Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Auf dem Hochland des Dekkan

Ein kräftiger Regenschauer hat in den frühen Morgenstunden schlagartig dem fröhlichen Treiben auf der Uferstraße ein Ende gesetzt. So genießen die Vier noch ein geruhsames Ende der Nacht, bevor man sich am Neujahrsmorgen in der Rezeption mit der Vertreterin der Reiseagentur trifft, die den Fahrer der Tour nach Aurangabad vorstellt.
Als erstes Ziel soll Poona angesteuert werden, was Roi sich gewünscht hat. Er hatte einstmals 1.000 Stunden der Lehre vom großen Bhagwan (heute ehrfurchtsvoll Osho genannt) anhand von Videokassetten verinnerlicht und wollte nun einmal den Ort kennenlernen, an dem der Meister zuerst seine Jünger um sich versammelt hatte.
Poona ist in der 2. Hälfte des 17. Jh. die Hauptstadt des Maharatenreiches gewesen unter seinem berühmten Fürsten Shivaji. Dieser war ein entschiedener Gegner der Mogulherrschaft. Er hat zum Abstieg des Reiches des letzten großen Mogulherrschers, Aurangzep, wesentlich beigetragen. So wurde Shivaji ein Bundesgenosse der Briten, die, nachdem sie die Ostindische Handelgesellschaft der Krone unterstellt hatten, nunmehr mit Erfolg nach der Kolonialherrschaft über ganz Indien strebten.
Die Fahrt geht zunächst schier endlos über den Marine Drive zur nordwärts durch das Labyrinth der historischen Stadt und der Vorstädte Bombays führenden Straße, dann über die den Meeresarm überquerende Brücke, weiter in südöstlicher Richtung auf die seit 6 Monaten fertige Autobahn nach Poona. Die Vier bemerken den Stolz des Fahrers auf dieses allen Ansprüchen an eine großzügige Autopiste genügende Bauwerk seines Staates.
Der sehr geräume Kleinbus schafft mühelos die weite Ebene. Erst als es die Westghats, das westliche Küstengebirge zum Arabischen Meer, aufwärts geht, fängt das Kühlwasser zu kochen an. Die Abkühlphase am Straßenrand nutzt Teo zu einem kurzen Auffrischungsgang entlang der Autobahn. Welch ein Labsal nach dem so überbevölkerten Bombay, nun die Einsamkeit im Gebirge zu erleben. Teo entdeckt durch sein Fernglas nur einen Hirten mit seiner Herde.
In der Vorstadt von Poona der schon bekannte Anblick: Siedlungen mit neuen Wohnanlagen im Stil der ehemaligen Plattenbauten Ostdeutschlands im Wechsel mit Fruchtgärten; dann in Annäherung an die Stadt heruntergekommene Mietwohnungen, denen zuweilen auf schmalem Streifen zur Hauptverkehrsstraße hin Konglomerate von winzigen Elendshütten vorgelagert sind, manchmal auch Plastikzelte. Die Bewohner haben oft auch einige Haustiere, Ziegen oder Hühner, vor ihrer Behausung.
Die Familie langt schließlich nach Durchfahrt eines Teiles von Poona an ihrem Bestimmungsort an. Es stellt sich heraus, daß ihr Domizil für diese Nacht, das Blue Diamant Hotel, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Commune Osho International, der ersten Lehrstätte vom Bhagwan, auch heute nach dem Tod des Meisters noch betrieben, liegt.
Der Fahrer parkt zunächst dort. Die Vier steigen aus, begeben sich Anna, Nic und Roi rauchend zum Eingang hin. Sie entnehmen einer kostbar gefaßten Tafel, daß gleich eine kurze Führung durch die Meditationsstätte beginnen wird. In diesem Moment erscheint ein Aufseher und weist streng darauf hin, daß Rauchen in diesem Bezirk nicht gestattet sei. Daraufhin beschließen Anna, Nic und Roi, das Meditationsgelände nicht zu betreten. Teo ist entgeistert. Es war doch ausdrücklich Rois Wunsch, den Weg über Poona zu nehmen, um einmal die Stätte einer Lehre kennenzulernen, der er sich zeitweise so hingegeben hatte.
