Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Extreme Extremadura

Tagebuch einer Autoreise durch Südspanien Oktober 1997

Valencia, im Parador El Saler (Golfhotel) am 1. Oktober 1997
Nach 8stündiger ruhiger Überfahrt mit der Fähre der Trasmediterranea von Palma konnten Mädi und ich gesternabend vom Nordhafen Valencias mit unserem Opel Astra starten. Eine Familie aus der Stadt, die ich auf dem Parkdeck angesprochen hatte, geleitete uns mit deren Wagen vom Schiff aus auf einer nach West führenden Avenida der Jahrhundertwende bis zur nach Süd abbiegenden Straße, die am ehemaligen Ufer des Rio Turia entlang und auf ein Stück Autobahn führte. Wir hatten Neumond, und es regnete. Die einzige Orientierungsmöglichkeit für die Weiterfahrt waren Schilder und Straßenbeleuchtung.
Wir ließen die Stadt hinter uns und tauchten in stockfinstere Nacht. Rechter Hand, nach West, begrenzte bald Schilf den Straßenrand, das ab und an den Blick über die Albufera auf das 15 km entfernte, von Lichtern erstrahlende gegenüber liegende Ufer dieser Lagune freigab. Wir waren also auf dem schmalen Landstreifen zwischen Lagune und Mittelmeer. Abzweigungen unserer Schnellstraße, auch die nach El Saler, ließen wir ungenutzt in Erwartung eines Hinweises auf unseren Parador. Es gab einen solchen nicht, und schließlich bogen wir auf eine nach Palmar führende alte Straße ab, die drei einspurige Brücken über schmale Wasserwege der Lagune überquerte.
In dem alten Dorf Palmar setzte sintflutartiger Regen ein. Die Unheil verheißende schwarze Wolkenwand, die ich schon vom Schiff aus beim Einfahren in den Hafen wahrgenommen hatte, war nun über uns. Wir hatten uns zudem verfahren, mußten auf der engen Dorfstraße drehen, zurück zur Schnellstraße und auf ihr weiter Richtung Süd fahren. Links tauchte plötzlich das auf die Abfahrt zum Parador hinweisende Schild auf, und eine Minute später standen wir vor unserem vorgebuchten Quartier. Es ist der inmitten eines Golfplatzes stehende Parador, ein weißes dreistöckiges Gebäude mit fünfzig Zimmern. Durch den prasselnden Regen schleppten Melitta, der Concierge und ich unser Gepäck ins Haus; wir nahmen einen Imbiß und eine Flasche des hiesigen roten Murviedro zu uns und gingen bald zu Bett.
Heutefrüh unternahm ich einen Spaziergang zum 100 Meter entfernten Sandstrand, und nach einem guten Frühstück bestellten wir uns ein Taxi aus Valencia. Der Conductor, offensichtlich ein leidenschaftlicher Jäger, hatte viel Spaß, uns an die Albufera und nach Palmar zu fahren und Informationen über diese einzigartige Landschaft zu geben.
Das Ostufer der flachen Lagune ist wie das des nur ein Viertel so großen Steinhuder Meeres dicht mit doppelt mannshoch messendem Schilf bewachsen, durch das sich zahlreiche schmale Kanäle ziehen. Vereinzelt sind Teichhühner darauf zu sehen, und über dem Schilf kreisen immer wieder Stockenten in Paaren oder größeren Schofs, bevor sie in einen der Kanäle einfallen; ihr Ruf, das weithin vernehmliche „oaaaak, oak, oak, oak“, ertönt ringsher aus dem Schilf. Wir sehen Fischer in winzigen Bötchen beim Einholen und Auslegen der Netze, und im Dorf erleben wir die Anlandung des beträchtlichen Fanges auf dem örtlichen Fischmarkt.
Wo die Lagune zurücktritt, wird intensive Landwirtschaft betrieben: Alle nur denkbaren Gemüsesorten, Apfelsinen und sonstiges Obst reifen auf kleinen Feldern heran, und die einfachen Bauernhäuser - wie seit jeher im Stil der mit Reis und Schilfstroh gedeckten Barras - passen sich der flachen, so überaus fruchtbaren Ebene an. Auch auf diesen kleinen Wirtschaftseinheiten um Palmar herum sieht man Reisfelder, die schon abgeerntet sind oder unmittelbar vor dem Schnitt stehen. Kleine, weiße Kuhreiher, wie man sie überall auf der Welt in tropischen und subtropischen Zonen sieht, stehen auf den Feldern; und vereinzelt sieht man auch einen stattlichen Graureiher schwerfällig abstreichen. Mitten im Dorf liegt auf einem befestigten Platz ein großer Haufen von noch gelben Reiskörnern; sobald kein Regen mehr zu erwarten ist, wird der Reis zum Trocknen hier ausgebreitet werden.
Unser Conductor informiert uns, daß angesichts der fruchtbaren Böden, des reichlichen Wassers und der Sonnenscheindauer die Huerta um ganz Valencia herum vier Ernten im Jahr bringt und die hier lebenden Bauern ein so gutes Auskommen haben, daß niemand an Landflucht denkt. Das hören Mädi und ich gern, nachdem wir auf Mallorca in den letzten Jahren Zeugen sein mußten von der Verwahrlosung von immer mehr Bauernhöfen, deren Besitzer verständlicherweise sich touristischen Erwerbsquellen zuwandten.
Auf der Weiterfahrt nach Valencia sehen wir Reisfelder, so weit das Auge reicht. Die Luft ist erfüllt von dem typischen Geruch der reifen Körnerfrucht, so, wie wenn man in Niedersachsen an Weizenfeldern kurz vor dem Schnitt entlanggeht. Hohe Reissilos am Verladehafen, wie man sie gestern bei der Einfahrt vom Schiff aus schon sah, zeugen von der gewaltigen landwirtschaftlichen Produktivität dieser Region der Levante.
Unser kurzweiliger Fahrer setzt uns auf unsere Bitte am Rathausplatz von Valencia ab, wo sich etliche Restaurants in einer Seitenstraße befinden, die für gute Reisgerichte bekannt sind.
Mädi und ich gehen zur Lonja (Warenbörse im gotischen Stil) und in die gegenüber gelegene riesige Markthalle (Eisenkonstruktion im Jugendstil, die uns erinnert an die Budapester Markthalle, an die Wiener Bahnhöfe der SBahn und an die Kurhalle in Marienbad). Einkäufe erledigen wir, gehen um die leider geschlossene Kathedrale, an deren Außenmauer morgen wie an jedem Donnerstag das Wassergericht nach mündlicher Verhandlung und ohne Berufungsmöglichkeit über Bewässerungsstreitigkeiten von Nachbarn im Raum Valencias entscheiden wird, und landen schließlich in einem sehr noblen Restaurant in der Nähe des Rathausplatzes, wo wir die beste Paella unseres Lebens verspeisen; sie besteht nur aus safrangewürztem Reis, grünen Bohnen und großen Bohnen, Kaninchen- und Hühnerfleisch. Eine Flasche des roten valencianischen Murviedro gibt dem köstlichen Mahl seinen Rahmen.
Mädi und ich waren vor mehr als 37 Jahren schon einmal in dieser Stadt, damals im Winter zwischen Weihnachten und Neujahr. Und wir sind uns einig: Damals wie heute hat uns begeistert die Fröhlichkeit und der Witz, die schlichte Eleganz und Bescheidenheit der ländlich-großstädtischen Bewohner dieser immerhin drittgrößten Stadt Spaniens.
Nach der Rückkehr mit dem Taxi in unser Hotel gehen Mädi und ich nach Sonnenuntergang noch den kurzen Weg durchs Golffeld an den Strand, um Abschied zu nehmen vom Mittelmeer, das wir nun einen Monat lang nicht mehr sehen werden.

Alarcon (in der Mancha), im Parador (Festung seit dem 6.Jht.) am 2. Oktober 1997
Unser neues Domizil für zwei Nächte: Ein düsteres Verlies mit einer ein, unten sogar zwei Meter starken Außenmauer in einer mittelalterlichen Festung, die von dem Westgotenkönig Alarich gegründet und im 13. Jht. weiter ausgebaut wurde. Unser einziges schmales, hohes Fensterchen hat die Form einer Schießscharte. Hundert Meter steil unter uns hören wir den Júcar rauschen, der in einem Bogen von 18o Grad den Fels umströmt, auf dem die Burg und das Dorf Alarcon liegen. Die uns gegenüber liegenden Ufer des Júcar steigen steil an; auf ihrem grauen Gestein sind zwei mittelalterliche Vorwerke der Burg errichtet. Jenseits des Júcar geht der Blick in die endlose Weite der auf gleicher Höhe mit der Burg liegenden Ebene der Mancha, die sich von hier bis weit nach Westen erstreckt.
Der Júcar führt viel Wasser, denn vor zwei Tagen, als wir bei unserer Ankunft im Parador El Saler in den Platzregen gerieten, hatten der ganze Küstenstreifen der Levante und das Hinterland so viel Niederschlag bekommen, daß die Flüsse anschwollen und in Alicante eine Überschwemmungskatastrophe auslösten, die viele Menschen das Leben kostete.
Die heutige Fahrt, die uns über Mittag hierher führte, war im Bereich der Peripherie der Stadt Valencia etwas stressig, weil die Umgehungsautobahnen sehr überlastet waren von dem intensiven LKW-Verkehr und weil in unaufhörlicher Folge die schwer verständlichen Hinweise auf Ausfahrten sich aneinander reihten. Es wurde angenehmer, als wir das gesamte quirlige Industriegebiet von Valencia mit den umgebenden Städten hinter uns hatten und allmählich in die Hochebene der Mancha gelangten.
Ein Picknick im Schatten eines Pinienbestandes mit dem Anblick einer in der Nähe weidenden großen Schafherde ließ uns schnell den Streß vergessen. Rotwein, Weißbrot, BellotaSchinken (von frei unter Steineichen von deren Früchten lebenden Schweine) und Käse der Mancha waren die Köstlichkeiten unserer Mahlzeit. Dazu kamen dunkle Trauben, die ich vom Feld geholt hatte; in der Mancha ist gerade Weinlese. In dem großen Hof einer WeinCooperativa sahen wir viele der von kleinen Traktoren gezogenen Wagen mit dem kostbaren blauen Lesegut in der Schlange stehen, die auf Abfertigung warteten, und weitere Wagen strömten auf den Straßen hinzu.
Gegen Ende unserer Fahrt mußten wir die Nationalstraße verlassen, und plötzlich erschien das gewaltige Festungswerk mit seinen Vorburgen in der felsigen Landschaft. Mädi wollte es zunächst nicht glauben, daß ein so kriegerischer Bau für die nächsten beiden Tage unser Zuhause sein sollte. Bis jetzt hegt sie weiter ihre Skepsis.

