Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Noch einmal nach Indien?

Bei Teo klingelt das Telefon. Sein Vetter Roi ist am Apparat. „Habt Ihr Lust, in einem Jahr mit uns noch einmal durch Indien zu reisen? Von Bombay nach Kalkutta, Bhubaneshwar, Madras und in das umliegende Land.“ Teo reagiert diplomatisch. „Mit Euch zu reisen, macht mir immer Spaß. Aber ob Anna noch einmal in das anstrengende Indien möchte? Da halte ich mich heraus. Ihr müßt sie selbst für die Reise gewinnen.“
Roi und seine Frau Nic waren nämlich vor vier Jahren mit Teo und Anna im äußersten Süden der indischen Halbinsel, in Kerala und Tamil Nadu, gereist. Und in Wahrheit war Teo derjenige, der damals meinte, eine Indienreise sei eigentlich genug.
Zu Teos Überraschung ließ sich Anna schnell für die nun geplante zweite Reise gewinnen, und der count down lief an.
Roi und seine Frau Nic reisen schon seit Jahrzehnten kreuz und quer durch Indien. Mit Anna und Teo sind sie auf dem komfortablen Reiskahn auf den Backwaters durch die dichten Kokospalmwälder Keralas geschippert, und sie haben die Küstengebirge Südindiens zum Arabischen Meer und Golf von Bengalen mit dem Auto überquert. Sie haben sich von den Pujas, den Opferriten der Brahmanen, in den weiträumigen HinduTempeln Keralas und Tamil Nadus verzaubern lassen und den dunkelhäutigen Menschentypus des Tamilen an der Spitze der indischen Halbinsel kennengelernt.
Roi und Nic kennen den Nordwesten und den Nordosten von Indien: Von den 3.000 m hohen Hochebenen Ladakhs erblickten sie die majestätischen Gipfel von Karakorum und Himalaja, und sie sind hier wie auch im 2.000 km östlich gelegenen Bhutan, Darjeeling und Assam dem tantrischen Buddhismus begegnet. Auch zu Punjab, der Heimat der Sikhs, zu Rajasthan mit seinen Festungsstädten und Palästen der Rajas, der Wüste Thar und zu den fruchtbaren Ebenen von Gujarat haben die beiden im Laufe vieler Jahre so etwas wie eine „distanzierte Beziehung“ herstellen können. Delhi, Hauptstadt und drittgrößte Metropole Indiens, war häufig der Anfang ihrer zahlreichen Reisen.
Nun war für sie die Zeit reif geworden für eine Reise durch den mittleren Teil von Indien, und Vetter Teo und seine Frau Anna sollten die beiden begleiten. Beginnend in Bombay, mit 16 Mio. Einwohnern die größte Stadt des Subkontinents, von hier Autoreisen in dem Bundesstaat Maharasthra zu seinen buddhistischen und hinduistischen Höhlentempeln und Flug nach Kalkutta, der zweitgrößten Stadt Indiens, sodann Zugfahrt nach Bhubaneshwar, der Hauptstadt von Orissa. Ein Flug nach Madras, Hauptstadt von Tamil Nadu, Erholung am Meer und Ausflüge nach Kanchipuram und Mamalapuram mit zahlreichen Hindutempeln sollten die Reise beschließen. So hatte Roi die Reise geplant, und Nic sollte sich um die Durchführung unterwegs kümmern.
Ganz Norddeutschland liegt unter einer Schneedecke, als Anna und Teo auf dem Bahnsteig den mit 25 Minuten Verspätung gemeldeten Zug erwarten. Die Reise, die sie heute antreten, wird für beide ein Abenteuer bedeuten. Im Flughafen Frankfurt sind sie mit Nic und Roi verabredet, um von dort zu einem stop over in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) zu starten.
Teo, ein mittelgroßer, etwas nachlässig gekleideter Mann mit weißem Schnurrbart, Anfang Siebzig, ist vom Typ her ein Unternehmer. Als solcher hat er in der Wirtschaft seinen Mann gestanden. Er hat es aber zugleich verstanden, neben seinem Berufsleben immer genügend Zeit für seine zahlreichen Hobbies zu reservieren. Er liebt bis heute das Herumzigeunern in dieser schönen Welt.
Deshalb geht er mit überwiegend positiven Erwartungen an das vor ihnen liegende Erlebnis heran, obwohl der erste Aufenthalt im südlichen Indien fünf Jahre zuvor ihn darüber belehrte, daß es kaum möglich ist, zu den Bewohnern des Subkontinents ein echtes gegenseitiges Verständnis herzustellen. Doch sind Neugier und Spaß an Improvisation genug Antrieb für Teo, die ihn auf ein interessantes Reiseabenteuer hoffen lassen.
Anna ist Teo´s schöne Frau, die schon von ihrer eleganten Erscheinung her einen Kontrast zu ihrem Mann darstellt. Mit ihrer zurückhaltenden Art gewinnt sie mühelos vor allem diejenigen Gesprächspartner, die sich durch Selbstdarstellung und Mittelpunktsdenken nicht blenden lassen. Sie hat sich im Laufe ihres erfolgreichen Arbeitslebens und als Familienchefin immer den Luxus geleistet, ihr umfassendes Wissen um die geschichtlichen und kulturellen Zusammenhänge in der Welt zu erweitern.
