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Ländliches Orissa und seine Tempelkultur
Der Wechsel von den Megastädten Bombay und Kalkutta in die landwirtschaftlich genutzten östlichen Küstenebenen des verhältnismäßig dünn besiedelten Unionsstaates Orissa bekommt der ganzen Familie gut. Wieder bewährt sich Rois Strategie bei der Planung dieser Reise durch die indische Halbinsel. Und die Unterbringung in einem ruhigen Parkhotel am Rande der nur eine halbe Million Einwohner zählenden Hauptstadt Bhubaneshwar - in Indien keine Großstadt - begeistert alle.
In dieser Stadt gibt es so gut wie keine Hochhäuser. Weit erstrecken sich die flachen Wohnsiedlungen, Slums stören das Stadtbild nicht, und besonders auffällig ist das Fehlen jeglicher Hektik und Huperei auf den Straßen. Weibliche Verkehrspolizisten in Uniform sieht man häufig.
Das Klima ist optimal jetzt, in der Mitte des Januar. Die Luft ist sauber und trocken, und die Temparaturen sind tags und nachts angenehm. So ist der Ausflug am ersten Morgen nach der Ankunft zu den Jainklöstern in den Höhlen vor der Hauptstadt gar nicht strapaziös. Etliche Schulklassen sind heute unterwegs, um die Geschichte dieser Klöster, die schon im 2. Jh. v. Chr. etwa zur Zeit Ashokas von dem hiesigen König Karavela erbaut wurden, zu erleben. Zutraulich wenden sich wiederholt einzelne Männer und dann ganze Sippen an die Familie mit der Bitte, für ein Gemeinschaftsfoto mit ihnen zu posieren.
Am Abend erlebt die Familie einen lukullischen Höhepunkt in dem Restaurant des Hotels, angeblich eines der besten Orissas. Es gibt Prawns in unterschiedlicher Zubereitung. Und an das Dinner schließt sich eine Tanzdarbietung an. Zwei Paare bieten klassischen indischen und bäuerlichen heimischen Tanz.
Am nächsten Tag besucht die Familie in dieser Stadt des Gottes Shiva (Bhubaneshwar = Platz Shivas) die hinduistischen Tempel Parasurameshvara, Mukteshvara und RajaRani aus dem 7. bis 11. Jh.; die gut erhaltenen Skulpturen vor allem an den Fassaden von Gebetshalle und Tempelturm faszinieren alle.
Der LingarajaTempel wird zuletzt besucht. Er besteht aus einem großen Tempelbezirk mit vielen Gebäuden, und ist von einer Mauer umgeben. Der Tempelturm überragt mit seinen 46 Metern alle anderen Türme der Stadt. Dieser Tempel darf von Nichthindus nicht betreten werden. So besteigt die Familie eine Plattform, von der aus der Vorhof des Tempels eingesehen werden kann. Zahlreiche Menschen, viele Schulklassen darunter, strömen in den Tempel hinein und wieder heraus.
Bibhu, der der Familie für Orissa zugeteilte Führer, antwortet Teo auf dessen Frage, er selbst sei gläubig, wie alle Hindus. Er gehöre zu einer Unterkaste der Brahmanen. Priester dürften aber nur Männer sein, die zu der obersten Schicht dieser Kaste gehörten. Er weist auf einen neben ihm stehenden Mann in einem hellen Straßenanzug. Dieser sei ein Priester des
Tempels. Sogleich wendet sich Teo an ihn. In dem folgenden Gespräch erfährt Teo, daß ein männlicher Abkömmling aus der Kaste der Brahmanen im Alter von 7 Jahren die Brahmanenweihen erhalte. Damit sei er ermächtigt, das ihn als Mittler zwischen Göttern und Menschen ausweisende, schräg über die Schulter zu legende weiße Schnurbündel zu tragen und den Priesterberuf auszuüben. Die berufliche Tätigkeit eines Priesters bestehe im wesentlichen darin, die figürlichen Darstellungen der Götter zu reinigen, zu pflegen und zu schmücken. Auch bereite er kleine Gaben, z.B. Reiskörner, im Tempel vor, die er unter dem Murmeln von Mantras segne und dann während einer Puja an die Gläubigen verteile.