Alarcon, im Parador am 3. Oktober 1997
Albträume haben uns beide in der vergangenen Nacht heimgesucht: Es ging immer um kriegerische und grausame Ereignisse, in die uns ganz nahe stehende Personen verstrickt waren, während wir wie eine Art Kriegsberichterstatter dabeistanden, ohne helfen zu können. Es war, wie wenn die 1.400 Jahre alte Vergangenheit dieser oft blutig umkämpften Feste unbarmherzig auch uns sich mitteilen wollte.
Sicher haben die Architekten ihr Teil zum martialischen Image beigetragen, als sie mit dem Umbau der mittelalterlichen Burg in einen Parador beauftragt wurden: Zwar sind moderne Bäder und Heizung eingebaut worden, und die innere Substanz des Gebäudes wurde neu gegliedert; aber man hat schlichte Holztüren mit alten Eisenbeschlägen verwendet, die beim Öffnen knarren und deren einfache Schlösser beim Verriegeln an solche von Kerkerzellen erinnern. Die Treppenaufgänge zu den insgesamt dreizehn Zimmern sind ganz eng, und nur wenig Tageslicht gelangt in die Räume.
Zu Abend gegessen haben wir gestern in einem der beiden Rittersäle, die ausgestattet sind mit großen runden, spitzenbewehrten Deckenleuchten, deren Licht die sicher acht Meter hohen Räume in ein düsteres Licht taucht. An den Wänden sind Lanzen und Schilde angebracht, und in den Ecken stehen Ritterrüstungen.
In dieser kriegerischen Umgebung entstand in Mädi und mir eine Sehnsucht nach einem Kontrastprogramm, und wir entschlossen uns spontan, ab morgen für zwei Nächte im Isabel II in Aranjuez zu buchen, 60 km südlich Madrid und 200 km westlich von hier.
Heute sind wir an den Júcar hinunter spaziert. Ein ausgesetzter, ganz abgemagerter Jagdhund begleitete uns ständig in der Hoffnung, neue Herren zu finden.
Am Mittag haben wir einen Imbiß im Rittersaal eingenommen. Abends werden wir im Zimmer picknicken und morgenfrüh nach Aranjuez aufbrechen.
Wir kommen gerade vom Aussichtsplatz vor der Burg, wo wir den Sonnenuntergang erlebten. Ein Gespräch mit zwei sehr netten Männern, die in ihrer Berufszeit an den Wasserführungen der Umgebung aktiv beteiligt waren, informierte mich: Der Tajo im Norden wird durch einen Kanal angezapft, der überschüssiges Wasser in den Júcar führt. Der Júcar wird, wie alle größeren Flüsse, oft zu Bewässerungszwecken gestaut. Unterhalb unserer Burg wird der größte Teil des Júcar abgeleitet, zunächst durch den Burgberg, dann mittels einer geschlossenen Brücke über sein eigenes Bett und wieder durch den Fels geführt, aus dem er dann nach acht Kilometern aus großer Höhe auf die Turbinen eines Kraftwerks stürzt. Danach bildet er wieder einen Stausee, aus dem durch Kanäle sowohl die Huerta von Murcia wie auch nach Rückführung des Restwassers in das Flußbett die Albufera von Valencia durch Abzweigkanäle versorgt wird. Welch´ geniale Wassernutzung!
Aranjuez, im Hotel am Sonntag, den 5. Oktober 1997
In einer Oase sind wir gesternmittag angekommen, gelegen inmitten eines karstigen Teiles der spanischen Meseta. Das königliche Residenzstädtchen wird umströmt von dem längsten Fluß des Landes, dem Tajo, der östlich von hier bei Teruel entspringt und nach 1000 km westlichem Lauf bei Lissabon in den Atlantik mündet.
Im bescheidenen Hotel an der Avenida de las Infantas sahen wir uns die LifeÜbertragung der Hochzeit von Prinzessin Cristina von Bourbon mit Inaki Urdangarín an, die in der Kathedrale von Barcelona stattfand. Beide sind durch Dekret des Königs nunmehr Duques de Palma de Mallorca.
Nach einem bescheidenen Mittagsmahl bestiegen wir ein Bötchen, das uns auf den Windungen des hier noch schmalen Tajo entlang den schattigen Ufern in einen Teil der berühmten Gartenanlagen, in den jardin del principe, brachte. Dieser Englische Garten ist von tausenden von Stadttauben bevölkert, auch von einigen Fasanen und Stockenten; das große Erlebnis war jedoch die Besichtigung der casa del labrador, einem Jagdschlößchen Karl IV von Spanien. Dieser war Uhrensammler, Liebhaber des Barock, des Rokoko und des Empire und zugleich der denkbar miserabelste König des Landes. Die Zimmer des Schlosses sind kostbar mit Gemälden, Statuen, Marmor, Stuck und Seidentapeten ausgestattet.
Ein Besuch der hinteren kleinen Gärten des palacio real mit seinen Brunnen beendete den Tag.-
Bald nach Sonnenaufgang waren wir gestern aufgebrochen. Der Stausee von Alarcon, der das Wasser des Júcar vorhält und außerdem aus dem eingeleiteten canal de trasvase einen Teil des Tajo aufnimmt, war unser erster Halt. Weiter ging es auf der weiten Hochebene der südlichen Meseta, die zunächst noch teilweise von Pinienwäldern bestanden war. Doch dann wechselte der Charakter der Landschaft: Die Mancha nahm uns wieder auf, die den Blick freigibt in die endlose Weite des Landes. Sonnenblumen, Brauereigerste und Linsen werden auf den baum- und strauchlosen Feldern angebaut.
Ein Zwischenfall in Tarancón: Das Auto sprang nicht mehr an, kein Strom, tote Hose! Zufällig standen wir vor einer Autoreparaturwerkstatt. Der Elektriker stellte sofort fest, daß sich ein Kabel von der Autobatterie gelöst hatte - gewiß auf dem holprigen Pflaster vor der Festung.
Erleichtert fuhren wir weiter über Ocana nach Aranjuez. Sehr viel Weinbau bemerkten wir auf diesem Streckenteil - sowohl rote wie weiße Trauben gedeihen hier, wo gerade der Höhepunkt der Weinlese ist.-
Am heutigen Vormittag steht der palacio real auf dem Programm. Wir gehen durch die Gartenanlagen am rückwärtigen Teil des Palastes und der großen Plaza de la Mariblanca, weiter an der Südfront des palacio entlang und gelangen auf den Ehrenhof, der eingefaßt ist von dem im Stil einheitlichen dreistöckigen Zentralgebäude und den zweistöckigen Seitenflügeln (alles eher schlicht und gefällig in Neorenaissance). Der Palast wurde einstmals von Philipp II Ende des 16. Jht. errichtet und nach zwei Bränden in der zweiten Hälfte des 18. Jht. von König Karl III in seiner Fassade ganz neu gestaltet.
Bei einer geführten Besichtigung (nach gründlichem SicherheitsCheck wie vor Besteigen eines Flugzeugs aus Furcht vor ETA-Anschlägen und während der Führung von je einer AufsichtsPerson vor und hinter der Gruppe geleitet) wird uns wieder einmal mehr klar, welch´ gewaltige Umgestaltung die europäische Gesellschaft in dem Jahrhundert nach der französischen Revolution erfahren hat: Im 18. Jht. war es noch ganz in der Ordnung, daß die spanischen Könige neun große Schlösser und königliche Klöster ausschließlich für den eigenen Gebrauch unterhielten und mit kostbarsten Kunstwerken ausstatteten, während der große Teil des Volkes ein hartes Leben auf dem Lande führte. Es war noch die (wenngleich zu Ende gehende) Zeit der Feudalgesellschaft, in der Monarchen und ihre Vasallen über das Volk herrschten und von ihm Abgaben und Dienste forderten. Dafür gewährleisteten die Herrscher den Untertanen durch Rechtsprechung Ordnung im Zusammenleben und durch Unterhaltung von Armee und Burgen Schutz vor äußeren Feinden.
Mit diesen Gedanken gehen wir durch die zahlreichen luxuriös ausgestatteten Gemächer der Königin und des Königs des Palastes von Aranjuez. Das heutige Spanien hat die königlichen Schlösser zum nationalen Eigentum erklärt und sorgt für die Erhaltung (ähnlich der bayerischen Schlösserverwaltung). Man stellt dem König allerdings für den Fall, daß er ein Schloß für repräsentative Zwecke benötigt, dieses ausschließlich zur Verfügung. So geschah es kürzlich in Palma de Mallorca, als Juan Carlos das von ihm persönlich eingeladene Präsidentenpaar der USA in dem Palast Almudaina unterbringen ließ.
Anschließend spazieren wir durch den von in Reihen angeordneten Bäumen und gestutzten Buchsbaumhecken bestandenen jardin de la isla, der von dem abgeleiteten Tajo umströmt wird. Zahlreiche Springbrunnen sorgen in der Hitze des Mittags für Erquickung während unseres Spaziergangs durch diesen schon von Philipp II angelegten Garten. Die vielen Hochzeitspaare fallen uns auf. Ist Aranjuez das Hochzeitsparadies für Madrilenos?
Danach sehen wir uns noch im jardin del principe die im „Haus der Seeleute“ ausgestellten Luxusbarken von Karl III, Karl IV, Ferdinand VII, Isabel II und Alfonso XII an: Große Ruderboote aus edlen Hölzern, deren vorderer abgegrenzter Teil für die etwa zwölf Ruderer bestimmt war und deren achterer Teil innen mit kostbarem Stoff ausgeschlagen und von einem Baldachin überdacht ist für die königlichen Herrschaften, die diese Boote für Lustfahrten oder als Stand für die Entenjagd benutzten.
Eine Zwischenmahlzeit nehmen wir danach ein im Restaurante Castillo (im Prinzengarten): Ein tonnenförmiges, hohes und breites Backsteingebäude, das dem königlichen Hof einst als Stallung für die Pferde diente.
Den Sundowner in Form von Malaga virgen trinken wir wie gestern im „Grünen Frosch“, wo uns der Ober wiedererkennt und uns zu einer zusätzlichen Runde einlädt, die er mit ManchegoKäse in Olivenöl anreichert.
Nachtrag 23.00: Wir kommen gerade vom Abendessen in der Casa Pablo (C/AlmibarC/ S. Antonio). Geheimtip! Typisches und hervorragend zubereitetes Essen der Region. Die Wände im unteren und ersten Stock zugehängt von Fotos der bekannten Stierkämpfer seit Manolete. Am Nachbartisch eine Gruppe von englischen und deutschen Jägern, die mit dem Leiter der spanischen Jagdorganisation zusammen tafeln; in einigen Tagen geht die Jagd auf für Niederwild.
Als wir auf dem Heimweg vor dem Hotel uns noch einmal auf eine Bank auf unserer Avenida setzen, kommt ein Paar dazu, das bei Pablo kurz zuvor neben uns an der Bar stand. Ein Plausch mit ihnen. Sie versuchen, uns zu gewinnen für ihr Restaurant in Toledo.

