Dr. Dieter Bortfeld
 
   
 

 

Blitzlichtgewitter in Griechenland

 

Teil 1: Die Busreise

Theo und Maria buchten für das Frühjahr bei GlobalTours eine dreiwöchige Griechenlandreise: Zwei Wochen Peleponnes und Nord nebst Zentralgriechenland mit dem Bus; eine Woche ägäische Inseln und Istanbul mit dem Kreuzfahrtschiff.
Die Reise begann individuell: Flug über die Alpen, entlang der italienischen Adriaküste und über das Jonische Meer bis Athen.
Dort setzte Streß ein: Eine Stunde Warten aufs Gepäck in stickiger MikroAbfertigungshalle des Flughafens. Eine junge Frau war der Ohnmacht nahe: Die vielen Menschen!
Endlich war man abgefertigt! Hier raus!
Draußen: Ein Spalier von GlobalToursSchildern; ein Verirren war nicht mehr möglich. Für Maria und Theo begann jetzt ein fremdbestimmtes Leben, in dem die vom Veranstalter vorgegebenen touristischen Highlights zu absolvieren waren. Zunächst: Hinein in den Bus und Fahrt durch Piräus entlang der Küste des Saronischen Golfes und durch Athen zum Hotel.
Dann: Kennenlernen der Gruppe im Hotel am Abend. Die 30jährige Griechin Helen stellte sich als Reiseleiterin vor. Die 21 Reiseteilnehmer machten sich gegenseitig bekannt. Ein Paar hieß Biedermann; Theo entfuhr die geistreiche Bemerkung, jetzt fehle noch der dazugehörige Brandstifter.
Der nächste Tag war stürmisch und regnerisch. Es wurden im Eilschritt die Programmteile Nationalmuseum für Archäologie, Akropolis, Areopag, Agorá, Hephaistostempel und Rundfahrt durch Athen erledigt. Die Füße reagierten schon leicht. Und in dem Gewimmel von sicher 100 zur selben Zeit im Nationalmuseum geführten Gruppen, deren Führer sich oft gegenseitig zu überschreien suchten und darüber manchmal in Streit gerieten, dachte Theo wehmütig an frühere Museumsbesuche. Vor 20 Jahren konnten seine Segelfreunde und er in diesem Haus fast ungestört die Säle durchwandern; und im Louvre von Paris, in den Uffizien von Florenz und im Prado von Madrid, wo man heute vor den Eingängen erst einmal anstehen muß, war Theo vor 40 Jahren als einer der wenigen damals Interessierten häufig fast allein mit den Kunstwerken. Tourismus hat sich in den letzten Jahrzehnten anscheinend zu einer weltumspannenden Manie entwickelt.-
Am nächsten Morgen war Frühstück auf 6 Uhr 30 und Busabfahrt auf 8 Uhr festgesetzt. Der sonnige Tag brachte reiche touristische Ernte: Saronischer Golf mit Insel Salamis gegenüber, Besichtigung des DemeterKultortes Eleusis samt Museum, Weiterfahrt auf der Brücke über den nur 24 m breiten Kanal von Korinth, die Zentralgriechenland mit dem Peleponnes verbindet. Die Trümmer des antiken Korinth wurden gründlich besichtigt; danach weiter nach Epidauros, wo das Museum und anschließend das großartige griechische Theater aufgesucht wurden.
Helen hielt ihre Gruppe, vor dem Theater stehend, mit einem 1 1/2stündigen Vortrag über griechische Tragödien in Atem. Besonders anstrengend wurden ihre Vorträge deshalb, weil sie in alle Details abschweifte und dabei den großen Bogen ganz verlor und weil sie außerdem sehr schlechtes Deutsch sprach. Ständig mußte man für sich aufarbeiten, was eigentlich gemeint war. Beispiel: „In derr Zeit Menschen werrden nicht merr lebben in Höllen“ - das sollte bedeuten, „in der Zeit lebten die Menschen nicht mehr in Höhlen“.
Bei diesem ermüdenden Vortrag begann ganz offensichtlich die Spaltung der Gruppe: Die Braven blieben um Helen geschart. Die Fotographen und Undisziplinierten aber sausten im Theater herum: Biedermann ging sogleich auf Motivsuche.
Herr Pickel brüllte nach seiner Mathilde, um eine andere Vorsatzlinse für Großraumfotos anzufordern. Mathilde ließ sich aber überhaupt nicht stören. Sie kniete, setzte und legte sich auf die Stufen, um aus den Ritzen sprießende Blümchen in Nahaufnahmen aufs Bild zu bannen. Herr Ziller, ein Berliner von feinen Formen und ästhetisierender Ausdruckweise, schritt aufmerksam umher und selektierte umsichtig die Motive, die ihm einer Aufnahme würdig erschienen. Und W. Polter ließ schon an diesem Tag keinen Zweifel daran, daß er ein Energiebündel war, das von früh bis spät dynamisch auf Motivjagd sein würde: Unaufhörlich ließ er eine seiner drei am Körper herumschlenkernden Kameras klicken, vom oberen Rand des Theaters nach unten, von der Bühne nach oben in die Ränge und von der Seite über den Innenraum der riesigen Theatermuschel, wobei mit jedem Klick dem Apparat ein Blitz entfuhr. Die Schwäger fotographierten emsig. Theo raste, seine Maria bei den Braven zurücklassend, in Bewegungsmanie einige Male die Reihen des Theaters hinauf und herunter überzeugt von der Schädlichkeit langer Busfahrten.
An den nächsten zwei Tagen folgten Fahrten auf dem Peleponnes mit Besuchen von Nauplia, Mykene, Kalamáta (hier zwei Nächte in Superhotel mit Superküche!), Mistrás, Sparta, Githio, Halbinsel Mani. Helen hatte sich eine neue Strategie zugelegt: Sie versuchte, den ihr Anvertrauten auf der Fahrt im Bus die Geschichte des alten Hellas einzutrichtern, wenn niemand ihr entkommen konnte. W. Polter war der einzige, der ihre Ausführungen wirklich honorierte, indem er diese jedesmal mit hochgehaltenem Aufnahmerecorder aufzeichnete. Wer wird den Vortrag jemals abhören?