Dann bietet dieser Brahmane Teo unvermittelt an, gegen Zahlung einer Opfergabe dessen Namen, auf ein Stück Papier geschrieben, an dafür vorgesehener Stelle neben dem Heiligtum, einem 3 Meter hohen Lingam, zu deponieren. Teo prickt der Hafer. Er bietet dem Priester 500 Rupien, dieser sagt, 1.000 Rupien müßten es schon sein, und Teo spielt mit. Er gibt seinen Einsatz und sieht das ganze als ein bewußtes Opfer für einen weiteren guten Verlauf der Reise.
Mit fröhlichem Gelächter reagiert die ganze Familie auf die trockene Bemerkung von Nic, dieser Mann sei ganz gewiß kein Priester, sondern ein gescheiter Gauner, der den Tag über auf der Plattform am Tempel stehe, um immer auf die gleiche Weise den dummen Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Anderntags bricht die Familie früh auf in Richtung Südwest. Im vergangenen Monat abgeerntete Reisfelder sind auch hier überall in der weiten Ebene zu sehen. Dieser Reis war während des Sommermonsuns im Juli gepflanzt. Etwas weiter lösen ausgedehnte Plantagen von Cashewnüssen die Reisfelder ab. Am Horizont sind ab und zu kurze Bergketten zu sehen, die jedoch nicht zu den noch weit entfernten Ostghats gehören.
Nach einer Stunde biegt der Fahrer vom in Richtung Madras führenden Highway 5 ab auf eine schmale und kurvige Landstraße. Äcker und Baumknicks wechseln nun einander ab. Strohgedeckte Bauernhäuschen, in langen Reihen am Weg liegend, zeugen von der intensiven Form der hier betriebenen Landwirtschaft. Aus Schöpfbrunnen beziehen die Bewohner das 30 Meter tief liegende Grundwasser.
In den kleinen Dörfern wird der frisch geschnittene Reis gedroschen. Die auffallend schmalen Reiskörner bleiben in der Mitte des Dreschplatzes, zum Haufen zusammengekehrt, liegen. Bibhu erklärt, daß anschließend in der Mühle die Reiskörner von der Spelze getrennt würden. Ein Teil des von der Bevölkerung selbst benötigten Reises werde vor dem Weg zur Mühle kurz erhitzt, nehme dabei eine braune Farbe an und sei für den Magen besser verträglich. An den Seiten wird das Reisstroh aufgeschichtet zu Gebilden, die in ihrer Form den Türmen der hinduistischen Tempel ähneln.
In einem Weberdorf von etwa einhundert Einwohnern legt die Familie eine Rast ein. Beim Bummel auf der einzigen kurzen Ortsstraße begegnen die Vier jungen und alten Bewohnern, die ihre kleinen, strohgedeckten Bauernhäuser verlassen haben, um die Fremden zu betrachten. Die Ernte ist eingebracht, und da hier während der Trockenzeit keine Möglichkeit zu künstlicher Bewässerung besteht, haben die Menschen, soweit sie nicht an den Webstühlen im Hause tätig sind, mehr Zeit zur Muße. Außerdem ist Sonntag, und so haben auch die Schüler der im übernächsten Ort gelegenen Bezirksschule ihren freien Tag. Schnell fassen die Dörfler Vertrauen und nähern sich den Neuankömmlingen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Die ein wenig englisch sprechenden Kinder lassen oft das Wort pencil in ihre Rede einfließen.
Fahrer und Führer geleiten Anna und Nic in eines der reinlichen Bauernhäuschen, in denen IkatGewebe an kleinen Webstühlen hergestellt werden. Die Produkte ähneln sehr den für Mallorca so typischen Tuchen. Anna und Nic lassen es natürlich nicht beim Betrachten bewenden. Sie versorgen sich reichlich, um zuhause schöne Geschenke machen zu können.