Toledo, im Parador (Landgut über der Stadt) am 6. Oktober 1997
Auf der Fahrt nach hier verfahren wir uns zunächst einmal, und wir lassen es auch zu: Die Straße wird Weg, Schlaglöcher lassen uns nicht mehr passieren, wir steigen aus und gelangen zu Fuß bald an den Tajo, der von Schilf eingesäumt ist. Enten quaken am Ufer, eine Singdrossel erfreut uns mit Belcanto - aber der Weg geht endgültig nicht weiter, und die Fähre, an der wir stehen, scheint außer Betrieb zu sein.
Beidseits des Weges sehen wir auf den Weiden Kampfstiere ruhelos ziehen, von denen der eine oder andere reif zu sein scheint für die corrida.
Nach 5 km Autobahn Richtung Orcana gelangen wir auf die Nacional 400 in Richtung Toledo, die häufig schnurgrade durch die trockene Hochebene der Meseta führt. Bis zum Horizont siehst Du Deine Straße kurvenlos und ohne jeden Gegenverkehr vor Dir, und Du wirst an die Highways im Westen der US erinnert.
Bei der Ankunft hier jubelt Mädi begeistert auf: Wir erblicken von unserem Hotelzimmer Kathedrale und Alcazar von Toledo etwa 1 km Luftlinie entfernt, haben aber das tief eingegrabene Flußbett des Tajo, der Toledo umfließt, noch zwischen uns und der Stadt.
Mittagessen im großen comedor, wo wir umzingelt sind von japanischen Reisegruppen, die nur über Mittag wegen der Aussichtslage in Bussen heraufgefahren worden sind.
Den Nachmittag haben wir auf der Terrasse des Paradors mit Schreiben von Karten verbracht. Danach begeben wir uns auf den Zimmerbalkon zum Lesen.- Gegen Abend geht ein mächtiges Gewitterschauer im Norden von Toledo nieder.

Toledo, im Parador am 7. Oktober 1997
In gespannter Erwartung fahren Mädi und ich am Morgen mit dem Auto in die Stadt, die mir aus kurzen Besuchen in den Jahren 1952, 1957 und 1992 schon bekannt ist. Und ich bin erstaunt, wie wenig sich das Stadtbild verändert hat; man hat den alten Stadtkern äußerlich überhaupt nicht modernisieren müssen, weil man jenseits seiner natürlichen Begrenzung durch den umfließenden Tajo attraktive Trabantenstädte errichtet hat, die zudem erhöht über der Altstadt in dem angenehmeren Klima der Meseta liegen. Das riesige Parkhaus ist unter den Stadtrand in den Fels gesprengt.
Von der Terrasse des über allem gelegenen Alcazar blicken wir auf die ineinander verschachtelten braunroten Dächer, deren Farbe sich kaum unterscheidet von der der jenseits des Tajo beginnenden Hochebene der Meseta.
Wir entdecken von unserem Aussichtspunkt die Renaissancefassade des aus dem 15. Jht. stammenden Stiftes Santa Cruz für Kranke und Waisenkinder und entschließen uns zur Besichtigung. Wir werden belohnt: Selten haben wir eine so einheitliche Architektur eines historischen Gebäudes gesehen. Der für Spanien typische platereske Stil (Frührenaissance mit Pflanzendekor) erscheint nicht nur auf der Außenfassade sondern beherrscht auch das Innere des ganz übersichtlichen Bauwerkes. In der Form des griechischen Kreuzes und in zwei Etagen ist der Bau errichtet. Die Decken bestehen aus dunklen Holzkassetten, in denen Pflanzenmotive dargestellt sind; sie wurden einst nach der Reconquista von beauftragten maurischen Handwerkern erstellt und stehen für den in Toledo häufig anzutreffenden MudéjarStil. Ein großes offenes Quadrat gewährt vom ersten Stock den Blick auf die vier Schenkel des darunter befindlichen Erdgeschosses. Kein Möbel, keine Statue unterbricht den Raumeindruck im gesamten Gebäude. An den Wänden hängen Gemälde mit kirchlichen Motiven alter Meister, auch von El Greco, der in Toledo seine Wahlheimat fand. Die etwa neun Meter lange Standarte des Kriegsschiffes, auf dem Don Juan de Austria (unehelicher Sohn von Kaiser Karl V) die spanische Kriegsflotte in der siegreichen Seeschlacht von Lepanto gegen die Türken anführte, hängt als eindrucksvollstes Requisit am Ende des Gebäudes über die gesamte Rückwand.
Ein zweistöckiger Kreuzgang schließt sich an das Gebäude an, in dem alte Keramiken und Grabstelen aus arabischer Zeit ausgestellt sind.
Einkäufe tätigen wir bei unserem Gang, Halbschuhe für mich und toledaner Küchenmesser für Mädi.
Zu Mittag essen wir im „Aurelio“ in der Nähe der Kathedrale, einem sehr typischen Restaurant der Mancha. Wir bestellen Entenkeulen für Mädi und Filetsteak für mich, Rotwein aus Valdepenas dazu. Wir sind uns einig: In den vergangenen Monaten haben wir auf Mallorca und auf der Halbinsel selten so gut in einem Restaurant gespeist.
Ein Gang in die Kathedrale schließt sich an. Leider sind Chor und mozarabische Kapelle, in der nach der Reconquista noch lange Zeit Messen in westgotischem Ritus abgehalten wurden, nicht zu besichtigen.
Wir hatten uns gestern spontan entschlossen, eine Nacht länger als geplant hier zu bleiben. So haben wir morgen noch einen vollen Tag für diese schöne Unterkunft und das so unglaublich anregende Toledo.
Nach dem Abendimbiß im Parador (heißer ManchegoKäse für mich, Rebhuhn-Pastete für Mädi - Kommentar: „Damit habe ich wohl für mein Leben vom Rebhuhn in Spanien Abschied genommen“ - und der junge vino de la Mancha aus Cuenca) beschließt ein gescheites Gespräch zwischen uns beiden auf unserem Zimmerbalkon den so dankbar erlebten vollen Tag. Thema: Freiheit (westliche Zivilisation) Unfreiheit (islamischer Fundamentalismus, China bezogen auf politische Gedankenfreiheit); gerechtfertigte Mittel zur Verteidigung der Freiheit.

Toledo, im Parador am 8. Oktober 1997
Heute erlaufen wir uns die Altstadt von Toledo. Durch die engen Gassen zu gelangen, die immer kurvig und winklich, bergauf und bergab sich zwischen den alten mehrstöckigen Häusern hindurchschlängeln, fordert dem Fußgänger Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit ab; denn auch PKWs, Lieferwagen und kleine Lastwagen bahnen sich ständig ihren Weg. Einmal muß die arme Mädi, eng angeschmiegt an eine Hauswand, die Füße hintereinander parallel zum Straßenverlauf stellen, damit ein Bierlastwagen nicht darüber hinweg fährt.
Viermal gelangen wir an verschiedene Stellen des Stadtrandes am steilen Ufer des Tajo. Einige Male überqueren wir den dreieckigen Hauptplatz, die Plaza Zocodover, deren Platanen den Steinbänken mit ihren gekachelten Rückenlehnen - Geschichten aus Don Quijote darstellend - Schatten spenden.
Einige hundert ausgelassene junge Leute begegnen uns; Oberkörper, Gesichter und Haare einer Gruppe von ihnen sind mit Eigelb und Farbstoffen verschmiert. Sie alle ziehen laut singend durch die engen Gassen des alten Universitätsviertels. Man erklärt uns: Die ihr Studium beginnenden Studenten werden von ihren älteren Kollegen dem Aufnahmeritual unterzogen.
Mädi entdeckt in einer ehrwürdigen Kunsthandlung ein kleines Fruchtstilleben, das eine Zitrone und eine Pflaume, auf einer Glasplatte liegend, darstellt. Es ist gemalt von einem Künstler, der der Gruppe der Hyperrealisten zugehört. Wir beschließen den Kauf für das Häuschen auf Mallorca.
Bei dem ältesten noch erhaltenen Bauwerk der Stadt, Christo de la Luz, verweilen wir geraume Zeit: Es ist der Teil einer westgotischen Kirche aus dem 6. Jht., von der die Säulen mit viereckigen Kapitelen noch keiner Ausbesserung bedurften. Nachdem die Mauren im Jahr 712 die Stadt eingenommen hatten, wandelten sie das Gebäude in eine kleine Moschee um. Arabische Zackenbögen bilden, auf die westgotischen Pfeiler gestützt, neun kleine Gewölbe. In die Außenfassade aus Ziegeln sind arabische Hufeisenbögen aus weißen und roten Segmenten eingearbeitet. Der Stil erinnert an die Moschee von Córdoba.
Nachdem Alfons VI und sein Feldherr Cid die Stadt 1085 für die Christenheit zurückerobert hatte, verlegte er die Hauptstadt seines Reiches von Leon nach Toledo, das übrigens bis 1562 Hauptstadt von Kastilien blieb, bis Philipp II Madrid zum Machtzentrum machte. Aus der Moschee wurde im 12. Jht. eine christliche Kirche. Die beauftragten maurischen Handwerker bedienten sich der vorhandenen Stilelemente und fügten neue arabische Elemente hinzu (arabische Bögen, Ziegelbauweise), sodaß eine MudéjarKirche entstand - eine der zahlreichen der Stadt. Die Kirche erhielt den Namen Christo de la luz, weil der Legende zufolge während der Umbauarbeiten im Mauerwerk eine noch brennende Lampe aus westgotischer Zeit vor einem Kruzifix entdeckt wurde.
Neben der Kirche die mächtige Puerta del Sol aus maurischer Zeit mit zwei übereinander gearbeiteten riesigen arabischen Bögen. Unten fließt der Tajo.
Am höchsten Punkt der Stadt liegt San Román, eine MudéjarKirche mit einem viereckigen, in seiner Fassade aufgegliederten Turm aus Ziegeln. Wir sehen uns die innen ausgestellten Kapitele und Grabfunde aus westgotischer Zeit an.
In der auf der anderen Seite der Altstadt gelegenen ehemaligen Synagoge del transito aus dem 14. Jht. überrascht uns die MudéjarInnendekoration. Umlaufende Friese an den Seitenwänden und die Wandabdeckung auf der Chorfront aus filigran verarbeitetem und bemaltem Stein wirken wie geklöppeltes Spitzenwerk und erinnern an den Dekorationsstil in der Alhambra.
In der Santo Tomé sehen wir das für diese Kirche gemalte Bild El Grecos, „Begräbnis des Grafen Orgaz“, und fahren nach einem guten kastilischen Essen im „Aurelio“ zum Parador zurück.
Im ehrwürdigen Toledo, so reich an Geschichte, haben wir viel von spanischer Vergangenheit in unmittelbarer Anschauung erleben können: Die germanische Prägung durch Westgoten für mehr als zwei Jahrhunderte, die maurische Besetzung über fast vier Jahrhunderte, das zeitweilige Zusammenleben von Christen, Moslems und Juden, bis das Judenprogrom von den Katholischen Königen Ende des 15. Jht. erlassen wurde und dann im 17. Jht. die Vertreibung der Mauren erfolgte; Kirchenkonzile in Toledo in westgotischer Zeit, Beginn der schrecklichen Inquisition um 1500 von hier aus, Lenkung des spanischen Weltreiches von Toiledo aus bis an das Ende der Regierung von Kaiser Karl V.
Schließlich die Schlacht um den Alcazar Anfang des Bürgerkrieges 1936, in dem die Voraussetzungen dafür geschaffen wurden, daß Spanien heute den beliebtesten Monarchen in der Welt, eine funktionierende Demokratie und zur Zeit eine boomende Wirtschaft hat, auf die wir Deutsche neidisch sein könnten.
Beim Sonnenuntergang mit Malaga virgen auf dem Balkon unseres schönen Zimmers treten zum erstenmal im Norden die Berge der Sierra de Gredos klar sichtbar hervor. Sie sind morgen unser Reiseziel.
Jarandilla de la Vera (Extremadura), im Parador (Schloß aus dem 15.Jht.) am 9. Oktober 1997
Die Glocken von dem so nahen Toledo schlugen 7 Uhr, und die Stadt lag noch im Dunkel, als wir unsere Sachen packten und auf unserem Balkon Abschied nahmen von der autonomen Region Castilla La Mancha.
Wir fahren im Norden der Stadt über den Tajo und auf der N 403 bis San Martin. Die typische GroßfelderWirtschaft wird auch hier auf der weiten Meseta betrieben. Zahlreiche riesige Stallungen sind nach einer Stunde Weges zu sehen; und als auch wiederholt SchinkenTrocknereien am Straßenrand auftauchen, wissen wir, daß hier einer der spanischen Zentralbereiche für Schweineproduktion ist.
Dann steigt das Gelände allmählich an und wird hügelig. Schlagartig hört hier die Landwirtschaft auf, und statt der endlos weiten, grauen und gepflügten Felder sieht man so weit das Auge reicht die runden grünen Polster der Schirmpinienwälder auf dem welligen Land. Wir haben die Vorberge der Sierra de Gredos erreicht, an deren südlicher Seite wir nun ab San Martin in Richtung West fahren werden.
Der Pinienbestand weicht allmählich der StrauchMacchia, in der die große Zistrose durch ihren besonders würzigen Geruch und ihre von Harz glänzenden Blätter auffällt. Auf dazwischen eingestreuten dürren Weiden suchen Kühe nach Nahrung. In der Wildnis machen wir während der Mittagshitze ein Picknick; auf einem kleinen Spaziergang fällt mir das von Wildschweinen aufgewühlte Erdreich auf.
Wir gelangen mit zunehmender Höhe in dichte Nadelhochwälder und haben am Paß plötzlich den Blick frei auf die endlosen Ebenen der Extremadura - ganz im Süden begrenzt von der Sierra de Guadalupe.
Nach Verlassen des bewaldeten bergigen Landes erreichen wir das Valle de la Vera, ein langgestrecktes Hochtal am südlichen Rand der allmählich immer näher an dieses Tal herantretenden Sierra de Gredos. Wie erstaunen wir, als wir unerwartet durch Ortschaften fahren, deren Hauptstraßen von kerngesunden stattlichen Palmen begrenzt werden! Feigenhaine werden immer häufiger, und reichlich Frucht tragende Apfelsinenbäume sieht man in Gärten und an Plätzen. Große Obstkulturen beginnen, und auf Tabakfeldern werden gerade die großen Blätter geerntet. Diese so überraschende Fruchtbarkeit des Landes beginnt in Candeleda de la Vera und wiederholt sich in den weiteren Orten bis nach Jarandilla de la Vera.
Da die Gredos mit ihren z.T. 2500 m hohen Gipfeln sich nahe am Tal hinziehen, ist das Valle de la Vera vor Nordwinden geschützt und verfügt über den Wasserreichtum, den die zahlreichen aus dem Gebirge nach Süden fließenden Flüßchen bringen.
Unsere Unterkunft hier ist zunächst sehr enttäuschend: Ein subterraner Raum im Kastell mit vergittertem hoch angebrachten Fensterchen. Die Information, daß auch Kaiser Karl V im Kastell übernachtet haben soll, kann uns den Alb nicht nehmen, daß Kerkermeister Rocco demnächst durch die Holztüre unserer kleinen Zelle eintritt, um uns abzuholen.
Ein kleiner Abendspaziergang führt uns an kleinen Obst und Gemüsegärtchen entlang auf einem schmalen Pfad an die Peripherie des Dorfes. Die Windstille, die Wärme zu dieser Jahreszeit am Abend und die reiche Vegetation bestärken mich in der Vermutung, daß das Valle de la Vera ein vom Klima bevorzugtes Tal in der Extremadura ist.
Auch unser Kastell ist weitaus schöner, als wir anfangs meinten. Es ist eigentlich überhaupt kein militärischstrategisches Gebäude, sondern eines der frühen RenaissanceSchlösser, die im Stil sich noch anlehnen an die Bauweise der Zeit, als der Besitz einer wehrhaften Burg die Herrschaft über das beanspruchte Land gewährleistete. Für die ehrwürdigeleganten Salons im ersten Stock und die stilvollheiteren drei Speisesäle schwärme ich sogar.
Das mit Mädi dort eingenommene Abendessen überzeugt uns beide. Es ist, als stecke die Lebensart des 16. Jht. noch in den Räumen und teile sich den in ihnen Weilenden mit. Außerdem bedeutet es für uns, die wir stets den Sommer auf dem von Touristen überfremdeten Mallorca verbringen, eine wohltuende Abwechslung, auf dieser Reise ins spanischste Urland fast ausschließlich von Spaniern umgeben zu sein. Schließlich: In diesem „befestigten Schloß“ haben wir nach drei vergeblichen Anläufen zum erstenmal Rebhuhn nach deutscher Hausfrauenart bekommen: Im eigenen Sud und mit Schinkenspeck umwickelt.

