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Indien, Traumland oder Albtraum? Fazit
Heute ist der 26. Januar, indischer Nationalfeiertag, denn im Jahr 1950, vor genau 51 Jahren, trat die Verfassung der föderativen Republik Indien in Kraft. Schon zum Mittag treffen zahlreiche wohlhabende indische Familien aus Madras in Fishermans Cove ein, um hier das Wochenende zu verbringen.
Für Nic und Roi, Anna und Teo ist dieses der letzte Tag ihrer Reise. Sie räumen ihre Häuschen um 12 Uhr, um die Zeit bis zum Aufbruch zum Flugplatz auf der Wiese am Swimming Pool zu verbringen. Sie versuchen, ihre persönlichen Eindrücke des Indienerlebnisses zusammenzufassen.
Was Nic seit ihrem ersten Besuch dieses Landes begeistert hat, ist die Gläubigkeit der Hindus in den Tempeln bei den Pujas und während ihrer Pilgerfahrten, die sie größte persönliche Opfer auf sich nehmen läßt. Sie bewundert, daß das Gemeinschaftserlebnis einer Pilgerfahrt bei den gläubigen Hindus offensichtlich einen weit höheren Stellenwert genießt als das Streben nach materiellen Gütern.
Vor einigenTagen hat in Kumbhnagar (bei Allahabad) an der Stelle, wo die Ströme Ganges und Jamuna zusammenfließen, das hier nur alle 12 Jahre für die Dauer von 5 Wochen gefeierte Tempelfest Kumbh Mela begonnen, zu dem 25 Millionen Pilger aus allen Landesteilen erwartet werden. Nach der Überlieferung ist einst beim Kampf der Götter mit den Dämonen um den Nektar der Unsterblichkeit ein Tropfen der kostbaren Flüssigkeit aus dem Topf (Kumbh) hier niedergefallen. Der für die Pilger aus Madras eingesetzte Sonderzug, der für die Fahrt bis Allahabad 3 volle Tage benötigt, ist bereits seit Wochen ausgebucht. Und jeder muß befürchten, daß bei dem fürchterlichen Gedränge an den dortigen Ghats nicht alle Pilger die Möglichkeit haben werden, das reinigende Bad im heiligen Fluß zu nehmen.
Nic zitiert den Bericht einer Zeitung über die diesjährige Kumbh Mela: Die Behörden haben in dem jetzt ausgetrockneten Teil des Flußbettes des Ganges auf einem riesigen Areal eine provisorische Zeltstadt errichtet, die sie mit behelfsmäßigen Ver und Entsorgungsleitungen für Elektrizität, Brauch und Schmutzwasser versehen haben. Hier finden die Millionen täglich anreisender Pilger für die Zeit ihres Aufenthaltes Unterkunft. Sie genießen das Zusammensein in der Masse der gläubigen Hindus. Und sie können kaum den Tag erwarten, an dem sie vor Sonnenaufgang aufbrechen, um im heiligen Fluß zu baden.
Sie erfreuen sich an den bis zu 15 Tagen dauernden Aufführungen der großen, vor etwa zweitausend Jahren verfaßten Epen Mahabharata und Ramayana, die auf mehreren der zahlreichen Bühnen des riesigen Camps stattfinden. Auch die unzähligen Interpretationen der Upanishaden (aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. stammende Geheimlehren) durch weise Brahmanen finden großen Anklang.
Die größte Attraktion sind jedoch die Saddhus, die aus ganz Indien in unübersehbarer Zahl hier zusammenkommen, um, organisiert in dreizehn Bünden und untergebracht in besonderen Camps, die Kumbh Mela auf ihre Weise zu feiern. Auf diesem Fest finden auch die Initiationen der Anwärter zu Saddhus statt.
Tag und Nacht und durch Lautsprecher verstärkt ertönen aus den Camps der Saddhus die in Trance gesungenen religiösen Texte, die häufig unterbrochen werden durch Ausrufe und Durchsagen. Asketen schlagen Schellen und rufen im Chor das göttliche Ehepaar Rama und Sita an. Und durchdringend erschallt die ständig wiederholte Friedensmantra „Shanti Om“.
