Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Eisenbahnfahrt Kalkutta Bhubaneshwar

Fünf Uhr morgens. Es ist noch stockfinster, als die Familie im Kleinbus vom Hotel abgeholt wird. Dennoch herrscht schon reges Leben auf den Straßen. Auf der HowrahBrücke über den GangesArm, kaum zu erkennen gegen die Schwärze der Nacht, eilen in langen Reihen Lastenträger mit großen Körben und Bündeln auf dem Kopf in Richtung Old Howrah Station. Vor diesem Bahnhof ist alles mit hupenden Autos und Lastwagen verstopft. Der Fahrer mogelt sich auf der Gegenfahrbahn zum Neuen Howrah Bahnhof. Auf dem Vorplatz stehen und hocken vermummte Gestalten, die wegen der niedrigen Lufttemperatur ihre Umhänge vor das Gesicht gezogen haben. In der Bahnhofshalle liegen dicht beieinander zahlreiche Menschen auf dem Boden, die nachts hier geschlafen haben.
Der Zug läuft ein. Noch während der Fahrt springen Männer auf die Trittbretter, um sich im Abteil einen Platz zu sichern. Die Familie steigt in den einzigen durch Klimaanlage privilegierten Wagen und sucht die für sie reservierten Sitzplätze auf.
Pünktlich verläßt der Zug Kalkutta. Er passiert die Vorstädte und befindet sich bald am Rand des riesigen Deltagebietes von Brahmaputra und Ganges. Durch die getönten Scheiben des Wagens wirken die Farben verfremdet, als die Sonne aufgeht.
Der Zug fährt in mäßigem Tempo durch eine Landschaft von zahlreichen Wasserläufen und kleinen Seen mit Inselchen. Kokospalmen sind hier die hauptsächliche Vegetationsform. Schilfgedeckte Hütten stehen einzeln und auch in Gruppen in diesem Kokoswald. Weiter im Süden von Westbengalen beginnen die weiten Ebenen, auf denen kleine, durch zehn Zentimeter hohe Deiche abgegrenzte Reisfelder zu sehen sind. Einige Felder sind noch grün, andere sind schon abgeerntet.
Der „Expreßzug“, wie er offiziell heißt, wird schneller. In den wenigen Haltestationen steigen Verkäufer ein, die durch die Waggons gehen und heißen Milchtee, aus einer Kanne in Plastikbecher gefüllt, anbieten. Ein Mann verkauft eine vor den Augen des Käufers zubereitete Mischung von Puffreis, rohen Zwiebelstückchen, Kokosnußsplittern und gewürzter Ölsauce. Ein anderer preist ölgesottene Küchlein an, die er in einem Karton mit sich führt.
Ein vielleicht achtzehnjähriger Junge verdingt sich als Schuhputzer. Die Herren überlassen ihm ihre Schuhe, mit denen er sich an die Einstiegstür begibt. Hier cremt und poliert er sie nach allen Regeln der Schuhputzkunst auf Hochglanz und bringt sie dem Auftraggeber gegen einige wenige Rupien Verdienst wieder zurück.
Teo durchstreift einige der vorderen Wagen der 2. Klasse. Die meisten der Wagentüren stehen offen, und Teo stellt sich vor, was wohl würde, wenn er aus einer dieser Türen bei einer nicht berechenbaren Zugbewegung hinauskatapultiert würde. Ein blinder Sänger, von einer jungen Frau geführt, begegnet ihm. Der Mann geht von Abteil zu Abteil, läßt seinen Gesang erschallen und bittet anschließend um ein Almosen. In den privilegierten Wagen der Familie wagt er nicht zu gehen.
Der Zug hat inzwischen Westbengalen verlassen und durchfährt mit zunehmender Geschwindigkeit den südlich angrenzenden Bundesstaat Orissa. Bis zum Horizont erstrecken sich die weiten Ebenen der abgeernteten Reisfelder, oft von ausgetrockneten, bis zu einem Kilometer breiten Flußbetten unterbrochen. Nach siebeneinhalbstündiger Fahrt kommt die Familie schließlich in Bhubaneshwar, der Hauptstadt des Bundesstaates Orissa, an, wo sie vom Vertreter der Reiseagentur empfangen wird.

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