Cáceres, im Parador (Palast von Torreorgaz aus 14.Jht.) am 10. Oktober 1997
In diesem Palast eines militärischen Befehlshabers aus dem 14. Jht. haben wir eine stilvolle und zugleich bequeme Unterkunft gefunden, am Rande des alten Stadtviertels einer der beiden Provinzhauptstädte der Extremadura.
Von Jarandilla de la Vera waren wir zunächst zum Kloster von Yuste (Anf.16. Jht.) gefahren. Kaiser Karl V hatte sich an dieses Kloster ein bescheidenes Domizil aus zwei Etagen anbauen lassen, um dort die letzten 22 Monate seines Lebens zurückgezogen von allem Weltlichen zu verbringen. Der von Gicht geplagte Kaiser ließ sein Bett so stellen, daß er von diesem aus die Messe miterleben konnte, die am Hauptaltar der Klosterkirche zelebriert wurde.
Die Schlichtheit der wenigen Räume und ihrer Ausstattung rührten uns angesichts eines so mächtigen Mannes, in dessen Reich die Sonne nicht unterging.
Auf Vorschlag von zwei aus der Levante stammenden Ehepaaren machten wir einen Abstecher nach Garganta la Olla, das in einem kleinen Seitental des Valle de la Vera liegt und in dem die Berghänge von Kirschbäumen bestanden sind. In Jaraiz stießen wir wieder auf auf das VeraTal.
Die zum kastilischen Scheidegebirge gehörende Sierra de Gredos endet hier, und sogleich ändert sich die Vegetation. Wir gelangten in die typische Extremadura: Eine leicht wellige Ebene tat sich vor uns auf, in der Viehweiden eingestreut sind in Baumbestände von Oliven, Eichen und Steineichen. Letztere erreichen hier eine stattliche Höhe.
Wir querten die angestauten Flüsse Tietar, Tajo und Almonte; in diesem Bereich wird der Blick frei für baumlose Weiden, aus denen mächtige Granitbrocken herausragen. Wir erblickten die fern im Dunst erscheinenden Gebirgsketten von San Pedro und Guadalupe. Kuh- und Schafherden sah man weiden, und auch Schweineproduktion wird betrieben.

Cáceres, im Parador am 11. Oktober 1997
Heute ist Samstag, und Bustouristen bevölkern die kleine Altstadt - alles Spanier und überwiegend aus der Extremadura und Andalusien. Wir machen uns zu einem Rundgang durch die engen Straßen auf, wo sich ein Palast an den anderen reiht. Gotik, plateresker und RenaissanceStil beherrschen die eher schlichten Fassaden der wuchtigen Paläste. Hier bauten Adelsgeschlechter, die sich verdient gemacht hatten in der Reconquista gegen die Mauren, in den Befriedungsaktionen unter den Katholischen Königen (Ende 15. Jht.) und bei Eroberung Südamerikas.
Jeder Palast hat seinen viereckigen Turm, häufig verziert mit einem Eckerker. Santa Maria ist die schönste Kirche der Stadt. Gestern sah ich dort eine Hochzeit.
Auf jedem Turm der Stadt sind mehrere Storchennester; im Frühjahr wird es hier demnach ein reichlich feuchtes Biotop mit Nahrung für die stattlichen Vögel geben.
Auf der Plaza Mayor, zwischen Altstadt und dem darunter sich anschließenden neuen Stadtteil gelegen, suchen wir ein Cafe auf. Lustig und laut geht es zu auf dem Platz: Exotische Musik dröhnt aus einem Lautsprecher, Menschen und Autos überqueren geschäftig den großen Platz, und in einer MiniDemonstration protestiert man gegen die Inhaftierung von MilitärdienstVerweigerern.
Bei einem Fotogang am Nachmittag treffe ich auf der Plaza Santa Maria die beiden Ehepaare aus Valencia wieder, die wir im Valle de la Vera kennengelernt haben. Sie haben - wie sie triumphierend erzählen - gestern die gesuchte älteste casa de putas Europas (inzwischen außer Dienst gestelltes, nur noch touristisches Schauobjekt) in Garganta la Olla gefunden, haben heute schon Trujillo und Cáceres besichtigt und wollen jetzt noch aufbrechen nach Zafra, wo wir erst in einer Woche eintreffen werden.
Eine Hochzeit wird seit Mittag in einem der Innenhöfe unseres Hotels gefeiert. Dieses Hotel ist ein aus zwei Palästen der Gotik - damals von militärischen Anführern im Wiedereroberungskrieg gegen die Mauren erbaut - zusammengefügter Parador. Die Architekten haben eine glückliche Hand bewiesen bei der Vereinigung der Bausubstanzen. Es liegt trotz meterdicker Mauern und labyrinthartiger Verschachtelung eine heitere Stimmung in dem Parador; geräumige und reichlich belichtete Wohnräume, elegante Salons, großzügig geschnittene Innenhöfe, stilistisch gelungene Innenarchitektur und Ausstattung sorgen für eine behagliche Atmosphäre im Haus.
Morgen wird in der ganzen spanisch sprechenden Welt der Tag der Hispanidad gefeiert, und Guadalupe ist in Spanien das Zentrum der Festlichkeiten. Wir wollen teilnehmen, haben deshalb für eine Nacht im dortigen Parador nachgebucht und werden gleich nach dem Frühstück aufbrechen von hier.

Guadalupe, im Parador (Hospiz des 15. Jht.) am Sonntag, den 12. Oktober 1997
Bei Sonnenaufgang treffen wir beim Frühstück im Parador von Cáceres vier Jäger, die heute in der Umgebung auf Sauen und Rehwild jagen wollen.
Bald brechen wir auf. Mädi tut´s nicht sehr leid.- Es ist kompliziert, aus dem historischen Stadtkern auf die N 521 Richtung Madrid zu gelangen.
Sobald wir die Stadt verlassen haben, sind wir in einem leicht welligen Ackerland, das den Blick zuläßt über die Weite des Landes bis hin zu der im Dunst liegenden Sierra. Unterbrochen wird die Ackerfläche von kleineren Flußläufen und Sumpfflächen; das Geheimnis der vielen Storchennester in Cáceres ist gelüftet.
Dann erscheinen öfter Weideflächen, auf denen große Kuhherden stehen. Dörfer gibt es nicht - nur dann und wann sieht man die Wirtschaftsgebäude einer Farm mitsamt dem bescheiden wirkenden Wohnhaus. Die Sonne scheint zunächst fast waagerecht aus unserer Fahrtrichtung so grell, daß wieder Standwetter zu erwarten ist.
Nach einer halben Stunde wechselt die Landschaft: Steineichen beherrschen nun das Bild. Einige haben fast die Größe der deutschen Eichen, nur haben sie hier kugelförmige Kronen, ähnlich dem Johannisbrotbaum. Die Steineichen stehen im Abstand voneinander. Darunter ist entweder kultiviertes Land, oder es wächst dichtes, dorniges Gestrüpp. Auch das Geheimnis der Jagdgründe um Cáceres ist damit gelüftet. Als ich mir dieses Land auf einem kleinen Spaziergang näher ansehen will, höre ich nahe Schüsse und sehe zu meinem Schrecken einen hetzenden Jagdhund vor mir. Schnell ziehe ich mich ins Auto zurück.
Schafherden sehen wir jetzt oft. Der berühmte ManchegoKäse ist Schafskäse (oder aus Kuh- und Schafsmilch) und wird auch hier produziert.
Die historische Stadt von Trujillo umfahren wir, um über Zorita und Canamero nach Guadalupe zu gelangen. In den Steineichenhainen sehen wir vereinzelt schwarze und graue Hausschweine auf der Suche nach den ersten Eicheln.
Am Mittag kommen wir in Guadalupe, dem Wallfahrtsort mit 3.500 Einwohnern, an.

