Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Futuristische Architektur in Dubai

Nach dem Erwachen im eleganten Hotel in Dubai war der erste Blick aus dem Fenster ernüchternd: Teo erblickte graue Wüste, in die Bagger schon ihre Wunden für die Errichtung neuer Hochhäuser geschlagen hatten. Roi sah auf die Öltanks und Schornsteine einer großen power station. Aber dann die Überraschung: Das Frühstück wird gereicht auf der zum Meer gewandten Rückseite des Hotels, und hier ist eine echte Oase; in den gepflegten Rasen sind Schmuckteiche, Blumenbeete und ein Swimmingpool eingebettet. Die Gäste kommen überwiegend aus Europa.
Beim Frühstück im Garten führt der Wind die Regie. Er wechselt einige Male seine Richtung und sorgt dafür, daß Teo in ständiger Flucht vor den ihn erreichenden Tabakabgasen mit den genüßlich qualmenden Anna, Nic und Roi die Stühle tauschen muß. Die Drei tauschen verstohlen einen Blick, der zu sagen scheint, „ist er nicht nervig?“
Mit dem Taxi geht es auf der Jumeirah Beach Road zunächst zum Burj Al Arab, einem im Meer stehenden brandneuen Wolkenkratzer aus Glas und Stahl, dessen einer Gebäudeteil wie ein bauchiges Segel an den Hauptteil gelehnt zu sein scheint. Teo möchte hinein, der Fahrer des Taxis hält an und weist auf das Schild am Eingang hin, „Eintritt ins Hotel für Besucher 100, an Festtagen 200 Dirhams pro Person“. Anna und Nic lachen belustigt auf, und Roi gibt dem Fahrer die Order weiterzufahren. Jetzt geht es in die Stadt Dubai, dorthin, wo der Dubai Creek, ein breiter und 12 km langer in das Land sich windender Meeresarm, mit den Wassern des Persischen Golfes zusammenkommt.