Doch entwickelten die meisten der Gruppe eine unbewußte Gegenstrategie, indem sie während der stundenlangen Berieselungen möglichst unauffällig ein Nickerchen einlegten.
Weitere zwei Tage waren der Fahrt an der Westküste des Peleponnes gewidmet, mit Besuchen von Pilos, dem antiken Hafen des Königs Nestor, wo im griechischen Freiheitskampf des 19.Jh. die entscheidende Seeschlacht zwischen englischfranzösischer und türkischer Flotte stattfand.
Außerdem besuchte man die noch gut erhaltene venezianische Festung Methóni, Museum und Trümmer des Palastes des Nestor in Chora mit dem einzig erhaltenen Gegenstand, der Badewanne aus Stein. Weiter ging es nach Olympia, wo noch am Abend das Museum besichtigt wurde.
Am nächsten Morgen setzte sich Theo in dem antiken Olympia von der Gruppe ab. Es war war noch früh, und kein anderer Tourist störte. Die heilige Sportstätte des alten Griechenland ist in hügeliges Waldgebiet eingebettet, das seine Feuchtigkeit von zwei Flüssen an seinem Rand erhält. Theo erfreute sich an dem Gesang der Vögel in den reichlichen Schatten spendenden Pinien, Mandel- und Judasbäumen, während er sinnend durch den Heiligen Bezirk wandelte. Er verweilte zwischen den Basen der Säulen von Zeus- und Heratempel und ging dann entlang den Ruinen der Schatzhäuser zum Stadion, das er in Länge und Breite ausschritt.
Er ließ sich an kühlem Ort auf einem Marmorblock nieder und versuchte, sich in die Vergangenheit der Zeit zwischen 700 v.Chr. und 300 n.Chr. zu versetzen, in der alle vier Jahre im Hochsommer die Sportler aus ganz Griechenland hier zusammenströmten. Man opferte im Heiligen Bezirk und brachte persönliche Gaben zu den Schatzhäusern, man trainierte in Gymnasion, Palaistra und Laufbahn des Vorbezirks, wo auch die Gästehäuser untergebracht waren. Erst nach einem Monat Training fanden die eigentlichen Wettkämpfe statt - in der ersten Zeit nur der Wettlauf im Stadion, dann in späteren Jahren noch Langstreckenlauf, Ringkampf, Fünfkampf (Laufen, Springen, Ringen, Diskus und Speerwurf). Für diese Zeit der olympischen Wettkämpfe war in ganz Griechenland der Götterfrieden ausgerufen, damit die Athleten gefahrlos herbei und wieder zurückreisen konnten.-
Theo hatte in den zwei einsamen Stunden der Verinnerlichung der Heiligen Stätte und ohne den Redeschwall von Helen seine seelischen Kräfte wiedergefunden. So überstand er gut das folgende Tagesprogramm:
Mit dem Bus zurück an die West und Nordwestküste des Peleponnes im Anblick der beiden im Jonischen Meer vorgelagerten großen Inseln Zakinthos und Kefalinía, dann am Golf von Patrás auf die gleichnamige Hafenstadt zu. Patrás war hoffnungslos zugestopft durch den dichten Autoverkehr, und der Fahrer war froh, schließlich die Fähre in Río erreicht zu haben. Diese war schnell mit weiteren Bussen und Autos bis auf den letzten Platz beladen und legte mit dem letzten PKW noch auf der gehievten Rampe ab.
Die nur 3 sm breite Durchfahrt zwischen den Golfs von Patrás und Korinth war schnell überquert, und von Antiríon ging es mit dem Bus zunächst durch bergiges Land, dann durch fruchtbare Ebenen, an Seen und Kolpos (Golf) Amvrakiós entlang bis Aktium, den Ort der Seeschlacht zwischen der Flotte des Octavian, des späteren Kaisers Augustus, und der Flotte von Antonius und Kleopatra. Man setzte über die schmale Verbindung von Kolpos und Jonischem Meer und fuhr ins gegenüberliegende Préveza, wo übernachtet wurde.
Hier begann jetzt die schönste, weil wasser- und vegetationsreiche Region der Reise: Èpiros.
Die Fotographen der Gruppe gerieten nun völlig aus dem Häuschen. Es wurde ständig durch die Glasscheibe aus dem fahrenden Bus geknipst. W.Polter war ab jetzt ganz in seinem Element: Seine drei Kameras baumelten griffbereit vor seinem Sitz; ab und zu fiel eine polternd hinunter, was ihn überhaupt nicht aus der Fassung brachte. Er lief nach vorn, um durch die Frontscheibe zu knipsen, raste nach hinten, um ein bereits passiertes Motiv durch die Heckscheibe zu bannen. Er begleitete seine unglaubliche Aktivität mit Ausrufen: „Ah, das ist das Größte“, „Das muß ich haben“, „Wie schön, halt!, halt!“
Einmal schaffte er es, Helen zum Anhalten des Busses zu motivieren. Er stürzte hinaus, nahm von der wirklich sehr schönen Steilbrücke aus der Türkenzeit zahllose Bilder, wobei ständig gespenstische Blitze aus der Kamara in die sonnendurchflutete Landschaft schossen und dann war er lange Zeit ganz verschwunden. Flußaufwärts und mit hochgekrempelten Hosenbeinen sah Theo ihn ins Wasser stürmen, um von den Stromwirbeln Aufnahmen zu machen.- In den 14 Tagen der Reise sollte er es auf 40 verknipste Filme, das sind 1.400 Fotos, bringen. Allerdings gestand er treuherzig, daß noch sämtliche Fotos aus den letzten drei Jahren der Auswertung und Betrachtung harrten.
W. Polter war der absolute Chaot der Gruppe. Trotzdem mochten Maria und Theo ihn und seine Frau herzlich gern; sie adoptierten ihn insgeheim als Riesenbaby, und man verbrachte einen langen Abend gemeinsam in einem Wiener Cafe in Ioánnina.