Tag der Hispanidad in Guadalupe
Am 12. Oktober jeden Jahres wird in allen spanisch geprägten Nationen der Welt das Fest der spanischen Sprache und Kultur zum Zeichen der Zusammengehörigkeit gefeiert. Guadalupe mit seinem Kloster ist eines der Zentren dieser Feier. Alfons XI ließ dieses umfangreiche gotische Kloster im 14. Jht. errichten, nachdem ihm die heilige Maria von Guadalupe auf sein Gebet hin in der Schlacht von Salado (1340) den Sieg über die Mauren gewährte. Guadalupe ist seitdem ein Wallfahrtsort, der zu jener Zeit sogar gleichrangig neben Santiago de Compostela stand.
Die zuverlässigsten Ritter im Wiedereroberungskampf gegen die Mauren stammten aus der Extremadura. Als diese Arbeit mit der Einnahme von Granada (1492) getan war, gab es sogleich einen neuen Auftrag für die Haudegen: Die Eroberung der Neuen Welt und die gewaltsame Bekehrung der Indianer zum katholischen Glauben. Nur zu gern stellten sich die Ritter der Extremadura diesen Aufgaben, und so wurde Guadalupe als Wallfahrtsort dieser Provinz auch vor allem in Südamerika bekannt und avancierte zum Symbol der Hispanidad. Kolumbus hatte im übrigen aus Mittelamerika verschleppte Indianer hier christlich taufen lassen.

Die Prozession
Schon bei der Ankunft in Guadalupe waren uns die zahlreichen Autos mit Zulassungen aus den umliegenden Provinzen aufgefallen, deren Fahrer auf der Suche nach einem Parkplatz schienen. Fußgänger bevölkerten die schmalen Gehsteige der wenigen Straßen dieses kleinen Ortes. Erwartungsvolle Nervosität war spürbar.
Wir stellen unseren Wagen ab, bringen unser Gepäck aufs Zimmer und begeben uns zur benachbart liegenden Wallfahrtskirche.
Seit dem Morgen schon waren Messen abgehalten worden. Die Kirche ist immer noch überfüllt von Gläubigen. Auf der großen Terrasse vor der Kirche, auf den Treppen, dem Hauptplatz und den Zufahrtsstraßen vor der Kirche warten zahlreiche Schaulustige.
Über Lautsprecher kommt die Aufforderung, eine Gasse für die Prozession freizumachen. Dann formieren sich die weiß gekleideten Meßdiener vorweg, dahinter zahlreiche Würdenträger der Stadt mit breiten Schärpen, eine Musikkapelle und die Priester im Ornat. Mit Musikbegleitung zieht man jetzt von der Terrasse herunter auf den Platz, um den großen Brunnen herum und wieder zurück in die Kirche.
Die heilige Maria von Guadalupe wird nur bei der Prozession an Mariä Himmelfahrt mitgeführt, so sagt man uns. Jetzt aber erwarte man die

Wallfahrt der Reiter.
Die ersten Gruppen treffen am Nachmittag ein: Landfrauen und Männer aus der weiteren Umgebung Guadalupes, teilweise von den Grenzen zu Andalusien und zu Portugal, kommen nach ihrer tagelangen Reise am Hauptplatz vor der Kathedrale auf ihren schwitzenden Pferden an, wo sie als erstes ihre Tiere aus dem Brunnen saufen lassen. Vielen Pferden und ihren Reitern sieht man die Strapazen des langen Rittes an.
Die Kleidung der Reiter und Reiterinnen ist teilweise ländlich schlicht, zum Teil aber auch festlich wie die der andalusischen Reiter während der Ferias in Sevilla. Der flache, breitkrempige dunkle Hut gehört dazu wie der bis zu den Knöcheln reichende kunstvoll zugeschnittene Lederschurz. Einigen Pferden ist der Schweif festlich geflochten und das Fell sauber gestriegelt.
Als schließlich an die hundert Reiter auf ihren Pferden um den Brunnen versammelt sind, nehmen sie Aufstellung mit Blick zur über ihnen liegenden Kirche. Ein Mann in Reitertracht richtet einige markige Worte von der Treppe an sie, und alle stimmen ein in ein kräftiges „arriba“ auf die Maria von Guadalupe. Dann singt man gemeinsam ein langes Loblied, dessen Text anscheinend nur wenige beherrschen. Ein gesungenes Tanzlied, zu dem ein Reiterpaar nach Art der „Sevillana“ tanzt, beendet die den reitenden Pilgern gewidmete Willkommenszeremonie.
Später eintreffenden Reitergruppen gewährt man dasselbe Ritual.

Der Zauber von Guadalupe
Mädi und ich sind entrückt vom Zauber, den Guadalupe ausstrahlt. Es mag auch der Kontrast zu dem herben Cáceres und zu den kriegerischen Burgen und Palästen sein, der uns in einer so besonderen Weise einnimmt für diesen idyllischen Ort in der Sierra von Guadalupe.
Vom kleinen, ganz vom Kloster beherrschten Ortszentrum führen schmale, verwinkelte Gassen bergauf und bergab zu den umliegenden Oliven- und Steineichenhainen und Gärten. Die Häuser sind zweistöckig und weiß gekalkt. Im ersten Stock tragen viele von ihnen einen auf Holzbalken aufgelagerten Vorbau. Die Menschen, alte und junge, sind freundlich und interessiert an uns. Sind wir doch - wie selten kommt das vor - nach unserem Eindruck die einzigen Nichtspanier in Guadalupe an diesem Wallfahrtstag.
Als wir bei Eichelschinken und Rotwein aus dem benachbarten Canamera vor der Bar Cerezo II sitzen, sprengen immer wieder Reiter über den inzwischen in der Abenddämmerung liegenden Hauptplatz.

Der Parador von Guadalupe
Durch seine Lage im historischen Zentrum des Ortes, durch die Ästhetik seiner architektonischen Gestaltung und das Wohlbehagen, das er dem Bewohner vermittelt, ist dieser Parador für mich der bemerkenswerteste unter den bisher aufgesuchten.
Das alte Gebäude diente einstmals als Herberge für die Pilger. Es ist dem Kloster benachbart. Es ist mehrstöckig und im Quadrat um einen wunderschönen Apfelsinenhain gebaut. Auf den Dachfirsten sieht man ähnliche kleine arabeske Ziertürmchen aus bunter Keramik wie auch auf den Dächern des Klosters.
An diesen historischen Teil des Paradors hat man 1984 nach Abriß der dort stehenden Häuser einen fast gleichgroßen Bau angefügt. Dieser Neubau ist so gelungen, daß wir beide ihn für ein altes Gebäude hielten, das einfach verbunden wurde mit dem quadratischen historischen Teil. Die Außenwände dieses Neubaus sind fast einen Meter dick, die Räume sind angenehm hoch und harmonisch in den Proportionen, und neben der Glasfront zum Balkon ist ein winziges Fenster in die dicke Außenwand unseres Zimmers eingelassen, dessen Überflüssigkeit zusätzlich zum Charme des Raumes beiträgt. Der Architekt hatte sich noch etwas ganz Ungewöhnliches an Stelle von Nachttischlampen einfallen lassen: An den Kopfenden der Betten sind in der Wand quadratische Einlassungen in Höhe und Breite von zwei Handlängen ausgespart, in denen eine Glühbirne hängt.
Wenn man aus unserem geräumigen Zimmer auf den großen nach West ausgerichteten Balkon heraustritt, bietet sich ein weiter Blick auf die uns gegenüber liegende Sierra de Guadalupe bis zu ihrem höchsten Gipfel (1.600 m).

Guadalupe, im Parador am 13. Oktober 1997
Da der unübersichtlich große Klosterkomplex nur mit Führung besichtigt werden darf, schließen wir uns einer Gruppe an und erleben als erstes Phänomen, daß wir einen Führer erwischt haben, der ständig zur Uhr guckt und seine Erklärungen fast in dem Rhythmus eines Maschinengewehres herunterrattert. Vom Kreuzgang im MudéjarStil in den unteren Umläufen erreichen wir das Refektorium, in dem jetzt kirchliche Gewänder ausgestellt sind - von den Mönchen des Klosters (Hieronymiten) im Laufe von über vier Jahrhunderten kostbar bestickt. Im Kapitelsaal eine Auswahl von insgesamt 86 riesigen Gesangbüchern (jedes 50 kg schwer), ausgestattet von Mönchen des Klosters mit kunstvollen Miniaturen. In der Sakristei elf Gemälde von Zurbarán, die er für dieses Kloster angefertigt hat und die Szenen mit Hieronymitenmönchen darstellen.
Im Camarín, dem mit allen Kostbarkeiten der Welt ausgeschmückten Vorraum zum Marienthron, übernimmt ein Mönch des Franziskanerorden - diesem Orden ist nunmehr das Kloster unterstellt - die Führung. Zu unserer Verblüffung dreht der Ordensbruder mit einer Handbewegung die Statue der Jungfrau aus dem Altarraum der Kirche zu uns herein, und wir können die sanften Gesichtszüge des im Stil romanischen Kunstwerks von Nahem betrachten.
Nach einem schlichten Mittagsmahl mache ich mich auf zu einer zweistündigen Wanderung in die Sierra. Zunächst muß ich bis an das ganz unten liegende Ende des Ortes gehen, dann jenseits der Landstraße ständig bergauf durch Haine von Oliven und Edelkastanien, in die herrliche Exemplare von Steineichen eingestreut sind. Ich komme zur Einsiedelei San Blas aus dem 16. Jht. Gegenüber nach Osten hin liegt jetzt das langgestreckte Guadalupe. Weiter geht es bergan; voll blühende Erika säumt nun den Weg, und dichter Pinienwald (die Bäume haben besonders lange und harte Nadeln) nimmt mich auf. Ich gelange schließlich auf den höchsten Punkt meines Ausfluges, zur Eremitage Santa Catalina. Von hier aus genieße ich den herrlichen Blick auf das gegenüber liegende Guadalupe und nach Süden hin über die Ebene und die dahinter sich aufreihenden, im fernen Dunst liegenden Gebirgszüge. Auch jetzt wieder bestätigt sich unsere Beobachtung, daß die Landschaft der Extremadura viel Ähnlichkeit mit den Weiten der Weststaaten der USA hat.
Ein Wegweiser zeigt an: 35 Minuten bis Guadalupe nach unten, 2 Stunden und 3o Minuten bergwärts bis zum Weindorf Canamero. Hufabdrücke auf dem Weg zeigen mir an, daß auf diesem Weg gestern auch die Pilger zu Pferde gekommen sind.
Bei unserer Ankunft im Parador hatte ich spontan um eine Nacht verlängert, sodaß wir das einmalige Flair von Guadalupe noch bis morgenmittag genießen können.