Teo beschließt, für sich dieses Erlebnis wahrzunehmen. Nach einer geduldig verbrachten halben Stunde vor dem Eingang wird er mit 2 Engländern, 2 Deutschen und 2 Indern eingelassen. Eine junge, hübsche Engländerin in dem karminroten Umhang der Oshoschüler wird ihnen für den nur 10minütigen Besuch zugeteilt. Mit hauchdünner Stimme versucht ihnen diese in nur wenigen Sätzen zu erklären, was das Ziel der Meditationen hier sei. Jeder, der nach bestandenem Aidstest in die Gemeinschaft der Schüler aufgenommen worden sei, könne nach freiem Willen aus seinem privaten Quartier morgens hierher kommen, um tagsüber an den programmierten Meditationsübungen teilzunehmen oder sich selbst in dieser Kunst zu üben. Abends werde der Bezirk geschlossen. Das Ziel der Meditationen sei es, sich selbst zu entdecken und sich von seinen innersten Eingebungen zu den täglichen (kleinen und großen) Lebensentscheidungen bestimmen zu lassen. Man solle seinen Wünschen möglichst nachgeben und sich keinesfalls ein Verhaltenskorsett anlegen. Drei Monate Aufenthalt in Poona seien das Minimum.
Teo bewegt das Erlebte und Gehörte in seinem Herzen. Er kommt zu dem Ergebnis, daß er die Lehre in unserer verklemmten westlichen Zivilisation als heilsam empfindet, daß er viele aus dieser Grundlehre abzuleitende Verhaltensmaxime selbst in seinem Leben praktiziert hat, daß er aber auch in seinen ungebundenen jungen Jahren zu sehr das realistische Leben in unserer schönen Welt geliebt hat, als daß er eine große Zeitspanne seines Lebens hätte dreingeben wollen, um mit überwiegend egozentrischen Menschen ein seelisches Luxusleben zu führen.
Am nächsten Tag wird um 8 Uhr aufgebrochen für die 130 km lange Fahrt zum nordöstlich liegenden Aurangabad. Eine halbe Stunde braucht es, bis die elenden Vorstädte mit den schrecklich primitiven Behausungen mitten im unbeschreiblichen Unrat passiert sind.
Dann liegen die leicht hügeligen Ebenen des Dekkan vor den Reisenden. Intensive Landwirtschaft wird hier betrieben. Zuckerrohr wird gerade geerntet und auf kleinen Ochsenkarren abtransportiert. Weizenfelder liegen an der Straße. Und hochwachsende starkstämmige, kurz vor der Reife stehende Pflanzen mit ballförmigen Fruchtständen am höchsten Punkt erkennt Roi als Hirse. Dazwischen folgen wiederholt Fruchthaine mit niedrig wachsenden Mango und Zitrusbäumen, Papayastauden und anderen Obstsorten.
Dann und wann sieht man ein kleines Dorf mit ganz einfachen Häuschen, einige Ziegen und Hühner, manchmal auch ein schwarzes Schwein davor. In der Nähe eines größeren Hofes befindet sich oft eine ganz einfache Siedlung von Landarbeitern, wo in Strohhütten oder winzigen Zelten aus Tuch oder Plastik gewohnt wird. Aber selbst um diese armseligen Unterkünfte herum ist es sauber und ordentlich.
Ab und an durchfährt man eine kleine Landstadt, in der immer ein großer Markt entlang dem Straßenlauf mit den landwirtschaftlichen Erzeugnissen des Landes stattfindet. Große Schulen mit offensichtlich modernen Gebäuden, auf deren Pausenhöfen sich Mädchen im blauen und Jungen im weißen Schuldreß tummeln, legen weiteren Beweis ab für die geordneten Verhältnisse, die offenbar auf dem Lande herrschen.
Teo atmet erleichtert auf, einmal eine gesunde Gesellschaft in Indien zu erleben. Hier scheinen die Menschen fest verwurzelt zu sein in herkömmlichen Lebensverhältnissen. Hier scheint es keine Straßenkinder zu geben, kein fatalistisches Gefühl des Ausgesetztseins in die Schrecken und Sinnlosigkeit eines ausweglosen Lebens.
Die Fahrt führt auch durch ein ausgedehntes Industriegebiet. Große Fertigungshallen für Maschinen und alle möglichen sonstigen Erzeugnisse , Kunststofffabriken und eine Stromzentrale sind zu erkennen. Die einzelnen Produktionsstätten liegen hunderte von Metern voneinander entfernt und wirken in keiner Weise landschaftszerstörend.
Jagad, der junge sympathische Fahrer des Kleinbusses, steuert seinen Wagen mit überlegener Ruhe im hohen Tempo an Hindernissen vorbei und leitet gleich darauf riskant erscheinende Überholmanöver ein, welche die Insassen ängstlich wegsehen lassen. Und dennoch vermeidet dieser Michael Schumacher der indischen Landstraßen immer den Crash - manchmal nur um wenige Zentimeter. So geht es Stunden um Stunden, ohne daß Jagad jemals um eine Fahrtunterbrechung zur Entspannung bittet. Und immer bewahrt er seine stoische Ruhe, ohne auch nur ein Wort zu sprechen.