Das hoch in den Bergen liegende Monodéndri, zu den Dörfern von Zagorochória gehörend, und die VikosSchlucht wurden erwandert. Das antike Heiligtum Dodóna mit der Orakelstätte, auf einem Hochplateau in 1.000 m Höhe gelegen, wurde besichtigt. Der Berliner Ästhet beschaffte sich zuvor eine Dose des von ihm regelmäßig konsumierten Amstelbiers. Kommentar eines der beiden Schwäger aus Baden:“Das beruhigt seinen Magen“. Stimmte aber nicht, denn als Theo einmal andächtig den holprigen Ausführungen von Helen lauschte, schob sich der Berliner hinter ihm vorbei und ließ wie üblich ein laut hörbares Bäuerchen seinem Munde entschlüpfen gerade, als er Theo passierte. Helen unterbrach ihre Ausführungen und fragte Theo „Wie bitte?“
Am nächsten Tag waren 300 km zu fahren. Zunächst ging es durch fruchtbares Ackerland, danach ins Gebirge, 10 km entfernt von der albanischen Grenze. Nur schluchtiges, verkarstetes Gebirge war im Nachbarland zu sehen. Ein Paß von 1.000 m Höhe wurde passiert, und man gelangte aus Ípiros hinaus in die Landschaft von Makedonien, wo man bis Kastoriá am See zur Übernachtung fuhr.
Es gab in der Gruppe noch die sehr hinfällige aber umso starrsinnigere Frau St. aus Leipzig. Sie hatte sich einmal in Altkorinth in ein Gespräch über europäische Hygiene im 17. Jh. eingemischt und Theo zurechtgewiesen: “Ich muß Sie korrigieren: Man benutzte zu Beginn der Neuzeit auf den Fluren der Schlösser Eimerklos, die dann von den Dienern weggetragen wurden. Ich muß das wissen, denn ich habe Kunstgeschichte studiert.“ Diese Frau hatte sich damit als ostdeutsche Besserwessi herausgestellt. Sie bestand außerdem anfangs darauf, alle Ausflüge in unwegsamem Gelände mitzumachen. Zurück mußte sie jedesmal von anderen gestützt werden. Helen und der Fahrer sorgten sehr bald mit sanfter Gewalt dafür, daß Frau St. während längerer Fußmärsche in der Nähe vom Bus an lieblichem Ort zurückblieb.
Ehe man sich im so schön gelegenen Kastoriá - Nachtigallengesang auch hier die ganze Nacht, wie in den letzten Übernachtungsorten - so richtig eingelebt hatte, ging es am frühen Morgen weiter. Die Fahrt führte nun durch die fruchtbaren Obsthaine von Makedonien nach Édessa, wo mitten in der Stadt im steilen Gelände Wasserfälle eindrucksvoll zu Tal stürzen. Danach weiter nach Pella, das in Nachfolge von Vergina zur Hauptstadt der makedonischen Herrscher Philipp II und Alexander dem Großen erklärt worden war. Hier wurden Museum und Ausgrabungen besichtigt. Sieben noch nicht ausgegrabene Hügelgräber sah man auf der Weiterfahrt nach Thessaloniki.
Hier kam Krisenstimmung über die Gruppe. Helen hatte Programmpunkte, die für den nächsten Vormittag bestimmt waren, in den ersten Besichtigungstag hineingestopft, um gleich am nächsten Morgen vom außerhalb Thessalonikis gelegenen Übernachtungsort auf die Autobahn zu gelangen. Das führte zur Totalerschöpfung der meisten, denn nach der langen Busfahrt wurden am gleichen Tag immerhin noch das Museum, die Akropolis und auf langem Fußmarsch die Hauptachse der Stadt mit den beiden Kirchen Agio Dimitrius und Agia Sofía, die Rotunde, das alte Viertel des Galerius mit den Palastruinen und Triumphbogen sowie der weiße Turm am Meer besucht.
Der sonst sehr zurückhaltende Westfale R. rächte sich: Er bestand am nächsten Tag auf Einhaltung des Programms laut Prospekt, da er Geld in einer Bank wechseln müsse. So ging es noch einmal in die hoffnungslos vom Autoverkehr verstopfte Großstadt, was zwei zusätzliche Stunden kostete.
Durch die große Schwemmebene von vier Flüssen am Golf von Thessaloniki ging die Fahrt dann in die Ruinen der antiken heiligen Stadt Dion. Die Lage dieses Ortes am Fuße des Heiligen Olymp (2.917 m) war das Besondere. Der majestätische Göttersitz war frei von Wolken. Man konnte den in Serpentinen sich aufwärts windenden Weg und am Gipfel die noch mit Schnee angefüllten Rinnen gut erkennen.
Weiter am gleichen Tag an den TembiFluß, wo eine Kurzrast eingelegt wurde, die gerade zum Überqueren der schwankenden Betonbrücke für Fußgänger reichte. Die fruchtbare Ebene von Thessalía wurde danach durchquert, bis linker Hand das Pindosgebirge, in dem es noch Wölfe und Bären gibt, in Sicht kam und man bald darauf am späten Nachmittag in Kalambáka, am Fuß der steil aufragenden Felsen mit den MetéoraKlöstern, anlangte.
Am nächsten Tag fuhr man mit dem Bus an das höchstgelegene der Klöster, Megálo Metéoron, heran. Die Gruppe stieg aus, um im Klosterbereich die beschwerlichen Treppen ab und wiederaufzusteigen. Aber diese Besichtigung sollte einer der Höhepunkte des 14tägigen Reiseprogramms werden. Das Kloster verfügt über Refektorium, Küche, Wasserreservoir, Zellen und Beinhaus. In der typischen byzantinischen Kirche mit Narthex bewunderte man die vollständige Ausmalung von Hauptkuppel und Vorraum mit Fresken, die überwiegend die Martyrien der Heiligen zum Gegenstand haben. Der Blick von dort oben über die weite Ebene von Thessalía im Südosten und auf das Pindusgebirge im Südwesten entschädigte für die Mühen der Treppenwege.