Trujillo, im Parador (Kloster des 16. Jht.) am14. Oktober 1997
Schöne Tage haben wir in Guadalupe gehabt, und der Abschied fiel uns sehr schwer; bis in den frühen Nachmittag haben wir ihn hinausgezögert. Auf Mädis Rat sind wir zum Mittagessen noch in der Hospedería del Monasterio gewesen, deren Restaurant sich im zweiten Kreuzgang des Klosters, dem gotischen, befindet. Nach dem köstlichen Mahl in einem so außergewöhnlichen Ambiente verließen wir Guadalupe in Richtung West.
Immer noch herrschte spätsommerliche Hitze. Am Eingang zu einer Farm erklärte mir ein Bauer, man füttere hier die Mutterschweine zunächst mit Futtergetreide; sie würden dann gegen Oktober werfen, und zur Zeit der Reife der Eicheln im Dezember lasse man sie mit ihren Ferkeln frei draußen herumlaufen, so daß sie ab dieser Zeit nur noch Eichelmast zu sich nehmen können. Dann werden sie im Januar geschlachtet und als die berühmten BellotaSchweine verkauft. Der Schinken der Schweine der Extremadura ist deshalb von einem außergewöhnlichen Wohlgeschmack.
Am späten Nachmittag kamen wir in dem Kloster von Trujillo an, wo wir zwei Nächte bleiben werden. Man hat uns eine sehr geräumige „Zelle“ zugewiesen, die an dem Obergeschoß des Kreuzganges gelegen ist. Das kleine Fenster bietet uns den Blick über die wellige Ebene bis zur in der Ferne liegenden Sierra.
Heute spazieren wir über die Plaza Mayor mit der Kirche San Martín und dem neuzeitlichen bronzenen Reiterstandbild des Conquistadors Francisco Pizarro. Außerdem stehen dort Paläste aus den 16. und 17.Jht., von denen der des Hernando Pizarro (Bruder von Francisco) sich negativ unterscheidet von den anderen durch unverhältnismäßige Größe und Vernachlässigung.
Wir gehen in Richtung Festung in die Kirche von Santa Maria (reine Gotik) mit den beiden steinernen Sitznischen für die Katholischen Könige, wenn sie in Trujillo weilten. Dann tauchen wir für eine Stunde unter in dem Wohnhaus des Vaters von Francisco Pizarro, in dem heute ein Museum untergebracht ist mit Instruktionen über Aufstieg und Eroberungszüge des Sohnes. Francisco Pizarro reiste schon 1502, zehn Jahre nach der Entdeckung Amerikas durch Columbus, in die spanische Basis Panama und unternahm von dort zwei große Erkundungszüge an die Pazifikküste von Südamerika.
Er verschaffte sich in Spanien umfangreiche königliche Vollmachten und brach erneut auf - diesesmal mit insgesamt 180 Soldaten, Pferden und Kanonen. Er landete im Reich der Inkas 1531 und eroberte noch 1532 deren Reich (das heutige Peru) gegen eine zahlenmäßig riesige Übermacht durch List und durch Überlegenheit seiner Waffen.
Kein gutes Ende nahm es mit den Pizarros: Francisco wurde ermordet in Peru durch Anhänger seines einstigen Waffengefährten Almagro, ein Bruder wurde hingerichtet, ein anderer Bruder kam um im Kampf in Peru und Hernando wurde wegen Konspiration in Spanien zu 20 Jahren Kerker verurteilt.-
Auf dem Weg zum PizarroMuseum sehen wir uns den Innenhof des Palastes der Herren de Orellana an, den heute eine Ordensschule innehat. Auch Francisco de Orellana stammt aus Trujillo. Er zog 1542 von hier aus, um den Amazonas auf der Suche nach El Dorado, der sagenhaften Stadt mit unermeßlichen Goldschätzen (die nie gefunden wurde), zu befahren.
Mädi und ich essen in einem typischen Restaurant an der Plaza Mayor sehr gut und überreichlich. Ich unternehme danach noch einen Spaziergang auf das Kastell, wo ich die Bekanntschaft eines jungen ArgentinierPaares aus Rosario mache. Von den Zinnen des Turmes genieße ich den weiten Blick nach Westen über ganz ebenes Land, nach Norden zu der Sierra de Gredos, nach Osten in Richtung Guadalupe und in die südliche Richtung unserer morgigen Fahrt, die uns nach Mérida führen soll. Den dortigen Parador hatten wir von Deutschland aus vorbuchen lassen, während wir für Jarandilla, Guadalupe und Trujillo kurzfristig selbst mit Erfolg buchen konnten.

Mérida, im Parador (Konvent aus dem 18.Jht.) am 16. Oktober 1997
Dieser Parador stellt seine historische Vergangenheit einmal nicht in den Vordergrund. Es ist ein unglaublich behagliches und geschmackvoll eingerichtetes großes Hotel von den Zimmern, Fluren bis zu den Speise und Konferenzräumen. Der genius loci mag unauffällig zum Wohlbehagen beitragen: Die Grundmauern des römischen Tempels und die Verwendung von Bauelementen aus antiker, westgotischer und maurischer Zeit.
Bei der Herfahrt verirrten wir uns in ein abgeschiedenes Dorf. Die Wegweiser waren wie schon so oft in Spanien wieder einmal unverständlich. So zwang uns die schmale, kurvenreiche und immer wieder mit Schlaglöchern überraschende Landstraße zu einer beschaulichen Fahrt, auf der uns einmal mehr der herbe Charme der welligen Landschaft der Extremadura mit ihren Baumgruppen, Weiden und vereinzelten Äckern begegnete.
Der Besuch von römischem Amphitheater und Theater von Mérida hinterläßt bei mir das Gefühl für Ausdehnung und Macht Roms, auch für das Selbstverständnis, mit dem sogleich römische Lebensweise in neu besetzte Gebiete eingeführt wurde. Für die Bauwerke selbst kann ich mich nicht erwärmen; sie sind in den vergangenen 2.000 Jahren doch zu arg mitgenommen, und die Ausbesserungen der neueren Zeit scheinen nicht so recht zu harmonisieren.

Die römische Brücke
Mérida liegt am Guadiana, der in der Stadt ein immens breites Bett einnimmt. Der Fluß hat Sandbänke und mit Bäumen und Gras bewachsene Inseln in seinem Lauf geschaffen. Die stattlichen Rundbögen der römischen Brücke überspannen den Fluß.
Die Sonne verfärbt schon den Himmel des jenseitigen westlichen Ufers. Zahlreiche junge und alte Menschen nutzen die spätsommerliche Stimmung der Abenddämmerung zu einem Spaziergang auf der Brücke.
Ein wundersames Schauspiel hebt an. Aufgeregtes Vogelgeschrei erfüllt die Luft. Es klingt wie das krächzende Pfeifen der Dohlen. Weiße, krähengroße Vögel ziehen in Scharen aus Westen herbei, um ihren Schlafplatz in der ausladenden Krone eines Baumes auf einer Flußinsel aufzusuchen. Das Geschrei setzt sich auch auf den Ästen fort, und ständig treffen Neuankömmlinge ein. Der mächtige Baum hat in der zunehmenden Dämmerung Ähnlichkeit mit dem Bild eines Pointilisten: Hunderte von weißen Pünktchen treten an die Stelle des ursprünglichen Gegenstandes. Es sind Kuhreiher, die von der Nahrungssuche heimkehren.
Schwarze kleine Wolken sind am noch helleren Himmel zu sehen, die sich plötzlich aufzulösen scheinen, um dann wieder sichtbar zu werden. Stare sind es, die auf ihrem Herbstzug in dieser für Vögel so wirtlichen Flußniederung eine Pause einlegen. Sie tauchen aus dem blaßgrünen Hintergrund auf, kreisen über einem schmalen, hohen Baum der Insel und fallen dann förmlich vom Himmel in ihren Schlafbaum.
Unter der Brücke sieht man Wildenten schwimmen und Bläßhühner. Tauben, Schwalben und schreiende Krähen ziehen über die Brücke hin. Gegen den roten Abendhimmel sieht man jetzt einen großen Schwarm von geselligen Mauerseglern in ihrem pfeilschnellen Flug, der von fröhlichen Schreien begleitet wird.
Ein Abenddrink mit Mädi in der Nähe des puente romano auf der plaza mayor, inmitten von fröhlichen Familien mit vielen Kindern, beendet unseren heutigen Tag. Heimweg durch den wunderbar erhaltenen Trajansbogen.

Mérida, im Parador am 17. Oktober 1997
Einen umfassenden Eindruck von der Lebensweise der Römer in Emerita Augusta (Mérida), der damaligen Hauptstadt der Kolonie Lusitanien, erhalten wir im römischen Museum. Zahlreiche Statuen, Säulen und Kapitele, auch Fragmente von Fresken in der Grundfarbe des pompejanischen Rot sind in den hohen Innenraum und seine neun Seitenflügel gestellt, über denen in zwei Stockwerken Galerien, Räume und Laufstege mit Durchblick auf den großen Raum oder die Seitenflügel eingerichtet sind.
Diese geniale architektonische Anordnung (aus 1985) erlaubt es, die schönsten Ausstellungsstücke, die auf die Wände übertragenen bis zu acht Meter großen Originalmosaiken, von drei Ebenen aus zu betrachten. Es überwiegen dekorative geometrische oder pflanzliche Motive, in deren Mittelpunkt oft Jagdscenen sehr realistisch dargestellt sind, z.B. die Saujagd mit dem Speer.
Die Fußbodenmosaiken von Fluren, Peristyl, Eß-, Wohn- und Schlafräumen eines römischen Patrizierhauses, in der Nähe vom Amphitheater gelegen, sind so gut erhalten, als könnten Regen und Sonne ihnen nichts anhaben.
Wir kommen vorbei an den Resten von zwei Aquädukten, die aus den in Römerzeit angelegten Stauseen das Wasser in die Stadt transportierten; und wir sehen im Vorübergehen die Alcazaba, die von den Arabern errichtete Festung zur Verteidigung der 800 Meter langen Römerbrücke über den Guadiana.
Einen zweiten Abend verbringen wir auf der plaza mayor, auch plaza de Espana genannt, zum Abschied von Mérida. Es wimmelt wieder von spielenden Kindern zwischen ein und zehn Jahren; die meisten sind Geschwister, deren Eltern auf einen Drink mit Freunden gekommen sind. In der Mitte des schönen Platzes sprudelt üppig ein römischer Brunnen. In seinem Hintergrund sieht man das angestrahlte beflaggte Rathaus. Ein Storchenpaar steht in dem auf das Dach gebauten Nest. Dieses Paar bleibt auch im Winter und zieht nicht mit seinen Artgenossen nach Afrika, so sagt uns der Wirt.

