riesigen lagunenartigen Flächen von Brackwasser, die nur durch schmale Durchlässe mit dem Meer verbunden sind.
Dieser entsprechend den Meeresgezeiten land oder seewärts setzende Strom und der anliegende Teil des Strandes sind erfüllt von Leben. Paarweise gehen nur mit Lendenschurz bekleidete junge Fischer im Strom entlang, um mit einem zwischen sich gespannten dünnmaschigen Netz die von der Strömung getragenen Fischlein, die die Größe von Sardinen haben, zu fangen.
Von der grünen Weide gehen mehrere Wasserbüffel gemächlich ins Wasser, um die hier nicht tiefen Backwaters zur anderen Uferseite hin zu überqueren. Man sieht ihnen das Wohlbehagen an, welches sie beim Eintauchen verspüren.
Als Teo zurückkehrt, sind Anna und auch Nic und Roi schon auf. Roi liest die aktuellen Zahlen von seinem Meßgerät ab: Lufttemperatur wie in der Nacht 26 Grad Celsius, relative Luftfeuchtigkeit 99 %! Teo erschrickt. Dieses tropische Klima ist der Tod jedes elektronischen Gerätes. Sogleich bittet er im mit Aircondition ausgestatteten Informatics Center des Hotels um Aufnahme seines Powerbooks. Die Familie spottet liebevoll, Teo habe sein Baby in die RehaStation geschickt.
Beim gemeinsam eingenommenen Frühstück stellen die Vier fest, daß in dieser Ferienanlage ausschließlich Europäer zu Gast sind. Man hört deutsche, englische, französische, italienische und sogar holländische Worte, und gerührt sieht man einen Gast in der Revue blättern. Drei Wochen lang war die Familie ausschließlich von Indern umgeben gewesen, hatte sie keine Nachrichten aus Europa erhalten und nicht einmal in den englischsprachigen indischen Tageszeitungen jemals Deutschland erwähnt gefunden. Man hält hier offensichtlich all die Probleme, welche die Deutschen zuhause umtreiben, für bedeutungslos im Verhältnis zum Geschehen in Asien. Solche Erkenntnis läßt den Reisenden immer wieder von neuem inneren Abstand gewinnen von manchem wirklich unwichtigen Ereignis in der Heimat.
„Freut Ihr Euch eigentlich auf Zuhause“, fragt Anna Nic. Diese antwortet freimütig, daß sie sehr froh sei, nach der Erholung hier für dieses Mal wieder eine Indienreise abgeschlossen zu haben. Und Teo erkundigt sich beiläufig: „Ihr sagtet, von über zwanzig Asienreisen hättet Ihr allein acht nach Indien unternommen. Was treibt Euch immer wieder auch heute noch in gerade dieses Land?“ Roi antwortet, das Motiv dafür müsse so etwas wie Haßliebe sein, die er für Indien empfinde. Teo wird noch lange über diese Äußerung nachgrübeln, ohne sie sich erklären zu können .
Am nächsten Morgen spaziert Teo am Strand entlang in Richtung Fischerdorf. Eine große Meeresschildkröte ist über Nacht angespült worden, vielleicht eine von denen, die den Fischern in die Netze gehen und dann verenden. Etwas weiter sieht Teo, wie eine Gruppe von Männern eine in das Meer führende Rohrleitung in den Sand eingräbt. Diese Leitung soll das oben unterhaltene Wasserbecken für die Zucht von Prawns mit frischem Seewasser versorgen. Diese Schalentiere gehören zu den meistgeschätzten Delikatessen an den indischen Küsten.
Am Strand vor dem Dorf herrscht zu dieser Morgenstunde ein geschäftiges Treiben. Die aus vielleicht zwanzig offenen Booten bestehende motorisierte Nachtfangflotte läuft gerade in Abständen auf den Strand auf. Zur selben Zeit rüsten sich in etwa gleicher Zahl die mit blauen Lateinersegeln bestückten, aus fünf gebogenen Baumstämmen bestehenden „Katamarane“ zum Ablegen für den Tagesfang. Jeder Katamaran ist mit zwei Männern besetzt, die diesen mit Hilfe von einfachen Ruderblättern erst einmal durch die Brandung und in gebührenden Abstand von der Küste bringen, um dann draußen das Segel zu setzen. Sie fangen mit Leinen, an deren Enden Haken mit Wurmködern angebracht sind. Sie werden erst am frühen Nachmittag zurückerwartet.