Am vom religiösen Kalender vorgegebenen wichtigsten Badetag versammeln sich in der Frühe um 3 Uhr die zumeist unbekleideten Saddhus, um auf der ihnen vorbehaltenen Pontonbrücke über den Ganges ihre Prozession durchzuführen. Die ranghöchsten Heiligen thronen auf reich geschmückten Wagen, und geringere Saddhus halten aufgespannte Schirme über sie zum Zeichen ihrer Verehrung. Es folgt eine unübersehbar große Masse von einfachen Saddhus. Mit Schlagstöcken bewaffnete Polizisten versuchen, Ordnung in den Prozessionszug zu bringen. Es kommt zum Stau. Von hinten drängt die Menge nach. Die ganze Brücke ist nun zu einem stehenden Fluß dunkler Leiber geworden. Es kommt zur Schlägerei zwischen Polizisten und Saddhus.
Während Nic diesen Artikel verliest, erinnert sich Teo mit Entsetzen an sein Jahre zurückliegendes Erlebnis in Kathmandu, als er unversehens in die Masse der zum Tempelfest Pashupatinath strömenden Hindus geriet und in Gefahr geriet, von der fanatischen Menge niedergetrampelt zu werden.
Als Nic die Verlesung des Berichts über die Kumbh Mela beendet hat, zitiert Teo das heute Morgen in einer deutschen Zeitung entdeckte harte Urteil über dieses Tempelfest, das von einem HinduProfessor stammt, der auch in Harvard doziert hat: „Dieses KumbhMelaFest ist die größte Ansammlung von Sündern in der Welt. Der heilige Ganges wird die nächsten 12 Jahre benötigen, um sich davon wieder zu reinigen. Wir Menschen stellen das Unendliche aus dem Endlichen her und nennen es heilig.“ Teo stellt die rethorische Frage, ob wohl der auch bei kleineren Tempelfesten zu beobachtende Fanatismus der Hindus seine Wurzeln in Massenhysterie oder im tief empfundenen Glauben hat.
Nun faßt der indienerfahrene Roi seine Erkenntnisse zusammen. Ihm fällt auf, daß das schreckliche Elend der früher auf den Straßen lebenden, arbeitenden und gar sterbenden Menschen fast der Vergangenheit anzugehören scheint. Auch empfindet er die indischen Frauen selbstbewußter und fröhlicher als auf seinen früheren Reisen. Er stellt außerdem befriedigt fest, daß offensichtlich auch der Lebensstandard in Indien in den letzten Jahren allmählich gestiegen ist. Die früher von laufenden Männern gezogenen Rikschas sind heute meist motorisiert. Man sieht mehr Privatwagen, Mopeds und Motorräder als früher. Die guten Restaurants und Luxushotels in Bombay und Kalkutta werden fast ausschließlich von jungen oder älteren gestandenen indischen Geschäftsleuten frequentiert, die sich hier zu joint ventures oder Tagungen mit wenigen Europäern treffen. Auch viele indische Familien des gehobenen Mittelstandes trifft man hier an. Man sieht keine vollgestopften Autobusse mehr und Trauben von Menschen an den Zugtrittbrettern, die auf den Puffern und Dächern der Waggons keinen Platz mehr gefunden haben. Es werden nämlich inzwischen offensichtlich genügend öffentliche Verkehrsmittel bereitgestellt.
Für Anna ist Indien das Land der Wunder und Kontraste: Die architektonisch so ausgereiften Bauwerke aus ältester Zeit, das hochentwickelte Kunsthandwerk, der Fleiß der Menschen auf den Feldern, die Geduld und Behutsamkeit, mit der die Massen von Fahrzeugen und Fußgängern in den Straßen der Megastädte miteinander umgehen. Hinzu kommt der Sinn für Schönheit, wie er bei jeder Frau in der Farbenpracht des getragenen Saris zu Tage tritt, sowie die Anmut der so feingliedrig gebauten meisten Inder selbst, mögen sie dunkel bis schwarzhäutige Tamilen sein oder zu dem helleren nordindischen Typus zählen. Die Reinlichkeit auch der Ärmsten empfindet Anna als vorbildlich für manchen Angehörigen der sog. hochzivilisierten Völker. Selbst die Steineklopferinnen am Straßenrand sind immer sauber gekleidet. An jedem Bächlein oder Teich auf dem Lande sieht man Männer und Frauen - nach Geschlechtern getrennt und die Frauen in ihrer Kleidung - bei der Körperpflege. Und in den Städten wird man an jedem Brunnen Menschen beim Einseifen, Ausschlagen und Ausspülen der Wäsche sehen.