Teo ist heute nicht gut drauf. Seine Bronchien sind entzündet, und er verspürt Halsweh und eine große Zerschlagenheit. Seine körperliche Kondition steht vor dem Ende. Als nun noch Roi mit fast ständig qualmender Pfeife mit Nic um die Wette zu rauchen scheint und dichter Qualm ihn einnebelt, fängt Teo zu jammern an. Mit weinerlicher Stimme bittet er, doch wenigstens im Auto nicht zu rauchen, seine Allergie gegen Tabakrauch in Rechnung zu stellen. Da wird ihm erklärt, man habe noch nie Rücksicht auf Nichtraucher genommen. In seiner Verzweiflung wird Teo grob: „In den USA denkt man über die Internierung der Raucher nach“. Immerhin wird von dieser Stunde an eine neue Sitzverteilung im Minibus eine bessere Ventilation bewirken.
Auf halber Wegstrecke nach Aurangabad ändert sich die Landschaft. Die kleinen Hügel bleiben zurück, und eine weite, ganz platte Ebene liegt vor den Reisenden. Hier scheint der landwirtschaftliche Anbau noch intensiver zu sein; ein bestelltes oder abgeerntetes Feld reiht sich an das andere. Der Wasser führende Godavari, einer der großen Flüsse der indischen Halbinsel, wird auf einer etwas baufälligen Brücke überquert. Schließlich langt die Familie in Aurangabad und ihrem im herrschaftlichen Park gelegenen TajHotel an.
Dort fängt die Familie den immer noch etwas leidenden Teo auf. Anna tröstet, Roi redet ihm nach Prüfung des Beipackzettels zu, die Gurgeltropfen zu nehmen, die man auf der Fahrt durch ein Dorf in der von Mustafa entdeckten Apotheke (in einem Bretterverschlag befand sie sich) erstanden hatte. Und Nic bringt Teo, der gar das Dinner verweigert, Pumpernickel mit Käseecken aus den unerschöpflichen deutschen Lebensmittelvorräten ihres Koffers.
Am nächsten Abend schon fühlt sich Teo wieder etwa besser. Er möchte noch einen Kick erleben vor dem gemeinsamen Dinner und begibt sich deshalb nach außerhalb der Hotelanlage. Er meldet seinen Ausgang vorher am Frontdesk an, und dieser wird beim wachhabenden Sicherheitsmann am Eingang zum Park des Hotels, einem Sikh, telefonisch angemeldet.
Teo folgt der Hauptstrasse in der Hoffnung, nun etwas Typisches in der großen ländlichen Stadt zu erleben. Aber schon hat sich ein RikschaFahrer an seine Fersen geheftet. Dieser verfolgt ihn mit seinem stinkenden und lärmenden dreirädrigen Winzling, um ihn mit speziellen Angeboten in dem entsetzlichen indischen Englisch zu überhäufen: Zu besonders preiswerten shops, eine halbe Stunde lang quer durch die Stadt will er ihn fahren für einen Spottpreis, er kann diesen Spottpreis auch noch um 50 Prozent ermäßigen, er sei besser als jeder andere. Die Antworten von Teo, er wolle nichts davon, nur in Ruhe seinen Spaziergang machen, verfangen überhaupt nicht.
Schließlich flieht Teo in eine der ganz wenigen kurzen Seitenstraßen. Hier erlebt er auf kleinstem Raum dörfliches Leben. Ganz viele kleine fröhliche Kinder spielen oder tänzeln miteinander, von ihren Müttern in den vielleicht 15 qm großen Wohnhäusern distanziert überwacht. Zahlreiche Ziegen, Hühner und Hunde gesellen sich dieser Gesellschaft hinzu. Die steinernden Behausungen bestehen, soweit man von außen sehen kann, aus Vorraum und einem dahinter liegenden winzigen Zimmer. Das Leben zu dieser frühen Abendstunde spielt sich sehr menschlich und mit viel selbstverständlicher Lebensfreude ab. Teos Erkenntnisse: Für jeden Teilhaber westlicher Zivilisation ist dieser „Lebensstandard“ unerträglich niedrigen Levels. Doch die kleine Gemeinde der Nachbarn dieses Ortsteils gibt ein Beispiel, wie man bei allerbescheidensten materiellen Mitteln zwischenmenschliche Beziehungen so pflegen kann, daß man die Coutch beim Psychiater nicht nötig hat.
Bei Teo´s Rückkehr macht der Sikh am Eingang eine militärische Ehrenbezeugung. Teo berichtet den Seinen von seinem kurzen Abenteuer, und gleich nach dem recht guten Abendessen verabschiedet man sich für heute.