Bummel durch den Bazar. In den hunderten von Goldläden wird feiner Filigranschmuck nach Gewicht verkauft, das Gramm für 32 Dirhams (etwa 20 DM). Der Dirham ist übrigens die Einheitswährung in allen 7 Emiraten.
Es ist der letzte Feiertag des diesjährigen Ramadan; im Straßenbild dominieren die jungen Männer aus den Emiraten. Man erkennt sie an dem weißen Burnus und dem rotweiß karierten Kopftuch. Wenn die Ehefrau dabei ist, geht sie 4 Schritt hinter ihrem Gemahl und schließt auch nicht zu ihm auf, wenn er einmal stehen bleibt. Man sieht auch einmal einen Sikh mit Bart und Turban. Von etwa 3 Mio. Einwohnern in den 7 Vereinigten Arabischen Emiraten sind nur ein Fünftel hier Geborene. Die restlichen vier Fünftel verrichten die Arbeit. Von diesen sind nur 10 Prozent Araber, die restlichen 90 Prozent aber Asiaten, vor allem Inder (viele von tamilischer Hautfarbe), Pakistani, Bangladeschi und Philippini.
Teo sieht in einem von Emiratis bestürmten Goldgeschäft einen Ganesha, jenen hinduistischen Glücksgott mit dem Elefantenrüssel; außerdem findet Anna an einer sehr fein ausgefallenen GoldFiligranarbeit Gefallen, einem breiten Goldreif. Schon fängt Teo an zu löchern, Anna möge sich doch zumindest für den Reif entscheiden. „Ich habe wenig Sachen, die ich dazu tragen kann“, ist die abschlägige Antwort, und Teo verabschiedet sich etwas traurig von dem Bazar.
Kurz darauf stehen die Vier an der Einmündung des DubaiCreeks in den Persischen Golf. Diese Stelle befindet sich nicht weit von der Straße von Hormus, der Durchfahrt vom Persischen Golf in den Indischen Ozean. Teo spricht davon, daß er hier eine gute Anschauung von den Ölstaaten der riesigen Arabischen Halbinsel gewinne, dieses für die heutige Weltwirtschaft so wichtigen Gebietes, und daß er die Geostrategie des 10 Jahre zurückliegenden Golfkriegs jetzt erst zu begreifen beginne.
Der Führer einer Abra (Wassertaxi) winkt in diesem Moment der Gruppe zu; die Vier winken zurück, und man gibt durch Gesten zu verstehen, daß man sich an einer nahe gelegenen Anlegstelle treffen wolle, um über eine Bootsfahrt zu verhandeln.
Schnell ist man sich handelseinig: Hundert Dirhams für eine Spazierfahrt landeinwärts in den Creek und zurück, das ganze für eine Stunde. Auf dem Creek verkehren unzählige große, aus Holz hergestellte Dhaus mit Fahrgästen der Emirate; man erkennt sie an der weißen Kleidung der Männer und den schwarzen Kleidern der Frauen. Auch FrachtenDhaus mit hochgestapelten Waren sind zu sehen; all diesen Wasserfahrzeugen ist gemeinsam, daß man zwar noch die Stummel von Masten und auch Spieren erkennen kann, jedoch kein einziges Boot mehr unter Segeln läuft. Man ist ja an der Quelle der flüssigen Energie! Der AbraKapitän, ein tamilischer Typus aus Bengalen, macht die Familie aufmerksam auf eine überladene Dhau von der gegenüber liegenden Küste des Iran. So nahe liegen hier die Krisenherde des Globus beieinander!
Dann beginnt ein unmittelbares Erlebnis avantgardistischer Architektur. Alle Vier sind gleichermaßen gefesselt von dem Gebäude der Nationalbank von Dubai, ein Wolkenkratzer aus Glas und Stahl, dem zum Ufer des Creek hin ein Gebäudeteil in der Form eines von unten bis oben reichenden gleichmäßig nach außen gewölbten flachen Bogens vorgestellt ist. In der Glasfassade spiegeln sich die Einzelheiten des gegenüberliegenden Ufers. Direkt daneben ein weiteres Bankgebäude mit dem Grundriß eines gleichseitigen Dreiecks und mit einem steil zum Creek hin abschüssigen Flachdach. Dazu die weißbraune Fassade der aus ineinander verschachtelten Rundtürmen bestehenden Telefongesellschaft. Und auf der anderen Uferseite das weit im Dunst aus der Ebene sich erhebende Doppelgebäude der Emirates Towers, zwei Stahlglasgiganten, deren alleroberste Geschoßteile sich gegenseitig zuzunicken scheinen.
Anna ist davon überzeugt, es müsse die größte Freude eines modernen Architekten sein, hier bauen zu dürfen: Man wird kaum mit stilistischen Einwänden seitens der Behörden rechnen müssen, die bestehenden Bauvorschriften werden sicher nicht so eng gesehen wie im zugestellten Europa, und schließlich spielt Geld überhaupt keine Rolle. Man hat es eben.
Spontanidee von Roi und Teo: Sie möchten in dem im 50. Stock gelegenen Restaurant eines der Emirates Towers zu Mittag essen. Gesagt, getan. Ein Taxi ist schnell zur Stelle, und zehn Minuten später steht die Familie vor den gigantischen Zwillingen. In der lichtdurchfluteten und 15 Stockwerke hohen Empfangshalle des Wolkenkratzers, in dem sich das Restaurant befindet, sausen 3 gläserne Lifts mit Affentempo geschäftig auf und nieder. Diese Lifts erreichen aber nur den 40. Stock. So ist die Familie auf den geschlossenen Lift angewiesen.
Beim Betreten des Restaurants entfährt den beiden Männern fast gleichzeitig der Ausruf “Donnerwetter“. Eine so elegante Kombination von Stahl und Glas in den Bauelementen, von Holz und Stoffen in der Innenausstattung, überrascht alle Vier. Dazu die festlich gekleideten Familien aus den Emiraten, die die überwiegende Zahl der Gäste stellen. Der Blick geht auf den Verlauf der Golfküste und die beiden großen Hafenbecken für die Berufsschiffahrt von Dubai. Aus der weiten Ebene hebt sich beherrschend das „Burj Al Arab“ heraus. Der Stil des Restaurants schlägt alles, was die Gruppe bisher erlebt hat. Anna kommt aus den Washrooms zurück und erklärt den anderen, ob es es nötig sei oder nicht, die Klos müsse man jedenfalls wegen ihres Schicks aufsuchen. Der fertig gedeckte Tisch zeichnet sich durch die Vielfalt des Geschirrs aus: Jedes neue Gericht wird auf einem Teller unterschiedlichen Designs und Farbtons serviert, und jedes Stück ist von erlesener Ästhetik.
Nach der Rückkehr ins Hotel und einer genossenen Mittagsruhe schaut sich Teo auf einem Spaziergang an der Beach hinter dem Hotel etwas um und trifft danach auf Anna, Nic und Roi. Bei einem im Hotel eingenommenen Abendsnack spricht die Familie noch einmal über den erlebnisreichen Tag. Sie ist sich einig, daß dieser eine Tag reichte, um einen guten Eindruck von dem jungen, reichen und kulturell sich auf moderne Architektur beschränkenden Dubai zu gewinnen. Sie ahnen alle, daß die eigentlichen Herausforderungen ihrer Reise noch vor ihnen liegen.
Am Freitag, 29.Dez., mittags, setzt sich der Troß in Bewegung. Es geht mit dem Taxi der Reiseagentur über die Schnellstraße zum Flughafen. Im Auto kommt sogleich die zu erwartende Dikussion in Gang zum Thema Aircondition. Roi wünscht ihre Einschaltung, weil ihm in seinem Pullover verständlicherweise zu warm wird. Nic verwehrt sich energisch gegen die krank machende künstliche Kälte, und Teo unterstützt sie fanatisch. Anna hält sich aus der Diskussion heraus.
Nach einer halben Stunde kommt die Gesellschaft im Flughafengebäude an. Die überall wiederkehrenden ovalen Formen dieses überdimensionalen Baues und das ausschließlich verwendete Material Stahl und Glas, die große Ruhe in den zu dieser Zeit kaum frequentierten Hallen und die gepflegte Atmosphäre in der Lounge stimmen die Gruppe fröhlich. Und dieser Zustand hält während des ganzen Fluges (über den SOZipfel der arabischen Halbinsel und das Arabische Meer bis Bombay) im Airbus der Emirates Air an. Roi und Nic sitzen gemütlich in der Raucherecke der Business Class, Teo und Anna ein paar Reihen davor bei den Nichtrauchern. Ein Auswahlmenü wird zum Lunch geboten, dazu wieder chilenischer Rotwein.
Teo stellt fest, daß fast alle Mitreisenden Araber sind, viele offensichtlich aus den Emiraten. Die Vereinigten Arabischen Emirate bestehen aus sieben MitgliederZwergStaaten, die jeweils von einem Scheich und seinen Ministern regiert werden; und darüber gibt es den Präsidenten, der mit seinem Stab die Entscheidungen für den Staatenbund VAE in allen gemeinsam zu regelnden Staatsaffairen fällt.

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