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Durch den Dekkan nochmals nach Bombay
Für den nächsten Tag ist die Rückkehr nach Bombay geplant. Pünktlich um 7 Uhr in der Frühe bricht die Familie in Aurangabad auf, denn für die fast 400 km lange Strecke im westlichen Teil der Hochebene des Dekkan muß man mit 10 Stunden Fahrzeit rechnen.
Zunächst besteht die Landschaft wieder aus fruchtbaren Äckern. Roi fotografiert mit weiter zunehmender Leidenschaft. Oft sieht man auch Kinder im Ernteeinsatz. Unmöglich wäre es, wollte man ein Arbeitsverbot für Kinder in Indien durchsetzen. Manche Familie wüßte dann nicht mehr, wovon sie leben sollte. Außerdem finden Kinder leichter Arbeit als Erwachsene, weil sie weniger Lohn bekommen.
Auffällig ist auch, daß ausschließlich Frauen für die schweren Arbeiten beim Haus und Straßenbau eingesetzt werden. Sie schleppen das Baumaterial auf dem Kopf zur Baustelle, und sie hocken an den Straßenrändern, um große Steine zum Straßenschotter zu zerkleinern. Die viel leichtere Arbeit des Zimmerservice in den Hotels wird ausschließlich von Männern wahrgenommen.
Nach zwei Stunden Fahrt wechselt der Landschaftscharakter abrupt. Mächtige Basaltkegel stehen vereinzelt oder in langer Reihe in der Hochebene. Oben tragen sie ein flaches aufgesetztes Plateau oder einen schmalen, sicher 20 Meter hohen Monolithen. Diese Kegel fallen an den Abhängen teilweise als steile Schründe ab. Unfruchtbar ist hier das Land.
Nach Überqueren einer dieser Bergreihen tut sich auf einmal eine weite grüne Ebene auf. So weit der Blick reicht, sieht man Bäume, Fruchthaine, Äcker und Wein. Die Hauptstadt dieses Distrikts ist Nashik, und von hier stammt der gut akzeptable indische Rot und Weißwein, den man im Bundesstaat Maharashtra angeboten bekommt.
Eher, als man kalkuliert hatte, tauchen die Hochhäuser des gigantischen Bombay am Horizont auf. Die von Norden zum Stadtinneren leitenden Autobahnen führen an endlosen, bis an den Rand der Fahrbahn reichenden Reihen von Bretterverschlägen entlang, in denen Familien mit zahlreichen Kindern zu überleben versuchen.
Schon um 3 Uhr mittags langt der Minibus vor dem Taj an. Unser indischer „Schumi“ hat wieder einmal gute Arbeit geleistet. Die Familie ruht sich aus von der anstrengenden Fahrt. Die Straßen waren zeitweise von Schlaglöchern übersät. Hinzu kam, daß Anna sich vor der Fahrt bei einem Sturz am Rücken so geschlagen hatte, daß das Holpern des Wagens auf der Reise für sie sehr schmerzvoll war. Diesesmal werden die Vier in benachbarten Zimmern im 11. Stock des neuen Flügels mit Blick auf den Meeresarm untergebracht, wo man erholt am nächsten Morgen erwacht.
Teo ist nervös. Mit dem Flugzeug soll es heute Nachmittag nach Kalkutta weitergehen. Kalkutta? Dieser neuen Herausforderung fühlt er sich kaum noch gewachsen. Deshalb begibt er sich schon vor dem Frühstück auf die noch wenig belebten Straßen, um am Ufer entlang zu spazieren und frische Seeluft zu tanken.
Schon nach fünf Minuten ist es nicht mehr der gefegte, elegante Quai, auf dem er voranschreitet. Hunderte von schlafenden Menschen liegen verstreut auf dem Pflaster umher, zugedeckt von bis über den Kopf gezogen Decken. Unter ihnen zwei Personen, neben denen ein vielleicht zweieinhalbjähriges Kind sitzt, welches auf das Erwachen seiner Eltern wartet. Ein Deckenvermieter ist dabei, bei den Ausgeschlafenen die nicht mehr benötigten Decken einzusammeln.
Neben den Schläfern liegen zwei tote Ratten, an denen sich Nebelkrähen zu schaffen machen. Sie vervollständigen das Bild des Elends. Auf der Suche nach einem WC landet Teo auf einem sich anschließenden Stück des Weges, das von den Bewohnern der benachbarten Slums zu ihrem Großklo umfunktioniert worden ist. Der eklige Fäkaliengestank scheint die Schlafenden auf dem Pflaster nicht zu stören.