Teo gesteht der Familie, daß er zu Anfang der Indienreise sehr unter dem Eindruck der Schockerlebnisse in Bombay gestanden hat und erst im Laufe der darauf folgenden Woche allmählich seine Unpäßlichkeit hat überwinden können. Ab Orissa fand er immer mehr Gefallen an der Reise in diesem so interessanten Subkontinent, seinen so schönen und feinfühlig erscheinenden Menschen und der ehrwürdigen Kultur und Geschichte, „zu der sich die heute global als vorbildlich angestrebte westliche Zivilisation im Verhältnis so verhält, wie im 5. Jahrhundert der griechischrömische Kulturkreis zu den alles überrennenden Germanenstämmen.“ Teo ist sich seiner überspitzten Formulierung bewußt, aber er möchte seine Hochachtung vor der Jahrtausende alten und heute anscheinend noch in den Menschen lebendigen indischen Kultur bezeugen.
Dennoch bleibt für Teo unbefriedigend, daß er diese Kultur und den Hinduismus nicht begreifen kann und daß er wegen der bestehenden sprachlichen Barrieren keinen Zugang zu dem Volk findet. Zwar verfügen zumindest die Fremdenführer über einen umfangreichen Wortschatz der englischen Sprache, aber ihre Aussprache ist häufig unverständlich. Und die einfachen Menschen, mit denen man sich gern unterhalten würde, können allenfalls einige englische Sätze selbst sprechen, verstehen aber keine Silbe von der gegebenen Antwort.
Teo würde gern mit Indern über ihren Alltag, über ihr Land, ihre Geschichte und ihre Religion sprechen, um Land und Leute besser kennenzulernen. Aber er fühlt sich immer isoliert, denn das Wenige, was die Fremdenführer von ihrem einstudierten Wissensstoff preisgeben, kann eine locker geführte Unterhaltung mit einem Bauern, einem Handwerker oder einem Taxifahrer nicht ersetzen. In diesem auf der Welt so einzigartigen Land unvorstellbarer Wunder und krasser Widersprüche bleibt einem Reisenden wie Teo nichts als das täglich sich wiederholende Erstaunen. Erkenntnisse über Hintergründe und menschliche Nähe zu den so liebenswerten und sanftmütigen, schönen Bewohnern dieses Subkontinents können sich nicht einstellen.
So werden dieses große Land und sein Milliardenvolk Teo immer fremd bleiben. Teo bedauert das sehr. Aber er erinnert sich an zwei Bekannte, die vor Jahrzehnten lange Zeit in Indien gelebt haben - der eine als Leiter des Goethe-Instituts in Hyderabad, der andere als Mitglied des Führungspersonals bei Errichtung des von deutschen Firmen geplanten Stahlwerkes Rourkela in Orissa. Von beiden kamen keine eindeutigen Schilderungen des Landes über.
Dazu kommt natürlich auch heute noch in den Großstädten die tägliche Konfrontation mit dem unvorstellbaren Elend von Hunderttausenden, für die das Leben ohne jede Hoffnung zu sein scheint. Und das Bewußtsein, daß die indische Regierung und die Welt immer noch keine Möglichkeiten für eine Verbesserung der Lebensbedingungen der von einem Tag zum anderen nur auf das physische Überleben konzentrierten Bevölkerungsteile sehen können. Teo leidet, wenn er in Bombay obdachlose Familien mit kleinen Kindern und Hunderte von Singles auf den Straßen schlafen sieht, und Freude an den schönen Dingen, die es auch in dieser Stadt geben mag, kann da nicht aufkommen.