Teo hat auch Gelegenheit, eine größere Gruppe von Jungen beim Fang der fingerlangen Köderwürmer zu beobachten. Sie halten in der rechten Hand das Stückchen eines Krebses, was sie mit Meereswasser benetzen, um nun damit einen Teil des feuchten Strandes zu bespritzen, den die letzte Welle gerade freigegeben hat. Die dicht unter der Oberfläche steckenden Würmer verraten sich nun den scharfen Blicken der Buben durch eine kaum merkliche Bewegung, und schon schnellen Zeigefinger und Daumen in den Sand und ziehen den Wurm am Kopf heraus.
Inzwischen ist der größte Teil der nächtlichen, mit engmaschigen Netzen fischenden NachtFangflotte am Strand angelangt. Die Männer tragen die Netze an ein auf dem Boden ausgebreitetes Tuch heran, um sie dort Stück für Stück auszuschütteln. Tausende von Silberfischchen in der Größe von Anchovis fliegen dabei durch die Luft und landen auf dem Tuch. In auf dem Kopf tranportierten Körben wird der Fang zum nahe gelegenen Markt getragen. Einer dieser Fischer hatte besonderen Erfolg. Ein eineinhalb Meter langer Barrakuda ist ihm ins großmaschige Netz gegangen, den er auf dem Markt zum Preis von nur 500 Rupien (DM 25.-) anbieten will.
Mit diesen morgendlichen Wanderungen am Strand beginnt Teo auch die nächsten Tage. Wenn er zurückkommt, findet er Anna meistens auf der Terrasse vor. Sie ist glücklich über die Ruhe, die nun über die Familie gekommen ist. In ihrem Häuschen hat sie alles, was sie braucht. Und zu dem besonderen Luxus der Außendusche im Bambushof kommt hinzu ein breiter Toilettentisch mit großem Spiegel zwischen Bad und Raum. Sie genießt das vielseitige Angebot im Hotelrestaurant, wo zwischen scharf gewürzten indischen Gemüsearten und Hühnercurries und andererseits der europäischen Küche verwandten Speisen gewählt werden kann. Besonderen Spaß haben alle Vier, wenn der ewig blasende Nordwind an manchen Tagen einen Lunch im offenen Lokal am Meer zuläßt, wo nur frisch gefangener Fisch zubereitet wird.
Anna nutzt die Ruhetage auch für die Lektüre ihrer kleinen Reisebibliothek. Sie ist ihr Leben lang eine Leseratte gewesen, und ihre umfassende Kenntnis der Weltliteratur bis zu den zeitgenössischen Schriftstellern imponiert der Familie immer wieder. Selbst Roi, der sich durchaus als Literaturpapst bezeichnen könnte, findet es „erstaunlich“, wenn sie Bücher erwähnt, die er noch nicht kennt.
Überhaupt ist Anna das am meisten in sich ruhende Familienmitglied. Ihre Überlegenheit in allen Lebenslagen verbirgt sie hinter der ihr eigenen Bescheidenheit. Sie braucht nicht den Aktionismus, der Teo den ganzen Tag über dazu treibt, Land und Leute kennenzulernen.
An einem der Tage wird Nic einmal wieder sozial aktiv. Sie hatte eine Gruppe von Frauen bei der Arbeit beobachtet, die die Gärten der Ferienanlage mit Blumen bepflanzten. Sie entschließt sich, ihnen eine Freude zu bereiten, kramt die beiden Decken, die sie während der Reise organisiert hat, aus ihrem Gepäck und macht sie den Frauen zum Geschenk. Diese strahlen Nic dankbar an, verschwinden und kommen bald danach zurück, um ihr ein frisch gebackenes Gemüseküchlein zu überreichen, welches Nic sogleich mit großem Appetit verzehrt.
Nic ist die feine Beobachterin der Familie. Einmal hat sie zwei etwa dreißig Zentimeter lange Leguane, hellgelb und hellgrau, gesehen, wie sie bewegungslos an den Stämmen von Kasuarien in der Sonne auf Beute harrten. Außerdem hat sie die lärmenden braunen, großen Finken entfernt ähnlichen Vögel mit weißer Kehle und weißer Bänderung an der Unterseite der Schwingen als die hiesigen MynahBirds erkannt.