Gleich anschließend wurde die Fahrt fortgesetzt über einen Paß von 1.000 m Höhe, durch die Stadt Lamía und die sich anschließende Ebene mit den historischen Thermopylen, über einen weiteren Paß von 850 m Höhe in die Region von Zentralgriechenland bis an das zentrale Heiligtum der Antike, den Bezirk von Delphi.
Theo löste sich wieder von der Gruppe und Maria. Er ging träumend auf den langen Straßen des Orakelortes vorbei an den Schatzhäusern, dem Apollontempel und dem Theater bis hinauf zum Stadion, welches an einer Steilwand des Parnaß liegt. Hier war Theo vor 20 Jahren einst mit seiner Crew im Sommer gewesen, auf seiner Traumreise „Auf den Spuren des Odysseus“ mit der herrlichen Segelyacht seines Freundes. In Itea, dem Hafen von Delphi, hatte er damals festgemacht und zum erstenmal griechischen Boden betreten. In diesem Ort und ganz in der Nähe der Hafenmolen war nun auch die Gruppe in einem Hotel untergebracht.
Am nächsten Morgen wurde vor Rückfahrt nach Athen noch das Museum von Delphi besucht, in dem der weltberühmte bronzene Wagenlenker das schönste Stück ist. Diese Statue ist die einzige unter den 500 vergoldeten, die Hauptstraße des Heiligen Bezirks einst flankierenden Bronzefiguren, die nicht von Tempelräubern erbeutet wurde.
Noch im Bereich des Parnaß und der benachbarten mächtigen Gebirgszüge über 2.000 m Höhe, in denen im Winter Ski gelaufen wird, besuchte die Gruppe in M. Osiou Louka die Lukaskirche, die einem selig gesprochenen frommen Manne der Region gewidmet ist. Der großartige Kuppelbau mit acht mächtigen Pfeilern ließ bei Betrachtung der architektonischen Gestaltung des Innenraums an die Peterskirche in Rom und an den Dom von Salzburg denken.
Mit der Leiterin einer Touristengruppe aus Holland begann Helen lauten Streit. Sie zeterte, ihre niederländische Kollegin sei garnicht berechtigt zur Führung, weil sie keine griechische Erlaubnis habe und im übrigen ihre mangelhaften Kenntnisse zu Dumpingpreisen ihren ahnungslosen Landsleuten anbiete. Diese Gereiztheit versteht man angesichts der sich durch Museen und Sehenswürdigkeiten Europas schiebenden Menschenmassen mit den sich an Lautstärke ihrer Erklärungen überbietenden Führern.
Beim Durchfahren der Landschaft des antiken Theben konnte man von weitem Marathon sehen, wo die Griechen 490 v.Chr. die Perser in einer Landschlacht geschlagen hatten.
Gegen Ende der Reise sammelte Theo im Bus ein „Honorar“ für Helen und den Busfahrer. Er bekam einen stattlichen Betrag zusammen, der auf beide gleichmäßig aufgeteilt wurde. Die Alte aus Leipzig wollte sich nur mit einigen Münzen beteiligen, deren Annahme Theo ablehnte. In kurzer Würdigung der Verdienste von Führerin und Fahrer betonte Theo ironisch, daß Helens Deutsch gewöhnungsbedürftig gewesen sei und ihre stundenlangen minutiösen Ausführungen manchmal das Aufnahmevermögen der Gruppe überfordert hätten. Helen nahm´s nicht als Kritik, sondern als Anerkennung. Selbstbewußte Jugend auch in Hellas!
Nach der Ankunft in Athen lud der Reiseveranstalter ein zum Dinner in einem Straßenlokal in der Plaka. Als man Abschied voneinander genommen hatte, begaben sich Theo und Maria mit den beiden badischen Schwägern auf einen großen Platz der Plaka. Hier ließen die vier die Reise ausklingen mit 5sternigen Metaxas, begleitet von den im Lokal gespielten griechischen Weisen. Die Schwäger berichteten, daß die alte Leipzigerin auf entsprechende Anfrage geantwortet hatte, ihr Beruf in der DDR gehe niemanden etwas an. Klar, daß sie nun intern zum Stasispitzel erklärt wurde.- Theo erfuhr noch, daß er von der forschen Frau B. aus Hildesheim in ihrem Spitznamensverzeichnis als „ der englische Oberst“ aufgeführt war.-
2 Wochen Busreise rund um und durch den Peleponnes, durch das westliche, nördliche, Makedonische und Thessalische Griechenland mit Intensivsterlebnissen waren überstanden. Theo hatte Mühe gehabt, jeden Abend das Tagesgeschehen auf die Festplatte seines PowerBooks niederzuschreiben, und seine Knie wiesen mit leichtem Schmerz vorwurfsvoll auf die hinter ihnen liegenden Strapazen von stundenlangem Sitzen im Bus und beschwerlichem Herumkraxeln hin.
Aber am folgenden Tag sollte ja die beschauliche Schiffsreise durch die Ägäis beginnen, auf der Theo und Maria die Landreise verinnerlichen und sich der Erholung von der Gruppe widmen konnten. Sie hatten vorsorglich dafür „Luxuskabine“ gebucht. Mit den Gedanken an himmlische Ruhe auf dem Traumschiff überkam sie seliger Schlaf in dem am Tempel des Olympischen Zeus gelegenen Hotel.

 

Teil 2: Die Kreuzfahrt

Maria war seit ihrer Hochzeitsreise auf einem Minisegler skeptisch gegenüber Schiffsreisen eingestellt. Deshalb hatte Theo liebevolle Umsicht bei Buchung dieser Reise walten lassen: Die „Gräfin“ war laut Prospekt ein neues Schiff von 18.000 BRT und 164 m lang; reserviert war für beide eine Luxuskabine im „Venusdeck“, dem höchsten der vier Wohndecks. In der genüßlichen Atmosphäre auf diesem Luxusliner, so hatte Theo gehofft, würde Maria ihre Vorurteile gegen Seereisen wohl schnell über Bord werfen. Dazu sollten ja noch die anregenden Landausflüge auf den Inseln Santorin, Kreta, Rhodos, Patmos, Mikonos und Delos und die Besichtigungen von Kusádasi, Ephesos und Istanbul kommen.
