Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Extreme Extremadura

Vorweg

Meine schwärmerische Zuneigung zu Spanien, seinen Volksstämmen, seinen Landschaften, seiner Geschichte und Kultur, seinen Sprachen und auch zu seinem Klima begann vor 45 Jahren auf der Busreise eines Reiseveranstalters, die an die Costa Brava und nach Mallorca führte. Der spanische Bürgerkrieg war seit 13 Jahren beendet, und Franco, der gute Diktator, war dabei, dem ruinierten Land die Sicherheit und Stabilität zu vermitteln, die über Jahrzehnte den allmählichen Aufstieg Spaniens zu einer modernen europäischen Gesellschaft und Wirtschaftsform ermöglichen sollte.
Das Außergewöhnliche war, daß ein Militär, der Caudillo (=Heerführer) Franco, von weitblickendem politischen Verstand gesegnet war. Gestützt auf Armee, Kirche und Partei und getragen von breiter Zustimmung der älteren Generation, die der nicht funktionierenden Republik die Schuld für den Niedergang des Landes zuwies, übte er unangefochten in diktatorischer Weise die Zentralgewalt aus. Dennoch sorgte er alsbald dafür, daß freie Kräfte das Marktgeschehen bestimmten und die Wirtschaft ganz langsam zu wachsen begann.
Franco gewann die Achtung Spaniens in der Völkergemeinschaft zurück. Und aus eigenem Antrieb bereitete er die Gesellschaft Spaniens vor auf die Zeit nach der auch von ihm nur als Zwischenphase aufgefaßten Diktatur: Er ließ 1967 das Volk über eine neue Verfassung abstimmen, nach der dem zukünftigen Oberhaupt des - seit 1947 theoretisch wieder - monarchistischen Staatswesens nur die Aufgaben verblieben, die nicht dem die Politik bestimmenden Ministerpräsidenten übertragen waren. Außerdem bestimmte er Juan Carlos, den Enkel des letzten Königs Alfons XIII, als zukünftigen König von Spanien zu seinem Nachfolger; das Nachfolgegesetz von 1947 gab ihm das Recht dazu. Er sorgte persönlich nach Abstimmung mit dem Vater von Juan Carlos für die allumfassende Ausbildung des Prinzen, sodaß dieser nach Francos Tod 1975 seinen Aufgaben als Monarch und Staatsoberhaupt gewachsen war.
Seit Francos Tod sind gerade 22 Jahre vergangen. In dieser kurzen Zeitspanne haben Spaniens Gesellschaft, Staat und Wirtschaft einen atemraubenden Wechsel erfahren und gut verkraftet: Patriarchalische Strukturen sind ohne große Reibungsverluste demokratischen Führungssystemen gewichen; die spanische Frau muß um Gleichberechtigung nicht mehr kämpfen; früher undenkbare liberale Auffassungen sind an die Stelle von starren Moralvorstellungen getreten; Juan Carlos von Spanien und die Seinen gehören zu den angesehensten Königsfamilien der Welt; die Wirtschaft boomt; und unter den für die Zulassung zur europäischen Währungs gemeinschaft sich qualifizierenden Staaten steht Spanien an einer der ersten Stellen.
Diese so positive Entwicklung einer vitalen Nation habe ich im Lande mitverfolgen dürfen auf zahlreichen Reisen und beim Studium ihrer Sprache, Geschichte und Kultur. Melitta teilte meine Sympathie zu Spanien, und wir erwarben schon 1963 ein Baugrundstück auf Mallorca, auf dem wir ein Jahr später ein Häuschen errichten ließen.
Für dieses Jahr 1997 haben wir uns vorgenommen, einmal von dem uns so ans Herz gewachsenen zweiten Wohnsitz aus eine Reise auf die spanische Halbinsel mit dem Auto zu machen, die uns abseits der gängigen Touristenrouten in die Mancha und Extremadura führen soll, wo ein starkes Element der so vielfältigen spanischen Volksseele beheimatet ist. Nostalgie ist der Auslöser für unsere Ziele: Wir wollen Regionen Spaniens bereisen, die dünn besiedelt sind und in denen die Landwirtschaft auch heute noch Haupteinnahmequelle ist.
Und wir wollen die Geschichte des Landes gedanklich nachvollziehen, indem wir die römischen Bauwerke in Mérida, die im Lande - vor allem in Toledo - noch erhaltenen architektonischen Zeugnisse der 200- jährigen westgotischen Vergangenheit und die überall in Südspanien anzutreffenden Bauten islamischer Prägung aus 300 bis 800 Jahren maurischer Besetzung (und danach) besichtigen. Außerdem werden wir herrschaftliche Residenzen und das Kloster von Yuste - weltabgeschiedene Zuflucht Kaiser Karls V gegen Ende seines Lebens - aufsuchen und in historischen Gebäuden aus Mittelalter und Neuzeit übernachten.
Die Reisezeit wird auf den Spätsommer festgesetzt. Paradores - die überwiegend in ehemaligen Burgen, Schlössern, Hospizen und Klöstern vom spanischen Staat geführten Hotels - werden für je 2 Nächte im voraus von uns gebucht. Wir lassen die Hälfte der vorgesehenen Reisezeit für freie Disposition der Fahrstrecke offen.
So brechen wir am 30. September von Cala Blava mit unserem Wagen auf, um ihn mittags im Fährhafen von Palma auf die „Sevilla“ verladen zu lassen.

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