Teo kann sich revanchieren. Er macht Nic aufmerksam auf ein Pärchen von Kingfishern, die, grünbläulich in der Sonne glänzend, auf einem Baumast balzen. Das Männchen spreizt dabei seine Schwingen weit auseinander, wie Kormorane es tun, wenn sie nach dem Tauchen ihr Gefieder trocknen.
Und auf dem Rückweg zu den Häuschen weist Nic einmal mit ausgestrecktem Arm in Richtung Strandmauer. „Schaut einmal, dort unten durchstreift die Marderfamilie, die ich gestern schon sah, die Gärten.“ Teo erkennt an der braunen Färbung, den schlanken Körpern und der mehr gleitenden Bewegung der fünf Tiere, daß es sich um Mungos handelt. Da Mungos sich überwiegend von Schlangen ernähren, die sie in ihren Löchern überwältigen, kann man in diesem Park beruhigt die Gefahr von Schlangenbissen ausschließen. In Indien sterben immerhin jährlich mehr als tausend Menschen an den Bissen vor allem der giftigen Vipern und Kobras.
Im Park tummeln sich auch zahlreiche Streifenhörnchen, die possierlich von Baum zu Baum huschen.
Roi schreibt auf seiner Terrasse in diesen Tagen fleißig Ansichtskarten. 110 Stück hat er schon auf den Weg gebracht. Er muß auf jeder seiner Reisen sechzig Personen mit diesen bebilderten und meisterhaft formulierten Kurzschilderungen beglücken. Das erwarten sie einfach von ihm. Außerdem hat er Briefe an seine Nächsten und Reiseberichte für sich selbst abzufassen.
Und dazu kommt noch seine Fotoarbeit. Er ist nämlich der einzige Kameramann des Teams. Nicht einmal zum Lesen, eine seiner leidenschaftlichsten Beschäftigungen seit seiner Jugend, kommt er auf dieser Reise. So ist es verständlich, daß er sich nur selten vom Grundstück entfernt.
Trotzdem fällt es Teo nicht schwer, Roi zum gemeinsamen Baden im Meer zu überreden. Am Strand treffen sie den Badewärter des Hotels. Dieser warnt die beiden. „Vor einer Stunde ist nur hundert Meter entfernt ein 30 Jahre alter Mann beim Baden von der starken Strömung ins Meer gezogen worden. Keiner konnte ihm helfen, und er verschwand sehr bald hinter den Wellenkämmen.“ Die beiden bemerken den schon am Ufer mit drei Knoten nach Nord setzenden Strom und bleiben deshalb in der seichten Zone des Wassers.
Teo gelingt es auch, Roi zu einem Ausflug zum Fischerdorf zu verlocken in der Zeit, in der die Tagfischer zurückkehren. Die beiden brechen am frühen Nachmittag auf. Von der Strandmauer aus sehen sie noch weit draußen auf dem Meer die vielen blauen Segel der Katamarane, die sich rasch der Küste nähern. Auf ihrem Weg am Strand werden Roi und Teo von Andrew begleitet, dem am Vortag von Teo gewonnenen neuen „Freund“. Andrew ist ein siebzehn Jahre alter Schüler der von den Katholiken unterhaltenen Dorfschule. Er zeigt ihnen das Haus am Ufer, in dem er mit seinen Eltern, seiner Oma und seiner noch unverheirateten Schwester lebt. Er erzählt in einem einigermaßen verständlichen Englisch von seinem Dorf und den Erwerbsmöglichkeiten.
In diesem Dorf von über eintausend Einwohnern sind mehr als die Hälfte Hindus, denen ein großer, von einer Mauer eingefriedeter Tempel zur Verfügung steht. Noch davor befindet sich das Ortsviertel der Christen, zu denen auch er gehört. Eine schöne Kirche steht hier. Und zur anderen Seite hin wohnen Muslims, für die eine große und zwei kleine Moscheen gebaut sind.
Die meisten Christen des Ortes üben Jobs in den privaten Villen oder im Fishermans Cove aus. Und sie beteiligen sich auch wie die Muslims an der Salzproduktion. Während der heißen Jahreszeit, hier etwa Juni bis August, verdunstet das Wasser der Backwaters in größerem Umfang, als Meerwasser bei Flut hinzufließen kann. Dann wird Meeressalz gewonnen. Damit ist es wieder vorbei, wenn im September der Wintermonsun einsetzt, der dem Land bis Dezember etwa 1.000 mm Jahresniederschlag bringt.