Teo fallen die Zeilen ein, die Günter Grass vor Jahren gelegentlich eines mehrmonatigen Aufenthaltes in Kalkutta verfaßt hatte: „Warum nicht ein Gedicht über einen Haufen Scheiße, wie Gott ihn fallen ließ und Kalkutta nannte. Wie es wimmelt, stinkt, lebt und immer mehr wird...Schau doch nicht hin. Steig drüber weg. Hab Blei in den Ohren. Übe den gleichgültigen Blick. Laß Dein Mitleid im Koffer...Oder guck hin. Bleib stehen. Hör zu. Schäm Dich betroffen.“
Teo gelangt in ein Armenviertel, in dem schon pulsendes Leben herrscht. Die Marktstände sind gerade aufgebaut, in denen alle Früchte und Gemüsesorten des Landes angeboten werden. Schwarzgelbe Taxis suchen sich in dem Menschengewimmel ihren Weg.
Teo hat Mühe, den um die Meeresbucht zu den Hängenden Gärten verlaufenden Boulevard Marine Drive zu finden. Einmal meint er, am Ufer angelangt zu sein; er sieht Wasser
hinter den Häusern. Aber die Straße führt vom Wasser weg. Teo landet noch einmal bei auf dem Bürgersteig schlafenden Obdachlosen und langen Reihen von Notunterkünften.
Endlich hat Teo die Ausbuchtung des Arabischen Meeres erreicht. Jetzt kann er zum ersten Mal seit elf Tagen kräftig ausschreiten, ohne ständig auf Menschenknäuel oder Straßenverkehr achten zu müssen. Dazu die frische Luft des Ozeans! Teo hat Gelegenheit, beim Gehen über das wohl nie zu erklärende Phänomen Indien nachzudenken, und auch über das von Anna, Nic und Roi in den vergangenen Tagen dazu Gesagte.
Gewiß ist, daß ohne die zweihundertjährige Kolonialherrschaft der Briten das heutige Indien wie seit eh und je aus zahlreichen Kleinstaaten mit ihren unterschiedlichen Rassen, Stämmen, Religionen und Sprachen bestehen würde. In den vergangenen zwei Jahrtausenden waren zwar mehrere Versuche zur Begründung eines großindischen Gesamtreiches unternommen worden. Doch gelang es niemals, das ganze heutige Staatsgebiet unter einer Herrschaft zusammenzubringen. Auch die großen Teilreiche der Herrscher Ashoka und 18 Jahrhunderte später Akbar währten nicht länger als 200 Jahre.
Bedenkenloser britischer Imperialismus führte schnell zur gewaltsamen Unterwerfung und oft auch zur geschickt abgepreßten vertraglichen Abhängigkeit der vielen indischen Königreiche, Sultanate und Kleinstaaten von Rajas und Maharajas.
Die dann Mitte des 20. Jahrhunderts von Männern wie Mahatma Gandhi ins Leben gerufene Unabhängigkeitsbewegung fand zumindest die einheitliche britische Verwaltung in einem riesigen Gebiet vor, das damals auch das heutige Pakistan und Bangladesh mit umfaßte. Es ging für Gandhi und seinen Mitstreiter Pandit Nehru nur noch darum, die Briten zur Aufgabe ihres Herrschaftsanspruchs zu zwingen und für das riesige Gebiet eine staatsbildende Konstitution zu schaffen.
Das gelang bekanntlich mit der Errichtung einer Demokratie nach englischem Vorbild, die bis heute Bestand hat, und durch die Gründung einer föderativen Republik, deren Bundesstaaten im wesentlichen entsprechend der im Gebiet des betreffenden Staates gesprochenen Sprache gebildet wurden. Unter den vielen hundert Sprachen des Landes sind nunmehr in der Republik die am häufigsten benutzten achtzehn als amtliche Sprachen zugelassen. Außerdem ist weiterhin die ehemalige Kolonialsprache Englisch selbst unter Indern die bis heute mit Abstand meistgesprochene Sprache, weil sie häufig die einzige Verständigungsmöglichkeit zwischen Angehörigen verschiedener Bundesstaaten darstellt.
Bis hier kann ein normaler Bürger westlicher Zivilisation die moderne indische Geschichte gut nachvollziehen. Wie aber soll er als Reisender die Vielgötterei und Riten in den hinduistischen Tempeln, die in Form und Farbgebung oftmals so naiven Darstellungen der Götter an den heiligen Stätten begreifen? Es ist verständlich, wenn dem gläubigen Christen oder Muslim schaudert beim Anblick des sich vor dem Lingam Shivas in Ehrfurcht niederwerfenden Hindus, oder wenn er Menschen sieht, die dem Affengott Hanuman ihre Opfergaben darbringen. Und es gibt in Indien 850 Millionen Hindus, die mithin ein Siebtel der Weltbevölkerung darstellen! Bei diesen Gedanken zieht Teo seinen Baedeker aus der Tasche und liest schmunzelnd ein Gedicht Goethes aus dem WestÖstlichen Diwan nach:
„In Indien möcht ich selber leben,
Hätt es nur keine Steinhauer gegeben.
