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Der Charme von Kalkutta
Am Nachmittag reisen die Vier mit einer Boeing 737 der indischen Jet Air nach Kalkutta. Die Flugstrecke geht quer über den nördlichen Dekkan, der dieselbe Struktur aufweist, wie man sie auf der Fahrt durch den ganz im Westen liegenden Teil schon kennengelernt hatte: Intensive Landwirtschaft wechselt mit den Trockenzonen steiler Gebirgsketten und ihrem Vorland. Das dunkle Gestein, die gleichmäßig abfallenden Hänge und mächtige Krater weisen auf den vulkanischen Ursprung dieser Formation hin, die mit einem geschätzten Alter von 65 Millionen Jahren zu den ältesten Teilen der Erdkruste gehört.
Während sich Teo von seinem Fensterplatz aus in diesen Anblick versenkt, kommt ihm der Gedanke an die weite Reise, die die indische Halbinsel hinter sich hat. Einstmals zu einem weit im Süden der Erdkugel als Gondwanaland bezeichneten Kontinent gehörend, löste sich der Dekkan ab und ging auf nördliche Drift, bis seine Scholle im Bereich des heutigen Nordindiens auf die Kontinentalscholle von Eurasien stieß. Seither bewirkt der gegenseitige Druck beider Schollen die bis heute anhaltende Auffaltung des Himalayagebirges und auch schreckliche Erdbeben.
Finstere Nacht herrscht bei der Ankunft auf dem Flughafen von Kalkutta. Unter den hinter der Sperre Wartenden winkt ein junger Mann Roi und Teo zu. Es ist der zur Reiseagentur gehörende Bashu, der die Vier zum bereitstehenden Minibus begleitet. Der dichte Smog, der auf der Landschaft lastet, läßt Teo schon wieder das Schlimmste um seine Bronchien befürchten.
Bashu, ein sehr sympathischer hinduistischer Bengale, erzählt auf der Fahrt zum Hotel viel von seiner Familie. Ein Haus mit großem Garten besitzen seine Eltern in der Vorstadt von Kalkutta; er selbst wird in einem Monat eine Frau heiraten, die er einem anderen Mann „weggenommen“ hat. Sie ist eine Muslim. Dieser Umstand und ihre Scheidung haben in der Vergangenheit viele Schwierigkeiten ausgelöst. Bashu spricht gutes Englisch und verständliches Deutsch. Er verabredet sich für den nächsten Morgen mit der Gruppe für eine Stadtrundfahrt.
Die Luft ist verhältnismäßig rein, als die Vier zur Besichtigung des Tempels der Jainas aufbrechen. Der Tempel ist in einem kleinen Park inmitten des alten Stadtteils von Kalkutta gelegen. Die üppige Verwendung von feinsten farbigen Glasmosaiken, Keramiken und Spiegelchen an Säulen und Wänden verraten den Reichtum des Stifters dieses aus dem 19. Jh. stammenden Tempels.
Bashu läßt nun den Fahrer den im selben Stadtteil gelegenen berühmten Marmorpalast ansteuern, den ein reich gewordener Raja sich Mitte des 19. Jh. dort hatte anlegen lassen. Er befindet sich in einem großen Park, in welchem in Kleingehegen gehaltene Hirsche und Wildvögel ein erbarmungswürdiges Leben führen. Der Palast beherbergt im ersten Stock eine Galerie von Bildern der europäischen Malerei und im darunter befindlichen Saal ein Sammelsurium europäischer Skulpturen. Scheußlich, dieses Stilgemisch! Übereinstimmung herrscht in der Gruppe, daß man schnell weiterfahren will.
Durch zahlreiche Gassen mogelt sich der Fahrer bis hin zu dem Töpferviertel des nördlichen Kalkutta. Hier befinden sich kleine Reihenunterkünfte, in denen geschäftiges Treiben herrscht. Ganze Familien sind hier tagsüber auf engstem Raum mit der Herstellung von Tonfiguren für ein bevorstehendes Fest beschäftigt; nachts wird in der Arbeitsstätte geschlafen.