Roi macht sich währenddessen wieder einmal mit der Kamera als bewährter Motivjäger verdient. Und Teo genießt das Bad in der Menge. Er stellt sich am Dreschplatz des Dörfchens auf und ist im Nu umringt von jungen Männern und einer großen Schar der Kinder, die immer zutraulicher werden. Sie lachen nun Teo offen an und bitten um „pencil“. Ach ja, man hätte ein Kilo Kugelschreiber kaufen und mit aufs Land nehmen sollen. Sie hätten reißenden Absatz gefunden. Das keckste der Kinder, ein wohl sechsjähriges Mädchen, beginnt, auf der Suche nach solch einem begehrten Schreibgerät an der Beintasche von Teo zu nesteln.
Teo ist in seinem Element. Er stellt sich als Schüler dar, der von der ihn umdrängenden Menge in Oridu, der Landessprache, unterrichtet zu werden wünscht. Auf englisch sagt er die Wochentage und alltägliche Worte, die ein des Englischen mächtiger junger Mann ins Oridu übersetzt. Und sogleich beginnt der Kinderchor, dieses Wort wechselweise mit Teo zu wiederholen.
Man spürt in diesem kleinen Ort einmal mehr, wieviel eine intakte Dorfgemeinschaft für das Gedeihen ihrer Mitglieder bedeutet. Das erkennt Anna besonders deutlich, da sie gerade in zwei Megastädten Indiens das furchtbare Elend von Hunderttausenden von entwurzelten Bewohnern der Straßen hat ansehen müssen.
Weiter geht die Fahrt an den ChilikaSee, der wegen eines schmalen Durchlasses zum Bengalischen Golf eigentlich eine Lagune ist. Er hat die Größe eines Viertels der Insel Mallorca. Der Führer mietet eines der langen Boote, wie sie die Fischer hier für den Fang der reichlich im See vorhandenen Prawns benutzen.
Da Sonntag ist, sind viele indische Familien in besonders schicker Landestracht unterwegs. Überall auf dem See sind die manchmal überladenen Boote zu sehen, aus denen immer neugierige Blicke zur Familie herüber geschickt werden. Und fröhlich winken sie zurück, wenn man sie grüßt. Das ist ein weiteres Plus für das Reisen in Orissa: Man ist, wo immer man sich aufhält, fast nur von Indern umgeben. Selbst im Hotel sind höchstens einmal einzelne oder eine kleine Gruppe von Europäern untergebracht.
Nach zwei Stunden ist eine mitten im See liegende flache, langgestreckte Insel erreicht, die Roi und Teo alsbald zu Fuß erkunden. Rings herum haben sich Tausende von Wasservögeln auf dem Wasser niedergelassen, die der nördlichen Kälte entflohen sind. Es herrscht eine paradiesische Stimmung. Keine menschlichen Laute sind mehr zu hören. Nur das Quaken der Enten und die Schreie von Wasserhühnern und anderen Arten ertönen ringsum. Einzelne rostbraune Fischadler und weiße Fischreiher streichen über das Wasser. Und in der Ferne, auf dem gegenüberliegenden Ufer der Insel, steht in langer Reihe eine große Gruppe von Flamingos.
Bei Dunkelheit langt die Familie wieder im Hotel an.
Als Bibhu am nächsten Morgen die Familie in der Empfangshalle des Hotels zu einem Ausflug zu den Tempelstädten Puri und Konarka erwartet, ahnt noch niemand, welch ein Höhepunkt der Reise dieser Tag werden wird.
Es beginnt damit, daß alsbald nach Verlassen des breitflächigen Bhubaneshwar auf eine kleine Landstraße abgebogen wird. Die Kulisse einer weiträumigen Kulturlandschaft tut sich auf. Wasserführende Kanäle durchziehen die Ebene. Teiche, in denen Prawns gezogen werden, liegen beidseits der Straße. Und die Stoppelfelder der gerade beendeten Reisernte harren der Neubestellung.
Die Familie läßt den Wagen anhalten. Diesseits der Straße zieht ein Bauer aus einem ganz eng beieinander stehenden Bestand Reispflänzchen, macht größere Bündel daraus und setzt diese in eine Ecke des nebenan unter Wasser stehenden Reisfeldes ein. Zwei Bauersfrauen stehen bis über die Knöchel im überfluteten Schlamm dieses Feldes, holen sich ein Bündel nach dem anderen, um nun Pflänzchen für Pflänzchen in kleinem Abstand voneinander in den morastigen Boden einzustecken. Sie verrichten die Arbeit in ständig gebückter Haltung und immer bedroht von der Gefahr, von im Schlamm lebendem Getier gebissen zu werden.
