Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Moloch Bombay

Nach knapp drei Stunden landet der Airbus in Bombay. Welch ein Kontrast zu Dubai! Im vergammelten Flughafengebäude drängen sich Menschenmassen. Durch schwach beleuchtete Gänge im Souterrain gelangt man in eine von Gasschwaden erfüllte Halle. Beißender Gestank verpestet die Luft. Nic ruft aus, hier hat es gerade gebrannt! In dem sich immer mehr verdichtenden Nebel sitzen seelenruhig die Abfertigungsbeamten der Zoll und Paßkontrolle. Von ihnen erfährt die Familie, daß gerade eine der routinemäßigen Mückenbekämpfungsaktionen durchgeführt worden sei.
Vor dem Terminal entdeckt Roi die von der Reiseagentur ausgesendete Begleiterin, die die Gruppe in einem Minibus in eineinhalbstündiger Fahrt durch das Gewimmel der Autos und Fußgänger Bombays begleitet.
Im Hotel Taj Mahal erwartet die Vier eine gute Überraschung: Sie werden im 3. Stock des alten Flügels in nebeneinanderliegenden Zimmern untergebracht. In nur 100 Metern Entfernung erhebt sich das berühmte Gate of India, die prachtvolle Empfangshalle am Meeresarm von Bombay, die anläßlich der Krönung Königs Georgs V von England zum Kaiser von Indien 1911 errichtet wurde.
Am nächsten Morgen entdeckt Teo unter der Zimmertür ein Fax vom Töchterchen aus Deutschland. Anna überkommt sofort strahlende Laune. Nach gemeinsamem Frühstück mit Nic und Roi begeben sich die Vier in die große Empfangshalle in dem neuen Flügel des Hotels, wo sie von Sheala, der sehr gut deutsch sprechenden tamilischen Wirtschaftswissenschaftlerin, aus dem Gebiet von Madras stammend, erwartet werden. Sheala begleitet die Gruppe im Minibus auf einer SightseeingTour, die zur Jehangir Art Gallery, zum Max Müller Bhavan (das GoetheInstitut), Universität, High Court, Victoria Terminus, über den Marine Drive in das hoch gelegene bevorzugte Wohnviertel von Malabar Hills, zu den hängenden Gärten mit den „Türmen der Stille“, Laksmi Nahrain Tempel, Dhobi Ghat, Mani Bhavan (GandhiMuseum) und Haji Ali´s Tomb führt.
In dem von Nehru angelegten historischen Museum „Nehru Centre“ wird ein großer Bogen der Bau und Kulturgeschichte des Landes von der vorhistorischen Stadt Harappa (um 1750 v.Chr. untergegangen) bis zur kolonialen Epoche der Engländer geschlagen. Sheala weist Teo auf einen an der Wand angebrachten Ausspruch Nehrus hin, „die Frau darf nicht mehr das Objekt von Willkür und Gewalt sein, denn sie ist dem Mann als ebenbürtige Partnerin und Stütze im gleichberechtigten Eheleben bestimmt“.

Auf dem Crawford Market ersteht man exotische Mangos, deren Hauptzeit in Indien erst im März beginnt. Eine junge Mutter mit einem kleinen Kind auf dem Arm heftet sich eisern an die Fersen der Familie. Sie streckt ihnen bettelnd die offene Hand entgegen. Als sie vor einem Lebensmittelstand ihre Hand wiederholt zum Munde führt und dabei immer wieder das Wort Rice spricht, kauft ihr Anna kurz entschlossen ein Kilo Reis. Dankbar nimmt die Mutter das Geschenk an.
Im Mani Bhavan, dem Wohnhaus Ghandis von 1917 bis 1937, erlebt man in Wandphotos die Geschichte des Aufstiegs Ghandis zum Anführer der Freiheitsbewegung in Indien mit.
Geheimnisvoll ist die letzte Ruhestätte der Parsen im Bereich der hängenden Gärten. Über dicht von Bäumen und Sträuchern bestandenen Hügeln erhebt sich ein flaches gelbes Gebäude, kaum erkennbar von der Straße. Ein breiter Weg führt dort hinauf. Geier schweben über dem Gelände, und Raubvögel hocken erwartungsvoll auf den Bäumen ringsum.