Vor dem Frühstück am nächsten Morgen identifizieren Anna und Teo die Vögel im Park, deren Geschrei ihnen schon am Vortag aufgefallen war. Die eine Art sind green parrots, grüne große Sittiche mit langen Schwanzfedern. Das andere sind Mynahs, mit schwarzem Rumpf und gelben Schnäbeln. Bei ihrem Flug erkennt man an den Unterschwingen ein weißes Dreieck. Diese Vögel, etwas größer als Drosseln, hatte Teo vor fünf Jahren in Rarotonga zum ersten Mal gesehen, wo sie - einstmals aus Indien in ganz Ozeanien zur Bekämpfung eines Schädlings der Kokospalmen eingeführt - ihre Ernährung umstellten und seitdem dort nur Schaden stiften.
Ein Gartenarbeiter des Hotels müht sich, die schwere Rolle eines aufgewickelten Bewässerungsschlauchs zu transportieren. Diese Tätigkeit fällt ihm sehr schwer, denn sein linkes Bein ist so verkürzt, daß sein hinkender Gang aussieht, als hüpfe er auf und nieder. Doch ist er sicher froh, überhaupt diesen Job zu haben.
Der englisch sprechende örtliche Führer stellt sich der Reisegruppe vor. Mustafa ist Muslim, vielleicht 50 Jahre alt, und nicht immer gut verständlich in seiner Aussprache des Englischen. Unter seiner Regie steuert Jagad den Minibus zunächst durch die Vorstadt von Aurangabad. Bei Passieren der Statue des Schöpfers der indischen Verfassung, die am 26. Januar 1950 in Kraft trat, kommt Mustafa zu sprechen auf die Bestimmung, wonach die unterste Kaste, früher die Unberührbaren genannt, bei der Besetzung von staatlichen Posten so lange zu bevorzugen ist, bis eine bestimmte Quote erreicht ist. Aus dieser Kaste der Gerber, Straßenkehrer, Leichenverbrenner u.s.w. entstammte ein Mann, der vor Jahren sogar als Präsident das höchste Staatsamt in der Republik Indien innehatte. Diese Aufwertung habe dazu geführt, daß inzwischen die oberste Kaste der Brahmanen sich benachteiligt fühlt. Sinn dieses Gesetzes sei zu verhindern, daß immer mehr Unberührbare sich anderen Religionen, wie Islam oder Christentum, zuwendeten.
Die Fahrt geht nun nach Daulatabad, der 12 km von Aurangabad entfernten Festung der regionalen Herrscher. Im 14. Jh. errichtete der Sultan von Tughluk hier für einige Jahre die Regierungszentrale für sein damaliges indisches Großreich. Die Palast- und Regierungsanlagen befanden sich damals auf dem Gipfel des Tafelberges.
Die Familie steigt den von einer steilen Mauer umgebenen Weg aufwärts. Er führt durch Vorfesten und mehrere enge Tore bis zum Einstieg in den Fels. Labyrinthartig steigt der schmale Weg nun im Gestein an, vorbei an fein ausgeklügelten Hindernissen, die hier spätestens jedem Eindringling den Zugang verwehrt hätten. Eine absolut uneinnehmbare Festung also.
Roi nimmt unterwegs pittoreske Fotos. Auf dem Rückweg bittet ihn ein Inder um die Ehre, fürs Familienalbum Roi zusammen mit Frau und zahlreichen Kindern fotografieren zu dürfen. Der Bittsteller hält Roi sicher wegen seines langen, etwas ungeordneten Haupthaares und seines weisen Gesichtsausdrucks für einen Saddhu (indischer Heiliger).
Zurück in Aurangabad besichtigt man die „Wassermühle“. Ein Wohltäter hat im 17. Jahrhundert aus dem Gebirge ein Aquädukt bis hier führen und die Wasserkraft für das Betreiben einer Getreidemühle nutzen lassen. So konnten die Armen hier umsonst Mehl und Trinkwasser empfangen.
Bei der Fahrt durch einen der Vororte Aurangabads entdeckt Nic einen Trauerzug, der in diesem Augenblick an dem langsam fahrenden Minibus entlanggeht. Vorneweg eine Bahre mit dem unter einem Meer von Blumen nicht zu erkennenden Leichnam, dahinter etwa 20 gut gekleidete Angehörige, die ständig Blüten darüber werfen.
Zum Bibi ka Maqbara geht es jetzt. Dieses wunderschöne Mausoleum, dem Taj Mahal in Agra nachgebildet, ließ der letzte der großen Mogulherrscher, Aurangzep, hier seiner Lieblingsfrau im 17. Jh. errichten. Es handelt sich um einen islamischen Kuppelbau mit vier kleinen Türmen an dem oberen Umlauf und vier freistehenden Minaretten davor. In der Krypta, von oben einzusehen, das Grab. Kuppel und die filigranen dünnen Wände an den Eingängen sind aus Marmor; im übrigen bestehen die kunstvoll verzierten Außenflächen aus Stuck. Ein weiträumiger Garten, von einer niedrigen, aufgelockert gestalteten Mauer umgeben, schließt sich an das Mausoleum an.