Auf der anderen Straßenseite geht ein Bauer hinter einem Ochsengespann, welches ein mit Steinen beschwertes breites Brett zieht. Hier wird der vorher gepflügte und dann bewässerte Acker „geeggt“ für das Setzen der Reisstecklinge. Wie überall, wo künstliche Bewässerung möglich ist, gibt es auch hier zusätzlich zur Reisanpflanzung zum Beginn des Sommermonsun (Juli) die Möglichkeit, eine zweite Ernte vorzubereiten am Anfang der Trockenzeit (Januar).
Auf der Weiterfahrt in Richtung Küste des Bengalischen Meerbusens ändert sich die Landschaft. Die weite Ebene mit den so fröhlichen hellgrünen Farbtupfen der Reisfelder wird
abgelöst von Dschungel und Kokoshainen. Dazwischen liegen halb versteckt strohgedeckte Häuschen. Es wirkt jetzt alles so friedlich und natürlich, wie man sich Paradiese vorzustellen vermag. Das am Weg stehende Staatliche Forschungsinstitut für Kokosanbau gibt Zeugnis für den in dieser Region hohen Stellenwert der Kokospalme.
In dem Dorf Pipili wird Halt gemacht. Anna und Nic schauen sich die hier gefertigten bunten Einkaufstaschen an, auf die zahlreiche Spiegelchen appliziert sind. Roi entdeckt einen Verkaufsstand mit Bidis, den winzigen indischen Zigaretten, die konisch geformt und von einem Tabakblättchen umhüllt sind.
Teo begibt sich auf Wanderschaft. Er biegt in einen schmalen Dorfweg ein. Er befindet sich nun inmitten der geschäftigen Dorfgemeinschaft. Hier waschen zwei Frauen an einem Brunnen Wäsche. Nebenan hämmert ein Mann an seinem aus einem Raum bestehenden Häuschen. Zwei Männer sind dabei, den Teil eines abgesägten Baumstamms zu spalten, indem sie sich gegenüber stehend abwechselnd ihre Axt auf das Holz herunterschmettern lassen. Der kleine Markt des Dorfes besteht aus einem Bretterverschlag, in dem Lebensmittel verkauft werden und in einigen auf dem Straßenrand ausgebreiteten Auslagen mit den Früchten und den Gemüsen, die hier gedeihen. Jeder Kleinbauer bietet hier ohne Zwischenhandel seine Produkte selbst an.
Dann heißt es einsteigen zur Weiterfahrt. (Am darauf folgenden Tag wird es an dieser Stelle von Pipili zu einem schlimmen Crash zwischen Autobus und PKW kommen, bei dem ein Mensch getötet und viele verletzt werden.)
Der Fahrer bewältigt in seiner überlegenen Art schnell die restlichen Kilometer bis Puri, eine der am meisten besuchten hinduistischen Pilgerstädte ganz Indiens. Bei dem alljährlich stattfindenden großen Tempelfest strömen etwa zehn Millionen Pilger aus allen Teilen des Landes hier zusammen, um Jagannath zu huldigen, einer örtlichen Gottheit, die Bezug zu Krishna (eine der neun bisherigen Inkarnationen von Vishnu) hat.
Am Ende der kilometerlangen und alleeartig breiten Pilgerstraße erhebt sich der 58 Meter hohe Turm des im 12. Jh. errichteten Tempels. Sein Besuch ist für Nichthindus verboten. Deshalb besteigt die Familie die dafür bestimmte Terrasse einer Bibliothek, von der aus sie Einsicht nimmt auf den riesigen Tempelkomplex. Vor dem Turm, dessen Innenraum mit dem das Heiligtum enthaltenden Schrein nur für den Priester bestimmt ist, liegen auf einer Längsachse die mächtige Gebetshalle für die Gläubigen, die Tanz- und die Speisehalle. Letztere sind allein dem Gott Jagannath vorbehalten. Hier wird ihm zu Ehren getanzt, und hier werden ihm täglich Speise und Trank von einer großen Priesterschaft gereicht. Laien dürfen Tanz- und Speisehalle nicht betreten.