Das Schiff war um 6 Uhr morgens in Piräus angekommen; ab 15 Uhr stand es für die neuen Passagiere zur Verfügung, mit denen dieselben Häfen angesteuert werden sollten, wie schon all die Wochen zuvor. Pünktlich ordneten sich Theo und Maria in die Warteschlange vor der Paßkontrolle hinter eine amerikanische Reisegruppe ein, die riesige Gepäckstücke auf Kofferkulis mit sich führte. Hinter ihnen schloß sich eine weitere USReisegruppe an.
Als die beiden aus der Abfertigungshalle auf die Pier des KreuzfahrerTerminals hinaustraten, waren sie im ersten Moment von den Ausmaßen ihres neuen Zuhause sehr angetan. Die „Gräfin“ hatte längsseits festgemacht, und der Blick ging bewundernd über die unteren Decks immer steiler in die Höhe, bis er die Brücke erreichte. Der Schnitt des Rumpfes von Bug bis Heck wirkte attraktiv. Die Bekanntschaft mit dieser Dame für 8 Tage schien durchaus Glück versprechend.
Maria und Theo rollten das Köfferchen, die Gepäcktasche und ein Gebinde von 9 Litern Mineralwasser die Gangway hoch ins Hauptdeck, wo etwa zwanzig rot uniformierte Stewards vor der Zentrale von Rezeption, Zahlmeisterei und Kreuzfahrtdirektion in Reihe angetreten waren, um beim Weitertransport des Gepäcks behilflich sein zu können. Genau hier auf der Ecke und in AuflageHöhe der Gangway lag auch die ganz normale Kabine der beiden. Immer mehr zunehmendes Gewimmel von Neuankömmlingen war vor der Tür deutlich zu vernehmen, während Theo und Maria sich einrichteten.
Erste Zweifel kamen bei beiden auf, ob sie sich wohl auf den „richtigen Dampfer“ eingebucht hätten. Aber nun gab es kein Zurück mehr. Der Countdown lief, und sie, die sich bisher immer für Individualisten gehalten hatten, waren ab sofort total den Zwängen unterworfen, die für die Aufrechterhaltung der Ordnung unter den 780 Passagieren notwendig sind.
Schon an diesem Ankunftstag war Theo ständig im Einsatz: Entscheidung über Teilnahme an Landausflügen und ihre Buchung, Abgabe der Pässe und Entgegennahme von Paßkopien, Entscheidung für 19 Uhr- oder 21 Uhr-Dinner-Turnus, Buchung der festen Tischplätze für Dinner, Anhören des einstündigen Einführungsvortrags über die Ordnung an Bord und bei Landausflügen im „SirenenSaal“, AlleMannManöver mit Schwimmwesten, und dazwischen noch das Dinner. Hektik! Es konnte ab nächstem Morgen nur besser werden.
Pünktlich um 20 Uhr legte die „Gräfin“ ab, und noch beim Essen war unübersehbar, daß Tischgenossen und Gegenstände leicht zu erzittern begannen. Die Erschütterungen der Maschine teilten sich dem gesamten Schiff mit.
An solche Maleschen konnte man sich auch in der Nacht gewöhnen nach der Seglerregel: Wer nicht schlafen kann, der ist auch nicht müde.
Schlimmer war es, daß das Wasser im Klo die ganze Nacht über lief. Und geradezu lebensgefährlich empfand Theo in dieser ersten Nacht an Bord, daß die Klimaanlage unbarmherzig ihren eisigen Todeshauch in die Kabine blies, ohne auf Warm geschaltet oder gar abgestellt werden zu können. Zusätzliche Wolldecken wurden geordert.- Erst gegen Ende der Reise waren Klowasserregulator und Klimaanlage repariert. Da hatte sich Theo allerdings schon eine schwere Erkältung eingefangen.
Die, wie man erkannte, schon etwas in die Jahre gekommene „Gräfin“ machte in der Frühe des nächsten Tages fest an der Tonne vor Skala auf Santorin. In Hast wurden das Buffet-Frühstück verzehrt und die Vorbereitungen getroffen für den Landausflug: Ausrüstung mit Regenzeug - die Insel, Teil des Kraterrandes einer riesigen Caldera, befand sich unsichtbar in dichten Wolken -; Mitsichnehmen der „Landemarken“ vom Brett - für jeden Passagier war eine solche mit zugehöriger Nummer bestimmt -; Treffen aller Landausflügler im Sirenensaal, wo man einem der etwa 15 Busse zugeteilt wurde; Absteigen ins unterste Deck, von wo aus die Einschiffung in kleine Barkassen erfolgte. Mit der Barkasse bei bewegter See in das fast eine halbe Stunde entfernte Athiniós, Umsteigen in den Bus und mit diesem zu den Ausgrabungen des an der Südspitze der Insel gelegenen Akrotiri.
Die Touristenmassen eines anderen auf Reede liegenden Kreuzfahrers wälzten sich durch die ausgegrabene Straße der etwa 1.600 v.Chr. von Bimstein zugeschütteten minoischen Stadt. Das Ganze ist eingefriedet und überdacht. Maria und Theo wichen den geführten Herden des anderen und des eigenen Kreuzfahrtschiffes aus und verließen diese Ausgrabungsstätte bald, zumal sie die herrlichen Fresken Akrotiri´s im Nationalmuseum von Athen gesehen hatten. Busfahrt durch das 500 m hoch und im dichten Nebel liegende Oberland von Santorin in die Hauptstadt Fira, Gang durch die von hunderten von guten Juwelieren flankierte Hauptstraße zur Cable Car, Abfahren zur Anlegestelle von Skala und Übersetzen zur „Gräfin“. Das war´s!