Beim Schlendern durch winklige Gassen mit hübschen zweistöckigen Wohnhäusern eines alten Stadtteils äußert Anna, ihr gefalle Kalkutta auf Anhieb weit besser als das zuvor besuchte Bombay. Nic, Roi und Teo stimmen ihr begeistert zu. Die Straßen sind hier gefegt, man erlebt kaum Bettler, und nur vereinzelt sieht man am Morgen Obdachlose auf den Bürgersteigen schlafen. Die kommunistische Regierung des Bundesstaates West Bengal wirkt sich hier offensichtlich günstig aus. Die Bengalis sind freundliche Menschen und sprechen die Fremden sogar manchmal an, um ein Schwätzchen zu beginnen. Liebenswürdig geben sie Auskunft, wenn man sie nach dem Weg fragt. Und die Luft ist jedenfalls weit besser als in dem schrecklichen Bombay.
Roi wünscht eine Bootsfahrt auf dem durch die Stadt führenden Deltaarm des Ganges, auch Hoogly genannt. So führt Bashu seine Schutzbefohlenen auf eine breite Personenfähre, die alsbald ablegt zum schräg gegenüber liegenden Ufer der Stadt Howrah. Roi beobachtet durch das Fernglas das Menschengewimmel auf der HowrahBridge. Man sagt, etwa eine Million Passanten würden diese Brücke täglich überqueren.
Ein köstliches FischDinner im TaiRestaurant des Oberoi Grand, mit Prawns (Krabben) und Red Snapper, dazu indischem Weißwein, beschließt diesen Tag.
Es ist Nic, die, auf der Fensterbank des Hotelzimmers sitzend, am frühen Morgen des nächsten Tages an der gegenüberliegenden Straßenecke unter den Arkaden eines Verwaltungsgebäudes eine fünfköpfige Familie entdeckt. Sie beginnt, deren Lebensgewohnheiten zu studieren. Sie findet heraus, daß es sich offenbar um junge Eltern von drei Kindern handelt, die allesamt die Nacht unter Decken im Schutz der Arkaden verbracht haben. Nun, bei Morgengrauen, verlassen sie ihren Schlafplatz und ziehen mit ihren wenigen Habseligkeiten um die Ecke an den inneren Rand des Bürgersteiges um. Das älteste der Kinder, ein Mädchen, verläßt bald darauf im Schuldress und mit Heften unter dem Arm ihre Familie.
Nic beschließt nun eine Aktion. Beim gemeinsamen Frühstück im Hotel sammelt sie reichlich Lebensmittel in eine Tüte, steckt 1.000 Rupien in einen Umschlag und begibt sich zu der Straßenfamilie, die den Gruß von Nic freundlich erstaunt erwidert. Nic unterhält sich mit den Eltern, äußert ihre Sympathie zu den anmutigen, sauber gekleideten Kindern und bewundert zwei Bilder, die der Vater gerade hergestellt hat. Dann übergibt Nic die Tüte mit dem Frühstück und den Geldumschlag. Die herzliche Dankesbezeugung der Eltern gibt Nic den Beweis, daß sie richtig gehandelt hat.
An diesem Morgen gehen die Vier auf der Jaw. Nehru Road zum nahe gelegenen Indischen Museum und studieren engagiert die dort ausgestellten zahlreichen buddhistischen und hinduistischen Skulpturen aus den letzten 2.200 Jahren.
Danach nimmt sich Teo ein Taxi, welches ihn in quälendem Stop and GoVerkehr zur Südseite des Maidan, des riesigen Parks am Ganges, fährt. Hier liegt das Victoria Memorial in einer schönen Parkanlage, ein mächtiges Gebäude aus weißem Marmor, das eines der letzten Zeugnisse des britischen
Herrschaftsanspruchs über Indien ist. Die stattliche Zentralkuppel und die Fassaden sind europäische NeoRenaissance, die vier kleineren Außenkuppeln im MogulStil geschaffen.
Anna und Teo besuchen in der Nähe des Hotels noch einen Bezirk, in welchem zahlreiche Schneider in engster Nachbarschaft arbeiten. In dem daneben liegenden StoffBasar ersteht Anna zwei schöne Baumwollstoffe für Sommerkleider.
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