Neben diesen Bauten, noch innerhalb des von einer Mauer umgebenen Tempelbezirks, erhebt sich ein weitflächiges, dunkles Gebäude, das die größte Küche der Welt beherbergt. Auf 750 Feuerstellen werden hier die auf dem Hof auf langen Steintischen zerkleinerten Gemüse von Priestern hergerichtet, gekocht und gesegnet. So können sich die Massen der Pilger nicht nur an der Puja (hinduistische Verehrungszeremonie in der Gebetshalle) beteiligen, sondern während ihres oft einwöchigen Aufenthaltes in Puri auch von Brahmanen gekochte und gesegnete und angeblich sehr wohlschmeckende Speise zu sich nehmen.
Auf dem Rückweg zum Kleinbus folgen zwei Frauen, deren
äußere Fingerglieder von Lepra zerstört und deren verbliebene Fingerstümpfe mit schmutzigen Lappen umwickelt sind, der Familie und bitten um Almosen. Sie lassen erst ab, als sie von allen etwas erhalten haben.
Die Weiterfahrt von Puri nach Konarka führt in einigen Kilometern Abstand entlang der Meeresküste durch unwirtliches Land, in dem Buschwerk und Kasuarien stehen. Dann durchfährt man ein großes Gebiet, in dem auf weiter Fläche Bäume und Sträucher umgerissen sind, Spuren des schrecklichen Taifuns, der Ende Oktober 1999 über Orissa hinweggefegt ist. Jetzt weiß Teo, weshalb in den Dörfern dieser Region so viel Brennholz aufbereitet wird. Der Taifun hatte vor allem im Küstenstreifen östlich und südlich von Bhubaneshwar viele Menschenleben gefordert und ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Die mit dem Taifun kommende Flutwelle hatte 35.000 Menschen mit sich ins Meer gerissen.
Bei einem einheimischen Steinmetz mitten im Busch wird haltgemacht. Der Künstler empfängt die Familie freundlich und gibt ihr Gelegenheit, seine etwa zwanzig Arbeiter bei ihrer Tätigkeit mit Meißeln aller Größen zu beobachten. Das Material ist hellgrauer Sandstein, und die Darstellungen von Göttern und Göttinnen des Hinduismus verlocken Anna und Nic zum Kauf von zahlreichen Stücken. Wunderschön ist die von Anna erworbene Saraswati, Göttin der Dichtung, Sprache und Musik und Gattin von Brahma. Roi äußert, der Erwerb gerade dieser Statue passe wegen vieler übereinstimmender Eigenschaften von Sarasvati und Anna gut zu letzterer; er spielt damit aber natürlich nicht auf die eheliche Verbindung der Göttin an. Anna verfällt in einen Kaufrausch und muß Teo beschwichtigen, der um ausreichenden Kofferraum fürchtet.
Teo bittet um einen Halt, als der Wagen eine kurze Wegstrecke an den Dünen entlang fährt. Auf dem Strand sieht er die Panzer von fünf großen Meeresschildkröten liegen. Roi mahnt zwar zum Aufbruch, weil er einen hohen Sonnenstand für die geplante Fotoserie braucht. Aber Teo kann es sich nicht verkneifen, die Düne hinab zu gehen, um das erste Mal seine Hand in das Wasser des Bengalischen Golfes zu tauchen.
Noch eine kurze Fahrt, dann ist das von Roi so heiß ersehnte Tagesziel erreicht: Der Sonnentempel, im 13. Jh. errichtet und dem Sonnengott Surya geweiht. Seit der Zerstörung des Sanktuariums im 16. Jh. durch die islamischen Mogulkaiser ist die gesamte verbliebene Anlage nur noch Baudenkmal, nunmehr unter das Patronat der UN als World Heritage gestellt. Der Besuch dieses Tempels sei sein Hauptmotiv für die Planung der Indienreise gewesen, sagt Roi.