Das ganze Programm mußte mit ständigem Blick auf die Uhr bewältigt werden, denn für denselben Tag war noch das Anlegen in Heraklion auf Kreta und ein Besuch des minoischen Palastes von Knossos geplant. Das alles funktionierte tatsächlich dank der unerbittlich straffen Organisation, und pünktlich um 19 Uhr 30 war man wieder bei Tisch zum Dinner.
Mit ihrer Tischgesellschaft hatten Maria und Theo großes Glück. Vor allem Margarete und Ron, der Verkäufer von Bulk Carriers, beide aus Brisbane/Australien, hatten es Theo angetan, zumal Ron und jeder seiner beiden Söhne die gleiche Laserjolle haben wie er. Auch Jane und Dave aus Texas stellten sich als feine und in der Unterhaltung behutsame Menschen heraus. Diese liebenswerte Tischgesellschaft bekam den ihr gebührenden Rahmen durch das Abend für Abend gleichwertige Gourmetdinner, das man sich individuell aus einer umfangreichen Speisekarte zusammenstellte.
Der lebhafte und liebenswürdige griechische Kapitän hatte anschließend zu einem Cocktailempfang geladen in den Sirenensaal, wo er seine Offiziere vorstellte. Alle Passagiere erschienen in festlicher Abendgarderobe, nur Theo nicht. Er führte ja nur Minigepäck mit sich, in das nach seiner Ansicht eine Krawatte nicht hineingehörte.- Die Nacht in der Kabine war wieder unterkühlt.
Die „Gräfin“ machte schon früh am Morgen fest im Hafen von Rhodos. Maria und Theo hatten diesesmal keine Tour gebucht und genossen die Freiheit des Bummelns durch die von Mauern umgebene Altstadt des Ritterordens, das Shopping in einem ganz originellen Maskenladen und die Kaffeepause an einem großen Platz, unter dessen schattigen Platanen an diesem Sonntagmorgen nach griechischen Weisen getanzt wurde. Ganz in der Nähe dieses Platzes steht eine Moschee, und nicht weit davon befindet sich der Palast des Großmeisters des Johanniterordens. Zum guten Lunchbuffet fanden sich die beiden wieder an Bord ein und genossen die Mittagsruhe auf dem Schiff.
Am nächsten Morgen war Wecken schon um 5 Uhr 30. Die „Gräfin“ hatte festgemacht an der Pier von Patmos. Nach hastig eingenommenem Frühstück ging es um 7 Uhr in den Sirenensaal zur Gruppeneinteilung; dann Landemarkenabnahme von Tafel, Vorweisen der Tickets, Besteigen des zugeteilten Busses, Besichtigung von Johanneskloster auf dem Gipfel der Insel und der Grotte auf halber Höhe, in der Apostel Johannes die Apokalypse geschrieben haben soll.
Während Maria in einer Hafenbar einen Kaffee zu sich nahm, lernte Theo an dem weiter innen liegenden Sporthafen eine australische 2MannCrew kennen, die mit ihrer griechischen Charteryacht in den vergangenen 9 Tagen Sturm und Regen abwettern mußte!
Eile war nun geboten! Das Schiff sollte in 10 Minuten ablegen, denn man wollte noch am Nachmittag Kusádasi in der Türkei erreichen, um am selben Tag ein umfangreiches Besichtigungsprogramm zu absolvieren. Also Vorweisen der Paßkopien an der Gangway, Aufhängen der Landemarken am Brett zur Kontrolle, daß alle Ausflügler auch wieder aufs Schiff zurückgekehrt waren -, und Bereitlegen der Unterlagen für den Ausflug nach Ephesos. Man war inzwischen ja gut trainiert! Dennoch verspätete sich das Ablegen, weil drei amerikanische Ladies sich in einer Bar festgeklönt hatten. Johlender Applaus wurde ihnen bei Betreten des Schiffes gewidmet.
Einige Stunden darauf verließ man schon wieder das Schiff, das inzwischen an der Pier von Kusádasi festgemacht hatte. Diesesmal war für die mit nur 17 Personen kleine deutsche Gruppe ein Extrabus bereitgestellt worden. Durch die fruchtbare Schwemmebene von Kusádasi an Ephesos zunächst vorbei ins Gebirge. Vor dem Haus aus Naturstein, in dem die mit Apostel Johannes nach dem Tod ihres Sohnes nach hier gezogene Heilige Maria angeblich ihre letzten Lebensjahre verbracht hat, standen schon an die 20 Busse. Die deutsche Gruppe stellte sich an das Ende der Schlange und wartete geduldig, bis sie eingelassen wurde. Zum Verweilen war keine Gelegenheit: Man durchschritt in 5 Minuten die vier aneinanderliegenden Räume mit Tonnengewölbedecke und begab sich wieder zum Bus für die Rückfahrt.
Im dritten Ephesos - die Stadt mußte wegen Verlandung durch den Fluß immer weiter an das wegwandernde Meer verlegt werden - erklärte der örtliche türkische Fremdenführer in gutem Deutsch die aus hellenistischer und römischer Zeit stammenden Gebäude. Augenzwinkernd gab er Stories preis über den Artemistempel, in dem sich arme Bräute das Geld für die Mitgift als Liebesdienerinnen legal verdienten und über die benachbarten, im Karree angeordneten 36 marmornen Gemeinschaftsklos.
Und sogleich nach dem zweistündigen Gang auf der einstigen marmornen Hauptstraße mußte man den Bus zur Abfahrt zum Schiff aufsuchen, wo doch auf 19 Uhr 30 das Dinner festgesetzt war. Während des Essens legte das Schiff ab, und der zitternde Parkinson kam wieder über die sämtlichen Gegenstände auf dem Tisch und über die Hände der Gäste.
Durch die Nacht dampfte die alternde „Gräfin“ bei der üblichen ruhigen See an der westanatolischen Küste entlang. Am folgenden Tag durchfuhr sie bei regenverhangenem Himmel die Dardanellen und das Marmarameer und machte am Spätnachmittag an der Pier unterhalb des europäischen Viertels von Istanbul fest.