Den Abschluß der heutigen Tour bildet die Besichtigung der vor den Toren der Stadt liegenden Höhlentempel aus dem 1. nachchristlichen Jahrtausend. Dargestellt sind Bodhisattvas (in der buddhistischen Lehre Menschen auf der letzten Entwicklungsstufe vor der Erleuchtung) mit Nagas (Schlangen) und Ghandharvas (Engeln); bildlich gestaltete Lehren des Buddhismus, beispielsweise die von der Überwindung der Ängste; ein lehrender Buddha sitzt in einem Schrein, von seinen Anhängern umgeben. An den Eingangssäulen zu dieser Höhle sind zahlreiche, leider wegen Verwitterung nicht mehr in Einzelheiten erkennbare Reliefs angebracht, die fröhliche Szenen zwischen Mann und Frau darstellen und an Darstellungen an hinduistischen Tempeln erinnern.
Vor dem Dinner gibt Teo wieder seinem Bewegungszwang nach und verläßt das Hotelgelände. Diesesmal geht er ein Stück auf der gegenüberliegenden Seite der Durchfahrtsstraße und gelangt in ein Neubaugebiet. Scheinbar ohne jede Planung entstehen hier und da vereinzelt kleine Wohnanlagen und auf schlichte Betonpfeiler gestützte Ziegelhäuser. Überall dazwischen stehen noch einfache ländliche Unterkünfte. Hier spielt sich das Leben in der Öffentlichkeit ab. Durch die offenen Türen sieht man den Fernseher laufen. Um die Behausungen herum tummeln sich Ziegen. Ein vielleicht Sechsjähriger mißt seine Kräfte, indem er ein Zicklein am Kopf in seine Richtung zu ziehen versucht. Kinder spielen Ball mit dem Vater. Drei junge Männer bemühen sich um die Reparatur einer dreirädrigen Rikscha. Und die vielen schwätzenden Frauen und Männer am Wegesrand lassen es Teo nicht anmerken, daß sie etwas erstaunt sind über sein Interesse an ihrem Treiben. Nur selten fängt er einen verstohlenen Blick auf.
Als er eine Gruppe anlächelt und sie mit Hi grüßt, werden Gruß und Lächeln fröhlich erwidert. Ein Zehnjähriger kommt unbekümmert auf Teo zu und streckt ihm seine Hand entgegen. Teo ergreift sie gerührt und klopft dem Jungen freundschaftlich die Schulter.
Nach dem Passieren von drei Querwegen gelangt Teo an den Rand dieser dörflichen Vorstadt. Vor ihm breiten sich bestellte Äcker auf der leicht welligen Ebene aus, unterbrochen von Reihen von Bäumen und Sträuchern. Und in der Ferne erheben sich die steilen Bergketten, die man am Vormittag mit dem Minibus aufgesucht hatte.
Auch hier, am Rande der Besiedlung, stehen wieder die zahlreichen winzigen Bretterverschläge, in denen ganze Familien hausen. Ein unbeschreiblicher Dreck herrscht ringsumher. Das ganze Gelände wirkt wie eine riesige Müllkippe. Und Teo sieht mit Erstaunen, wie eine Frau den schmutzigen Grund vor dem Eingang ihrer Hütte mit einem kurzen Reisigbündel gründlich fegt. Die Gerüche an diesem windstillen Abend sind abenteuerlich; eben noch strömte ein blühender Strauch seinen lieblichen Duft aus, und schon in der nächsten Sekunde erzeugt widerlicher Fäkaliengestank einen starken Brechreiz.
Nach der Rückkehr ins Hotel trifft Teo auf Anna, Nic und Roi, die sich schon auf das Dinner freuen. Die Aufgabe der Getränke und Essensbestellungen gibt zunächst einmal mehr Anlaß zu der Diskussion, wie liebenswürdig und charmant das Personal in diesem Hotel ist, und hier dennoch zugleich ein gleichbleibendes Chaos von der Rezeption bis hin zum Restaurant herrscht. Hier weiß tatsächlich keiner so recht Bescheid, und es gehört großes Glück dazu, von dem zahlreichen Personal denjenen herauszufinden, der auch zuständig für den gegebenen Auftrag ist und ihn ausführt. Nach einem guten indischen Essen ergibt sich ein sehr intensives Gespräch der Vier. Teo, der nun schon zum zweiten Mal mitsamt Anna von Nic und Roi verführt wurde zu einer Indienreise, fragt, wie es denn zu der Leidenschaft der beiden zu diesem Land der unvorstellbaren Widersprüche gekommen sei.