Jetzt, im Januar, herrscht Hochsaison für den Fischfang. Deshalb sind die Hindus des Dorfes, die diesen Erwerbszweig überwiegend ausüben, so unermüdlich in wechselnden Tag und Nachtschichten auf dem Meer.
Inzwischen kommen die Leinenfischer von ihrem achtstündigen Arbeitstag auf dem Meer zurück. In dreihundert Metern Entfernung vom Ufer ziehen die Männer das Segel ein und rudern den Rest der Strecke. Nachdem sie geschickt die Brandung durchfahren haben, springt ein Mann heraus und hilft dem anderen, den Kataraman sicher auf den Strand zu setzen.
Am Ufer haben sich Hunderte von Menschen eingefunden. Bewohner des Dorfes, vor allem die Frauen, und auch Privatleute und Händler, die mit dem Wagen aus Madras hergekommen sind, erwarten mit Spannung den Fang. Bald stellt sich heraus, daß heute ein besonders guter Fangtag gewesen ist.
Mengen von handtellergroßen Rund und Plattfischen, schillernd in tropischen Farben, bis zu einem Meter lange barschartige Fische mit grün leuchtendem Rücken und rötlicher Einfärbung an den Seiten, Sheerfish genannt, und viele Bonitos, die mehr als einen Meter Länge messen, werden aus den wie offene Flöße wirkenden Kataramanen ausgeladen. Ein Teil des Fanges wird direkt an die Kunden am Strand verkauft. Ein anderer Teil wird von zwei auf den Boden gekauerten Frauen übernommen, die ihn auf dem Dorfmarkt veräußern werden.
Auf dem Rückweg zum Fishermans Cove sieht sich Roi von fünf putzmunteren Buben im Alter von sechs bis elf Jahren umgeben. Er muß irgendeine besondere Ausstrahlung auf sie ausüben, denn sie wollen überhaupt nicht aufhören, mit ihm zu scherzen und ihn fröhlich zu umspringen. Teo erklärt diese Buben zu den Adoptivenkeln Rois.
Andrew begleitet Roi und Teo auch wieder nach Hause zurück. Er lädt sie und ihre Frauen für den nächsten Abend zu sich nach Hause ein. Da könnten sie doch einen zuvor direkt von den Fischern gekauften Fisch zubereiten lassen. Auf diese Weise kämen sie einmal in den Genuß von so gutem Frischfisch, wie sie ihn im Restaurant am Meer nie bekommen könnten. Roi weicht diplomatisch aus. „Das müssen unsere Frauen entscheiden, die für den Abend wohl schon disponiert haben.“ Teo gibt Andrew einen Hundertrupienschein. Der sagt strahlend, nun könne er an dem für den bevorstehenden Nationalfeiertag geplanten Schulausflug teilnehmen. Beim Abschied fragt er noch, ob die Familie wohl Hemden überhabe. Nic stellt zwei TShirts zur Verfügung, die Andrew gern annimmt.
Ein ganzer Tag ist geplant für den Ausflug nach Kanchipuram, die im Landesinneren gelegene Stadt der tausend HinduTempel, und außerdem zu dem am Meer liegenden Mamalapuram.
In der breiten Küstenebene geht es von Fishermans Cove zunächst nach Süd. Backwaters tauchen hier und da auf. Im übrigen gibt es viel Grassteppe, Kokosplantagen und Baumschulen mit Kasuarien und Eukalyptus. Als der Wagen nach West vom Meer weg und ins Landesinnere abbiegt, beginnt eine üppige Landwirtschaft. Vor allem Reis, in allen möglichen Reifestadien, und Weizen werden angebaut. In der Nähe der zahlreichen ländlichen Dörfer sieht man intensiven Gemüseanbau. Auch Zuckerrohr wird ganzjährig angebaut, sodaß die Zuckerfabriken über das ganze Jahr nie stille stehen.