An diesem Tag an Bord erfuhr man, welch´ ein Zerstreuungsprogramm auf einer Kreuzfahrt angeboten wird. Über Lautsprecher wurde ständig irgendetwas angekündigt. Mit Morgengymnastik im Saal der Sirenen begann es. Amerikanische Ladies gehobenen Alters und einige Sirs hockten brav auf dem Boden und machten mehr oder weniger vollendet die Bewegungen der jungen Animateurin im Takt der CDMusik nach.
Dann wurde aufgerufen zum Ratespiel: Die Anzahl der von jetzt an - die engste Stelle der Dardanellen war gerade passiert - noch zu fahrenden Seemeilen bis Istanbul sollte geschätzt und mit Name und Kabinennummer auf einen Zettel niedergeschrieben und dieser im Kreuzfahrtbüro abgegeben werden. Dann wurde aufgerufen zum fortgeschrittenen Kursus für griechischen Tanz. Auch hier wieder meist Amerikaner, die korrekt aber ohne jede Grazie die Tanzschritte der jungen Vortänzerin der Gruppe nachzuvollziehen versuchten. Etwas später folgte Aerobic für eine Handvoll Leute.
Durch Glockensignal wurde um 12 Uhr 30 angezeigt, daß das Lunchbuffet hergerichtet sei. Maria und Theo begaben sich nach achtern auf das „Apollondeck“. Hier waren, wie an jedem Mittag, an einem langen Doppeltisch die Köstlichkeiten ausgelegt: Von verschiedenen Salaten über Fisch, Fleisch, Geflügel und gefüllten Weinblättern, Aufläufen und verschiedenem Gemüse bis hin zu geschnittenen Kiwis (griechisches Produkt!), sonstigem Obst, Käse und Törtchen. Theo und Maria beließen es meist bei griechischem Salat und etwas Fisch, Torte oder Obst zum Nachtisch. Bei dem griechischen Salat hatten sie oft das Pech, daß sich vor ihnen in der Schlange Stehende gezielt nur die FetaPlöckchen herausfischten. Erstaunt war man jedesmal wieder, wie viele unvorstellbar Fette zum Essen kamen, die mit auf die Teller geschaufelten Bergen von Seafood und kalorienreicher Speise das Buffet verließen und danach noch mehrmals zum Beutezug aufbrachen.
Am frühen Nachmittag wurde der tägliche Lichtbildvortrag im Saal der Sirenen angeboten, der heute auf Istanbul einstimmen sollte. Für eine Tanzshow am Abend an Bord wurde geworben. Es sollte sich anschließen ein Tanzabend für die Passagiere und später nächtliche Discomusik im Musensaal des vorderen Oberdecks. Es war Maria und Theo ein Rätsel, wie man es fertigbringen konnte, all die an Bord angebotenen Aktivitäten und außerdem noch Landausflüge wahrzunehmen.
Maria und Theo hatten den Nachtausflug in die Kervansaray gebucht. So machten sich beide landfein, soweit es die mitgebrachte Garderobe zuließ. Außer Tickets, Paßkopie und Landemarke mußten sie heute noch zusätzlich den grünen Landeausweis mit sich führen. Sie waren der kleinen spanisch sprechenden Gruppe zugeteilt, die überwiegend aus Südamerikanern bestand.
Der Bus fuhr von der Pier in das europäische Viertel hinauf. Dort waren alle Straßen verstopft, Stop and Go im Rythmus 5 zu 1! Für eine Strecke von vielleicht 15 Fußminuten benötigte der Bus eine halbe Stunde. Schließlich war das Ziel erreicht: Ein im vornehmsten Teil des Viertels zwischen zahlreichen Botschaftsgebäuden liegender kleiner Palast. Vor dem Eingang stauten sich die Menschen, und man erfuhr, daß wegen großer Fülle im Saal die Gruppe nicht beisammen sitzen könne. So setzten sich Theo und Maria an einen noch freien Zweiertisch des im Stil der Jahrhundertwende gehaltenen Saales in der Nähe der Bühne. Ein mäßiges türkisches Nachtessen wurde serviert zu einer guten Show, die aus Folkloremusik und dem Tanz von Männer- und Frauengruppen bestand und deren fragloser Höhepunkt der von drei Solotänzerinnen gebotene Bauchtanz war. Die auf dem Balkon sitzenden Südamerikaner wurden ob dieser Darbietung zu regelrechten Beifallsstürmen hingerissen. Nach der Rückkehr zum Schiff um Mitternacht gingen Maria und Theo gleich zu Bett, denn am nächsten Tag sollte die geführte Tagestour durch Istanbul stattfinden.
Der intelligente Türke Ulvi übernahm am frühen Morgen die kleine deutsche Reisegruppe. Er sprach sehr gutes Deutsch. Er führte durch das alte Viertel, das zwischen Marmarameer, Bosporus und Goldenem Horn liegt und wo sich in der Antike die Akropolis befand. Es gelang Ulvi, seine Gruppe an diesem einen zur Verfügung stehenden Tag - unterbrochen sogar von einer Lunchpause auf dem Schiff - gut vertraut zu machen mit den größten architektonischen Wundern von Istanbul. Mit einem Kleinbus ging es auf der Atatürkbrücke übers Goldene Horn zur Sultan Süleiman Moschee, danach durch die einst noblen Straßen des Zunftviertels mit inzwischen vernachlässigten mehrstöckigen Holzhäusern zur Hagia Sophia, deren innere Schönheit mit Worten nicht beschrieben werden kann; weiter zum TopkapiPalast, von dessen Terrasse man auf MarmaraMeer und Bosporus blickt. Auf der GalataBrücke ging es über das Goldene Horn zurück zum Schiff.