Nicht jeder kann alles ertragen:
Der weicht diesem, der jenem aus;
Warum soll ich nicht sagen:
Die indischen Götzen, die sind mir ein Graus?
Nichts schrecklicher kann den Menschen geschehen,
Als das Absurde verkörpert zu sehen.
Auf ewig hab ich sie vertrieben,
Vielköpfige Götter trifft mein Bann,
So Wischnu, Kama, Brahma, Schiven,
Sogar den Affen Hannemann.“
Dem um das Verstehen seiner Gastgeber ringenden Touristen mag die Erklärung helfen, daß Hinduismus keine von einem Stifter begründete Religion mit klaren Regeln, Geboten und Verboten ist. Es handelt sich vielmehr um die seit etwa 5 Jahrtausenden(!!) gewachsenen und ständigen Änderungen unterworfenen Glaubensinhalte der Völker des Subkontinents. Mit den noch heute zu bemerkenden Wurzeln animistischer Weltanschauung bis zu der verwirrenden Vielfalt der Götter und ihren in ihren Widersprüchen nicht nachvollziehbaren guten und schrecklichen Taten steht dem westlichen Reisenden ein Konglomerat religiöser Empfindungen gegenüber, mit dem er einfach nichts anfangen kann. Er mag vielleicht dankbar sein Erstaunen über das Selbstverständnis registrieren, mit dem Hindus ihre tiefe Gläubigkeit in den Tempeln zum Ausdruck bringen.
Und noch ein anderes: Wie soll ein Europäer sich die gleichgültige, oft gar sarkastisch erscheinende Einstellung von Gesellschaft und Staatsführung Indiens erklären, mit der sie dem zum Himmel schreienden sozialen Elend des Millionenheeres von täglich in den Städten ums Überleben kämpfenden Mitbürgern begegnen? Wie kann eine demokratisch regierte Gesellschaft es zulassen, daß Frauen noch Jahrhunderte weit von Gleichberechtigung mit Männern entfernt sind, daß Kinderarbeit zugelassen wird, daß immer noch Hunger die eigenen Bürger umbringt und zigmillionenfache Obdachlosigkeit besteht und sogar noch zunimmt? Wie kommt es, daß in Indien immer noch das Recht auf der Seite des wirtschaftlich Stärkeren ist, obwohl doch Indien nach seiner Verfassung ein Rechtsstaat ist?
Auf diese Fragen hat Teo nur eine, natürlich absolut unbefriedigende Erklärung. In diesem Land nimmt die Zahl der Bevölkerung wie auch die lawinenartige Zuwanderung in die Großstädte ständig weiter zu. Hier aber entstehen nicht im gleichen Maße neue Arbeitsplätze. Folglich wächst die Armut der sozial Bedürftigen. Die noch ganz dünne Schicht der Reichen (z.B. wenige Konzernherren wie die Familie Tata) und die nur langsam wachsende kleine Schicht wohlhabender Bürger (z.B. in den Bereichen Touristik oder SoftwareHerstellung Tätige) bringen nicht genügend Steuern auf. Also ist auch der Staat zu arm, um sozial Schwache unterstützen zu können. Es herrschen daher in Indien so total andere Voraussetzungen als in westlichen Demokratien, daß man ganz einfach die eigenen Maßstäbe in Indien nicht anlegen darf.
Wie soll man aber damit umgehen, wenn man als einer Anspruchsgesellschaft angehörender Tourist im täglichen Umgang mit den so liebenswerten und sanftmütigen Menschen ständig erlebt, wie es ihnen am Nötigsten fehlt? Man wird in dem Bewußtsein, daß Mitleid nicht hilft, versuchen, in dem Rahmen der eigenen bescheidenen Möglichkeiten zu helfen. Im übrigen wird man die Gegebenheiten des Landes hinnehmen müssen, wenn man sich an seinen Schönheiten erfreuen will, die Indien ja reichlich in Architektur, Landschaft und seiner Bevölkerung zu bieten hat.
Wer aber das Elend der in den Städten dahinvegetierenden Massen nicht ertragen zu können meint, muß sie konsequent meiden.
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