Häufig sieht man an den Seiten der Straße Ziegelbrenner am Werk. In der Sonne vorgetrocknete viereckig geformte Lehmklumpen von dunkelgrauer Farbe werden schichtweise über dünnen Baumknüppeln angeordnet. Wenn dieser Stapel Mannshöhe erreicht hat, wird das Knüppelholz entzündet, und in der so geschaffenen schmokenden Hitze erreichen die Ziegel den notwendigen Härtegrad. Die winzigen aber solide wirkenden Häuschen der Dörfer sind alle aus Ziegel gebaut.
Auf teilweise äußerst holprigen Straßen hat der Bus schließlich Kanchipuram erreicht. Die Familie besichtigt vier von den tausend Tempeln, immer selbstverständlich barfuß oder in Socken. Teo wird sich am Abend an kaum etwas anderes als den ehrwürdigen Tempel aus der Zeit der Pallavas (7.Jh.) erinnern, in dessen einem Schrein er den Tanzwettbewerb zwischen Shiva und seiner Gattin Parvati mit Brahma als Schiedsrichter und in dessen anderem Schrein er einen sechzehnseitigen Lingam bewundert hat. Außerdem empfand er als außergewöhnlich die Tempelteiche von zwei weiteren Tempeln, in denen gläubige Hindus ein reinigendes Bad vor dem Betreten des Heiligtums nahmen. Schließlich bleibt in dem Vishnu gewidmeten VaradarajaTempel die ehrwürdige HundertSäulenHalle mit zahlreichen vitalen erotischen Skulpturen nebst einer aus einem Monolithen (!) geschlagenen Gliederkette in Teo´s Erinnerung.
Nach der Ankunft in Mamalapuram, dem letzten Tagesziel, nimmt die Familie zuerst einen vorzüglichen PrawnLunch im AshokaHotel zu sich. Vom Tisch aus kann man den am Meer gelegenen Strandtempel sehen.
Doch werden nach dem Essen zunächst die fünf „Rathas“ angesteuert, Tempelchen, die aus großen auf dem Sand liegenden Monolithen geschlagen wurden. Die überall an der Küste auf dem Sand abgelagerten mächtigen Granitbrocken müssen in Urzeiten der Erdgeschichte, als sich die indische Halbinsel noch in der Nähe des damaligen Südpols unter einer dicken Eisschicht befand, von Gletschern hierher transportiert worden sein. Die Ähnlichkeit dieser Landschaft mit der norddeutschen Tiefebene und ihren Endmoränen und Findlingen ist frappierend.
Aber die Rede soll ja von den Rathas sein. Jeder dieser eng beieinander liegenden Tempelchen stellt ein Unikat von ganz eigenwilligem Stil dar. Und dennoch geht von jedem dieser Bauwerke eine Ausstrahlung von Harmonie und heiterer Gelassenheit aus, der man sich nicht entziehen kann. Nur der Schrein von zwei dieser Tempel ist mit den Reliefs von Göttinnen versehen. Links hinter den Tempelchen liegen in Lebensgröße ein Löwe, ein Elefant und ein Nandi (Stier), ebenfalls aus jeweils einem Stück herausgearbeitet. Nic und Roi sind mit dieser Besichtigung schnell durch. Waren sie doch vor zwanzig Jahren schon einmal hier. Aber Teo mag sich von diesen klassischen Zeugen der hohen Steinmetzkunst aus der Zeit des berühmten PallavaReiches (7. Jahrhundert) noch nicht trennen. Auch hat er große Freude an den ihn umwimmelnden tamilischen Schülern und Schülerinnen in Schuluniform, die fröhlich und interessiert an der ehrwürdigen Vergangenheit ihres Landes sich alles anschauen.
Danach wird die Familie zum Strandtempel gefahren. Es ist ein verhältnismäßig kleiner Tempel mit einem zur aufgehenden Sonne hin gewendeten Schrein mit Lingam und dahinter einem weiteren Schrein mit einem liegenden(!) Gott. Der Tempel ist von zwei Umfassungsmauern umgeben, auf denen die Reliefs von Hunderten von Nandis zu sehen sind. „Erstaunlich“, so müßte Roi jetzt eigentlich sagen, und recht hätte er, denn alles an diesem Bauwerk könnte nach Teos Auffassung als atypisch bezeichnet werden.
Es war der Familie beim Lösen der Eintrittskarten aufgefallen, daß Inder 5 Rupies, Ausländer 5 US $ pro Kopf zu zahlen hatten, Inder also 0.25 DM, Touristen 10.- DM. Das Verhältnis beim Preis für Tickets war meistens so, also 1 : 40. Die Familie findet das korrekt.