Auf dem flachen Dach legen die Parsen, von denen es noch 60.000 in der Stadt geben mag, ihre Toten ab - den Vögeln zum Fraß ausgesetzt. Der Glaube an die Reinheit von Erde, Feuer und Wasser verbietet dieser Religionsgemeinschaft eine andere Art der Bestattung.
Auf einem Stop läßt Sheala die Familie das Dhobi Ghat einsehen, ein Areal mit zahlreichen länglichen Wasserbecken, vor denen Hunderte von Männern mit dem Waschen, Ausschlagen und Trocknen der Wäsche von Privatkunden beschäftigt sind. Das Waschwasser ist wenig Vertrauen erweckend braun. Die Waschmänner haben ihre bestimmten Kunden, bei denen sie die Wäsche im festgelegten Turnus abholen und auch wieder abliefern.
Teo begibt sich am Nachmittag nochmals auf die Straße. Das Überqueren der Straße vor dem Hotel durch die endlose Schlange hupender Autos ist lebensbedrohlich. Und schon am Gate of India zweifelt Teo an seinem Vorhaben. Die sich hier im dichten Gedränge schiebenden Menschenmassen ängstigen ihn, und er ist nahe daran umkehren. Doch er möchte zumindest zum nahe gelegenen GoetheInstitut gelangen. Inmitten des Menschengewimmels sitzt ein beinloser Krüppel vor einer Fußstütze und wirbt um Kunden, denen er die Schuhe putzen möchte. Fünfjährige Kinder, von ihren Eltern zum Betteln statt zum Besuch einer Schule angehalten, strecken Teo ihre Händchen entgegen. Und Teo muß über sie hinwegsehen, denn mit jedem Allmosen würde man Kinder weiter wegführen von der Chance zur Berufsausbildung und Persönlichkeitsformung.
Ein Mann läßt seinen Schwarzbären vor großem Publikum an einer Straßenecke tanzen. Zu seiner Überraschung kommt bei Teo angesichts des dichten Stromes der auf den engen und holprigen Fußsteigen um ihn herumwimmelnden Menschen keine Furcht auf. Persönliche Aggressivität scheint hier weniger zu existieren als in den westlichen Ländern. Aber dennoch will sich das Wohlbehagen, das Teo so häufig beim Bad in der Menge empfindet, hier nicht einstellen. Und so wird es auf der ganzen noch vor ihm liegenden Indienreise bleiben.
Abends fahren die Vier mit einer Kutsche, deren Seitenbeschläge aus kunstvoll bearbeitetem Messing bestehen, an dem JehangirMuseum vorbei und kommen dann über den marine drive ins Hotel zurück.
Vor dem Dinner fährt Teo mit dem Lift des neuen Flügels des Hotels in das 20. Stockwerk. Von der dort befindlichen noblen Bar genießt er den Ausblick auf Bombay nach West, Nord und Süd. Ein an dem Tresen eingenommener Baileys versetzt ihn in Hochstimmung, die ihn jedoch beim Präsentieren der Rechnung wieder verläßt: 800.- Rupies, das sind 4o.-DM, der halbe Monatsverdienst eines einfachen Hotelangestellten!
Ein indisches Essen im Restaurant Tajore des Taj Mahal, zu dem auch noch indisch getanzt wird nach der zarten Melodie einer Sitar, beschließt den erlebnisreichen Tag in Bombay.
Am Sylvestermorgen erwartet Sheala die Gruppe pünktlich im Hotel. Heute sollen die Höhlentempel auf der Insel Elefanta besichtigt werden. Auf der Anlegestelle gegenüber vom Taj drängen sich schon die Menschen. Es gelingt Sheala, die ihr Anvertrauten auf dem zweiten der herausgehenden Boote unterzubringen.
In der Nacht war ein starker Wind aufgekommen, der auch jetzt noch anhält. Das ringsum offene Bötchen kämpft sich tapfer gegen Wind und See voran und läßt bald seinen zuerst gestarteten Konkurrenten zurück, als dessen Maschine ihren Geist aufgibt. Die Backbordseite des Bootes wird von den Passagieren, überwiegend indische Familien, geräumt, als Spritzwasser und der kühle Wind den Aufenthalt dort ungemütlich werden lassen. Da nun alle sich zur anderen Seite drängen, bekommt das Boot sichtlich Schlagseite nach Steuerbord.