Die beiden stellen es ganz einfach und überzeugend dar. Nic und Roi hatten schon immer Interesse an den alten asiatischen Kulturen und der Weisheit der geistigen Lehren auf diesem Kontinent. Hinzu kam, daß ihre beiderseitigen persönlichen und beruflichen Belastungen vor mehr als 25 Jahren sie ein Urlaubsland wählen ließen, in dem sie sich von allem Alltäglichen, was sie in Deutschland beschäftigte, abgeschnitten fühlen konnten. In Indien war alles so anders, daß schon nach wenigen Tagen die Erinnerung an Europa ausgelöscht erschien. Hinzu kam, daß sie in Indien unereichbar waren. Anna und Teo können diese Darstellung nachvollziehen.
Nach einer erholsamen Nacht erwachen Anna und Teo schon sehr früh, sodaß sie die um 6 Uhr 15 einsetzenden Aufrufe zum Gebet von den vielen kleinen Moscheen wahrnehmen. Der große Guru (Lehrer, gemeint ist Roi) hat für den heutigen Tag die Besichtigung der Höhlentempel von Ellora vorgesehen. Mustafa und Jagad finden sich pünktlich und gut gestimmt ein, sodaß die Reise beginnen kann.
Roi führt zur Ermutigung von Nic, Anna und Teo einen handlichen Luftfeuchtigkeitsmesser mit Thermometer bei sich. „42 Prozent und 22 Grad Celsius“ verkündet er bei Antritt der Fahrt. Bei so optimalen Wetterbedingungen beschließt Teo, sich besonders wohl zu fühlen. Dazu ist die Sicht klar, und sehr bald tauchen die Bergketten mitsamt dem allein stehenden Festungsberg Daulatabad wieder auf, wo man am Vortage war.
Mustafa läßt den Fahrer von der Hauptstraße in einen Ort abbiegen, wo auf einer normalen Dorfstraße angehalten wird. Nach ein paar Schritten bittet Mustafa die Gruppe, die Schuhe auszuziehen, um zum Grab von Aurangzep (1658 1707), des letzten großen Mogulherrscher, zu gehen. Dieser immer sehr sparsame Fürst hatte verfügt, daß sein Grab ganz bescheiden ohne jeden Prunk gehalten sein sollte.
An diese Weisung hat man sich gehalten. Ein quadratischer Hof, von einem kunstvoll gestalteten Gitter aus weißem Marmor umgeben das für die Mogulzeit so typische kleine Vierecksmuster vom Mausoleum wiederholt sich auch hier birgt in seiner Mitte ein schlichtes Grab. Besucher haben Blumen darüber gestreut, um den letzten Repräsentanten eines indischen Großreichs vor der Kolonisation durch die Engländer zu ehren.
Zu den Höhlen von Ellora ist es nicht weit. Ellora ist Ende des 1. Jahrtausends für 200 Jahre Sitz des hinduistischen Großreiche gewesen, das den Dekkan beherrschte. Damit erklärt sich, daß so viele und so unvorstellbar schöne Bau- und Kunstwerke im Laufe von vielen Jahrhunderten aus dem Fels geschlagen wurden.
Mustafa beginnt mit der Begehung einer buddhistischen Höhlenkirche. Obwohl alle Vier zuvor fleißig die einschlägige Reiselektüre studiert haben, sind sie erstaunt beim Betreten dieses Tempels. Anna äußert sogleich, das er in seiner Raumgestaltung einer einschiffigen romanischen Basilka ganz ähnlich sei. Das gilt bis zu den das hohe Dach andeutenden Querrippen. Über dem Eingang eine unzugängliche Galerie, von der aus man Einblick in diesen Tempel hätte. Am Ende dieses Tempels, dem Eingang gegenüber, befindet sich ein Buddha, der die gewonnene Ruhe des Erleuchteten ausstrahlt.
Der absolute Höhepunkt des bisherigen Teils der Reise steht aber noch bevor: Der KailashTempel, das sakrale Bauwerk des Hinduismus schlechthin. Der Kailash, ein in Südtibet liegender und mehreren Religionen heilig geltender Berg ist im Hinduismus der Wohnsitz von Shiva und seiner Gattin Parvati. Roi läßt Mustafa wissen, daß ein Hauptmotiv für den Antritt der Reise der Besuch dieses Tempels gewesen sei. Für diesen Wunsch muß Roi nun auch Opfer bringen: Mustafa führt die Gruppe erst einmal den steilen Felsabhang hinauf. Oben dann der Blick in ein in den Felsen geschlagenes Quadrat von etwa 60 Meter Tiefe und 3.000 qm Größe, aus dem sich - ausgespart beim Abtragen des Felsens - ein kompletter Tempel mit Gopuram (Tempelturm) im drawidischen Stil erhebt. Die Skulpturen an den Außenfassaden sind von künstlerischer Vollendung. Alle Vier sind angesichts dieses Erlebnisses in Beststimmung, und jeder steigt in Erwartung der eigentlichen Besichtigung frohgemut über die Felsen wieder hinab.