Und dann kommt das Allerschönste der ganzen Reise! Aus einem Felsen ist ein zwölf Meter hohes und dreiunddreißig Meter langes Relief herausgearbeitet, das die Herabkunft des lebensspendenden Ganges vom Himmel auf die Erde darstellen soll. In der Mitte dieses Reliefs ist eine große senkrechte Spalte belassen, aus der früher einmal Wasser geflossen sein soll ein Abbild des heiligen Flusses. Auf den beiderseitigen Reliefs sind Shiva, weitere Götter, Adlige, Heilige, anmutig schwebende Frauengestalten, Musiker, Affen und Vögel dargestellt. Und auf dem linken Relief sieht man den Melker bei der Arbeit, während das Kälbchen mit seinem Maul zärtlich an
das seiner Mutter anstößt; auf dem rechten Relief sind in Lebensgröße Elefanten aus dem Granit herausgearbeitet, die zu leben scheinen! Teo verweilt lange Zeit vor diesem göttlichen Kunstwerk, um möglichst viele Einzelheiten in seine Seele hineinzuatmen.
Dankbar für die Geduld der schon lange im Auto wartenden Familie setzt sich Teo zu ihnen, und der Fahrer rast mit ihnen auf dem ebenen Highway ins Fishermans Cove zurück.
Einige Tage darauf fahren Anna, Nic und Roi nach Madras, um das Museum zu besichtigen und einzukaufen. Die Fahrt geht in eine schrecklich ungeordnete, geradezu chaotische Stadt. Die Bebauung ist offenbar ohne jede Bauordnung durchgeführt. Kleine Hütten stehen neben scheußlichen Hochhäusern. Die Straßen sind vom dichten Verkehr zugestopft, von Lärm und Auspuffgasen erfüllt.
Die Ausstellungsstücke des Museums sind leider hinter ungeputztem Glas im Halbdämmer nicht gut zu sehen. Aber ein glücklicher Zufall läßt dann diese Fahrt doch noch zu einem Gewinn werden. In dem vom Reiseagenten empfohlenen edlen Ladengeschäft erkennt ein Mitarbeiter in den Dreien die Kunden wieder, die vor genau fünf Jahren in dem Spezialladen „Sofi“ in Madurei eingekauft hatten, wo er damals tätig war. Großes Hallo und besonders günstige Angebote folgen. Die Familie erwirbt auf diese Weise einen wertvollen Nibelungenhort, mit dem sie am Abend stolz zum Cove zurückkehrt.
Teo hatte sich vor der Anstrengungen der Fahrt und dem Gewimmel der Großstadt gefürchtet. Er war deshalb zuhause geblieben, um den Tag zu nutzen mit dem Studium des Baedekers und mit zahlreichen Gesprächen. Vom Strandwärter hatte er erfahren, daß der ertrunkene Mann zwei Tage später, nachdem er von der Meeresströmung hinausgezogen wurde, nur wenige hundert Meter vom Einstieg entfernt wieder an den Strand gespült worden war. Er selbst hatte ihn mit herausgezogen und den trauernden Angehörigen übergeben.
Auf Befragen erfuhr Teo etwas über die Verdienste der Hotelangestellten. Ein für die Reinigung der Zimmer zuständiger Mann verdient monatlich 1.200 Rupien (DM 60.-), ein im Restaurant arbeitender Kellner pro Monat 2.200 Rupien (DM 110.-). Für drei im Hotel eingenommene Tagesmahlzeiten bezahlen die Angestellten allerdings nur 2 Rupien täglich. Schlafen tun die Angestellten außerhalb der Hotelanlage in Privathäuschen.
Teo war außerdem an diesem Tag ins Fischerdorf gegangen. Er sah vorher am Strand einen Fischer, der mit Hilfe eines Wurfnetzes einen größeren Fisch fing und daraufhin befriedigt nach Hause ging. Im Dorf herrschten wieder der Staub und die unterschiedlichsten Gerüche, wie sie Teo gewohnt war, obwohl diese Siedlung doch direkt am Meer liegt! Der Markt in der Mitte des Dorfes war winzig und wurde ausschließlich von Frauen wahrgenommen - auf Käufer- und Verkäuferseite. Teo fielen unter der angebotenen Ware besonders zu runden Scheiben geformte, getrocknete Kuhfladen auf, die man hierzulande als gerade ausreichende Ration Brennmaterial für die Bereitung eines Mittagessens verwendet.