Der Tempel steht auf einem freien Platz und besteht aus der 38 Meter hohen Gebetshalle und davor befindlicher im oberen Bereich allerdings abgetragener Tanzhalle. (Zu beiden Gebäuden ist der Zugang zugemauert). Schon die Architektur der Gebetshalle atmet eine Harmonie, wie Teo und Anna sie an Hindutempeln bisher noch nicht kannten. Die Proportionen sind wohl ausgewogen, und die Form des Daches erinnert eher an eine Kuppel als an einen steilen Tempelturm.
Die Gebetshalle stellt den Sonnenwagen dar, mit 24 übermannshohen Rädern und 7 vorgespannten Pferden, beides aus Stein geschlagen, versehen. Heute sind noch einige der reich mit feinen Skulpturen ausgestatteten Räder vollständig erhalten. Ganz oben an drei der Fassaden der Gebetshalle finden sich in Nischen überlebensgroße Darstellungen des göttlich erhabenen Surya.
Und dann vor allem die überreiche Ausstattung der Fassaden mit bis ins Detail ausgearbeiteten Skulpturen! Es beginnt schon in Fußhöhe mit der Darstellung einer schier endlosen Reihe von hintereinander trottenden Elefanten, die sozusagen bildlich den ganzen Tempelbau tragen: Symbol für die Überwindung des eineinhalb Jahrtausende vor Errichtung dieses Tempels von Kaiser Ashoka aufgezwungenen Buddhismus durch die hinduistische Religion. Ähnlichen symbolischen Charakter haben die sich wiederholenden Szenen eines Löwen (Symbol für Hinduismus), der einen Elefanten (Symbol für Buddhismus) besiegt.
Und dann die Tausenden von anmutigen Tänzerinnen, die an der Fassade der ehemaligen Tanzhalle angebracht sind. Szenen aus dem menschlichen Leben, ein Hochzeitsritual mit langem Festzug, gehören zu den Darstellungen. Und der Sex wird in zahlreichen Skulpturen verherrlicht. Liebespaare in teilweise akrobatischen Stellungen und Dreierkonstellationen scheinen ausdrücken zu wollen: Scheut Euch nicht, keine falsche Scham, tut es, wie es Euch gefällt! Die Familie diskutiert über die religiöse Aussage, die hinter der Darstellung erotischer Szenen an den Fassaden vieler Hindutempel stehen mag: Die Vereinigung von Frau und Mann, zweier körperlich und seelisch so unterschiedlicher Wesen - kann das vielleicht Symbol sein für das harmonische Aufgehen aller Gegensätze auf der Welt in einem einheitlichen Universum?
Anna genießt die wohltuende Harmonie, die von der Architektur dieses Bauwerks ausgeht. Teo empfindet die Übereinstimmung von Architektur, Dekor und Symbolik als ein Phänomen, wie es in Europa erst zwei Jahrhunderte nach dem Bau dieses SuryaTempel in Gestalt der Renaissance auftrat. Teo hätte zu gern diese Klarheit eines hinduistischen Tempels
vor fünf Jahren als erste Begegnung mit dieser Religion erlebt - bevor er damals barfüßig die dunklen Hallen zahlloser anderer Hindutempel betrat, in denen es von Menschen wimmelte, die sich in Ehrfurcht vor dem Affengott Hanuman zu Boden warfen oder die bei ohrenbetäubendem Getrommel und Trompetenstößen (im MenakshiTempel in Madurei) Shiva allnächtlich in einer Sänfte zu seiner Gattin Parvati trugen. Teo wäre dann nicht durch die ihn seitdem bestimmende Abwehrhaltung gegenüber dem Hinduismus geprägt.
Beim Verlassen des Tempelgeländes überreicht ein gut aussehender Mann mittleren Alters und im weißen Habitus Anna eine wohlduftende FrangipaniBlüte. Er sei Brahmane und bitte um eine Geldspende. Bibhu bedeutet Teo, der Mann sei ein Schwindler. Der heftet sich nun an die Fersen von Anna und Teo. Roi tritt hinzu und erklärt diesen Mann für seinen Freund; er habe sich lange mit ihm unterhalten.