Zwei mächtige Elefanten bewachen im Vorbereich die Anlage. Elefanten sind auch als Halbreliefs ringsum im unteren Bereich der gesamten Umfassungswände des Tempels angebracht. Die Symbole für die heiligen Ströme Ganges, Yamuna und Narmada, der tanzende gut gestimmte und der tanzende zornige Shiva, seine Gattin Parvati, auch als Durga und Kali, und alle zur ShivaFamilie gehörenden Wappentiere sind vor allem an der Außenfassade dargestellt. Das eigentliche Heiligtum befindet sich am Ende des Tempels gegenüber dem Eingang in einem Schrein: Ein mächtiger Lingam, der aus der Yoni (Symbol für die Vagina) ragt, ist auch hier dargestellt zum Zeichen der mächtigen Schöpfungskraft von Shiva. Die Skulpturen im Bereich der oberen Fassade sind wieder von bezaubernder Schönheit, so z.B. eine fast im Vollrelief gefertigte Schwebende, die klassisch vollendet ist.
Und all das von zahlreichen Generationen von oben nach unten aus dem Felsen herausgemeißelt. Erotische Szenen beleben zusätzlich das große Baudenkmal, das von der UN zum Weltkulturerbe erklärt worden ist.
Dieser Ausflug wird beendet mit der Besichtigung des Jaintempels, der dem großen Vorbild des Kailashtempels nacheifert. Hier wie da der von oben nach unten aus dem Fels herausgemeißelte freistehende Bau mit bewachenden Elefanten. Mehrfach sieht man Reliefs, die den luftgekleideten (nackten) Mahavira, den etwa zur Zeit Buddhas lebenden Gründer dieser Religion, darstellen. Viele Jainas leben in Bombay und im Gujarat. Sie sind besonders erfolgreiche Handelsleute, sind oft wohlhabend und tun sich als Mäzene hervor. Ein weiteres Merkmal ist ihre Achtung vor allen Lebewesen; Pflanzen und Tiere sind dem Menschen gleichgestellt. Sie sind deshalb Vegetarier und vermeiden es, irgendetwas Lebendiges zu töten. Manchmal tragen sie Mund- und Nasenschutz, um nur ja kein Insekt beim Einatmen zu töten. Oder sie kehren den Weg, bevor sie ihn betreten.
Das wiederholte Auf- und Absteigen war für alle nicht ohne Anstrengung gewesen. Dennoch sind alle Vier mental frisch und sogar noch bereit, auf dem Rückweg in eine Seidenweberei von Aurangabad zu gehen. Hier sieht man einen älteren Mann an einem Webstuhl sitzen. Bei jedem Arbeitsgang ordnet er zunächst die aus etwa achtzig Fäden bestehende Kette dergestalt, daß sie entsprechend dem zu webenden Muster jeweils in der unteren und oberen Ebene gespannt sind. Zwei gebogene Holzhörnchen schiebt er nunmehr ein, um den Abstand zwischen beiden Ebenen zu vergrößern. Danach füllt er ein kleines Kästchen mit einer der vorhandenen zahlreichen kleinen Spulen eines bunten Fadens und legt dieses Kästchen ein in das runde und schmale, 10 cm lange Schiffchen. Jetzt kommt der eigentliche Webvorgang: Er führt das Schiffchen an den offenen Zwischenraum in der Kette und gibt ihm mit dem Finger den Schwung, der nun den bunten Faden in die Kette einschießt. Dann zieht er mit einem langen Stab in Richtung zum bereits gewebten Teil den neuen Faden fest. Es ist Kunsthandwerk, was er betreibt, denn er muß neben seiner handwerklichen Geschicklichkeit außerdem noch das gesamte Muster des zu fertigenden Stücks detailiert im Kopf haben. Dieser Mann verdient etwa 150 Rupien pro Tag (das entspricht DM 7.50)! Nic, Anna und Roi kaufen hier Schals und Kissenbezüge aus Seide und Brokat ein.
Der großartige Tag wird bei einem fröhlichen Dinner im ChaosRestaurant beendet.