Eine weit ins Meer hinausragende Ölleitung mit Anlegestelle für die Versorgung des am Land liegenden Eltwerkes von Bombay wird passiert, und nach einer Stunde können die Fahrgäste im Bootshafen der Insel Elefanta das Boot verlassen.
Der schier endlose und auf Treppenstufen ansteigende Weg ist von Andenkenständen flankiert, die gerade von ihren Besitzern eingerichtet werden. Am Ende des Weges verraten kreischende und possierlich herumtollende Affenfamilien die Nähe der Tempelanlage.
Es handelt sich um mehrere geräumige und 5 Meter hohe Höhlen, die vor mehr als 1000 Jahren von Mönchen aus dem Gestein herausgeschlagen wurden. 36 ziselierte Säulen und zahlreiche Standbilder, alle Shiva gewidmet, wurden ausgespart. Viele der Skulpturen wurden von den Portugiesen zerstört. Und doch hinterlassen auf der rechten Seite der sich auf Parvati stützende Shiva, auf der linken Seite Shiva - zur Hälfte Mann, zur Hälfte Frau - und vor allem der dem zentralen Eingang gegenüber stehende dreiköpfige Shiva als Schöpfer, Bewahrer und Zerstörer einen bleibenden Eindruck. In einem Schrein, dem die Gläubigen mit großer Ehrfurcht begegnen, steht auf einem Podest der Lingam (der als Symbol der Stärke angebetete Phallus Shivas).
Auf dem Rückweg erfährt Teo von Sheala einiges von der heutigen indischen Gesellschaft. Das Kastenwesen, von der Verfassung abgeschafft, lebt tatsächlich im Volke weiter. Selbst Sheala, die eine Brahmanin ist, würde nur einen Brahmanen zum Mann nehmen. Auf dem Lande, wo jeder um die Herkunft des anderen weiß, empfindet man die Unterschiede der Kasten immer noch als besonders kraß; in einer 16Millionenmetropole wie Bombay beginnen sie schon zu verwischen.
Auch ist Sheala als Hindu entschlossen, um keinen Preis einen Muslim zu heiraten schon wegen der größeren Bindung, die eine hinduistische Ehe bedeutet. Hier würde der Familienklan helfend eingreifen, um eine Ehe zu retten. Außerem stehen der Scheidung einer Hinduehe zunächst gesetzliche Hindernisse im Weg, was bei einer nach islamischem Recht geschlossenen Ehe nicht der Fall ist.
Interessant zu hören, daß Frauen in Indien weniger an Einkommensteuer zu zahlen haben als die Männer. Shealas Erklärung: Frauen setzen ihre Einnahmen vernünftiger ein als Männer, nämlich zum Erhalt der ganzen Familie.
Sheala lebt bei ihren Eltern und ihrem Bruder, über die Festtage holt sie ihre Großmutter dazu. Sheala selbst liebt es, selbständig zu sein und ihren Tag nach Gutdünken einteilen zu können. Sie hat in dieser Woche fünf Tage gearbeitet als Übersetzerin und Fremdenführerin, und jetzt freut sie sich auf eine Woche Nichtstun.
Sylvesterabend. Die Familie sitzt bei einer Flasche Champagner am Fenster des Zimmers von Nic und Roi beisammen. Am Bootshafen vor dem Gate of India und auf der Uferstraße vor dem Hotel strömen immer mehr Menschen aus der Stadt zusammen. Die Straßenhändler haben reißenden Absatz in Luftballons und Krach erzeugenden Artikel. So erfüllt bald ein großer Lärm von Stimmen und heiserem Tröten die Luft vor dem Hotel. Gegen Mitternacht gleicht die hin und her wogende Masse der Menschen einem schwärmenden Bienenvolk. Plötzlich zeigt sich eine offenbar bekannte Persönlichkeit am Hoteleingang, und die vorbei ziehenden Menschen applaudieren frenetisch. Polizisten mit langen Schlagstöcken sind ständig in Bereitschaft, brauchen zum Glück aber nicht einzugreifen.
Um Mitternacht ertönen vom Hafen her Schiffssirenen, und vereinzelt wird eine Feuerwerksrakete zur Begrüßung des Neuen Jahres gezündet. Die Stadtgemeinde von Bombay hat für so einen Luxus kein Geld. Und da beschweren sich deutsche Städte, die jährlich mehrere Prachtfeuerwerke organisieren, über Geldmangel!

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