Von der Bahnstation Frankfurt/Flughafen gelangen die beiden auf einer Rolltreppe auf den von einer mächtigen ovalen StahlglaskuppelKonstruktion überdachten Eingang der Ebene des Flughafenterminals. Hunderte von Abfertigungsschaltern verteilen sich über die riesigen Hallen des Flughafengebäudes.
Am Schalter der Arabian Emirates werden Anna und Teo schon erwartet von ihren Mitreisenden. Nic, eine lebhafte und ganz in der Realität verwurzelte Frau, weist die Neuankömmlinge in die Formalitäten des Eincheckens ein. Nic ist eine zierliche Frau jenes dunklen Typs, die auf Nordeuropäer eine gewisse Anziehung ausüben. Ihre die Unterarme ganz bedeckenden silbernen Armreife sind unverwechselbar ihr zuzuordnende Attribute.
Roi, als Professor der Medizin sowohl erfolgreicher Wissenschaftler wie auch mit einem Staatsorden gewürdigter Praktiker seines Fachs, ist eine imponierende Erscheinung, die immer eine gewisse Überlegenheit ausstrahlt.
Nach dem Einchecken in der Abfertigungshalle begibt sich die Familie in die Lounge, um die noch vor ihnen liegenden 90 Minuten angenehm zu verbringen. Hier deutet sich eine Konstellation an, die die erste Zeit der gemeinsamen Reise etwas überschatten wird. Teo ist nämlich ein fundamentalistischer Nichtraucher. Er glaubt fest an das Märchen, daß Nichtraucher durch den Rauch der anderen mehr gefährdet sind als die Raucher selbst. Hinzu kommt, daß Teos Atemwege aufgrund einer seit Wochen verschleppten Erkältung entzündet sind. So beobachtet er jetzt verängstigt, wie Anna und Nic sich Zigaretten anzünden und Roi seine Pfeife gewissenhaft mit Tabak und Stopfer aufrüstet. Doch die Managerin der Lounge beendet für diesen Moment die Gefahr, indem sie darauf hinweist, daß man sich hier in der Nichtraucherzone befinde und man doch in die hintere Ecke zu den Rauchern wechseln möge. Teo stellt beschämt bei sich das Gefühl einer kleinlichen Genugtuung fest.
Im Airbus 330 etwa bei Zypern, am 27.Dez.2000, 17 Uhr MEZ:
Ein köstliches Dinner in der Business Class ist soeben beendet.
Reichlich Rotwein aus Chile begleitete das Essen. Teo, der sich immer sehr um seine Gesundheit sorgt und deshalb eher zur Askese neigt, tat heute so, als stünde die Familie vor einer Hungerzeit. Er kostete fast von allem und hatte neben dem üppig beladenen Käseteller 2 Glas chilenischen Shiraz stehen, als Roi nach einem Schwätzchen vorn bei den Stewardessen vorbei kam. „Aha, der Asket“, war sein Kommentar.
In der unmittelbaren Umgebung der Vier sitzen fast ausschließlich Deutsche jüngeren Jahrgangs, auch ein kleiner Schreihals von etwa 15 Monaten. Was die wohl alle in der Wüste um Dubai vorhaben? Wahrscheinlich wollen sie ähnlich wie die Familie nur einen gepflegten stop over verbringen.
Im Flug bis an die Westküste der Türkei brachte Teo der Fensterplatz nichts ein. Eine durchgehende Wolkendecke herrschte bis dort. Jetzt, mitten über der Türkei, tauchen aus der Stockfinsternis vereinzelt die gelben Lichter von Städten auf, deren ausgedehnte alte Viertel, enge Straßen und Plätze deutlich zu erkennen sind. Teo registriert alles mit der Neugier dessen, für den auch Nachtflüge keine Routine bedeuten. Die neben ihm sitzende Anna schläft.
Von der Türkei geht der Flug noch über den östlichsten Teil des Mittelmeeres, nördlich vorbei an Zypern, dann weiter über Syrien und den Nordostzipfel von Jordanien nach SaudiArabien. Auch Roi und Nic, die hinten in der Raucherecke sitzen, schlafen inzwischen fest.
Teo genießt den Blick aus seinem Fenster über die nächtliche Schwärze der Wüste (Neumond ist gerade), die dann und wann unterbrochen wird von einer schachbrettartig gegliederten großen Ansiedlung. Die Flugroute verläuft ganz akkurat in geziemendem Abstand zur neutralen Zone entlang der Grenze zum Irak. Teo kann auf seinem Bildschirm an der Rückenlehne des Vordermannes den Verlauf des Fluges genau verfolgen. So erkennt er, daß der Flieger den Persischen Golf erst im Anflug auf die Arabischen Emirate kurz vor Abu Dhabi in seinem südwestlichenTeil überfliegen wird.

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