Zafra, im Parador (befestigtes Schloß aus dem 15. Jht.) am 18. Oktober 1997
Nur knapp 70 km sind es von Mérida nach hier. Auf der Fahrt haben wir ein Grunderlebnis. Wir kommen zunächst durch die gewohnte Landschaft der Extremadura: Auf gewelltem Terrain Weiden, Olivenhaine, Steineichen und Äcker, die gerade gepflügt werden und auf denen hinter den Pflugscharen zahlreiche Kuhreiher nach Nahrung suchen.
Aber schon 20 Kilometer hinter Mérida vollzieht sich ein abrupter Wechsel: Wir sind in der Tierra de Barros, einer Hochebene mit grauer Erde, die bis zum Horizont nur Weinfelder trägt - keinen einzigen Baum. Die Stadt Almendralejo, die wir durchfahren, beweist mit ihren Industriegebäuden u.a. für Weinveredelung daß wir in den Süden der Exstremadura gelangt sind, in dem offensichtlich mehr Wohlstand herrscht als im Norden des Landes. Und etwas ganz Skurriles für spanische Landschaft - 2 km hinter dem Städtchen werben rot aufflimmernde, herzförmige Lichtbänder an der Fassade eines unübersehbaren, freistehenden Hauses für einen Besuch.
Unser Parador ist eine ästhetisch gelungene Konzeption von Kastell und Schloß des 15. Jht., das von den Herzögen von Feria erbaut wurde. Hinter dem großen Platz am Rand des alten Ortsteiles erhebt sich die mächtige zinnenbewehrte Festung aus Naturstein gefügt und von vier integrierten Rundtürmen überragt. Inmitten dieser Festung befindet sich ein nach oben offener großer quadratischer Hof, der in zwei Geschossen von Galerien mit RenaissanceSäulen umgeben ist. Dieser ganze Innenhof ist aus weißem Marmor erstellt. Ihn müssen die Gäste passieren, um zu dem dahinter befindlichen Speisesaal zu gelangen.
Dem Festungsteil vorgelagert ist ein zweistöckiger weißer Gebäudeteil, an den sich nach rechts ein zum Platz hin rechtwinklich abzweigender roter Ziegelbau anschließt. Hier sind Schlafzimmer für die Gäste eingerichtet. Es ist der erste Parador unserer Reise, in dem uns der Festungscharakter überhaupt nicht stört.
Bei einem Spaziergang vor die Kleinstadt komme ich an dem von Hallen und Stallungen bestandenen großen Ausstellungsgelände der internationalen Viehmesse von Zafra vorbei. Dahinter am Horizont sehe ich einen Hügel, der angefüllt ist von Haufen hellgrauer Erde; daneben hausgroße viereckige Gebilde ohne Fenster und an der Seite eine moderne langgestreckte Halle. Des Rätsels Lösung: Hier wurde früher der rote Granit abgebaut, der für Spanien typisch ist. Heute ist dieser Tagebau erschöpft, und es wird hier nur noch Granit und Marmor in der großen Halle zugeschnitten und poliert. Die viereckigen Gebilde sind die angelieferten Grundmaterialien.
Das Wetter ist umgeschlagen. Nach achtzehn spätsommerlich heißen Tagen geht heute ein kräftiger Südwind, und Schauerwolken jagen über den Himmel.

Zafra, im Parador am Sonntag, den 19. Oktober 1997
Spaziergang mit Mädi durch die Straßen des alten Städtchens, die mit niedrigen weiß gekalkten Häusern gesäumt sind und sehr an andalusische Dörfer erinnern. Um Plätze stehen kleine Paläste, viele mit Fassadendekorationen im Jugendstil. Bei Häusern und Palästen begeistern die schmiedeeisernen Gitter vor Balkönchen und Fenstern.
Wehmütig stimmt uns, daß viele der Gebäude durch Schilder zum Verkauf angeboten werden. Die Erbengeneration scheint in Zafra nicht bleiben zu wollen. Selbst auf den idyllischen beiden Hauptplätzen der alten Stadt, plaza grande und plaza chica, steht etwa ein Drittel der schönen Häuser zum Verkauf.
Morgen geht die Reise nach Andalusien weiter, das wir vor zwölf Jahren bereist haben. Die nächsten beiden Nächte haben wir kurzfristig in dem modernen Parador in Córdoba gebucht.
Beim Mittagessen im Parador nehmen wir Abschied von der natürlichen Extremadura, deren Menschen und Landschaft geprägt scheinen von der Formation des Landes, dem Granit. Immer wieder denke ich in dieser Region an den „Wilden Westen“ der USA. Da ist die endlose Weite des welligen oder leicht hügeligen Landes, die dann und wann von mittelhohen Gebirgszügen unterbrochen wird. Wenig Dörfer gibt es; nur ab und an sieht man die Gebäude einer Farm abseits der Straße. Die Einförmigkeit der Vegetation: Fünfzig Kilometer fährt man an Gruppen von Steineichen oder Olivenhainen vorbei, bis die Landschaft in (in dieser Jahreszeit braunes) Weide- oder abgeerntetes Ackerland wechselt. Die Landstraßen verlaufen manchmal bis zum Horizont in schnurgerader Richtung es geht dann nur leicht bergan oder bergab. Ganz selten sieht man am Straßenrand eine einsame Tankstelle.
Die kalkgeweißten kleinen Häuser der wenigen Besiedlungen scheinen, von außen gesehen, nur für das Lebensnotwendige gebaut zu sein; Pioniercharakter ist ihnen zu eigen. Und die wenigen Fabriken und Urproduktionsstätten scheinen ins Land gestellt ohne jede Bauordnung (ohne die in unserem eng besiedelten Deutschland nichts mehr ginge).
Die Menschen sind ganz besonders offen und freundlich dem Fremden gegenüber, der um Auskünfte bittet. Und die Ortspolizisten hier tragen Handschellen im Hosengürtel, wie der Sherif in Nameless/Arizona.
Die Extremadura wird noch weithin von der Landwirtschaft geprägt. Mit dieser Wirtschaftsform werden in Europa keine Reichtümer geschaffen. Die davon lebenden Menschen haben vielmehr einen verhältnismäßig niedrigen Lebensstandard, was das Geldeinkommen anlangt. Am Geld mangelt es in der Estremadura. Man sieht es an der Ausstattung der Läden, an der Einfachheit der Häuser, an den uralten zerbeulten Autos, die gefahren werden. Aber es herrscht kein Elend. Die Menschen strahlen vielmehr eine natürliche Fröhlichkeit aus.
Man spürt die einfache Lebensweise sogar in den Restaurants. Die besten Empfehlungen in guten Lokalen, sogar in den Restaurants der Paradores, lösten bei Mädi und mir fast immer ein ungläubiges Staunen aus. Man bot Wildschwein an und servierte einen Berg von Gulasch in einer simplen Mehlsauce ohne jede Beilage. Trüffeln wachsen hier unter den Eichen reichlich. Dargeboten werden sie auf der Speisekarte zusammen mit Stockfisch, in einer Sauce gemischt. Einmal aßen wir Trüffeln: In einer gebundenen Suppe total zermahlen. Das einzige, was mich immer wieder erfreute, war der Schinken, der wie alles Schweinefleisch der Extremadura vom mit Eicheln ernährten Schwein stammt.
Eine kleine Wanderung beschließt den Tag: Zunächst aus dem Ort heraus, abwärts dem Lauf eines Baches folgend, entlang an Gärten mit Granatapfel- und Apfelsinenbäumen und dann durch Olivenhaine, zwischen denen Schafe ziehen, bis an den Fuß der Sierra, von wo aus ich einen Blick auf die Zinnen unseres Palastes, die Kirche und den Ort Zafra habe.

Córdoba, im Parador am 20. Oktober 1997
Die Ausläufer eines Tiefs haben uns erwischt. So ist der Himmel heute bewölkt, und leichter Regen beginnt auf dem letzten Teil unserer Reise nach hier.
Sehr bald nach Verlassen von Zafra ist die Region des intensiven Weinanbaus zu Ende. Große Ackerflächen bis zum Horizont des leicht welligen Landes sind zu sehen. Nach einer Stunde liegt die Extremadura hinter uns. Das Gelände wird zunehmend hügelig, und die Vegetation besteht nur noch aus Steineichen. Es geht bergan. Wir kommen in die Sierra Morena und langen nach Überqueren eines Passes hier noch vor Mittag an.

Córdoba, im Parador am 21. Oktober 1997
Diesesmal ist es im wesentlichen die Lage, die unser Quartier auszeichnet; wir wohnen in einem modernen großen Staatshotel, einem der insgesamt 86 Paradores, oberhalb von Córdoba im hügeligen Land der Villenviertel und 4 km von der alten Stadt entfernt. Und wir stellen beide erleichtert fest, daß es auch einmal angenehm ist, ein geräumiges Zimmer im 5. Stock mit Balkon und mit Blick über die beleuchtete Stadt zu bewohnen, das besser mit dem modernen Komfort unserer Zeit ausgestattet ist als ein historisches Gebäude aus vergangenen Jahrhunderten.

Die Mesquita von Córdoba, Moschee oder Kathedrale?
Eine Fläche von 25.000 Quadratmeter, gelegen nahe am Guadalquivir, nimmt dieses Gotteshaus ein. Einstmals einmalig auf der Welt in seiner Schönheit, die Allah gewidmet war als riesige Bethalle der Moslems; ausgestattet mit 19 Schiffen, die von den das Dach tragenden Säulen- und Doppelbogenreihen gebildet wurden und die offen ausliefen auf den von einer Außenmauer umgebenen Orangenhof.
Im 16.Jht., im Hochgefühl des Sieges über die Mauren in Spanien, ließen die christlichen Herrscher in das Zentrum dieses flachen, im wesentlichen aus 900 römischen Säulen, den weißroten Doppelbögen und dem Holzdach bestehenden Betsaales eine hohe Kathedrale bauen. Diese christliche Kirche (im Grundriß des röm.-kath. Kreuzes) ist in fast reinem Renaissancestil aus weißem Naturstein errichtet und besteht aus dem langen Chorraum mit Chorgestühl aus Nußholz, der Vierung mit wunderschöner ovaler Kuppel in großer Höhe, aus zwei an die Vierung anschließenden Querschiffen und dem Altarraum.
Während Altar und entgegengesetzter Chorteil gegen die Moschee durch Wände abgeschlossen sind, laufen die Querschiffe offen aus in den islamischen Säulenwald, der allerdings im Kathedralbereich von mächtigen Stützpfeilern der Kirche unterbrochen wird. Den heute die gesamte Moschee umschließenden Außenwänden sind christliche Kapellen vorgebaut. Zum Glück hat man die islamische Gebetsnische (Mihrab), die mit filigranem Steindekor bis unter die Decke ausgestattet ist, und die drei davor liegenden arabischen kleinen Gewölbehallen belassen - wie auch den dekorativen, überkuppelten Raum aus dem 10.Jht. südlich des Chors der Kathedrale.
Wenn man ganz im nördlichen oder südlichen Teil des Säulenwaldes der Moschee wandelt, der von den christlichen Baumeistern nicht verändert wurde, kann man träumen von dem Blick auf die Weite des Raumes und auf seine unzähligen Säulen und Doppelbögen, der einstmals möglich war.
Befindet man sich dagegen in der Kathedrale und es gelingt einem, sie isoliert und ohne Bewußtsein von ihrer Umgebung zu erleben, ist man begeistert von diesem harmonischen Bauwerk, dessen fast reine Renaissance durch einige spätgotische Bögen eher bereichert wird.
Aber durch die Vereinigung beider Bauten zu einem ist ein schizophrenes Monstrum entstanden. Das mag vor allem daran liegen, daß christliche Renaissance sich mit islamischem Sakralbau überhaupt nicht verträgt. Das gilt sicher in Bezug auf die Bauweise (hier gigantisch dort flach), das Baumaterial (Natursteinquader - Ziegel und Holz), Dekorationselemente (Statuen - feingliedriges Wanddekor) und Dargestelltes (Heilige - Pflanzen und geometrisches Dekor).
Sollte hier ein weiterer Hinweis enthalten sein, daß islamisch geprägte Staaten und christliche Völker in heutiger Zeit so grundverschieden sind, daß ein Verständnis zwischen beiden niemals möglich sein wird? Die seit dem Aufstand gegen den Schah von Persien immer sichtbarer werdende Konfrontation des arabischen Fundamentalismus mit der westlichen Zivilisation spricht leider dafür.