Als Teo ins Auto einsteigt, fordert der Kerl definitiv 1.000 Rupien - sonst werde er, Teo, krank werden. Teo schlägt die Tür zu.
Bei der Rückfahrt auf einer schmalen Landstraße läßt Roi in einem Dörfchen anhalten, um Schnappschüsse machen zu können. Vor einem strohgedeckten Häuschen wird auf dem Straßenrand Reis gedroschen. Daneben werden die Reiskörner auf dem Asphalt zum Trocknen ausgebreitet. Roi will gerade seine Kamera nach getaner Fotoarbeit einpacken, da kommt ein Kleintransporter vorbei gescheppert - drinnen überfüllt von Männern und draußen, ringsherum um den Wagen aufgebaumelt, zu kleinen Säckchen geformte Tücher mit Frischkäse, dessen reichlich entquellende Tropfen eine breite Spur auf der Fahrbahn hinterlassen.
Auf der Rückfahrt zum Hotel erzählt Bibhu, er habe mit seiner
Frau nur einen Sohn. Mehr Kinder wolle man auch nicht. Hierzulande seien in heutiger Zeit ein bis zwei Kinder der durchschnittliche Nachwuchs. Welch ein rascher Wandel in der Gesellschaft! Bibhus Eltern hatten noch fünf Kinder.
Ein Angestellter des Hotels hatte berichtet, er sei noch mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Alle seien jünger als er, und einige von ihnen wohnten noch bei den Eltern. Das wiege umso schwerer, als der verheerende Taifun von 1999 das Haus der Familie total verwüstet habe. Auch das Dorf, aus dem Bibhu stammt, ist dem Erdboden gleichgemacht.
Bibhu gibt Auskunft über die Verdienstmöglichkeiten in Bhubaneshwar. Ein Ober im Restaurant des Hotels Oberoi bekommt 3.500.-Rupies pro Monat, das sind umgerechnet DM 175.-. Ein Computerfachmann, der in einer der zahlreichen SoftwareUnternehmen von Bhubaneshwar beschäftigt ist, verdient zwischen 40.000 und 60.000 Rupies pro Monat!
Bibhu liebt sein Land. Ja, hier in den Küstenebenen des Nordostens von Orissa gebe es die gesunde Landwirtschaft; überwiegend Reis werde hier angebaut. Aber er bevorzuge noch mehr den bergigen Teil im Südwesten des Landes. Dort leben noch in schwer zugänglicher Gebirgslandschaft die Angehörigen der in Stämme gegliederten Urbevölkerung. Viel von ihrer überlieferten Lebensweise haben sie beibehalten.
Bibhu wäre glücklich, wenn er gelegentlich des nächsten Besuches der Vier in Orissa mit ihnen eine Woche kreuz und quer durch dieses Stammesland fahren dürfte. Er werde sie in häusliche Gemeinschaften, zu denen er gute Kontakte unterhalte, einführen. Viel von den Stammesbräuchen und von dem traditionell dort ausgeübten Handwerk würden sie auf solch einer Reise kennenlernen. Und vor allem werde er sie auf einsamen Pfaden durch den dichten Dschungel führen. Erst vor drei Wochen habe er eine französische Gruppe in ein Wildgebiet geleitet, und sie hätten in mittlerer Entfernung einen Tiger gesehen.
Wieder steht ein Aufbruch bevor. Es soll nach Madras, der Hauptstadt des im äußersten Südosten von Indien gelegenen Bundesstaates Tamil Nadu, gehen und von dort zur Erholung in eine an der Koromandelküste liegende Hotelanlage.
Der Flug am Nachmittag von Bhubaneshwar wird kurz in Visakhatpatman im Bundesstaat Andhra Pradesh unterbrochen. Reisanbau und vereinzelte steile Bergkuppen prägen hier die Landschaft. Auf dem Weiterflug geht es über das ausgedehnte Delta des Godavari, das leider vom Dunst verdeckt wird. Nach der Ankunft im Airport von Madras treffen die Vier auf den örtlichen Reiseagenten und den Fahrer eines Minibusses. Dieser soll sie in die eine Autostunde entfernte, südlich von Madras gelegene, Ferienanlage bringen.
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