Teo war gerade wieder im Häuschen, als das Telefon klingelte. Ibrahim meldete sich aus Trivandrum, der Hauptstadt des Bundesstaates Kerala. Er hatte vor fünf Jahren die Familie auf ihrer Reise durch Kerala und Tamil Nadu treu geleitet, und Teo hat danach die Verbindung zu ihm per Post und Email aufrechterhalten. Ibrahim erkundigte sich sehr interessiert nach den Eindrücken der Familie von ihrer neuerlichen Indienreise. Von sich und den Seinen berichtete er nur noch Positives.
Er, der aus dem Norden Indiens stammende Muslim, hatte ja eine Hindufrau aus Kerala geheiratet, und daraus ergaben sich zu Anfang viele Verwicklungen mit beiden Elternpaaren. Auch war die wirtschaftliche Lage des jungen Ehepaares zunächst nicht leicht. In seinen beiden Jobs als EDVFachmann und als Fremdenführer hatte er keine festen Anstellungen. Und auf der anderen Seite war er nach dem Tod seines Vaters als Ältester verantwortlich für den Unterhalt seiner Mutter und seiner beiden noch unverheirateten Schwestern, wobei die größte Last noch mit der Verheiratung dieser Schwestern auf ihn zukam. In diesen Fällen war es nämlich an ihm, die in Gold und Sachleistungen (z.B. Fernsehgerät, Moped) von den Eltern des Bräutigams geforderte Dowry (Mitgift) aufzubringen. Diese Schwierigkeiten hatten es Ibrahim unmöglich gemacht, weiter für seine an der Universität in Innsbruck geplante Promotion über den Schriftsteller Canetti tätig zu sein.
Nun hatte sich alles zum Besseren gewendet. Seit der Geburt des Töchterchens lenkten deren beide Großeltern ein, und auch die wirtschaftliche Situation war nun durch feste Anstellungsverhältnisse verbessert. Ibrahim äußerte sich schließlich überzeugt, daß ganz allgemein sich Indien am Beginn eines Aufbruchs in die Moderne befinde.
Dieses Telefongespräch hatte Teo beruhigt und ermutigt. Er hatte wenigstens einen Inder in diesem Milliardenvolk zum Freund, mit dem er sich angesichts dessen hervorragender Beherrschung der deutschen Sprache und des gegenseitigen Verständnisses füreinander voll austauschen konnte.
Die Abenddämmerung hat begonnen. Der Boy mit der langen Spritze in der Hand und einem einem großen Giftbehälter auf dem Rücken ist schon unterwegs. Jeden Morgen und jeden Abend sprüht er übelriechendes Insektizid auf Wege und Terrassen und nach der Abreise von Gästen sogar gründlich in den verlassenen Häuschen. Man würde sonst förmlich aufgefressen werden von Ameisen, Spinnen und all den anderen in den Tropen so üppig heranwachsenen Insekten; das ist die einhellige Meinung der Familie. Nic hatte vorher den Boy um gründliche Behandlung ihrer Terrasse gebeten, sodaß man dort nun von Mückenstichen unbelästigt den Schlaftrunk gemeinsam einnehmen könne.
Teo berichtet der Familie von seinem Gespräch mit Ibrahim. Roi fragt skeptisch, ob sich Teo nicht Illusionen mache, wenn er bei Reisen in Ländern, deren Sprache er beherrsche, meine, menschliche Nähe zu seinen Gesprächspartnern zu gewinnen. Teo antwortet ausweichend, daß er es jedenfalls auf Dauer nicht ertragen könne, in einem Land zu reisen, wo man mit dessen Bewohnern nicht einmal über die banalsten Dinge des Lebens ohne ständige auf sprachliche Unzulänglichkeiten zurückzuführende Mißverständnisse sprechen könne.
Es ist inzwischen Nacht geworden. Das ganze Jahr über differieren Sonnenunter- und -aufgang in diesen tropischen Breitengraden um nicht mehr als eine knappe Stunde, und auffällig ist immer, wie kurz die Dämmerung ist.
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