Am Nachmittag fuhr man zu dem Platz, unter dem sich das antike Hippodrom befand. Heute prägen den Platz der wunderschöne ägyptische Obelisk, den Kaiser Theodosius I vom Amuntempel in Karnak nach hier hatte bringen lassen, die Schlangensäule aus 478 v.Chr., die die Griechen als Dank nach den Siegen über die Perser 480 und 479 v.Chr. vor dem Apollontempel in Delphi hatten aufstellen lassen, und der gemauerte Obelisk.
Anschließend führte Ulvi die Gruppe in die Sultan Ahmet Moschee (Europäer nennen sie die Blaue Moschee), die von 6 Minaretten umstanden ist. Jedem Besucher teilt sich nach dem Betreten der Moschee die Harmonie mit, die von der mächtigen Zentralkuppel, dem lichtdurchfluteten Innenraum und den sanften Farben von Fresken und Fliesen an Säulen, Wänden und Kuppeln ausstrahlt.
Ulvi führte die Gruppe danach in einen Nobelshop, wo Teppiche unglaublich geschäftstüchtig an den Mann gebracht wurden. Während man anschließend in den großen Bazar ging, besuchte Theo die in der Nähe liegende Zisterne, ein subterranes Wasserreservoir, in dem etwa 320 antike Säulen mit unterschiedlichen Kapitellen ziegelgemauerte Kreuzgewölbe tragen.
Beim pünktlich im „Apollondeck“ eingenommenen Dinner verabschiedeten sich Maria und Theo von Jane und David aus Texas. Die zittrige „Gräfin“ hatte inzwischen schon wieder abgelegt und machte sich durch Marmarameer und Ägäis auf den Weg nach Mikonos.
Maria und Theo hatten sich auf Anraten der österreichischen KreuzfahrtDirektorin Corinna für den Ausflug nach Delos einbuchen lassen. So wurde auch dieser letzte Tag der Schiffsreise sehr hektisch: Das Schiff ging auf Reede vor Mikonos, wo schon drei (!!) weitere Kreuzfahrtschiffe lagen. Kleine Tenderboote transportierten die Passagiere nach Tourlos, dort wurden diese umgeladen in Autobusse, die sie an den Anfang des offenen Hafens von Mikonos karrten, und man ging zu Fuß um den Hafen herum auf die andere Seite, wo die strahlend weißen Häuser mit den blauen Fensterleibungen stehen.
Dort bestieg man Barkassen, die für die Überfahrt nach Delos, der Insel mit einem der wichtigsten Heiligtümer der griechischen Antike, eine halbe Stunde brauchten. Bei Annäherung an die bis auf eine Anhöhe ganz flache, kleine Insel konnte man schon die wimmelnden Menschen auf ihr wahrnehmen. Theo dachte dankbar an seinen letzten Besuch dieser Insel vor 20 Jahren; damals hatte er hier festgemacht und konnte ganz allein und ohne Aufsicht mit seinen Segelfreunden die Ausgrabungen durchstreifen. Heute war das anders: Auf dem Weg durch den Handelsbezirk des antiken Hafens, auf der breiten Wallfahrtsstraße durch den Heiligen Bezirk, bei Besichtigung des der Leto gewidmeten Bezirks mit Seemulde und gegenüberstehenden, vor 2.600 Jahren geschaffenen Löwen aus naxischem Marmor und beim Aufsteigen in die römische Stadt (Mosaike!) am 113 m hohen Kynthos war man ständig von anderen, entgegenkommenden oder in gleicher Richtung sich bewegenden Gruppen umgeben. Unaufhörlich und gleichzeitig war man den lautstarken Vorträgen der verschiedenen Führer in englischer, französischer, italienischer, spanischer oder deutscher Sprache ausgesetzt.
Und dann kam noch eine riesige Schar von Fremden aus Nippon hinzu, deren Führer sich mit hoher Stimme gegen die anderen durchzusetzen suchte. Das Blitzlichtgewitter in dieser japanischen Gruppe war schon sehr beeindruckend; sie knipsten sich ständig gegenseitig mit nicht ausgeschaltetem Blitz. Besonders Ehrgeizige kletterten auf Säulenstümpfe um des besonderen Fotoeffektes wegen und waren von dort auch trotz Hinweises auf das Verbotene ihres Tuns erst nach dem „Shot“ wieder herunterzubekommen.
Theo gestattete sich die Überlegung, ob diese Japaner wenigstens ihr eigenes Land gründlich kennengelernt hatten, bevor sie Kontakt zu ihnen gänzlich fremden Kulturkreisen der europäischen Antike aufnahmen. Theo erinnerte sich nämlich seiner sehr lieben 70jährigen Freunde aus Klagenfurt, die er einst in Quito kennengelernt hatte. Sie hatten inzwischen alle Kontinente der Erde bereist, und eigentlich fehlt ihnen nur noch das Eis des Nordpols. Aber auf Befragen gaben sie freimütig zu, daß sie Europa überhaupt noch nicht bereist hatten. Später einmal wollten sie es tun, wenn Weltreisen zu anstrengend geworden seien!
Pünktlich um 19 Uhr wurde das Dinner serviert, und Maria und Theo verabschiedeten sich unter Austausch der Anschriften sehr herzlich von den so sympathischen Brisbanern Margarete und Ron. Am nächsten Morgen um 6 Uhr schon war die „Gräfin“ wieder in Piräus. Spätestens um 8 Uhr mußte der letzte Passagier das Schiff verlassen haben, damit dieses gründlich geputzt werden konnte. Denn ab 15 Uhr desselben Tages kamen die neuen Passagiere an Bord, und mit denen hatten sich dann Kapitän, Crew, Stewards, Köche und Kreuzfahrtpersonal um 20 Uhr auf dieselbe Reise wie zuvor zu begeben so lange, wie das Schiff noch seetüchtig war. Same procedure as every week! Moderne Zeiten!
Maria und Theo waren glücklich, Land- und Schiffsreise gesundheitlich fast unbeschadet und im ideellen Sinn sogar bereichert überstanden zu haben. Aber sie freuten sich wie nie zuvor in ihrem Leben am Schluß einer Reise, daß ein normaler Tageslauf wieder vor ihnen lag.

 

 

   

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