Wir sind nach langem Besuch in der Mesquita noch auf der Römerbrücke über den Guadalquivir spazieren gegangen, haben unser Hotel nahe des Ufers wiedergefunden, in dem wir vor zwölf Jahren waren und sind dann im gleichen Restaurant wie damals, dem caballo rojo am Turm der Mesquita, zu einem köstlichen Essen abgestiegen (Salmonejo, das ist kaltes Tomatenpüree mit Knoblauch und Olivenöl, also ein Gaspacho ohne Wasser).
Besuch des Palastes der Markgrafen von Viana und seinen 15 Patios. Bei strömendem Regen fahren wir mit dem Taxi zurück ins Hotel.
In der Nacht fegen schwere Regenböen um unseren Parador.

Granada, im Parador (Kloster aus dem 15.Jht.) am 22. Oktober 1997
Auf der Herreise hatten wir trockene Witterung bei bewölktem Himmel. Die Straße führt durch bergiges Gelände. Auf den Weinhängen der ersten Etappe gedeihen die auch von uns sehr geschätzten Weine von Montilla. Dann kamen wir durch das größte Olivenanbaugebiet der Welt, in dem die bis an den Horizont reichenden Olivenkulturen bis heute unterhalten und auch nachgepflanzt werden.
In Granada wieder das uns schon geläufige Spielchen: Die Zufahrt zum auf dem Berg der Alhambra liegenden Parador war so widersprüchlich und chaotisch gekennzeichnet, daß wir schließlich auf einer Baustelle landeten, von der aus alle Verbindungen zu dem Sträßchen gesperrt waren, in dem ein vielversprechendes Schild auf die AlhambraAuffahrt hinwies. Wir mußten umkehren, ins Zentrum zurück, wo überhaupt kein Hinweisschild mehr existierte. Ein Taxi führte uns schließlich hierher.
Der Mann an der Rezeption tat sehr geheimnisvoll, als er uns ein Zimmer im alten Teil des Klosters zuwies. Dieses Zimmer im alten Teil stellte sich sehr schnell als „Altenteil“ heraus: Ein kleiner Raum mit gefangenem Blick auf einen Innenhof mit Fischbecken. Das Bad mit allem Notwendigen für Behinderte ausgerüstet. Ob wir hier bleiben, ist fraglich.
Ein Gang durch die Gärten und Paläste der Alhambra und durch den Generalife beendete den Tag. In der Nacht hörte Mädi eine Ratte auf der Fensterbank.

Granada, im Parador am 23. Oktober 1997
Zimmerwechsel! Jetzt wohnen wir super, mit Blick auf den Palast des Generalife und seine Gärten.
Heute Spaziergang durch die Alleen der GeneralifeGärten, durch den Palast selbst mit Blick auf den jenseits des Darro liegenden Berg, den Albaicín und den sich anschließenden Sacro Monte. Nochmals gehen wir durch den Myrthenhof und den Löwenhof der Alhambra mit den angrenzenden Räumen Botschaftersaal, Saal der Abencerrajes und Saal der dos hermanas. Ein Besuch des reinen RenaissancePalastes von Kaiser Karl V, für den damals Teile der Alhambra abgerissen werden mußten, schließt sich an. Wir wandeln durch die beiden übereinander liegenden Galerien, die den kreisrunden Innenhof umschließen.
Nach gutem Mittagessen im Parador (Ente bzw. Kaninchen) zu Fuß in die Altstadt. Wir finden unser schönes Hotel von vor zwölf Jahren auf der plaza nueva wieder. Besuch von königlicher Kapelle mit den Sarkophagen der Katholischen Könige Isabella und Ferdinand und deren Tochter Johanna der Wahnsinnigen und Ehemann Philipp dem Schönen von Burgund. Besuch der Kathedrale nebenan im reinen RenaissanceStil. Einkäufe im bazarartigen Viertel.
Eine Fahrt im Taxi auf den Albaicín bis zur S. Nicolas mit Ausblick auf Alhambra, Generalife und die dahinter zum Teil in Wolken liegende Sierra Nevada beendet den Tag und den geplanten Erlebnisteil unserer Reise.
Morgen soll die Heimreise nach Valencia beginnen, wo wir die Fähre nach Mallorca nehmen wollen.

Font de la Higuera, in einer Autobahnraststätte am 24. Oktober 1997
Nach 450 km Tagesfahrt sind wir schließlich hier untergekommen. Es gibt in dieser Gegend (90 km südwestlich von Valencia) keine anderen Unterkünfte als Raststätten im Bereich der Autobahn.
Heutefrüh sahen wir bei klarem Wetter lange Zeit die Sierra Nevada zu rechter Hand, deren höchste Gipfel schon etwas Schnee haben. In der Höhe von Guadix fallen die zahlreichen in den weichen Fels eingegrabenen Häuser auf, die als sichtbaren gemauerten Bauteil oft nur die Vorderfront aufweisen.
Durch bergiges Gelände, von Oliven oder Pinien bestanden oder auch nur aus Ödland bestehend, führt unsere N 342 aus der Provinz Granada in die Provinz Almería, wo der Anbau von Mandelplantagen zunimmt. Wir legen eine Mittagspause ein unter dem Schatten eines Mandelbaumes bei Vélez Blanco, dem Dorf (6km nördlich Vélez Rubio), in dessen Nähe unser Gärtnerfreund Pedro als Viehhüter und Landarbeiter aufwuchs. Ein alter Mann führt uns zu der Ehefrau von José Antonio Oliver Lopez, der sechs weitere Geschwister hat und ein Vetter von unserem Pedro Lopez ist.
Nach Vélez Rubio beginnt eine Wüste; die Berge sind so vegetationslos, ohne jedes Grün, wie wir es vor zwölf Jahren nordöstlich von Almería, etwa 100 km südlich von Vélez Rubio, sahen.
Wir kommen in die Provinz Murcia, und schon bei Lorca beginnt die große, mit dem Wasser des canal de trasvase Tajo Segura bewässerte Ebene, die reichlich Obst und Gemüse trägt. Diese Ebene ist eingebettet zwischen die nördlich und südlich verlaufenden Gebirgszüge, und sie begleitet uns bis Murcia. Dort biegen wir ab nach Nordwest und folgen für kurze Zeit dem Lauf des Rio Segura. Auch hier überreiche Fruchtgärten, so weit das Auge blickt. Dann weiter über Jumilla und Yecla nach hier.
Auf einem Abendspaziergang in den buschbestandenen Berg hinter unserem Haus trete ich im Gelände ein Kaninchen los, das flugs über die Mauer setzt und meinem Blick entschwindet; ich stoße auf einen Bienenstand mit sicher fünfzig Völkern in der noch blühenden Heide und mache einen großen Bogen um ihn herum; schließlich komme ich auf der Höhe eines in Kammnähe liegenden Hauses an, wo neue Terrassen aus Steinen und wenig brauner Erde mit Hilfe der Planierraupe vor kurzem erstellt und auch schon mit jungen Olivensträuchern bepflanzt sind. Nach der Rückkehr nehmen Mädi und ich einen Abendimbiß zu uns, der begleitet ist von einer Fernsehsendung über die Stierkämpfe der letzten Woche in Spanien und von Menschenbeobachtungen im Speisesaal unseres Gasthofes.
Übrigens: Wir befinden uns zwischen den vier Provinzen Murcia, Alicante, Valencia und Albacete; außerdem zwischen den drei autonomen Gebieten Murcia, Levante und Castilla La Mancha.

Valencia, im Auto an der Hafenabfertigung am 25. Oktober 1997
Heutemorgen ging es auf der Autobahn zunächst durch die Sierra, dann durch die Huerta von Valencia, in die Stadt und dort bis zu einem bewachten Parkplatz. Wir bummeln durch die Stadt, machen kleine Einkäufe und haben zum Schluß der Reise das gleiche Erlebnis, mit dem sie auch begonnen hat: Wir essen Paella valenciana im selben Restaurant „Rio Sil“ in der winzigen Gasse, 50 m vom Rathausplatz entfernt. Danach Studium deutscher Zeitungen nach langer Abstinenz.
Besuch von Kathedrale, Besteigen des Kirchturms Miguelete und Besuch der umliegenden Plätze, auf denen in schwarze Trachten gekleidete Studenten ihre „tunas“ feiern: Sie singen jotas in Begleitung von Gitarrenmusik und veranstalten ab und an ein schrecklich krachendes Feuerwerk, das die Tauben der Stadt aus ihrer trägen Gefräßigkeit aufschreckt.
Ein Taxi geleitet uns zum Ausgangspunkt für unsere Fahrt in den Fährhafen.

Nach solch´ einer intensiven Erlebnisreise mit einer Gesamtdistanz von nicht mehr als 2.300 km ist es besonders wohltuend, wieder in unserem Zuhause in Cala Blava anzukommen.
Mädi und ich haben gegensätzliche Regionen kennengelernt, die den Charakter Spaniens wesentlich mitbestimmen: Die Mancha und die Estremadura als Teile der Meseta, der großen Hochebene Zentralspaniens, die durch hohe Gebirgszüge von den feuchten Küstenströmungen abgeriegelt ist; dann Teile des gebirgigen Andalusiens und die blühenden Fruchtparadiese der huertas von Valencia und Murcia, in denen bis vier Ernten im Jahr eingebracht werden.
Das Übernachten in insgesamt zehn der staatlich geführten Paradores hat dazu beigetragen, unser Geschichtsverständnis für die spanische Halbinsel anschaulich zu bereichern. Allerdings ging dieser Anschauungsunterricht oft so weit, daß Mädi und ich nachts unter Klaustrophobie litten - besonders dann, wenn wir hinter dicken Festungsmauern mit winzigen oder vergitterten Fenstern im kleinen Raum schliefen.
Eine gute Reise war es trotzdem. Aber wir freuten uns auf die Rückkehr auf unsere Insel, die ihren Charme auch in Zukunft behalten wird. Wesentliche Veränderungen durch die Zunahme des Tourismus werden daran nichts ändern.
Cala Blava, im November 1997

 

 

   

zum SeitenanfangImpressum: Dr. Dieter Bortfeld   Grünewaldstr.1   D 30177 Hannover   E-Mail: d.bortfeld@web.de

© 2008 www.reiseberichte-bortdeld.de | webdesign: www.tobiasbaur.de