Am nächsten Tag stehen die Höhlentempel von Ajanta, 100 km im NO von Aurangabad, auf dem Programm. Es wird der bislang interessanteste Reisetag auf der 400 bis 700 Meter hohen Ebene des Dekkans. Weit über 1000 mm/qm Monsunregen gehen vor allem in der Zeit von Mitte Juni bis Ende Juli, dann noch schauerartig bis Anfang Oktober hier nieder. So gedeihen auf den bis zum Horizent sich ertreckenden Äckern Zuckerrohr, Hirse, Weizen, Baumwolle, Mais, Ingwer, Papaya-, Mango- und Zitrusplantagen. Es ist ein Beispiel intensiver Landwirtschaft. Die Fläche eines Ackers liegt bei etwa einem Morgen.
Maschinen kommen überhaupt nicht zum Einsatz. Man sieht ab und zu einen Bauern hinter einem Pflug gehen, vor den zwei Wasserbüffel gespannt sind. Die aufgeworfenen schwarz glänzenden Schollen zeugen von der Fruchtbarkeit der Erde.
Es ist gerade Erntezeit für das Zuckerrohr. Auf einem Feld sind sicher zwanzig Frauen und Männer mit dem Schneiden, Trennen von Rohr und Blättern, Zusammenraufen und Wegschleppen des Zuckerrohrs zur Straße beschäftigt. Dort stehen schon kleine Ochsenkarren bereit, um das Rohr hochgestapelt aufzunehmen und dann im langen Treck zur Zuckerfabrik zu transportieren. Vereinzelt sieht man auch Lastwagen, die hoch mit Zuckerrohr beladen sind.
Auf den abgeernteten Feldern wird das abgeschlagene Blatt zu zeltförmigen Einheiten geordnet, um in der Trockenzeit dem Vieh als Futter zu dienen.
Es gibt hier zu dieser Jahreszeit zahlreiche Behelfssiedlungen von Gelegenheitsarbeitern. Mehrere Familien aus entfernteren Dörfern verdingen sich für eine Saison von vier Monaten als Erntehelfer und errichten sich aus Stroh Zelte am Rande der Straße inmitten ihres Arbeitsbereiches.
Roi, der Kameramann der Familie, wird immer aktiver. Er ist ständig auf der Suche nach Fotomotiven. Wieder kommandiert er dem Fahrer, stop for taking pictures! Diesesmal verlockt ihn eine auf dem Stoppelacker den Tag beginnende LandarbeiterKommune zu Aufnahmen. Mehrere junge Familien mit teilweise noch ganz kleinen Kindern empfangen ihn freundlich, stellen sich in Pose und lächeln in die Kamera.
Auf der Weiterfahrt berichtet Mustafa über die in Indien durchgeführte Bodenreform. Jeder Bauer dürfe nicht mehr als 53 acres Land besitzen. Den Grundbesitz der ehemaligen Feudalherren, der Rajas, habe man enteignet und das Land an einfache Bauern verteilt. Dennoch sei bis heute noch viel sonstiger Reichtum bei den Souveränen von einst verblieben. Der Nizam von Hyderabad z.B. sei immer noch einer der reichsten Männer Indiens. Und beim Anblick einer behelfsmäßigen Zigeunersiedlung am Straßenrand erzählt er, dieses offensichtlich aus Nordindien einstmals ausgeschwärmte Volk erhalte zwar auch hier seine Bräuche und die Reinheit seiner Rasse. Aber im übrigen sei es in die Bevölkerung des Subkontinents integriert.
Die Straße nach Ajanta ist von japanischen Unternehmern verbreitert und asphaltiert worden. Dafür müssen die Benutzer eine Maut zahlen, die bei insgesamt 30 Rupien liegen mag. Mächtige Banyantrees dicht am Rand der Straße machen diese zu einer Allee. Eine negative Konsequenz einer so bequemen Straße sind Unvorsichtigkeit und überhöhte Geschwindigkeit der Verkehrsteilnehmer. Das wird den Reisenden wieder bewußt, als sie eine Unfallstelle passieren. Ein Kleinlastwagen und ein voll beladener Rohrzuckertransporter waren frontal aufeinandergeprallt. Sie stehen mit zerstörtem Führerhaus am Straßenrand. Nach 4 Stunden auf dem Rückweg stehen sie noch immer so.
Den folgenden Ruhetag im Hotel Taj Residency hat die Familie verdient. Nic hat Spaß am Sonnenbad auf der Terrasse, Anna ruht und liest, während Teo seine wieder aufgetretene gesundheitliche Plage zu bekämpfen sucht.
Roi begibt sich an sein Tagewerk: Es müssen Ansichtskarten, Berichte und Briefe geschrieben werden. In der Heimat freut man sich über Post von ihm, denn keiner versteht es wie er, in wohlgesetzten Worten Stimmungsbilder hervorzuzaubern, die den Leser die geschilderten Dinge und Szenen wie in einem Film miterleben lassen. An seine Schwester schreibt er:

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