Eine Möglichkeit, sinnvoll in Indien zu reisen, hat ein Bauernehepaar aus Venlo herausgefunden, welches Teo heute beim Frühstück kennengelernt hat. Die beiden verbringen seit Jahrzehnten ihre Ferien in asiatischen Ländern, bevorzugt in Indien, weil sie deren Bewohner so sympatisch finden. Auch sie haben sich immer gesorgt um die vielen Obdachlosen. Und da kam ihnen eine Idee: Sie reservierten auf ihrem Hof ein großes Feld für den alljährlichen Anbau von Sonnenblumen. In der Reifezeit darf jedermann für DM 5.- sich soviel Sonnenblumen von dem Feld nehmen wie er will. Der jährliche Erlös wird in voller Höhe von diesem Ehepaar direkt an einen indischen Bauunternehmer in einem großen Dorf überwiesen, der mit dem Geld feste Steinhäuschen, 2 mal 5 Meter groß, für Bedürftige im Ort erstellt. Ein Häuschen kostet DM 2.500.-, und 10 Häuschen sind in den letzten Jahren auf diese Weise schon geschaffen. Von dem Baufortschritt überzeugen sie sich persönlich auf ihren jährlichen Indienreisen.
Schließlich meint Teo, Grund zu haben für ein paar Worte des Dankes. Den guten Erfolg dieser Familienreise führte er zurück auf ihre weise Planung durch Roi. Die Route hatte zwar ein großes geographisches und kulturelles Feld abgedeckt; dennoch war sie zugleich bis ins Detail kräfte schonend angelegt. Und außerdem war dies eine der wenigen Individualreisen gewesen, um deren Durchführung sich Teo überhaupt nicht kümmern mußte. Nic hatte vom ersten Tag an keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, daß sie die Organisation während des Reisens nicht aus der Hand geben wolle und die Vereinbarungen mit den örtlichen Reiseführern, die Durchsetzung der Rechte der Familie in den Hotels und gegenüber den örtlichen Reiseagenturen selbst wahrnehmen werde. Und die Familie hat es genossen, wie das dann alles klappte. Und mehrfach hatte es sich auf der Reise gezeigt: Jeder Hotelmanager oder ReiseagenturVertreter, der sich mit Nic anlegte, hatte ganz schlechte Karten.
„Und Anna“, schließt Teo, „ war auf dieser Reise der gute Geist der Familie, immer ausgeglichen, die alles Schöne genoß und darüber mit Freude schwärmte. Niemals kam ein unbeherrschtes Wort über ihre Lippen. Über die bösen Schmerzen nach ihrem Sturz, die ihr das Steigen auf Felsen zur Qual machten, hat sie niemals gesprochen. Und sie war kulturelles Zentrum der Familie. Es gab kaum ein Thema auf dem Gebiet von Musik, Literatur, Kunst oder Handwerk, zu dem sie nicht in der ihr eigenen zurückgenommen Art zur Bereicherung aller Wesentliches hätte beisteuern können.“
Als die Familie abends von dem Auto der Reiseagentur abgeholt wird, erfährt sie, daß in den Morgenstunden ein schreckliches Erdbeben im Bundesstaat Gujarat, mit Zentrum in Bhuj, 500 km im Nordwesten von Bombay und nahe der Grenze zu Pakistan, viele Städte und Dörfer innerhalb von Sekunden dem Erdboden gleichgemacht hat.
Armes Indien!
Ein Minister aus dem von einer bürgerlichen Koalition regierten indischen Karnataka wird einige Tage später (im Hinblick auf das von der Hindupartei regierte Gujarat) öffentlich äußern, Shiva habe mit dem Erdbeben seinen Zorn geäußert über die von Hindus vor einiger Zeit durchgeführten Christenverfolgungen. Am nächsten Tag mußte dieser Minister wegen seiner zynischen Bemerkung zurücktreten. Auch das ist Indien!
Es ist Nacht, als sich die Familie auf dem Flughafen von Madras an Bord der LufthansaMaschine begibt und, etwas erschöpft, in die bequemen Polster der Liegesitze sinkt.
Die Stewardess schließt die Tür, und wenig später rollt der Flieger zur Startpiste. Beim take off wird Teo bewußt, daß er sich in seinem Leben am Ende einer Reise noch niemals so auf die Rückkehr nach Deutschland gefreut hat. Ihm haben die in Indien und in seiner Bevölkerung bestehenden unlösbaren Widersprüche zugesetzt. Teo spürt aber gleichzeitig befriedigt, daß Anna, Nic und Roi einen überwiegend positiven Eindruck von dieser Reise gewonnen haben: Ihnen werden vor allem der Charme und die Anmut des von Geheimnissen umwitterten Landes und seiner Bewohner in wacher Erinnerung bleiben.
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